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07.06.15 - Alpen Challenge

Zum alpinen Glück führt ein schmaler Grat

Autor: Joe Kelbel

Das hatte ich nicht gewusst, denn von Gratwanderung stand nichts in der Auschreibung. Nur, dass man schwindelfrei sein müsse. Würde ich je schwindeln? 

Da steht was von Brandnertal, Klostertal und Walsertal, immer mit „Challenge“ dahinter. Das klingt für mich, als würde ein überernährter Amerikaner von seiner Wanderung durch kühle Alpentäler schwärmen.  „Schneefelder“ steht nicht darin, würde mich auch nicht schocken und  bei der Schuhwahl schreie ich eh nicht vor Glück.

Das Wort „ Trails“ habe ich nirgends gelesen, hab nur auf die Kilometerangaben geschaut: Vier Tage Tälerwanderung, jeweils unter 40 Kilometer, und das für 80 Euro incl. Essensgutscheinen. Auf geht´s  nach Bludenz zur Alpen-Challenge!

Es ist die Stadt, in der die 300 Gramm Tafeln von Milka hergestellt werden und der Duft der gekochten Schokolade den der gerösteten Gerste der Brauerei Fohrenburger ablöst: Bludenz, jährlich letzte Station vor den geilen Skiwochen am Arlberg. Bludenz, wo R. im Krankenhaus lag, weil er sich beim Mooserwirt in St Anton eine Prellung eingefangen hat. Ich war auch im Krankenhaus nach meinem letzten Trail, werde aber doch jetzt nur durch kühle Täler wandern, oder?

Der Alpen Challenge ist zunächst einmal ein MTB- Event: 158 km, 6750 Hm.  Richtige MTBler sind noch viel bekloppter als Läufer. Daniel Federspiel ist Gesamt-Weltcupsieger, Olympiateilnehmer, Europameister und noch was. Christoph Soukup war auch zweimal bei Olympia, ist vierfacher „Staatsmeister“. Die kassieren Preisgeld für die täglich stattfindenen Wettkämpfe, aber nicht für die viertägige Tourwertung, denn Andreas Traxl und Tobias Jenny machen die gesamte Challenge. Beide starten für den Club „Mooser Wirt St. Anton“, dort wo ab 17 Uhr bezahlte Männer nackt auf dem Tisch tanzen. Wo Männer nackt tanzen, da kommen die Frauen. Das hat was und R. deswegen Hodenprellung.

Es gibt während der vier Tage in Bludenz  pausenlos Programm. Beispielsweise die BTX  Radler Tom und Stefan, die in einer spektakulären Trial-Show „das Hinterrad versetzen“, anlupfen und seitwippen. Beim Bunny-hop wäre ich bestimmt schneller als Hugh Hefner. Kompression gehört in die Tauchschule und Side-Hops machen Verheiratete seltsamerweise öfters als Singles. Die vielen Anglezismen bewirken, dass ich den nötigen Ernst vermissen lasse.

Die Läufer sind klar in der Minderheit. In der Starterliste stehen nur 32 dieser Spezies, alle mit Team Salomon, Asics oder Skinfit gekennzeichnet. Ich denke mir nichts dabei, doch als ich zur  Remise laufe, um die Startnummer abzuholen, werde ich ungewohnt respektvoll gegrüßt.

Remise, das ist französisch. Bludenz war bis 1955 französische Besatzungszone. Remise bedeutet Wirtschaftsgebäude, leicht versetzt zu den Hauptgebäuden. Ihr werdet das im nächsten Jahr schon finden!

Dort treffe ich den besten deutschen Trailrunner: Martin Schedler, vor vier Tagen noch bei der Trail-WM in Annecy. Ich verstehe, er will in kühlen Tälern ein wenig auslaufen, oder?

Täglicher Start/Zieleinlauf am Nepomukbrunnen (1730) im Zentrum von Bludenz. Tägliche Startzeit 11:15 Uhr, also nicht nur auslaufen, sondern auch noch ausschlafen. Donnerstag ist Feiertag, der Freitag ist Brückentag, der Nepomuk der Schutzheilige der Brücken, die über die kühlen Gebirgsbäche in den grünen Tälern führen. Oder?

Mein Bericht konzentriert sich auf die viertägige Trail-Tourenwertung über ca110 km und 6500 Hm. Die zahlreichen, zusätzlichen Tages-und Nachtwettkämpfe kann ich nur „beiläufig“ erwähnen. Tatsächlich entspricht die Größenordnung dem CCC in Charmonix. Auch die DNF-Quote beträgt 30 %, obwohl wir doch über 4 Tage laufen und nur durch Täler, oder?

Nach jeder der vier Etappen geht man in sein Hotel, kommt frisch und frei zurück zur täglich stattfindenen Nachtparty. Oder?

 

1. Etappe  Brandnertal Challenge 39 km , 1600 Hm

 

Angelika hat meinen Bericht „Das Monster“ gelesen und meint, ich würde  jetzt über ihren 4Tage-Ttrail lachen. Nein, ich lache nicht, ich schmuzel, freue mich auf grüne Wiesen und den lieblichen Klang der Kuhglocken. Um 11 Uhr starten die hochgerüsteten MTBler, alle mit Trikots der tollsten Sponsoren. 11:15 starten wir Trailer.

