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12.09.09 - P-Weg Marathon

Walkabout auf Traumpfaden

Autor: Joe Kelbel

Die Grafen von der Mark zählten im Hochmittelalter zu den mächtigsten und einflußreichsten westfälischen Regenten im Heiligen Römischen Reich. Ihr Name lebt heute weiter im Namen des Märkischen Kreises und in der geographischen Bezeichnung Märkisches Sauerland.

Im Herzen des Märkischen Sauerlandes, eine halbe Autostunde südlich von Dortmund, liegt die Stadt Plettenberg. Das wäre nichts Besonderes, wenn hier nicht vier kleine Bäche (Lenne, Else, Oester und Grüne), vier Täler, jeweils etwa 400 Meter tief, in das Mittelgebirge gewaschen hätten.

Wenn dir viermal so was Schönes wird beschert, dann ist dieses einen Ultra wert!

68,2 Kilometer sind es dieses Jahr für den Ultralauf, happige 1937 Höhenmeter kommen zusammen auf dem Rundweg um Plettenberg, der verniedlicht einfach nur P-Weg genannt wird.

Der Marathon hat 1201 Höhenmeter, der Halbmarathon 652 Höhenmeter. Walker sind gern gesehene Gäste. Wer danach noch nicht genug hat, der darf sich am Sonntag noch mit dem Mountainbike austoben:  43 km /1201 hm und 87,7 km auf 2616 hm. Sportler, welche die Disziplinen kombinieren, erhalten VIP-Status.

Der Plettenberg-Weg folgt dem  Grenzweg der Stadt Plettenberg aus dem 16. Jahrhundert. Da es zu dieser Zeit keine Landvermessung und keine Karten gab, nahm die Bevölkerung regelmäßig  Grenzbegehungen vor  Ähnlich wie die Songlines in Australien, diese unsichtbaren Linien, die sich durch das Land ziehen, enstanden beim Markenumzug  Texte, die die topographischen Gegebenheiten festhielten: „Von der Wibbecke tüschen den Hangkers und Lackerhoff. Van dar durch die Lenne und dieselve hinup langs die Lennebrügge den Frylentroper Berg henan an einen Hilgen Stock. Von dar up die Steppeln durch Hülskotten ofer der Eickhagen, dar ein Mahleick mit Crützen gefunden wird.“

Das Abgehen dieser Songlines, die durch ihre Liedtexte eine Landkarte bilden, heißt in Australien „Walkabout“, hier im Märkischen früher Markenumzug und heute schlicht Ultramarathon.

Bruce Chatwin hat in seinem Buch „Traumpfade“ beschrieben, wie die Aborigines jegliche Veränderung in der Natur als Heimatverlust empfinden. Um wieder  die Seele in Einklang mit den Veränderung zu bekommen, werden die überlieferten Songlines abgewandert, so wie es schon die Ahnen machten. So auch in Plettenberg : hier wird viel Wert auf die Erhaltung der Heimat gelegt.Der Sportler hat einen Ehrenkodex zu akzeptieren, der dem Schutz des Waldes und der Wege dient.

Der Oberaborigines Joey Kelly  könnte  auch die lange Strecke laufen, aber dort treten nur etwa 70 Läufer, 8 Wanderer und 5 Walker an, während er beim Halbmarathon etwa 700 Läufer und 300 Walker betreuen kann. Daß der Calli aber dabei sein soll, halte ich für ein Gerücht.

Kein Gerücht ist, daß zwei weitere Prominente für diesen Walkabout werben: Rosi Mittermaier und Christian Neureuther werden bei km 33 der Strecke einsteigen, dort wo die Marathonläufer zurück nach Plettenberg geführt werden, und das letzte Stück  mitwalken, um dann im Anschluß die Siegerehrungen durchzuführen .

