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07.04.18 - Grand Défi des Vosges

Das Jaulen der Beine

Ich weiß nicht, wer in der Familie auf die tolle Idee kam, wie im letzten Jahr die 74 km (Défi des Seigneurs) in den Nordvogesen in Angriff zu nehmen. Diesmal allerdings in der Kombiwertung mit einem zweiten Lauf am folgenden Tag. Da gibt es den „L'intégrale“ und die „Kurzversion“ „Challenge des Seigneurs“. Der L'intégrale hat den „Grand défi des Vosges“ mit 43 km im Programm und der „Challenge des Seigneurs“ „nur“ den „MAC VI“ mit 25 km. Diese 25 km und 1000 Höhenmeter scheinen mir für den 2. Tag ausreichend. Norbert meint dagegen, dass sich das nicht lohnen würde, deswegen die Schuhe anzuziehen und will die 43 km laufen. Laura hat erfolgreich Trailluft geschnuppert. Da sie sich aber für Samstag schon bei einem großen heimischen Frauenlauf angemeldet hat, bleibt sie ebenfalls bei den 25 km für den Sonntag.

Norbert und ich reisen bereits am Freitag an, so dass wir entspannt unsere Startunterlagen abholen können. Diesmal verzichten wir darauf zu Fuß den Ort zu erkunden, denn das Sportgelände mit Start und Ziel liegt vom Stadtzentrum aus steil den Berg hinauf. Startnummern gibt es hier ab 18 Uhr. Die Stimmung ist entspannt. Wir treffen einige Bekannte, denn Niederbronn les Bains ist vom Südwesten Deutschland aus gut zu erreichen. Zusätzlich zur Startnummer erhält man freien Eintritt ins nahe Schwimmbad, eine Flasche Bier, außerdem ein Funktionsshirt in gelb/schwarz für die Läufer des L'intégrale und in pink/blau für die kürzere Variante „Callenge des Seigneurs“.

 

Tag 1

 

Der Start erfolgt am Samstagmorgen um 7 Uhr auf dem Sportplatz. Es ist mit 4 °C recht frisch. Da aber der bisher wärmste Tag des Jahres angekündigt ist, verzichte ich auf eine Jacke,  kurze Hose ist Pflicht. Zusätzlich schreibt der Veranstalter eine ganze Reihe von Ausrüstungsgegenständen vor. Neben der obligatorischen Rettungsdecke, Handy mit einprogrammierter Telefonnummer des Veranstalters und Trillerpfeife, sind auch 1 Liter Wasser, ein Trinkbecher und genügend Verpflegung vorgeschrieben. Die Verpflegungsstellen liegen weit auseinander und 2.500 Höhenmeter sind auch kein Pappenstiel.

Wir bleiben so lange wie möglich in der warmen Halle. Erst kurz vor dem Start machen wir uns auf den Weg zum nahen Sportplatz. Hier haben sich bereits die anderen Läufer unter dem großen Startbanner eingefunden. Didier Amet, der Vorsitzende der Les Vosgirunners, gibt eine kurze Einweisung, die dann anschließend noch ins Deutsche übersetzt wird: „Folgt den orangenen Pfeilen und überquert auf keinen Fall die Sägemehlstriche, sonst seid Ihr falsch!“ Zusätzlich wird auf Baumfällungen bei km 60 hingewiesen: „Seid nicht überrascht, wenn ihr klettern müsst!“

 

 
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Km 60 ist meine kleinste Sorge. Nach der Pleite in Paris habe ich Bedenken, die Zeitlimits hier überhaupt zu schaffen. Auf dem Papier scheinen sie großzügig. Aber wer weiß, was kommt? Es wird herunter gezählt und der Lauf beginnt. Nach einer Runde auf dem Platz geht es aus dem Stadion hinaus und gleich bergauf. Diesmal versuche ich nicht auf Teufelkommraus mitzulaufen, sondern wechsle sofort ins Gehen. Norbert joggt locker von dannen. Wie erwartet, bin ich bald ganz hinten. Im Wald gehen alle bergauf, so dass ich im hinteren Feld gut mitkomme. Bergab kann ich einiges wieder gut machen. Nach den ersten Kilometern merke ich, dass mir das Laufen heute leicht fällt. Die Temperaturen sind angenehm, die Sonne scheint und die Landschaft ist schön. Sollte ich wirklich ein Zeitlimit nicht schaffen, ist mir das heute egal!

