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20.07.13 - Eiger Ultra Trail

Fixstern am Trailhimmel

Der Etappenort Burglauenen ist von der Distanz als auch von den Höhenmetern her ziemlich genau Halbzeit. Mit einer schnellen Verpflegung könnte ich fast eine weitere halbe Stunde Vorsprung auf die zweite Streckenhälfte mitnehmen. Mir ist aber wichtiger, dass ich mich ernährungs- und hydrationstechnisch auf Vordermann bringen kann. Mit der angebotenen Pasta gelingt mir das zur Hälfte, die andere besorgt mir eine koordinierte Aktion von Helfer und Personal der nebenan gelegenen Festwirtschaft. In Ermangelung eines bleifreien, genehmige ich mir einen veritablen Gerstensaft. Entschuldigung, liebe Sportfutterentwickler, es ist diese Diät, welche mich wieder ohne Übelkeitsgefühl und Sodbrennen in alter Frische auf die Strecke bringt – nicht zur Strecke.

 
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Dass sich bei meinem Abmarsch gleich die Bahnschranke senkt, ist in meiner Leistungskategorie allerhöchstens eine unbedeutende Randnotiz im Sinne einer vollständigen Berichterstattung. Da der Gegenzug noch nicht an der Haltestelle eingetroffen ist, werde ich von den aufmerksamen Streckenposten über das Gleis und zwischen wartenden Autos hindurch zur Weggabelung gelotst.

Links ab, das talaufwärts, geht es für den E51, talabwärts, aber mit 700 Höhenmetern die Talflanke hoch, geht es beim E101. Das Feld ist wieder ausgedünnt – auch weil es zur Halbzeit viele Ausstiege gibt. Mehrheitlich für mich alleine arbeite ich mich die teilweise ausgesetzten Stellen hoch. Unterwegs wird bei einer Berghütte von den Anwohnern Wasser ausgeschenkt und ich mache eine kleine Gesprächspause.
In Gedanken versunken trabe ich von der Spätenalp gewissermaßen um den Eckpfeiler über der Vereinigung von Schwarzer und Weisser Lütschine herum ins Lauterbrunnental. Kurz vor Wengen verdecken immer mehr Wolken das warme Licht der Abendsonne.   

WENGEN 1277 m. … Kurort und viel besuchte Fremdenstation auf einer Felsenterrasse der rechten Seite des Lauterbrunnenthales… Zahlreiche Fremdenpensionen und Gasthöfe, die sich seltsam abheben von den braunen Hütten des alten Dörfchens. Während der Fremdensaison viel Verkaufsläden und Restaurationen. – Etwas Seidenklöppelei. Wasserversorgung und elektrisches Licht. Alpwirtschaft. Prächtiger Blick auf die Jungfrau, den vergletscherten Hintergrund des Lauterbrunnenthales,… auch der Männlichen wird  von Wengen aus direkt in 2 ½ -3 Stunden unschwierig erstiegen. Das in früheren Zeiten entlegene, und unbeachtete Alpendörfchen erhielt erst gegen Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts eine kleine Fremdenpension. Seither wuchs sein Ruhm von Jahr zu Jahr, und heute zählt Wengen mit seinen 29 Gasthöfen und Pensionen mit über 1000 Betten zu den Fremdenzentren des Berner Oberlandes.

Kurz vor dem Eingang zum Dorf ist ein großes Fest im Gang. Mein freundlicher Gruß bringt mir gleich eine Einladung ein, doch leider haben sie kein alkoholfreies Bier auf Lager. Mein Bauchgefühl sagt mir nämlich, dass dies im Moment die verträglichste und effizienteste Art der Flüssigkeits- und Kalorienzufuhr wäre. Da im Pflichtrucksack auch Geld dabei ist, kann ich mir beim ersten Restaurant am Weg diesen Wunsch erfüllen. Dafür fällt mein Halt beim offiziellen Posten umso kürzer aus. Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb ich schnellstmöglich weiter will.

Die Wetterentwicklung gefällt mir nicht. Nur in Unkenntnis der örtlichen Verhältnisse und als unverbesserlicher Optimist kann man beim Anblick der sich zusammenziehenden Wolken darauf hoffen, dass sich da kein Gewitter zusammenbraut. 