Einige wenige Tagesstarter gesellen sich zu uns Tourenläufern,  Martin, der Favorit erhält einen GPS-Transponder zur Ortung der Läuferspitze und ich mit meiner sehr, sehr geringen DNF-Quote bekomme den Schlusstransponder.

 
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Das romantisch Tal nennt sich Brandnertal, ist nicht nach der Ex vom Schweini benannt, bezaubert den Läufer aber genauso, wie ebendiese Sarah. Ich habe Christa vor mir. Die Laufstrecke geht viel zu lange durch die Stadt, ich bleibe an Christa dran, bilde mir ein, sie sei Sarah und ich, wenn´s steil wird, schneller als sie. Als ich dann meiner Verpflichtung nachgehe und Fotos von den grünen Wiesen und Tälern schiesse, ist sie weg. Es geht westwärts, eine große Runde entgegen des Uhrzeigersinns.

Vom Brandnertal ist nichts zu sehen, absolut nichts, es geht nur den Berg hinauf. Nicht schlimm, denn die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und die Blumenwelt ist eine Sensation. Bestimmt kommt bald eine Almhütte, wo ich ein Bierchen bekomme. Im Briefing wurden wir ermahnt, bei jeder Brunnengelegenheit die Wasservorräte aufzufüllen, das mache ich brav, bin ja erfahren.

Es kommt tatsächlich die Ranaalpe, die haben aber kein Bier, nur Buttermilch und Apfelmost. Ich entscheide mich für das falsche Getränk.  Die zwei Wanderinnen begegnen mir zum Glück erst später, ich bitte um ein Foto. „Mit der Mondspitze im Hintergrund?“ „ Nee“ sage ich, „ich laufe ja ins liebliche Brandnertal!“

Nach drei Stunden und 10 Kilometern erreiche ich die erste Verpflegungsstation an der Furka. Von der anderen Seite kommen mir die MTB-ler entgegen, total fertig. Viele schieben ihr Rad, sehen aus wie Joey Kelly nach seinem ersten Ironman. Jetzt geht es ja hinunter zum lieblichen Brandnertal. Denke ich. Das Mädchen am VP ist  jünger als meine Laufhose, zwingt mir noch eine Flasche Wasser auf und zeigt zum Weg hinauf zur Mondspitze.

Mondspitze ist ja nicht schlecht, Thomas hat gestern den Vollmond mit seinem Tele fotografiert, die Mädchen haben gepostet, dass nicht der Mond, sondern der Joe an ihrer Schlaflosigkeit schuld sei. 

Der steile Hang ist sichtbar durch den geschmolzenen Schnee geprägt. Was habe ich doch für ein Glück, es gibt keine Schneefelder mehr, hier, wo es mal richtig steil wird, und wo 800 Meter unter mir die Almhütte mit dem grausligen Apfelmost liegt. Aus dem frischgetauten Schotter sind in der prallen Hitze der Sonne unzählige ekelhafte Fliegen geschlüpft. Mit jedem Meter werde ich langsamer, krieche den grässlichen Schmodder hinauf, die Kamera zwischen den Zähnen.

Habe ich beim Peneda-Geres Trail mit meiner nassen Mütze noch wie Klaus Kinski am Orinoko nach den mordlustigen Hunden geschlagen, so klatsche ich jetzt auf alles was fliegt, und das ist verdammt viel! Bei der Klatscherei muss man auf diesem schmalen Grat auch noch das Gleichgewicht halten. Davon stand nichts in der Ausschreibung.

Es ist dermaßen steil und bröckelig, dass ich, so fertig wie ich bin, mich mit den Fingernägeln in das Kalkgeriesel kralle und auf den Knien weiterrobbe. Nein, ich habe keine Angst, ich muss ja nicht die 800 Meter nach unten schauen. Die roten Punkte führen genau am Grat entlang. Ralph Klisch hat den Trail ausgesucht, er läuft auch mit. Falls er heute Abend ankommt, bringe ich ihn um. Diese Idee gibt meinem Tag endlich einen Sinn.

 
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Oben am Gipfelkreuz (1967 m) ein kurzes Friedensangebot an Ralph, ein Blick zum Bodensee, nach Liechtenstein, wo nächste Woche ein einfacher Marathon stattfindet, Blick zum G7er Gipfel, der mal ein G8er war, Selbstauslöser und dann löse ich mich auch aus und steige hinab.

Den Ralph bring ich doch um! Mir wackeln die Oberschenkel, für die Showeinlage auf den Knien bedanken sich meine Beine jetzt mit Krämpfen. Tolle Aussichten für die nächsten Scheiß Kilometer. Was ich noch nicht weiß: Hier oben gibt es keine Sateliten. Die GPS Tracker von Martin und mir sind nicht mehr in dieser Welt. Dort im Tal sitzen die Reporter, die Wettkampfleitung, die Angehörigen und Priester vor den Bildschirmen, doch der ganze Läufertrupp ist verschwunden. Bermudadreieck an der Mondspitze. Da wird bestimmt gebetet!