Bei km 7 erreichen wir nach einer langen Bergabpassage die erste Ortschaft Jägerthal. Die Ruinen einer alten Eisengießerei aus dem Jahr 1602 zeugen von der einstigen Blüte der Eisenverarbeitung in dieser Region. Seit 1890 ist das Werk stillgelegt. Bevor wir in den Ort kommen, erwarten uns Streckenposten, die den Weg über die Straße sichern. Gleich geht es erneut bergauf in den Wald hinein. Irgendwo glaube ich einen Abzweig übersehen zu haben, denn plötzlich sind andere Läufer oberhalb. Ich klettere die Böschung hinauf und finde den schmalen Trail. Ein paar hundert Meter weiter allerdings mündet mein vorheriger Weg ebenfalls auf den Trail, die Kletterei hätte ich mir also sparen können.

Nach einem harten Anstieg auf schmalem Pfad erreichen wir eine der wenigen asphaltierten Abschnitte. Vermutlich wurde diese Straße angelegt, um die Bunker rechts und links zu versorgen. Die Ligne Maginot, ein weitläufiges Bunkersystem, mit dem Frankreich die aggressiven deutschen Truppen im 2. Weltkrieg abhalten wollte, verläuft hier in diesem Gebiet. Schon von weitem sehe ich im einsamen Wald einen Pkw und Personen auf dem Weg. Es handelt sich um Streckenkontrollen, die die Startnummern scannen. Das gab es im letzten Jahr an anderer Stelle. So wird sichergestellt, dass kein Läufer abkürzt.

 

 
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Bergab gelangen wir ins grüne Trautbachtal. Die Straße führt leicht bergauf nach Mattstall bei km 18. Anwohner stehen am Gartenzaun und feuern uns an. Ein Bauer winkt mir von seinem Traktor aus zu. Ansonsten ist hier nicht viel los. Ich bewundere die hübsch gepflegten historischen Fachwerkhäuser und die Blütenpracht in den Gärten. Hinter dem Ort läuft die Straße in elegantem Bogen den grünen Hügel hinab, anschließend kurz durch ein Wäldchen. Vorne wartet ein Streckenposten, der aufpasst, dass keiner den Abzweig auf den schmalen Wiesenweg verpasst. Das wäre ja auch zu schade, denn es geht steil hinauf; das dürfen wir uns nicht entgehen lassen.

Eine wunderbare Wiesenlandschaft  strahlt in faszinierendem Grün, von weiß blühenden Hecken unterbrochen. Bald liegt das beschaulich Örtchen Lembach zu unseren Füßen. Die Esel auf der Weide sind froh über ein bisschen Abwechslung und bestaunen neugierig die Läufer. Steil führt die Straße in den Ort. Hinter den ersten Häusern geht es um die Kurve und so schnell, wie wir den Ort betreten haben, werden wir auch wieder hinausgeleitet.

Nach steilem Anstieg auf Asphalt gelangen wir bald wieder auf einen engen Waldtrail. Dieser führt mich flott bergab. Unten geht es auf einem schmalen asphaltierten Weg an einem leise plätschernden Bächlein richtungsmäßig wieder zurück bis eine Brücke eine Überquerung gestattet. Wir erreichen die Route de Bitche (D3), wo Schilder uns anweisen, am rechten Fahrbahnrand zu bleiben. Beim Ortsschild von Lembach, wir sind quasi einmal drum herum gelaufen, halten Helfer den Verkehr an, wir dürfen ungehindert passieren. Dann geht es bergauf in den Wald. Die VP bei km 25 ist bereits von unten zu sehen. Hier ist ganz schön was los. Neben den Läufern haben sich zahlreiche Zuschauer eingefunden.