Erste schwere Tropfen fallen, dann setzt Starkregen ein. Bis hierhin kein Problem. Doch dann gibt es Donnergrollen, aus welchem sich zünftiges Krachen entwickelt. An geschützter Stelle rotten wir uns als Grüppchen zusammen. Ungeduldig warte ich, bis die vom Gewitter ausgehende Gefahr vorbei ist. Wenn es nur noch regnet ist es mir gleich, Hauptsache die elektrostatischen Unberechenbarkeiten bestehen nicht mehr. Während die Anderen das weitere Abschwächen des Regens abwarten, mache ich mich nach Abflachen der Gewittergefahr auf den weiteren Weg. Die Abkühlung bekommt mir und ich freue mich, wie stramm ich vorankomme. Nach gut der Hälfte des Anstiegs, nach Überschreiten der Waldgrenze, kommt mir ein Läuferpulk entgegen, denen der Streckenposten die Umkehr verordnet hat. Sicher ist das als solches ärgerlich, aber wer dafür kein Verständnis hat, ist bei einem solchen Anlass in den Bergen am falschen Ort.

In Wengen erfahren wir, dass die später eingetroffenen Läufer hier gestoppt und bereits mit der Luftseilbahn auf den Männlichen gebracht wurden. Auch unsere Gruppe und ein paar weitere, später folgende Läufer dürfen dann den Aufstieg in Angriff nehmen, diesmal auf dem definitiv „unschwierigen“ Weg. Ohne Bewegung beginne ich – bis auf die Knochen nass – zu frieren und zu schlottern wie ein Schlosshund. Der kurze Weg von der Seilbahnstation zum Berggashaus Männlichen ist eine Qual. Wie lange ist es her, dass ich solche Qualen am anderen Ende der Skala litt? Gar nicht lange! Es zeigt wieder einmal deutlich, was ein Wetterumsturz in den Bergen bedeutet und dass man ohne die Pflichtausrüstung für einen solchen Fall so sicher ist wie beim Russischen Roulette.

In der komfortablen Wäme des Restaurants kann ich mich meiner nassen Klamotten entledigen und mich in die wärmenden Kleider aus dem Rucksack hüllen. Wer es wünscht und braucht, darf sich auch in eine Wolldecke einmummeln. Zusätzlich zum Standardangebot des Verpflegungspostens wird auch heißer Tee angeboten.

Die Freude auf den Ausblick vom Männlichen war nicht umsonst. Im Schein des Sonnenuntergangs gibt es beim Verlassen des Verpflegungspostens noch fast das ganze Programm.

MÆNNLICHEN 2345 m. Bekannter Aussichtsberg, oft auch der Grindelwalder Rigi genannt; N.-Ende der das Lauterbrunnenthal vom Grindelwaldthal trennenden Kette, die gegen S. über den Tschuggen und das Lauberhorn zur Kleinen Scheidegg absteigt. … Der Männlichen ist ein Aussichtpunkt ersten Ranges, von dem aus sich die Berner Alpen prachtvoll schön überblicken lassen. Von ihm aus haben die Maler Eugen Burnand, Baud-Bovy und Furet das mächtige Panorama der Berner Alpen aufgenommen, das an den Ausstellungen von Genf 1896, Chicago 1897 und Paris 1900 von Tausenden von Personen bewundert worden ist. Hinten über den ihrer ganzen Länge nach dem Blick aufgeschlossenen Thälern von Lauterbrunnen und Grindelwald erhebt sich der mächtige Kranz der eisgepanzerten Hochgipfel in unvergleichlicher Pracht. Jungfrau, Mönch und Eiger erscheinen vom Männlichen aus viel imposanter als von der Kleinen Scheidegg aus, da erstens die Entfernung grösser und damit die Perspektive günstiger ist und zweitens der im Vordergrund stehende Tschuggen einen willkommenen Massstab für die Beurteilung der Höhenverhältnisse bietet. …

 
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Es spielt jetzt auch keine Rolle mehr, dass der E101 nicht wie ursprünglich vorgesehen durchgeführt werden kann, Hauptsache, es geht weiter. Statt über die Lauberhornschulter zur Wengernalp und dann zur Kleinen Scheidegg geht es auf direktem Weg dorthin und von dort nicht über die Station Eigergletscher und den Eiger Trail, sondern ohne Umweg hinunter nach Alpiglen. Es sind etwa neun Kilometer, die mir so auf die ursprüngliche Distanz fehlen.

Durch die Verkürzung der Strecke und die üppige Verpflegung auf dem Männlichen mache ich von der Verpflegung auf der Kleinen Scheidegg keinen Gebrauch; dabei ist der Posten in einer gemütlichen Skibar in einem Tipi untergebracht.

Der Mond taucht im Übergang vom Mönch zum Jungfraujoch auf, doch die fast volle Scheibe kann sich nicht gegen die Wolken durchsetzen und wird wieder von ihnen verschluckt. Aus der Idee mit dem Mondscheinspaziergang wird nichts, die Stirnlampe muss nun zum Einsatz kommen.

Hinunter nach Alpiglen ist es unspektakulär. Sicher würde es mir auf dem Eiger Trail mehr Spaß machen, aber hier unterwegs zu sein ist immer noch die bessere Alternative als ein Rennabbruch. Dazu kommt, dass auch die Ausweichstrecke unmissverständlich markiert ist. So, wie ich die ganzen Umstellungen erlebt habe, würde es mich auch verwundern, wenn nicht auch für diese Situation ein Plan B ausgedacht gewesen wäre.

