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09.08.15 - Monschau-Marathon

Grenzerfahrungen: Zwei Meter Belgien

Autor: Joe Kelbel

Niemand verstand, warum Kaiser Wilhelm II in den letzten Tagen des ersten Weltkrieges von seinem Wellnessort Spa (Lüttich) die Anordnung gab, Montjoie, also Freudenberg, in Monschau umzubennenen. 150 Namen gab es für diesen Ort Monjoy, Mungoe, Monsaw, Moynjouwen und auch Monschove. Er wählte ausgerechnet Monschau, in einer Zeit, wo die Menschen anderes im Kopf hatten.

In Spa, dem Hauptquartier der Heeresleitung, markierte Wilhelm zwei Tage vor der Kapitulation (11.11.18) den großen Staatsmann: „Und wenn wir auch alle totgeschlagen werden - vor dem Tod habe ich keine Angst! Nein, ich bleibe hier!" Die Badefreuden des Kaisers und sein Rücktritt wurden Jahre später von einem badefreudigen Verteidigungsminister während des Kosovokrieges kopiert.

Seit 1918 also heisst Freudenberg Monschau und Eupen und Malmedy wurde an Belgien abgetreten. Belgien beantragte zwei Jahre nach dem Versailler Vertrag die Trasse der Vennbahn mitsamt Bahnhöfen in das belgische Hoheitsgebiet zu integrieren. Seitdem gibt es fünf deutsche Exklaven, also deutsche Gebiete, die durch die Trasse der Vennbahn abgetrennt sind, und nur über belgisches Gebiet erreichbar sind. Für die heutige Ultrastrecke (56 km)  habe ich viele Kuriositäten ausgegraben.

 
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Veranstaltungszentrum des Monschau Marathons ist im Stadtteil Konzen ( lat.= Abkürzungsweg), liegt also zwischen zwei ehemaligen römischen Hauptverkehrswegen. Gepennt wird auf dem Sportplatz. Dort sammeln sich die Bekloppten, unter anderem Rolf, der von Offenburg mit dem Trecker angereist ist. Die große Familie der Bekloppten grillt, chillt und feiert.

Start Sonntag. Langsame Läufer oder Geher dürfen um 6:00 Uhr oder später starten, nach Westen auf die Marathonstrecke. Eine logistische Meisterleistung und ein aussergewöhnlicher Service. Ultras fünf Minuten später nach Osten auf die Ultrastrecke, die zunächst eine 14 km Schleife darstellt, bis wir anschliessend durch das Starttor auf die Marathonstrecke biegen.

 
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Es geht los: Kilometer 1,3: wir sind in Belgien, genauer „auf Belgien“. Ich könnte Belgien zwischen die Beine nehmen, ohne Deutschland zu verlassen, wenn ich Spagat könnte. Es ist die erhöhnte Trasse der ehemaligen Vennbahn, nun Radweg, königlich-belgisches Staatsgebiet. Bei km 1,8 wird Belgien breiter, linker Hand quetscht sich der belgische Weg „Auf Aderich“ neben die Trasse. Den nehmen wir jetzt, sind auf 6 Meter breitem Belgien.

Das belgische Schild „Röckschlach“ weist auf das kleinste Stück Deutschland, namens „Rückschlag“ hin. Deutsche Adresse: Auf Aderich 33. Für die Exklaven gibt es zwei Briefträger: Einen deutschen und einen belgischen und das für einen einzigen Bauernhof mit drei Feldern.

Höhnisch grinsen der Grenzsteine zu mir herauf.  759 und ein dickes „B“ beansprucht die 6 Meter Belgien, die zwischen den zwei Deutschlands hier liegen. 400 Meter weiter ragt Deutschland 4 Meter weit, auf einer Breite von 1 Meter nach Belgien hinein. Links Zuschauer in Deutschland, auf der belgischenTrasse eine Bank mit zwei Fans.  Die Vennbahn hatte, wie jede Bahn,  Vorfahrt. Belgien wollte, dass der jetzige Radweg das auch haben sollte. Da hier aber die L 106 endet, bekam Deutschland die 4 Meter, um die Sicherungsmaßnahmen zu übernehmen. Das deutsche Andreaskreuz ist leider abgebaut.