Ich prüfe die Verpflegung. Im Angebot sind Käse und Salami, Honigkuchen, Salzbrezeln und Cracker, getrocknete Aprikosen, Schokolade, Orangen und Bananen. Wichtiger noch sind die Getränke, Wasser mit und ohne Kohlensäure und Cola. Es gibt keine Becher, denn in der Ausschreibung ist das Mitbringen eines eigenen Trinkbechers vorgeschrieben. Ich fülle meine Handflasche mit Cola, trinke sie leer und fülle sie anschließend mit Wasser. Dann greife ich beherzt von jedem Teller ein Stück und mache mich wieder auf den Weg. Natürlich bergauf. Nach ein paar Metern steht ein Posten und scannt erneut meine Startnummer. Ach ja, hier ist das erste Zeitlimit. Ich habe noch über eine halbe Stunde zum Cutoff mit 4h50; das ist perfekt.

Im schattenlosen, noch lichten Wald ist es mittlerweile gut warm geworden. Es folgt ein langer, mal mehr und mal weniger steiler Aufstieg auf den 444 m hohen Riegelsberg. Der Singletrail ist gut zu laufen, oben gibt es eine tolle Aussicht auf Wiesen und Wald. Ein weiterer Singletrail bringt mich in lockerem Lauf bergab und spuckt mich auf einen großzügigen Parkplatz aus, der für die wenigen Autos leicht überdimensioniert wirkt. Der Streckenposten weist mich quer darüber. Ein breiter Wanderweg führt jetzt leicht bergauf. Abwechselnd gehend und laufend komme ich gut voran. Spaziergänger feuern mich an - das motiviert.

Ein paar urig aussehende Mauerreste versetzten mich ins Mittelalter. Sie sind aber nicht antik, sondern gehören zu den Spielplatzeinrichtungen des bekannten Ausflugslokal Gimbelhof. Hier schickt mich ein orangener Pfeil rechts auf einen winzigen Trail. Es geht am Zaun oberhalb des Gimbelhofs entlang. Ich überhole eine Großfamilie, als mich weitere gelbe Pfeile steil bergauf leiten. Gott sei Dank ist die Steigung nicht lang, denn gerade läuft es richtig gut. Es folgt ein wunderbarer Trail an der Bergflanke entlang. Mächtige, bemooste rote Felsen und ein grandioser Ausblick machen den wurzeligen Trail zum puren Vergnügen.

 

 
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Der Pfad wird immer ausgesetzter. Vor mir liegt der beliebte Kletterfelsen Langenfels. Während ich wegen des schwierigen Untergrunds aufpassen muss, kommt von hinten ein anderer Läufer mit Stöcken. Er wählt eine etwas unterhalb liegende Spur. Dort scheint es besser zu sein. Ich tue es ihm  nach. Tatsächlich geht es hier zunächst einfacher und ich habe Gelegenheit, mich auch umzusehen. Das beeindruckende Konglomerat aus verwitterten Buntsandsteinfelsen thront hoch über mir und doch scheint es zum Greifen nah. Stimmen verraten mir, dass auf der anderen Seite wohl geklettert wird. Als Höhepunkt kommt noch einzelner Felsen, der bestimmt nochmals 10 Meter in die Höhe ragt. Dann führt die Strecke steil hinunter. Mein Weg endet hier und ich erkenne, dass auf der anderen Seite Treppenstufen weiterlaufen. Also einmal quer über den rutschigen steilen Hang und anschließend die Treppen weiter runter.

Ich erreiche den Parkplatz der Burg Fleckenstein. Die Burgruine aus dem 12. Jahrhundert ist eine der meist besuchten Burganlagen der deutsch-französischen Grenzregion. Menschenmassen gibt es heute keine, trotzdem leitet mich ein Streckenposten auf den richtigen Weg durch den stilisierten Schlosshof, wo viel touristischer Klimbim angeboten wird. Dann bin ich auch schon auf dem Kiesweg zur Burg. Besucher lassen sich auf den Parkbänken von der Sonne wärmen.

