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27.04.13 - Inselmarathon Wilhelmstein

Reif für die Insel

Du hast als Läufer noch nie an einem Inselmarathon teilgenommen? Die Ausschreibungen diverser Veranstalter ließen dich bisher kalt? Wenn du eine verlockende Einladung erhalten solltest, die dich garantiert willensschwach werden lässt, hat dich Organisator Michael Neumann längst für sich gewonnen.

Das Konzept dieser sirenenartigen Gesänge, denen vorbeifahrenden Seefahrern hoffnungslos ausgeliefert waren, funktionierte laut griechischer Mythologie wohl damals schon prächtig...und bis heute scheint es sich bewährt zu haben.

Jedenfalls erhielt ich Mitte Februar diesen Jahres einen ähnlich verlockenden Ruf: "Mario, Du bist zum 2. Inselmarathon Wilhelmstein am Steinhuder Meer herzlich eingeladen!". Ich freute mich riesig, handelte es sich doch um eine besondere Laufveranstaltung für geladene Läufer.

Als vor gut anderthalb Jahren der Inselmarathon Wilhelmstein ins Leben gerufen wurde, glaubte jeder vermutlich wieder mal an einen Scherz. In Insiderkreisen wurden jedoch freudigst die Hände gerieben, ahnte man schon, dass diese Idee nur von Organisator Michael Neumann stammen konnte. Wer jetzt allerdings glaubt, die erstmals 50 im Vorjahr geladenen, mehr oder weniger aberwitzigen Läuferinnen und Läufer, welche sogar bunt kostümiert an den Start gingen, verschlug es auf irgendein gottverlassenes Eiland mitten in der Karibik, der irrt ...nicht ganz !

Aber ja doch, sie alle überlebten den Marathon, und berichteten vereinzelt davon. Es gibt sogar Bilder und Videos, die das belegen können. Schnell verbreitete sich die Kunde dieses besonderen Events sowohl in der Läuferszene als auch in der allgemeinen Medienwelt. Denn spätestens, als sich herumsprach, dass auf Spiegel-Online dieser Lauf als einer der zehn verrücktesten Marathonveranstaltungen der Welt gekürt wurde, wollte so ziemlich jeder auf die Insel Wilhelmstein.

Die nach dem Feldherrn und Erbauer, Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe (1724-1777), benannte Insel wurde zwischen 1761 und 1767, während des siebenjährigen Krieges, künstlich im Steinhuder Meer, dem größten See in Nordwestdeutschlands, aufgeschüttet. Während dieser Zeit legte besagter Graf auch eine Musterfestung mit Militärschule und gräflichen Appartements an. Diese Inselfestung sollte ein zum damaligen Zeitpunkt uneinnehmbarer Fluchtpunkt im eigenen Land werden. Die als sternförmige Schanze mit vier Bastionen und einer Zitadelle errichtete Trutzburg kann heutzutage per Überfahrt mit den einzigen offenen Segelbooten in ganz Mitteleuropa, die zum kommerziellen Personentransport eingesetzt werden, besucht werden. Wer in meiner kleinen Geschichtsstunde zumindest bis hierhin aufgepasst und die Worte Insel sowie künstlich herausgelesen hat, dem kommen jetzt unter Umständen Bilder der künstlichen Inselgruppe Palm Islands in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) in den Sinn.

Ehrlich ist die Wahrheit mit den Ungläubigen, knallhart die Fakten der diesjährigen Ausschreibung: Die Insel Wilhelmstein ist lediglich 1,25 Hektar groß, das sind umgerechnet 100 mal 100 Meter. Wer auf dem befestigten Rundweg der zentral gelegenen Inselfestung läuft, hat gerade mal 351,87m hinter sich gebracht. Um die klassische Marathondistanz von 42,195 km zu laufen, müssen 120 Runden (die Erste verkürzt) absolviert werden - selbst für erfahrene Marathonis eine monotone Grenzerfahrung.

Aber der Veranstalter hatte noch mehr zu bieten, weshalb sich die Einladung als doppelte Veranstaltung verstand. Im Vorfeld wurde allen Läufern und deren Angehörigen angeboten, nach der Siegerehrung in ausgelassener Runde noch an einer gemütlichen Abendfeier inkl.Nudel-Buffet teilzuhaben, mit abschließender Übernachtung auf der Insel. Ende März wurde dem Organisator Michael angetragen, einen Bambinilauf durchzuführen. Diese Idee hatte er begeistert aufgegriffen.

In der Teilnehmerliste entdeckte ich neben einigen mir bekannten Freunden aus der Läufer-Szene auch wieder die "CaBaNauTeN" sowie Vorjahressieger Markus Busse. Aber auch die Namen Christian Hottas sowie Martin Grüning (RW)  waren mir nicht unbekannt. Christian hatte ich bereits am 16.02.2013 beim 1. Eilenriede Marathon Hannover kennenlernen dürfen. Dort hatte er bei einem eigens für ihn organisierten Laufevent seinen 1969. Marathon gefinisht. Mit der Teilnahme am Inselmarathon wird Christian Nummer 1997 laufen...und nur eine Woche später, genauer gesagt am 5. Mai 2013, will er beim TUI Marathon Hannover seinen 2000ten absolvieren.


