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03.08.13 - Gondo Marathon

Der Simplon Trail

Tag 2


Ab  7 Uhr werden am zweiten Tag die Läufer per Jagdstart auf die Strecke geschickt. D. h., der Zeitschnellste starte als Erster, gefolgt von den Nächstplatzierten entsprechend der Zeitabstände. Um 7:30 Uhr wird dann der große Rest der Meute losgelassen. Das heißt, wer heute als Erster in Gondo ins Ziel läuft, ist auch der Gesamtsieger der Zweitages-Wertung.

Streng geht es gleich los am frühen Morgen, hinauf zum Schallberg sind auf den ersten drei Kilometern sofort 350 Hm zu absolvieren. Meine Achillessehen benötigen eine längere Einlaufphase, daher befinde ich mich vom Start weg fast am Ende des Feldes. Nach einer halben Stunde gelangen wir wieder auf den Stockalperpfad mit herrlich abenteuerlichen Holzbrücken. Zum Teil fallen die Felswände hier fast 300 Meter senkrecht nach unten.

Um die unbezwingbare Saltinaschlucht zu umgehen, musste der Stockalper seinerzeit den obenliegenden Weg in den Schallberg führen. Für uns eröffnet sich ein imposanter Blick auf die weit unten fließende Saltina. Wenig später erreichen wir die erste Verpflegungsstelle. Ab hier nur mehr mäßig steigend gleiten wir wellenförmig durch Wald- und Wiesenabschnitte. Auch der eine oder andere Asphaltkilometer ist dabei.

Nach unterqueren der alten Ganterbrigga laufen wir nach einer Spitzkehre auf das moderne Gegenstück, die monströse neue Ganterbrigga zu. Das Wahrzeichen des Gantertales überspannt das tiefe Tal auf einer Länge von 678 Metern in einem langgezogenen S-Bogen. Im Dezember 1980 wurde der Betongigant dem Verkehr übergeben. Der Konstrukteur der Brücke gab sich im Nachhinein selbstkritisch: „Bei einem Entwurf sollte man sagen können, ich muss nichts mehr hinzufügen und kann auch nichts mehr wegnehmen. Hier hätte ich besser noch etwas weggenommen...“ Etwas filigraner hätte wirklich nicht geschadet. Immerhin spendet sie unserem VP (km 9) einen schönen Schattenplatz. Obwohl der bis jetzt noch nicht notwendig ist, das Gewitter vom Vorabend, hat doch spürbar abgekühlt.

 
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Ein 2 km langes Bergabstück bringt uns in das wilde Tal der Taferna. Entlang des rauschenden Wildbaches führt uns der Stockalperweg wieder über mehrere wunderschöne Holzbrücken. Zuerst in sanften Anstieg, letztendlich aber recht steil geht es hinauf auf den Simplon. Das ehemalige Wirtshaus am Wegesrand ist noch gut in Schuss. Zu Stockalpers Zeiten bewirtete die sagenumwobene Johanna Fy die Säumer und Reisenden, die über den Pass kamen. Besuchern ihrer Kneipe verdünnte sie den Wein mit Wasser. Nach ihrem Ableben musste sie der Sage nach dafür büßen. Als „Arme Seele“ soll sie angeblich ihre Schuld im Kaltwassergletscher sühnen, aus dem Wanderer in der Nacht ihr Klagen hören können: „Ich heissu Johanneli Fy, Bi zer Taferna Wirti gsy, Hä Wasser üssgga fer Wy, Müös jetz in de Chalte Wassru sy!“ Ja, bei einem bin ich mir sicher, unserem Joe hätte sie solch verdünntes Zeug nicht andrehen können, der hätte das sofort spitz gekriegt.

Auf dem Simplon-Pass (km 19) angekommen, gibt es wieder das Zeitlimit zu beachten. Um 12 Uhr sollten hier alle durch sein. Bestens ausgestattet ist wieder die Labestelle. Von oben grüßt der steinerne acht Meter hohe Adler herunter, der das Wahrzeichen des Simplons ist. Er wurde im Zweiten Weltkrieg als Symbol der Wachsamkeit von der Gebirgsbrigade gebaut.

 
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Meine fotografische Arbeit kann ich auf den nachfolgenden 12 Kilometern so gut wie einstellen, wir laufen nämlich auf dem selben Wegen wie gestern, nur entgegengesetzt. Über das Alte Hospiz, Spittel und Simplon Dorf geht es bergab zum Weiler Gabi. Die ersten Meter verlaufen noch etwas zähflüssig nach dem langen Aufstieg, aber dann komme ich immer mehr ins Rollen und kann viele Mitstreiter hinter mir lassen. Das Gefälle und die Wegbeschaffenheit sind genau nach meinem Geschmack, nicht zu steil und sehr gut gemischt.