Auch wenn die Vennbahn nicht mehr existiert, es könnte ja der Damm eines Tages wieder für den Bahnverkehr genutzt werden, deshalb besteht Belgien auf die Hoheit über diesen Zwei- Meter-Streifen. Deutschland hat kein Interesse an einem Grenzkonflikt. Wir biegen ab nach Kernland Belgien.

Bei km 4,5 sind wir wieder in Deutschland, auf einem deutschen Weg, dem Eifelsteig, ein Grenzweg, Ortsteil Mützenich, rechts Belgien, links Deutschland, dahinter Belgien, dahinter wieder Deutschland.

Einst war hier ein 200 Meter langer Hügel auf (jetzt) belgischem Gebiet, er wurde 1909 von Erich Offermann angelegt. In dem Hügel gab es einen hölzernen Schacht und darüber eine Winde, die 300 Kilogramm heben konnte. Es war die weltweit erste Abschussrampe für Segelflugzeuge. Erich Offermann organisierte 1922 die Junkers-Südamerika-Expedition. Er starb 1930 beim Europa-Rundflug, der gestern auf den Tag genau in Berlin endete. 60 Flugzeuge nahmen teil, ich träume vom Europalauf. Die Firma Junkers in Simmerrath stellt jetzt Heizungen her.

Der Steling ( 659 m) liegt in Belgien, wir sind im Hohen Venn ( Hautes Fagnes). Grenzsteine mit B auf der einen Seite, P für Preussen auf der anderen. Es gibt auch Grenzsteine aus der Zeit vor Napoleon, also Ancien Regime, darauf keine lesbaren Zeichen. Hier oben liegt auch der große Granitfelsen, auf dem Kaiser Karl der Große übernachtete. Es war die grenzenlose Zeit, es war die Zeit des größten europäischen Reiches. Es hatte 400 Jahre Bestand, es gab unterschiedlichen Währungen, ohne Griechenland. Der neue Karl-der-Große-Weg trifft sich hier mit dem Eifelsteig.

Die besonderen klimatischen Verhältnisse gewähren von hier oben eine grandiose Weitsicht, die Nordseeluft trifft auf die ersten Berge. Man sieht Vogelsang, die einstige NS Ordensburg, den Kermeter, den man beim Rurseemarathon umrundet, das Siebengebirge und sogar den Kölner Dom. Alles Marathongebiete, die man sehen könnte, gäbe es nicht den ersten Spätsommernebel.

Das Waldgebiet gehört zum Reinartzhof und war über Jahrhunderte die Rettung für Verirrte auf dem Weg von Eupen nach Sourbroth. Wir laufen  auf unserem Rückweg über die Reste des Pavée de Charlemagne, dem Pfad, den Karl der Große um 800 durch das Moor anlegen liess. Auf Holzunterlagen ruhen dicke Steinschichten, die hat man während der vielen  Kriege verstärkt. Mittlerweile hat sich ein hoher Damm gebildet, der mit nahtlosem Asphalt das Laufen einfach macht.

Das Hochmoor ist das größte Europas, nicht zu unterschätzen. Hier liegen Soldaten aus vielen Kriegen, auch Flugzeuge und sogar Zöllner aus jüngerer Zeit. Ein sagenhafter Friedhof, in dem man nicht unbedingt einsinkt. Das Moos wächst einfach und schnell über die Rückstände der Zivilisation, drückt sie tief nach unten. Das Schild „Weserquellen“ ist nicht ganz korrekt. Der Fluss wird erst ab Hannoversch Münden so genannt.

Zahlreiche Hecken durchziehen das Land. Es sind alte Umzäunungen von Grundstücken, Äcker und Weiden, die vor den starken Westwinden schützen. Nun ist dies der Nationalpark Eifel, Hecken dienen jetzt als Versteck der Fauna. Ein Grenzstein trägt die Nummer 729, ein anderer „IGM“. Das heisst jetzt nicht „Internationale Grenz Markierung“ oder „Institut für Geodesie et Menstruation“, sondern bedeutet Institut Geographique Militaire. Man hat sich nach 1918 viel Mühe gemacht, die neuen Gebiete zu vermessen.

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