Der Abstieg ist brutale Qual. Vor mir jetzt der Schillerkopf (2006 m). Den Streckenmaster Ralph drehe ich die Gurgel um, wenn er uns dort hinaufschickt! Ich bin so fertig! Glücklicherweise beginnt am Schillersattel der finale Abstieg. Ich hoffe, Ralph schickt uns nächstes Jahr doch hoch zum Schillerkopf! Es sieht schon sehr verlockend aus und ich würde das auch noch schaffen, oder?

Parpfienzsattel, kurz vor der Parfienzalpe, nach 20 km. Ich kann das nicht mehr aussprechen, ohne dass mir die Parfienzelchen aus den Zähnen fallen. Wir sind in einer Höhe von 1600 Metern, da fällt das Sprechen eh schwer. „Jo, da hätt‘s ä Most in dä Hütt!“  Die Wirtin sagt, ich sei der erste Läufer, der heute hier hereinkommt. Ich erkläre ihr, dass die Läufer vom Team Sigl und Doppelmayer eh einen an der Klatsche haben. Das versteht sie.

Die Bürser Schlucht wurde von der Alvier geformt, das ist keine Lokalpolitikerin, sondern ein ziemlich uriger Wildbach, der sich seit dem Rückzug der Gletscher sehr tief eingegraben hat, und von einem dunklen Urwald bewacht wird. Das Wasser ist gletschermilchig, denn es kommt vom Schesaplana-Massiv (3000m), was uns Läufern sches-egal ist, wie der Name schon sagt. Wir können endlich laufen. Unterhalb der Burtschabahn geht es in Trailserpentinen hinunter. Burtscha ist nicht das, was moslemische Frauen tragen, es sind die Brennessel. Also auch etwas, von dem man besser die Finger lässt.

Tschengla ist kein Konzentrationspiel aus Holz, sondern ein sonnendurchflutetes Hochplateau mit 360 Grad Blick über fünf Täler. Ich habe keinen Durchblick mehr. Schesatobl, ein Wasserfall, für dessen Aussprache man mindestens drei Fohrenburger braucht. Das gibt es aber hier nicht! Ich bin ein Star, holt mich hier raus!

Bürs ist ein Dorf, dessen Kindergarten 26 Kinder betreut. Ich lege eine Gedenkminute ein, sowas gibt es ja nicht überall! Einmal im Jahr fährt ein Zug in das Umspannwerk, wohl mit einem aufbereiteten Castorcontainer, weswegen wir mehrfach ins heisse Tal hinundher laufen. Die Jugend ist begeistert von mir: „Die sind ja vorhin hier durchgefegt, die hatten kein Auge für uns!“ Ich sage ihnen, das sind die Läufer vom Team Seppelmaier und Brandweinfranzl, und frage nach einem Bier und schnorre eine  Bratwurst. Dann holt mich ein Helfer mit dem Fahrrad ab: „Ich begleite dich jetzt ins Ziel, die warten alle auf dich!“

Die beiden Moderatoren Sebastian Naier und Martin Böckle arbeiten bei sportarenaTV. Die sind gut drauf und haben im Zielbereich eine gewaltige Fangemeinde auf mein Finish vorbereitet. Vielleicht habe ich heute auch was Großartiges geleistet. Ich weiß es nicht.

Abends steigt das Night Cross der Biker in der Innenstadt: „Eliminatorenwettbewerb“, so steht es in der Ausschreibung. 3000 Euro Preisgeld, für einen Minikurs, den ich mit zwei Drehbewegung unter der Dusche absolviere, ohne dass die Achselhöhlen nass werden. Als ich zurück bin, stehen Europameister, Staatsmeister und Olympiateilnehmer auf der Bühne, 16 Teilnehmer des Eliminatorenwettbewerbes, auf deutsch sowas wie ein Endkampf eines Qualifyings.  Bei der anschliessenden „WinnersNight“ registriere ich, dass es ungünstig ist, wenn eine Brauerei Sponsor ist, denn die Hauptpreise treffen immer die Falschen. Was Martin sofort einsieht. Also stapeln sich in alsbald die Bierfässer vor meiner Tür, während vor Martins Tür  die Schuhe ausdünsten. 

Beim Abendessen sage ich zu Martin, dass Orangen an den VPs gut wären. Er sagt: „Ja und Melonen!“ Die Kontrollposten sollten doch auch Wasserflaschen anbieten. Da zückt er das Telefon, denn er ist beratend tätig für die Orga. Morgen wird alles Gewünschte da sein. Das ist eine Orga der kurzen Wege. Das ist einmalig. Der Lauf heute war irgendwie zuviel „Eliminatorenwettbewerb“, es wurden zuviele der 32 Starter eleminiert, weswegen Martin gefragt wird, ob man die morgige Königsdistanz nicht kürzen solle. Schnelle Anwort: „Nein, auf keinen Fall!“ Dieser Lauf wird geprägt von seinen hochalpinen Passagen, das muss so bleiben! Wir sind keine Luschen, wir lieben das Neue! Gute Nacht!

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