Übermut tut selten gut, nur mehr wenige Meter liegen zwischen einer Vierergruppe und mir. So richtig schön im Flow wähle ich die Direttissima durch ein Matschgebiet, um die vor mir liegenden schnellstmöglich einzuholen. Dafür handle ich mir eine gratis Schlammpackung vom Feinsten ein. Seitlich am Hang lande ich mit voller Breitseite in der Suhle. Vielleicht sollte ich es als Strafe auffassen, weil ich als leidenschaftlicher Trailrunner heute mit leichten Straßenschlappen ohne Profil unterwegs bin. 100 g weniger pro Schuh haben mich zu diesem Schritt bewogen. Bereut habe ich es aber bisher bei dem trockenen Wetter nicht.

Ich bin jetzt vollkommen aus dem Rhythmus und versuche an den nächsten Rinnsalen den Dreck einigermaßen zu entfernen, was nicht so recht klappt. Erst an einem Brunnen kann ich mich besser vom Schlamm befreien. So verliere ich doch viele Minuten und fast alle, die ich beim Downhill hinter mir lassen konnte, haben mich jetzt wieder überholt. Am VP in Gabi (km 30) muss ich mich nochmals etwas sammeln und lege eine kleine Pause ein, auch um für den folgenden Aufstieg gerüstet zu sein.

 
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Die Route über das Furggi ist streng. Die 650 Höhenmeter beim drei Kilometer langen Aufstieg sind ein echtes Kriterium. Steil zieht sich der Stockalpertrail nach oben. Auf einer Felsplatte kann ich eine Inschrift von 1635 und damit aus seiner Zeit entdecken. Mann oh Mann, wie haben seinerzeit die Maultiere voll beladen den Aufstieg auf diesem Weg nur bewältigen können?

 
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Aber auch der folgende Abstieg ins Zwischbergental ist nicht von Pappe. Nur selten bin ich bereit, an den steinigen und steilabfallenden Bergflanken richtig Fahrt aufnehmen. Mir ist die Sturzgefahr zu groß.

Zwischen 1894 und 1897 kam es hier im Zwischbergental zu einem wahren Goldrausch. Der Stockalper begann zwar bereits um1660 mit dem Golderzabbau, der große Boom sollte aber erst mehr als 200 Jahre später folgen. Der Aufwand dafür war enorm; es wurden eigens Seilbahnen und Unterkünfte für die Arbeiter gebaut und sogar eine kleine Bahnlinie verlegt. Weil das Erz im Durchschnitt einen viel zu niedrigen Goldgehalt aufwies, ging das Unternehmen nach nur zwei Jahren Pleite. Geblieben sind neben ein paar begehrten Sammlerartikeln, wie Historische Aktien und Münzen aus Gondo-Gold noch ein paar Ruinen und Stollen, die teilweise auch besichtigt werden können. Im Stockalperturm kann man seit 2009 das Goldmuseum besuchen.

Nach dem steilen Abstieg führt der Weg nach Überquerung der Doveria nur mehr gemäßigt abfallend, dafür aber sehr rustikal mit Steinen durchsetzt bis ans Ziel in Gondo. Auf dem Schlussabschnitt gibt es noch einige historische Steinbauten zu begutachten. Die letzten 1.500 Meter werden wieder runtergezählt.

 
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Jan und ich liegen gerade auf der Massagebank, als die Siegerehrung beginnt. Als der Sprecher erwähnt, dass alle Finisher aufgerufen werden, machen wir uns schnell auf die Socken, um noch rechtzeitig vorstellig werden zu können. Zu unserer Überraschung bekommen alle einen Siegerpreis ausgehändigt, nämlich Spezialtäten vom Simplon: Birnschnitzbrot und einen 1 kg schweren Laib Käse.

Wer Läufe durch Naturschönheiten und Berge liebt, ist beim Gondo Event bestens aufgehoben. Das gemeinsame Erleben von zwei eindrucksvollen Tagen macht ihn ziemlich einzigartig. Ich hoffe und wünsche, dass der Durchhänger bei den Teilnehmerzahlen eine einmalige Sache ist. Mein Trailfieber ist jedenfalls auch am Simplon weiter gestiegen. Die Streckenführung ist ein echtes Highlight, nicht extrem alpin und daher auch sehr gut zu bewältigen.

 
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Großer Dank gebührt dem Gondo-Event-Team für die Durchführung und natürlich allen voran dem eigentlichen Erfinder dieses Trails: Kaspar Jodok von Stockalper. Grandios, was er erschaffen hat.

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Informationen: Gondo Marathon
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