Die Ultrastrecke ist also bis km 33 identisch der Marathonstrecke (wo auch etwa 70 Läufer antreten) . Doch dann werden die Ultras noch zwei weitere Täler durchlaufen müssen, somit  den Prominenten nicht begegnen.  Alle Disziplinen, Läufer oder Walker, haben entzerrte Startzeiten, so dass ein friedliches Ablaufen der Songlines garantiert ist.

In seinem Buch vertritt Chatwin seine These, dass der Mensch zu nomadischer Lebensweise geboren wird. Kriege und exzessive Gewalt in Gemeinschaften entstehen erst dort, wo Menschen sesshaft werden und Eigentumsansprüche entwickeln. Am 12. und 13. September verzichten rund 200 Eigentümer (es gibt keinen staatlichen/städischen Wald), die Besitz an Wald, Feld und Wegen haben, auf ihre Eigentumsansprüche und öffnen Tore, Zäune und Grundstücke für diesen großen Walkabout .

Die exakte Strecke wird nicht bekannt gegeben, zu viele Auseinandersetzungen gab es im Vorfeld mit den Grundsstückseigentümern, die Strecke variiert somit von Jahr zu Jahr und wird deswegen von mir auch nur grob beschrieben.

In der Turnhalle darf man von Freitag bis Sonntag kostenlos übernachten. 20 Sportler nutzen das Angebot. Das üppige Frühstück kostet einen Fünfer. Doch empfehle ich ohne Frühstück auf die Strecke zu gehen, denn die Verpflegung ist spitze. Offiziell alle 5 Kilometer, aber in Wirklichkeit in 3 bis 4 Kilometer-Abstand, und vom Feinsten.

 
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Samstag, 7:30 Start.

Wir laufen wenige Meter, dann ist schon Schluß mit lustig. Steil geht es hinauf auf den Tanneneck. Es ist so steil, daß hier  im Wesentlichen schon die Endplazierungen entschieden werden. Schneller Blick zurück nach Plettenberg, bevor wir durch die Milkakuh laufen, dann geht es wieder steil bergab, ins Tal der Lenne, zum Ort Pasel.

Von den hohen Felsen, oberhalb des Flusses, so erzählt die heimatliche Songline, stürzte sich einst ein Burgfräulein auf der Flucht vor dem wilden Ritter Dietrich in den Fluß, der Felsen trägt den Namen Jungfernsprung.

Oberhalb von Pasel ist die Burg Schwarzenberg. Sie wurde 1301 durch Graf Engelbert II von der Mark gebaut. Zwei gefangene Arnsberger Raubritter gruben den Brunnen. Als sie auf Wasser stießen, durften sie wieder nach oben und fielen  im Sonnenlicht tot um. Wir laufen so schnell abwärts, daß wir leider keinen Blick auf die nahe Ruine erhaschen können.

Nördlich der Burgruine, das sieht man aus dem Tal, ist der  Engelbertstuhls. Hier ist eine sitzartige Vertiefung im Felsen, wo Graf Engelbert von der Mark sich nach seinen Kämpfen ausruhte.

 
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In Pasel überqueren wir die Lenne und kommen in das Gebiet der Grafen von Arnsberg (13.Jahrhundert), die ihr Herrschaftsgebiet durch die Gründung von Bauernhöfen absicherten. Sämtliche Gehöfte durch die wir laufen werden, stammen aus diesen Gründungen des 13.Jahrunderts.

Auf vier km haben wir jetzt 250 Höhenmeter zu überwinden, um zur Hohen Wibbecke zu gelangen. Teilweise 20 % Steigung jagt den Puls nach oben. Es ist nur brutal. Es ist kalt, neblig und wir sind klatschnass geschwitzt, als wir nach einer Ewigkeit oben ankommen.

Nach der Anstrengung geht es einfacher über einen Höhenrücken, bis man schließlich ca. bei km 16 auf eine große Freifläche "Am Birnbaum" kommt. Nach Querung der Straße geht es  bergab und natürlich wieder bergauf.