Es geht an der Burg vorbei auf einen kleinen Rundweg. Attraktionen für Kinder sind rechts und links im Wald versteckt - sehr hübsch gemacht. Hinter der Burg führt der Weg hinunter ins Tal des Saarlbachs, der in Frankreich Sauer heißt. Ich lasse es laufen. Unten, eine Helferin sichert die Straßenquerung der D 925, geht es grenznah über den Bach. Wir haben nun bereits 34 km geschafft, und es geht schon wieder im lichten Buchenwald bergauf.

Mittlerweile ist es ist Mittag. Meine Handflasche mit einem halben Liter habe ich bereits leer getrunken. Dank Trinkrucksack muss ich dennoch keinen Durst leiden. Nach einem längeren Aufstieg erreiche ich die Ruine der Burg Froensburg. Unterhalb beginnt wieder ein schmaler Trail weiter bergauf. Ich klettere über umgestürzte Bäume und große Felsen. Alles in allem eine kurzweilige Angelegenheit und die Beine werden mal wieder in alle Richtungen gestreckt und gedehnt. Ich bin richtig enttäuscht, als ich plötzlich auf einem breiten Waldweg unterwegs bin.

 

 
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Der Weg zieht sich etwas und der leichte Anstieg ist auch nicht gerade lustig. Ich wechsle gehen mit laufen ab, einfach um die Beine zu entspannen. Auf dem nächsten Trail bin ich ganz schön müde. Dass ich trotzdem gleich zwei Läufer überhole, sagt mir, dass es anderen wohl genauso geht. In 450 m Höhe erreichen wir das Gebiet des Zigeunerfelsens. Man vermutet, dass es sich bei dem monumentalen Buntsandsteinfels einst um eine Vorburg der Burg Wasigenstein gehandelt hat. Es gibt noch Öffnungen und Überbleibsel einer Treppe. Zigeunerfels heißt das Gebiet, weil hier einst eine Räuberbande gehaust haben soll. Es ist unglaublich schön. Der Pfad führt aufregend zwischen bemoosten Steinen und Bäumen vorbei oder hinweg. Sogar eine richtige Engstelle muss überwunden werden.

Dann geht es erneut bergab. Es ist richtig steil und unwegsam; erst weiter unten wird es besser. Über einen leeren Wanderparkplatz passieren wir den markanten Klingelfelsen und laufen auf einem wurzeligen Pfad weiter. Zwischen den Bäumen können wir Wegelsbach unter uns liegen sehen. Der Weg führt bergab, bis die Burgruine Wasigenstein vor uns liegt. Sie ist Schauplatz der Nibelungensage, wo sich einst Walther, Gunter und Hagen zerstritten haben sollen. Es handelt sich um eine damals übliche Doppelburg aus dem 13. Jahrhundert, die auf zwei freistehende Felsen gebaut wurde.

Unterhalb geht es auf einem wunderbaren Saumpfad bergab. Die VP bei km 44 liegt in Obersteinbach in einem Vorgarten. Ich esse nach Herzenslust, trinke Cola bis zum Abwinken, fülle die Flasche auf  und nehme noch ein paar Honigkuchen mit, dann geht es zum Scannen der Startnummer. Der Cut off mit 7h35 ist kein Problem. Am überdachten Brunnen kühle ich Hände und Kopf mit kaltem Wasser. Mir geht es gut.

Im Wald stapfe ich mal wieder bergauf. Ein Pfeil, liebevoll mit Sägemehl gestaltet, führt mich alsbald auf einen schmalen Pfad leicht bergab, bis zu einem Parkplatz. Hier steht eine Helferin. Sie weist mich rechts weiter oberhalb an der Straße entlang, bis eine Markierung mich scharf links durchs Gebüsch führt. Leicht zerkratzt von dem dornigen Gestrüpp erreiche ich die Straße. Helfer sichern den Überweg über die D53. Auf der anderen Straßenseite klettert man einen hohen Damm hinauf. Ein Seil hilft, das steile Stück zu überwinden.

Durch lichten Buchenwald geht es zunächst oberhalb der Straße wieder zurück. Der Pfad führt wieder bergauf. Steine und Baumstümpfe sind von herrlich grünem Moos überzogen. Es ist schattig und kühl. Ein fast magischer Ort. Ich bin glücklich hier zu sein.