Ankunft Steinhude


Einige Tage vor dem Laufevent hatte meine Frau die Idee, mich auf die Insel zu begleiten und dort zu übernachten. Ich freute mich sehr über ihre Entscheidung, war zu ihr vor gut zwei Monaten der zündende Funke der Laufbegeisterung übergesprungen. Am 27. April 2013 war es also endlich soweit. Dem Ruf der Insel folgend kamen wir nach gut einer Stunde Autofahrt in Steinhude an. Danach suchten wir einen kostenfreien Parkplatz im Stadtinneren. Wie im Vorjahr zeigte sich sowohl die Tourismus GmbH als auch die Stadt Wunstorf etwas unflexibel, was die Parktickets für die Läufer angeht, welche auf der Insel übernachten.

Ebenfalls wie im Vorjahr war leider auch das miese Aprilwetter: wenige Grad über Null, windig-kalte Verhältnisse. Ein kurzer Blick hoch zum Himmel versprach baldigen Regenschauer, jedenfalls schien sich bereits alles zusammen zu ziehen. Egal, hier war niemand aus Zucker! Nach und nach versammelten sich alle am Anleger der Personenschifffahrt. Geplant war die Überfahrt um Punkt 9 Uhr. Die Herzlichkeit der versammelten Runde spürten ich und meine Frau schnell: sehr ausgelassen, fröhlich und familiär begrüßten sich alt und jung, groß und klein. 

Während Organisator Michael bestimmt schon ungeduldig auf der Insel wartete, hatte seine Freundin und Racedirector in Susanne Holz zusammen mit Ihren Helferinnen und Helfern (welche von dem Veranstalter auch liebevoll Therapeuten genannt werden) auf dem Festland alles im Griff. Dann bildete sich plötzlich eine kleine Schlange am Pier, die ersten Läufer und Party-Teilnehmer erhielten von Susanne Holz und Therapeutin Britta Kröger ihren Fahrschein. Drei Kapitäne warteten währenddessen geduldig...schnell war der erste Auswanderer voll!

Okay, damit meine ich nun keinen sturzbetrunkenen Fahrgast: Die großen Holzsegelboote (auch Holzjollen genannt) verdanken ihren Namen Auswanderer tatsächlich ihren Fahrgästen, welche Anfang dieses Jahrhunderts vor allem zum Nordufer gesegelt wurden und so von Steinhude (damals zu Schaumburg-Lippe gehörend) ins Hannover-Braunschweigische quasi "auswanderten". Selbst wenn jemand den außerordentlichen Mut besessen und auf der Insel angetrunken vor Michael aufgetreten wäre...aufgrund ihrer guten Segeleigenschaften wüssten zumindest die Kapitäne, das die Auswanderer selbst mit schunkelnden Fahrgästen, voll beladen, nicht umkippen. 

 
© trailrunning.de 11 Bilder

Die Kapitäne wiesen den Reisenden ihre Plätze zu und  nach und nach füllten sich die übrigen beiden Boote. Die erste Holzjolle entfernte sich bereits johlend vom Anleger. "Wir warten noch auf verspätete Gäste," rief jemand vom Holzsteg zu uns rüber. So ziemlich jeder hatte eine wetterfeste Regenjacke an, meiner einer saß mit Kapuzen-Pulli im Boot. "Sag mal, frierste nich, Mario?", rief ein bibbernder Peter zu mir rüber. "Ach was, pille palle, da kenn ich härtere Wetterbedingungen", rief ich halbstark zurück. Innerlich bibberte ich zwar ebenfalls etwas, aber es war auszuhalten. Der Brocken-Challenge Slogan Kalt-Hart-Schön tauchte flüchtig in meinem Gedächtnis auf. "Jedenfalls stelle ich mir den Frühling anders vor...echtes Nordseewetter hier", ergänzte ich dann noch. "Ja, Du hast Dich allerbestens auf den Lauf vorbereitet. Ich hab hier bloß ´nen dünnen Pulli und Regenjacke an, aber der liebe Herr hatte es ja vorher nicht gerade nötig, mit mir mal die Wetterlage zu checken", gab es dann noch von meiner lieben Ehefrau faustdick an den Kopf gelatzt. Ich dachte derweil an die Dreiviertelhose sowie Funktions-Shirt, welche ich bereits unter meinen Klamotten trug. Konnte ja heiter werden. "Anderthalb Sonnenstunden und Nachmittagregen lautet die Prognose", meinte jemand abschließend noch trocken.

Nach gut einer halben Stunde Verspätung setzte sich unser Boot ebenfalls in Bewegung, die an sich sehr schöne Überfahrt dauerte dann nochmals gut zwanzig Minuten. Insel Wilhelmstein ist im Besitz der Adelsfamilie Schaumburg-Lippe. Sie wird heute von einem Inselvogt der fürstlichen Hofkammer in Bückeburg verwaltet. "Damit verbunden ist das Zufahrtsrecht mit einem Motorboot zur Insel", erzählte uns der freundliche Kapitän bei der Überfahrt. "Motorboote sind auf dem Steinhuder Meer ansonsten nicht gestattet, ausgenommen Motorboote der Wasserrettung", fügte er noch hinzu. Als der letzte Auswanderer dann auf Wilhelmstein anlegte, wartete Michael bereits gutgelaunt auf die letzten Gäste, und begrüßte jeden einzelnen mit einem freundlichen Händedruck.

 

Informationen: Inselmarathon Wilhelmstein
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