Der P-Weg nimmt plötzlich eine Wendung. Es müssen noch einmal ein paar quälende Höhenmeter überwunden werden. Anschließend geht es über ein kleines Trail-Stück,  ca. 22 km sind absolviert.

 
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In Teideln überqueren wir wieder die Lenne und gelangen zurück in das Gebiet der Grafen von der Mark. Über 3 km stetiger Anstieg  führt uns nach Selscheid. Kurze Verschnaufpause und die Aussicht genießen und schon geht es wieder zur Sache: der Aufstieg zum Gehöft Grävinglöh. Von hier aus geht eine Songline zum Hexentanzplatz und die Marathonläufer zurück nach Plettenberg. Wer hier bei km 33 nicht bis 12:30 Uhr durch ist, der darf nur noch den Marathon finishen.

Zielsetzung dieser üblichen Vorgehensweise ist es, die Wartezeiten der Streckenposten, Rettungsdienste und sonstigen Helfer auf ein "erträgliches Maß" zu reduzieren. (Die Wanderer/Walker starten eine Stunde vor den Läufern)

Am Wanderheim des Sauerländischen Gebirgsvereins vorbei geht es runter nach Hüinghausen. Der Weg ist knüppelhart und sehr steil. Einige Angehörige der Läufe haben sich mit kostenlosen Shuttlebussen nach Hüingshausen bringen lassen, um mit der Märkischen Museumseisenbahn zu fahren. Andere sind vom P-Weg-Team ins Erlebnisbad oder zum Waldlehrpfad gefahren worden, um die Zeit bis Zielankunft der Läufer zu überbrücken. Die Songline von Hüinghausen erzählt von einem mächtigen Schmiedehammer und von glühenden Schwertern, die hier im Tal der Else hergestellt wurden.

 
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Wenn die Else überquert ist, geht es brutal steil auf einem Trail nach Dingeringhausen.Die Entstehung der dorfartigen Siedlung reicht weit in das Dunkel der Geschichte zurück. Nein, es ist kein Trail es ist eine mörderischer Hang mit roten Pfeilen als Markierung.

Abwärts geht’s ins Oesertal. Durch dieses Tal kamen 1622 die Spanier  und 1679 und 1807 die Franzosen, um die Stadt Plettenberg zu besetzen.

Es geht  einen Hohlweg runter, Richtung Kückelheim. Der Weg ist brutal zerfurcht, die Beine Schmerzen auf diesem unebenen Untergrung, man stolpert und stößt sich die Füße. Elektrisch-spitze Schmerzen schießen von den Füßen nach oben und vereinigen sich mit den dumpfen Muskelschmerzen der Oberschenkel. Unten angekommen, geht es kilometerweit um die langgestreckte Oesertalsperre,  Das erste Mal, dass man frei laufen kann. Endlich gibt der geschundene  Körper  seinen Widerstand auf...endlich....es ist der Punkt, an dem der Ultraläufer aufblüht. Das Gitarrensolo der Hard Rock Gruppe Firehouse bringt mich endgültig in meine eigene Traumzeit. Km 44 ist erreicht, wer hier nicht bis 14:30 angekommen ist, der fällt aus der Wertung.

Der heftigste Anstieg des P-Wegs hinauf ins Ebbegebirge bringt dich fast um, aber es lacht das Ultraherz, wegen der enormen Anstrengungen kann es herzhaft lachen. Es ist eine wahre Freude, hier zu kämpfen. Mit der Nordhelle (663 HM) haben wir die höchste Stelle des Ultras erreicht. Von hier bis Norwegen gibt es keinen höheren Berg.

Die Sonne hat mitlerweile eine angenehme Wärme, die Aussicht ist grandios, bis weit zum Horizont. Ich breite die Arme aus und sauge die frische und volle Luft der Freiheit in meine glücklichen Lungen. Breit grinsend stehe ich dort oben  und bin dankbar, die goldenen Sonnenstrahlen des scheidenden Sommers in dieser wunderbaren Landschaft genießen zu dürfen.