Über uns erhebt sich nun die Ruine von Burg Schöneck aus dem 12. Jahrhundert. Bereits von unten kann man die enormen Ausmaße erahnen. Als wir oben ankommen, kann ich einen kurzen Blick auf die dicken Mauern werfen dann folgen  ein paar Kilometer reines Bergabvergnügen. Allmählich tun mir allerdings die Füße weh - hoffentlich gibt das keine Blasen.

Unten liegt ein hübscher See. Dort vorbei geht gefühlt mehrere Kilometer flach. Der Weg steigt tatsächlich aber unmerklich an, so dass ich immer wieder gehen muss. Markante Buntsandsteinfelsen fesseln erneut meinen Blick. Auch hier wird geklettert. Ich kontrolliere immer wieder meine Laufzeit. Der Cut off rückt näher. Ich kann zwar nichts an meiner Geschwindigkeit ändern und will mich auch nicht stressen lassen, aber ein paar Minuten Verspätung könnte ich noch reinlaufen.

Der steile Trail hinunter ist kein großes Hindernis. Leider ist von Dambach, dem Stützpunkt der 3. Verpflegungsstellen bei km 55, immer noch nichts zu sehen. Zumindest bin ich aber schon auf einer kleinen Straße. Hier zweigt der Weg dann über eine Wiese bergab und unten über eine Brücke. Es geht einen geschotterten Damm entlang. Der Damm scheint endlos, erst in weiter Ferne kann ich eine Brücke ausmachen. An der Brücke stehen Schilder, ich soll mich rechts halten. Etwas oberhalb wartet ein Streckenposten, der mich abermals nach rechts weist. Tatsächlich: da ist die VP. Die Helfer rufen schon von weitem, dass die Zeit knapp wird. Ich schnappe mir eine angefangene Flasche Cola und renne vorbei zum Scannen, wo die Zeit genommen wird. Dann mache ich erst einmal Pause. Ich habe noch 8 Minuten.  Alles Gut.

Die VP auszulassen kann ich mir leisten. Mein Vorrat an Riegel und Gels ist großzügig und wegen der Hitze bin ich sowieso wenig hungrig. Wasser habe ich noch genügend und das Cola war wirklich ausreichend. Ob die Zeit für den letzten Cut off reicht, weiß ich allerdings nicht. Ich muss vor 18 Uhr 50 dort sein,  habe also von nun ab 2h08 Stunden für 10 Kilometer. Das scheint zwar großzügig, aber ich bin gerade ziemlich platt. Daher versuche ich auf dem Weg bis zum nächsten Anstieg so gut es geht zu regenerieren.

 

 
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Bergauf versuche ich möglichst kraftsparend zu agieren. Bald treffe ich auf die Überreste der Burg Hohenfels. Ein paar in den Felsen eingehauene Kammern und eine Wand des dreistöckigen Palasts sind noch erhalten. Der Weg ist mal breit mal schmal und führt kreuz und quer durch den Wald. Plötzlich geht es bergab. Und das nicht zu knapp. Ich lass es laufen, bis mich ein umgestürzter Baumstamm abbremst. Hier muss ich kurz klettern, dann geht es weiter.

Hinter einer scharfen Linkskurve geht es wieder bergauf. Die Höhenmeter, die wir gerade verloren haben, kommen nun wieder drauf. Der Weg scheint sich endlos ziehen. Erfreut stelle ich jedoch fest, dass es langsam kühler wird. Hinter einer weiten Rechtskurve kommt dann der angekündigte Teil mit den Baumfällungen. Mindestens 10 Bäume liegen quer über dem Weg. Aber nicht nur der leicht zu überwindende Stamm versperrt die Strecke. Nein, chaotisch verteilte Kronenteile, teils dicke Äste, teils dünne Zweige müssen überwunden werden.

Sorgsam versuche ich mal drüber mal drunter mein Glück. Irgendwann ist das dann aber doch geschafft und gehend und laufend komme ich leidlich voran. Ein Trail zweigt scharf links den Berg hinauf. Sofort werde ich von 2 Läufern überholt. Ein weiterer Läufer ist hinter mir und ich beobachte, wie er die Wegmarkierungen abnimmt. Oh, das ist der Besenläufer. Ein Blick auf die Uhr beruhigt mich aber, das müsste zeitlich hinkommen.

