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05.10.14 - Gelita Trail Marathon Heidelberg

Ich hab´ mein Herz in Heidelberg verloren

Autor: Joe Kelbel

Als Trailäufer erobert man die schönsten Plätze der Erde und philosophiert. Laufend.

Heidelberg ist der Wallfahrtsort für Philosophen. Tatsächlich bezieht sich die Bezeichnung Philosoph auf den Studenten, der seit dem Mittelalter zunächst die hochrangigen Sieben Freien Künste studieren musste: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Während  langer Läufe mangelt es zwar oft an der Dialektik, aber den Rest der Freien Künste beherrsche ich perfekt!

Die Heidelberger Romantik entstand zwischen 1804 und 1809 mit den Philosophen Achim von Armin und Clemens Brentano, die die „Zeitung für Einsiedler“ herausgaben. Es ging um den Volksgedanken und eine deutsche Identität, weswegen bald alle deutschen Philosophen in  Heidelberg zusammenkamen.

Weil man bis tief in die Nacht mit Erdinger Alkoholfrei diskutierte, beginnt in Heidelberg der Tag traditionell am späten Vormittag: Also Start 11 Uhr. Ort: Dieses Jahr oben am Schloss, das hat was!

Anfahrt: Ein Philosoph meidet das Auto, Großraumticket ist im Startgeld enthalten, die Bergbahn, hinauf zum Schloss kostet 1 Euro. Der wahre, gute, edle Läufer, also ich, geht zu Fuß, kommt schweissgebadet dort oben an und vergisst die Telefonnummer für den Notfall auf die Rückseite der Startnummer zu schreiben. Mein Bewährungshelfer hat eh keine Ahnung von seinem Nordmende-Handy.

 
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Das Heidelberger Schloß ist die berühmteste Ruine Deutschland. Es geht das Gerücht, dass die Amerikaner Heidelberg nur deswegen verschonten, weil sie sich in die Gemälde des Engländers William Turner verliebten, der zwischen 1817 und 1844 zahllose romantische Gemälde von Heidelberg und dem Schloß anfertigte. 1877 schrieb Marc Twain seine Reiseberichte über Heidelberg. Auch nicht schlecht!

Das „achte Weltwunder“,  so nannte der Kreis der Romantiker den Schloßgarten. Hier traf  sich Goethe mit der verheirateten Bankierstochter Marianne von Willemer und philosophierte über die Form der Blätter des Ginkgobaumes: Im zweilappigen Blatt des Baumes sah Goethe die weiblichen und männlichen Kräfte miteinander verschmelzen, weswegen die Chinesen und Japaner, aus deren Heimat der Ginkgo stammt, beim Wort „Goethe“  äh..ja… nennen wir es mal….begeistert sind.

Ich hebe ein Ginkgoblatt auf. Ein zweilappiges Kräftemessen erkenne ich nicht, denke eher an  Herbst. Eine gröhlende Gruppe Portugiesen wird von Ordnern vom Marathongeschehen abgehalten. Asiaten füllen ihre Speicherchips mit mindestens 10 MB.

Wir füllen unsere Speicher beim Hauptsponsor GELITA (sprich Dschelita), eine Heidelberger Firma (gegr. 1875), die Gelantine für Lebensmittel und Kosmetika herstellt. Aber auch Kollagene, die als Nahrungsergänzungsmittel gegen Läuferkrankeiten wirken, oder Schmiermittel für Salben gegen müde Marathonbeine. Es gibt Goldbären zur Verkostung, die Schokocreme findet reissenden Absatz. Sehr sympatisch.


Jetzt geht´s  los:

 

 
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42,2 km, 1500 Hm (stark untertrieben). Die Startblöcke werden zeitversetzt auf die Strecke geschickt, was bewirkt, dass die bald wimmernden Läufer mein Lachen nicht mehr hören können, aber bestimmt mißmutig an Trailrunningkollege Bernie denken. Denn der hat sich bei der letztjährigen, erstmaligen Austragung beschwert, es hätte zuwenige Trailpassagen gegeben. Danke, Bernie! Vielen Dank, vielen Dank, Du Trailhund! Auch wenn die Orga aus Mannheim kommt, die können lesen!  Nicht nur das, die können auch die Strecke verbessern, und das bis zur Perfektion.

Als wir durch den Schloßgarten laufen, lachen meine Augen, doch zumindest eines wird heute noch verdammt schwitzen. Dieses Hin-und Her auf steilen Serpentinen hinunter zur Altstadt gibt einen kleinen Vorgeschack auf den heutigen Tag. Ich liebe diese schmalen, alten Wege. Kopfsteinpflaster war nicht eingeplant, ein wenig kann man sich noch über die schmalen Bürgersteige schmuggeln.

Vorbei an der monumentalen Heiliggeistkirche, zwischen deren Strebepfeilern sich kleine Landenanbauten befinden. Ein Schriftsteller beklagte sich über den sich ausbreitenden Andenkenschund im Schatten des Gotteshauses. Im Inneren sind 54 Gräber der Kurfürsten von der Pfalz und deren Angehörigen.

 
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Wir biegen ab in Richtung Neckar. Rechts von uns der „Goldene Hecht“ (hat nichts mit mir zu tun) mit dem ältesten Stammtisch Deutschlands, an denen alle Größen der Klassik und Romantik einst saßen. Bis auf Goethe, der musste draussen bleiben, weil er die Reservierung auf dem Onlineportal verpennt hatte.

An der alten Brücke wohnte Gottfried Keller, direkt gegenüber auf der anderen Flusseite die Tochter des Hofrates Kapp. In die war Gottfried verknallt, weswegen er Gedichte über Fräulein Kapps tägliche Sichtungen schrieb. Die war aber ihrerseits  in den Philosphen Feuerbach verknallt und…endete, so wie Hölderlin im Wahnsinn. Boah, der Wahnsinn blüht uns auch… auf der anderen Flussseite.

In der Friedrichstrasse wohnte Joseph Viktor von Scheffel, der Schöpfer der „Gaudeamus -Lieder“. Seltsamerweise wohnte auch seine unerfüllte Studentenliebe vis a vis. Wahrscheinlich gab es damals noch keine Fernseher. Aus seiner Feder spricht der Liebesfrust: „Es hat nicht sollen sein!“ 

Wir laufen durch das Brückentor auf die Alten Brücke, links der Schuldturm für Zollsünder, rechts die Wohnung des Torwächters. Die Alte Brücke ist das meistabgebildete Motiv von Heidelberg, die Romantiker bewunderten die perfekte Einbettung in die Landschaft.

Links der Kurfürst Karl-Theodor, mit Rüstung und Hermelinmantel. So blicken er und ich zurück zum Schloß.

Goethe, Hölderlin, Keller, Kapp, Feuerbach, von Fallersleben, alle haben Gedichte über diese Brücke und die Damenwelt, die über die Brücke flanierte geschrieben:

„Schöne Brücke, magst du ewig stehen,
Ewig aber wird es nie geschehen,
Daß ein bessres Weib hinüber wallt!“

In der steilen Hirschgasse wallt nichts mehr, höchsten noch mit hängender Zunge am Zaun entlang. Grinsend steige ich vorbei: „Es hat nicht sollen sein!“

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