 
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Ein steiniger Trail führt uns steil abwärts. Die Fußknöchel schmerzen bei jedem Tritt auf dem wackligen Geröll. Die Oberschenkel jaulen bei jedem bremsenden Tritt. Ich rutschte und stolper den Weg hinab, aber der Schmerz hat längst seine Macht verloren, er gehört dazu, ist  ein Teil der Lauffreuden, nur wie ein drückender Rülpser, nur unbedeutend.

Auf relativ ebener Strecke geht es von Windhausen aus an der Schutzhütte bei "Vier Kreuze" Richtung Sonneborn. In Sonneborn, km 58, wird die Strecke um 16:30 gesperrt, wer es nicht schafft ist draußen.

Die Songline berichtet vom Ritter von der Schwarzenburg, der hier die wundertätige Quelle aus Buße bewachen muß. Als ein tauber Wanderer vorbei kam, um sich an der Quelle heilen zu lassen, erkannte der Ritter seinen erzfeind, trat  ins Wasser und zerstörte den Zauber der Quelle. Aus Strafe wurde der Ritter ebenfalls taub. Noch heute ist dies der einzige Ort, an dem man  die Kirchturmglocken von Plettenberg, obwohl sichtbar, nicht hören kann.

Rechts ist der  Bärenberg, am Fuß ist der eingebrochene Eingang zur  180 Meter tiefen Kupfergrube. Von hier aus geht eine Songline zum Heiligenstuhl. Ihm vorgelagert ist der Rabenkopf. der Rabe ist der Vogel Wodans. Nach der Christianisierung unserer Vorfahren machte man anscheinend die gewohnten Wallfahrten nach dieser Bergeshöhe auch noch weiter, gab ihnen aber eine andere Bedeutung und errichtete dort als christliches Symbol den Heiligenstuhl.

Nach den bisher überlebten Abstiegen geht es jetzt verhältnismäßig sanft  abwärts ins Tal der Grüne.  Plettenberg liegt lieblich angestrahlt von den goldenen Strahlen des Spätsommers inmitten des Grün der satten Tannenwälder. Herrlicher Ausblick. Es macht riesigen Spass: die Aussicht, ein Bier und die letzten Kilometer. Es ist einfach schön.

 
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Eine Runde durch das Zentrum und schon ist das Ziel nach einem wunderbaren Lauf erreicht.

Medaille, Finisher-Shirt und automatisch kommt man auf die Bühne, wird begrüßt und begafft, ehe man sich der köstlichen Zielverpflegung witmen kann.

Der P-Weg-Ultra ist ein durchgehend stark profilierter Weg und nur für den wirklich gut Trainierten zu empfehlen. Die kürzeren Strecken auch für weniger Trainierte und gerade  auch für Wanderer ein schönes Erlebnis.  Die Organisation ist perfekt. Einmalig auf dieser Welt  sind die Empfänge der Helfer an den Verpflegungständen, die förmlich in Freudentaumel ausbrechen, wenn die Ultras erscheinen. Ein äußerst sympatischer Lauf der von den fröhlichen Helfern, Feuerwehrleuten und  Polizisten lebt!

Die Songlines der Aborigines berichten von der Schöpfung und der  harten, aber gerechten Natur, die europäischen dagegen von Mord und Totschlag, Kriegen und gebrochenen Herzen.

Der P-Weg hat mich nachdenklich gemacht. Vielleicht sind die modernen Nomaden, die Wanderer, Walker und Läufer die friedlicheren Menschen dieser Erde. Drum lasst uns mehr Walkabout machen! Ich werde meinen Walkabout sicherheitshalber am nächsten Tag beim Münster-Marathon fortsetzen.

 

 

Informationen: P-Weg Marathon
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