Endlich wird der Trail flacher und zweigt auf einen schönen Weg. Ich kann wieder anlaufen und sofort einen Läufer einholen. Wir queren die Straße zum Chalet du Wintersberg, einem an Wochenenden beliebten Imbissrestaurant. Für uns geht es hier auf einen netten, leicht welligen Trail, den ich auch gut laufen kann. Am Restaurant angekommen werden wir über den Parkplatz geleitet, wo sich der Einstieg zum letzten Anstieg befindet. Mit Geländer versehene Serpentinen führen aufwärts. Das geht flott.

Schritt für Schritt arbeite ich mich langsam nach oben. Bald ist der 25 m hohe Aussichtsturm auf dem Wintersberg in Sicht. Helfer machen eine LaOla Welle und sofort wird meine Startnummer gescannt. Das bedeutet, ich habe den letzten Cut off geschafft. Hurra!

Unter dem Turm bei km 65 befindet sich die letzte VP. Ich labe mich an Käse, Salami und Cola. Dann lasse ich mir meine Stirnlampe aus dem Rucksack geben, bedanke mich bei den Helfern und mache mich an den Abstieg. Zuerst ist es so steil, dass ich nicht auf Tempo komme. Die Treppen und engen Kurven wollen aufmerksam gelaufen werden. Dann wird es flacher und ich könnte laufen, aber meine Beine wollen nicht mehr du jaulen bei jedem Schritt. Auch die Füße tun weh, das fühlt sich nach Blasen an. Ich bin fast froh, als es wieder bergauf geht.

Die Steigung ist ziemlich lang. Dann ist der nächste Abstieg wieder da. Vorsichtig laufe ich den Trail hinab. Die Sonne ist schon weg und das verbleibende Licht diffus. Dann kommt erneut ein steiler Anstieg auf schmalem Pfad. Erst bergab komme ich langsam wieder in Schwung. In einen dichten Tannenwald ist es nun „kuhnacht“. Ich schalte meine Stirnlampe ein und kann so einigermaßen sehen.

Mittlerweile habe ich etwas Tempo drauf. Schon kann ich die Straße und 2 Personen am Ausgang des Trails erahnen. Ist das eine nicht Laura? Ja, sie ist es. Sie hat meine Durchgangszeiten per Lifetrak verfolgt und dadurch die ungefähre Ankunftszeit ermittelt. Gemeinsam laufen wir die letzte Steigung hinauf. Nochmal kurz bergab. Laura verlässt mich, als ich die Runde um das Stadion in einer weiten Kurve zum Eingang der Halle laufe. Dort ist der rote Teppich bereits vorbereitet, das Ziel erreicht. Es gibt eine Medaille und Glückwünsche von Norbert, der natürlich schon geduscht ist.

 

Tag 2

 

Kennt Ihr das? Ihr steht am Start eines Laufs und habt das Gefühl , etwas Wichtiges vergessen zu haben? Meist erweist sich dieser Gedanke als unnötig. Heute Morgen ist es aber nicht so, denn als ich am Start des Mac IV in Niederbronn les Bain stehe, fällt mir ein, dass mein Fotoapparat im Auto liegt. Leider habe ich keine Chance mehr ihn noch zu holen, denn Norbert ist mit dem Autoschlüssel schon seit fast 2 Stunden auf der Strecke. Es hätte Zeiten gegeben, da wäre der Lauf für mich hier zu Ende gewesen. Aber heute trage ich es mit Fassung.

Obwohl es schon schön wäre, die Stimmung auf Bildern einzufangen, denn alles ist irgendwie lockerer als gestern beim Start des 74 km Laufs. Um 9 Uhr 30, also vor einer halben Stunde, sind die 12 km Läufer, die Gazellen, gestartet. Um 8 Uhr waren schon die 43 km Läufer dran. Um 10 Uhr gilt es auch für Laura und mich.