ALPIGLEN Sennhütten in 1611m, halbwegs zwischen Grindelwald und der Kleinen Scheidegg. Ist die einzige Zwischenstation der diese beiden Punkte verbindenden Eisenbahn. Kleines Gasthaus.

Ich kann mir alle Zeit der Welt lassen, um mich nochmals mit Essen und Trinken zu versorgen. Auch zu vorgerückter Stunde sind die Helfer – wie schon den ganzen Tag – sehr freundlich, aufmerksam und hilfsbereit. Nicht einmal bemühen muss man sich, die frisch geschnittenen Schnitze einer Wassermelone zu greifen. Sie werden uns direkt überreicht.

Dass nach einiger Zeit die Lichter Grindelwalds auf gleicher Höhe erscheinen, ist insofern ein Trugbild, als dass wir an dieser Stelle immer noch eine gerade zweistellige Zahl von Kilometern vom Ziel entfernt sind. Erst geht es hinüber zu der von Scheinwerfern erhellten Gletscherschlucht. Nach einer Weile finde ich mich umgeben von Wald auf einem Wurzel- und Steinweg wieder, auf welchem es mit sanfter Steigung zur Schlucht geht. Zu meinem Glück ist es beim Überqueren der schmalen Brücke dunkel. Ich will nicht wissen, wie viel Meter tiefer das Gletscherwasser tost und noch weniger will ich es sehen. Müsste ich bei Tag da drüber, würde ich beim gleich folgenden Kontroll- und Sanitätsposten wegen auffällig weißem Gesicht gleich aus dem Rennen genommen.  So bleibt mir dies erspart. Im Gegenteil, die Offiziellen meinen, dass ich es in 20 statt der auf dem Wanderwegweiser angegebenen 45 Minuten zur Pfingstegg hoch schaffen werde.

Danke fürs Vertrauen, aber ich glaube, dass bereits eine halbe Stunde eine fast nicht machbare Leistung ist. In der Tat kommt jetzt die gefühlte Mutter aller Anstiege, ein Knochenbrecher sondergleichen. Aber das Ende ist absehbar, auch wenn es vom letzten Verpflegungsposten auf der Pfingstegg noch acht lange Kilometer bis ins Ziel sind. Sechs abwärts, einer gerade und dann noch hinauf ins Dorf an den Ort, wo ich gestern im Morgengrauen gestartet bin, so wird mir mit auf den Weg gegeben.

Es ist kein Trubel im Ziel; still und ehrenvoll werde ich empfangen und treffe dort auf Leute, die mich zwischen Wengen und Männlichen im Stil von Hase und Igel haben stehen lassen. Reporterkollege Klaus zum Beispiel. Aber wen kümmert das schon? Mich nicht, mich interessieren weder Rang noch Zeit, zumal diese großzügig innerhalb der Zeitlimite liegt.

Gemeinsam setzen wir uns noch einen Augenblick an die Festbänke, denn der Getränkestand hat noch geöffnet und Andy kann sich sogar noch etwas auf den Grill legen lassen.

Wenn man um die langen Wartelisten weiß, die es bereits bei der ersten Austragung gab, kann man erahnen, welche Erwartungen die Teilnehmer in den Eiger Ultra Trail hatten. Diesem Druck haben alle auf Veranstalterseite Tätigen standgehalten und mit diesem Erstling gleich einen Fixstern am Trailhimmel aufgehen lassen.

Meine Schwierigkeit wird es nun sein, Argumente zu finden, die den Chefredakteur überzeugen, warum ich bei der zweiten Austragung auch wieder dabei sein soll.

 

Laufbericht von Klaus Sobirey auf

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Siegerliste


E 101
Männer

1. Karrera Iker, E-Tolosa 11:08.43,7
2. Jenzer Urs, Frutigen 12:28.23,5
3. von Allmen Konrad, Olten 13:13.12,7

 
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Frauen

1. Canepa Francesca, I-Morgex (AO) 16:18.44,5
2. Zbinden Kathrin, Thierachern 17:06.36,7
3. Ogi Helene, Kandersteg 17:33.15,0

E 51
Männer

 
 
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1. Janin David, Aigle 5:27.42,6
2. Cavallo Giuliano, I-Quart (AO) 5:44.23,8
3. Zeller Gerhard, Stechelberg 5:52.33,0

Frauen

 
 
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1. Morbelli Simona, I-Rivalta Bormida (AL) 6:55.29,0
2. Philipp Simone, D-Weitnau 7:01.59,5
3. Eggerling Brigitte, Chur 7:03.29,0

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