Laura hat vorhin noch ihre Startnummer geholt. Auch hier gab es Bier, Schwimmbadeintritt und ein Funktionsshirt. Bei diesem Lauf ist keine Pflichtausrüstung vorgeschrieben. Wir haben trotzdem Gel und Wasser dabei, da es noch wärmer werden soll als gestern. Nachdem wir unsere Tasche abgegeben haben, sammeln wir uns mit den anderen Läufern auf dem Sportplatz. Es gibt wieder eine Einweisung auf Französisch und Deutsch (orange-gelben Pfeilen folgen, Sägemehl nicht überschreiten) dann geht es auch schon los.

Der Startbogen mit der Zeitmessung liegt diesmal vor dem Eingang der Halle. Hier wird dann auch das Ziel sein. Es sind bereits viele Zuschauer vor Ort, die uns standesgemäß verabschieden. Ich versuche vorsichtig loszurollen. Muskelkater und schmerzende Beine bremsen mich allerdings ziemlich aus. Zunächst folgen wir der Strecke vom Vortag bergauf. Schnell bin ich hinten im Feld, Laura hat sich ungefähr in der Mitte eingereiht. Bergauf laufen geht für mich gar nicht. Andere haben wohl ähnliche Probleme. Schnell haben sich die Läufer des Vortages gefunden und klagen gegenseitig ihr Leid.

Irgendwann erkenne ich den Abzweig, wo es gestern noch schön bergab ging. Leider ist er gesperrt, heute geht es hier weiter bergauf. Die Steigung will ich nicht durchweg gehen und wechsle immer wieder ins Laufen, obwohl jede Bewegungsänderung äußerst unangenehm ist. Trotzdem bin ich stolz hier zu sein und fest entschlossen, das heute durchzuziehen. Cut offs gibt es bei diesem Lauf Gott sei Dank keine.

Endlich geht es bergab. Ein feiner Singletrail lädt zu flottem Schritt ein. Leider bin ich aber die Letzte und muss daher mein Tempo den anderen anpassen. Als der Weg breiter wird, geht es bereits wieder bergauf und das Spiel mit Gehen und Laufen beginnt von vorn.

Auf dem nächsten steilen Bergabtrail gelingt es mir tatsächlich, einige Läufer zu überholen. Unten angekommen, versuche ich locker weiterzulaufen. Es funktioniert. Dann kommt eine scharfe Rechtskurve und anschließend geht es leicht bergauf. Nach ein paar hundert Metern zweigt der erste steile Trail bergauf ab. Ich habe kaum mehr Kraft und schleiche mit kleinen Schritten den Hang hinauf. Natürlich überholen mich nun alle bereits eingesammelten Läufer wieder.

Oben wird der Weg plötzlich flach. Jetzt kann ich wieder etwas laufen. Zwischen den Bäumen lockt  grandiose Weitsicht zum Verweilen. Ich kämpfe mich tapfer weiter. Mittlerweile ist es ganz schön warm geworden. Endlich geht es wieder bergab. Abwechselnd auf breitem Weg und schmalem Trail laufe ich dem Tal entgegen. Die VP bei km 12 ist im Wald bei Dambach, wo sie bereits gestern in der Ortsmitte war. Es gibt dieselbe Verpflegung wie gestern: Honigkuchen, Käse, Salami, Salzbrezeln, Cracker, Schokolade, Bananen, Orangen. Wasser und Cola gibt es im Becher. Norbert erzählt später, dass innerorts für die Marathonis dieselbe VP wie gestern war. Meine Befürchtung, den Marathonis etwas wegzuessen, ist also völlig unbegründet.

Hinter der VP geht es erneut bergauf. Geschätzte 3 km zieht sich der Weg nach oben. Ich bin müde und komme kaum vom Fleck. Wenn das so weitergeht, brauche ich weit über 5 Stunden. Aber egal - Hauptsache ich schaffe es überhaupt. Oben wird es flach. Plötzlich kommen Läufer von rechts. Ist das nicht Norbert? Wirklich, er kommt locker angejoggt und ist genauso überrascht, wie ich. Das Zusammentreffen motiviert mich und ich versuche ein Stück mitzulaufen. Natürlich geht das nicht lange und wir verabschieden uns wieder.

Jetzt kommen immer mehr (Marathon)Läufer von hinten. Ein schöner, fast flacher Trail ist gut zu laufen. Ich freue mich und lasse mich immer wieder mitziehen. Dann geht es allerdings doch noch einmal richtig zur Sache. Steil und in Serpentinen führt ein schmaler Weg nach oben. Gerne bleibe ich immer wieder stehen und lasse schnellere vorbei. Sie bedanken sich und wünschen mir weiterhin viel Spaß.

Wie schön es hier ist! Es handelt sich um die urige Seite des Winterberggipfels. Bemooste Steine liegen verstreut im Weg und zwingen zu manchem Umweg. So macht mir Laufen Spaß. Dann sehe ich den Turm vor mir. Tatsächlich werden hier die Startnummern noch einmal eingescannt. Beim Marathon gibt es nämlich nochmal 3 Cut offs.

Zu meiner Freude erkennt mich der Helfer, der mir am Vortag die Stirnlampe aus dem Rucksack geholt hat: „Du warst gestern schon da!“ und klatscht mich ab. Ich bin überglücklich, denn es sind jetzt nur noch 6 Kilometer, tendenziell bergab. Ich stärke mich noch einmal. Ein Blick zurück um mich zu orientieren, denn der Abstieg muss anders verlaufen als am Vortag. Zuerst geht es nur leicht bergab. Dann erkenne ich das Holzgeländer: der letzte Anstieg des langen Laufs ist nun der Abstieg. Mir schwant Schlimmes. Die großen unregelmäßigen Stufen sind hinunter kein Spaß. Meine Oberschenkel brennen, und der Muskelkater wird immer schlimmer. Ich atme auf, als ich unten bin.

Es geht auf einem schmalen aber super zu laufenden Trail tendenziell bergab. Auch ein breiterer Weg macht mir keine Probleme. Das Gefälle ist für meine Beine optimal. Nun kann mich kaum mehr ein Läufer überholen. Im Gegenteil,  ich kann sogar Plätze gut machen.

Aber wie hat sich das Startgelände verändert: Überall auf den Wiesen sitzen oder liegen Zuschauer und gefinishte Läufer. Sommerfeeling. Jeder Ankommende wird ausgiebig gefeiert. Die lange Runde ums Stadion wird zum Triumphzug. Auf den Zielsprint verzichte ich heute allerdings. Der Sprecher im Ziel will wissen, wie es mir geht. Ich bin glücklich! Laura und Norbert lotsen mich zur Zielverpflegung. Nach den einsamen Stunden im Wald bin ich so viele Menschen um mich herum gar nicht mehr gewohnt. Wir genießen noch etwas die Atmosphäre bis Laura zur Siegerehrung muss, denn Sie hat heute erneut ihre Altersklasse gewonnen.

 

Fazit:

 

Die Trails Natures der Vosgirunners gehören für mich zu den schönsten Läufen, die ich kenne. Vor allem der Défi des Seigneurs  mit seinen 74 Kilometern und 2.500 Höhenmetern verläuft in phantastischer Landschaft mit atemberaubenden Naturattraktionen. Ich bin froh, so etwas Schönes erleben zu dürfen. Auch der sportliche Gesichtspunkt kommt dabei nicht zu kurz. Die Trails sind anspruchsvoll und bedürfen einer guten Vorbereitung. Aber vor allem macht es Spaß bei freundlichen Menschen zu Gast zu sein, die nach professioneller Planung so ein durchdachtes Event auf die Beine stellen.

Die Vorgabe, dass bei den Kombiwettkämpfen keine Strecke zweimal gelaufen wird, ist für mich voll erfüllt. Norbert war begeistert vom Besuch der Burgruinen Windstein, Schoneck und Hohenfels, und dem Durchlaufen der Burgruine Wineck. Dass dann noch die 25 und die 43 km Runden zusammen geführt werden, ist für mich ein richtiger Zugewinn. Die Verpflegung ist genau mein Fall.

Ich kann diesen schönen Laufwettbewerb in den Nordvogesen im April jedem trailbegeisterten Läufer nur empfehlen.

 

Informationen: Grand Défi des Vosges
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