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25.02.17 - Streif Vertical Up

Abartig – aber genial

Ein Schrei gellt durch die Nacht. Ungebremst rast ein wild rudernder menschlicher Körper an mir vorbei, den steilen Abhang hinab, hinein ins Schwarz der Nacht. Das war knapp –  Glück gehabt. Noch fester bohre ich die Zacken meiner Steigeisen in den eisigen Untergrund, drücke mich keuchend in die Höhe. Mein Herz rast, meine Lunge brennt. Und mein Verstand fragt: Auf was hast Du Dich da eingelassen ….. ?

 

Abenteuer Streif

 

Was würden Deine Freunde sagen, wenn Du erzählst, dass Du dich zwei Stunden ins Auto setzt, um dann 3.312 Meter zu laufen? Spinner, vielleicht begleitet von einem milden Lächeln (man kennt ihn ja ….). Und was würden sie sagen, wenn Du ergänzt, dass Du dabei 860 Höhenmeter überwindest? Oberspinner! Wenn Du dann fortfährst: Ich laufe die Streif, von unten nach oben ….. ungläubiges Grinsen, das verrät, was sie denken: Der hat sie nicht mehr alle! Geht denn das?

Ohne Zweifel: Der Streif Vertical Up in Kitzbühel, die wohl berühmteste und auch berüchtigste Skiabfahrtsstrecke der Welt uphill führend, ist bestens geeignet, Deinen Nimbus als Lauffreak zu festigen. Zum mittlerweile siebten Mal treffen sich winterfeste Laufjunkies aus ganz Europa, um auf dieser Piste zwischen Hahnenkamm und Kitzbühel den ganz besonderen Laufkick zu erleben. Mit durchschnittlich 103 km/h rasen hier die Abfahrtsläufer schon seit 1931 in die Tiefe, mit etwa 100 km/h weniger geht es in umgekehrter Richtung hinauf. Plastischer ausgedrückt: Keine zwei Minuten ist ein Abfahrer unterwegs, ein Stündlein sollte man als Normalläufer schon einkalkulieren, um die Startrampe oben am Hahnenkamm zu erreichen. Hoffentlich. Wobei den Cracks die Hälfte der Zeit genügt. Dabei ist (fast) alles als Hilfsmittel erlaubt, was den Lauf unterstützt. Nur aus eigener Kraft muss man ihn bewältigen.

 

 
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Gestartet wird in zwei Laufkategorien: In der „Speed-Klasse“ folgt man direttissima der Original-Abfahrtsstrecke, in der „Rucksack-Klasse“ werden die härtesten Passagen über die sogenannte Familien-Streif umgangen. Ein weiterer Unterschied: Nur in der Speed-Klasse gibt es eine echte Wertung, während in der Rucksack-Klasse als einzige Devise gilt: Ankommen ist alles, Es „gewinnt“ derjenige, der der Durchschnittszeit am nächsten ist.

Bevor es jedoch ernst wird, gilt für alle Starter gleichermaßen: Auf ins K3 KitzKongress. Als „Dorf von Welt“ hat natürlich auch Kitzbühel ein Kongresszentrum, ideal gelegen zwischen Altstadt und der Hahnenkammbahn und gleich beim Auslauf der Streif direkt am Ortsrand. Hier bekomme ich die Startnummer und ein reich gefülltes goody bag. Eine kleine Messe lädt ein, den Fundus an läuferischen Winter-Accessoires aufzumöbeln. Zeit ist auch noch für einen Bummel durch die nahe Altstadt, weg vom Rummel rund um die Talstation der Hahnenkammbahn. Hier zeigt sich Kitzbühel, Österreichs Bussi-Kapitale, von seiner besonders charmanten und pittoresken Seite.

 

Start im Fackelschein

 

Gegen 18 Uhr wird es langsam voll im Zielauslauf der Streif auf Höhe des Hahnenkamm Zielhauses. Einen Startkanal, wie bei anderen Läufen üblich, gibt es nicht. „Breit statt spitz“ lautet die Devise, denn die Piste steht uns in einem weiten Korridor zur Aufstellung zur Verfügung. Uns, das sind gut 1.000 Starter in beiden „Klassen“. Und die sind ein wahrhaft buntes Völkchen. Besonders spannend ist der Blick nach unten, hin zu den Füßen. Denn dank freier Materialwahl ist allerhand geboten: Spikes, Steigeisen und Schneeketten sind besonders beliebt, andere starten mit Tourenskiern und Fellen, Schneeschuhen oder auch anderen abenteuerlichen Konstruktionen. Für mich selbst sind Steigeisen das Gebot der Stunde. Und Laufstöcke, damit meine Beine beim Anstieg nicht alles leisten müssen. Verpflichtend sind im übrigen Helm und Stirnlampe.

 

 
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Laute Beats hämmern aus den Boxen, ein Moderator pusht die Stimmung, mächtige Strahler leuchten das Startareal aus. Im letzten Abendlicht blicken wir auf die Bergkulisse rund um uns herum und vor allem natürlich auf die sich vor uns türmende Piste der Streif. Der vordere Block ist für die „Speed“-Starter reserviert, dahinter drängen sich die „Rucksackler“. Ein Meer von Lichtern, ausgesandt von vielen Hundert Kopflampen, erstrahlt. Vor uns säumen Kinder mit Fackeln in der Hand die ersten Pistenmeter. Eine fantastische Szenerie.

Um Punkt 18:30 Uhr ist es soweit. Zwei Trachtler lösen mit einem Kanonenschuss die Anspannung und gehen schnell in Deckung, als die Läuferhorde einer aufgeschreckten Bisonherde gleich die Piste erobert.

 

Mit Puls 200 via Zielhang über die Hausbergkante

 

Tatsächlich gelaufen wird auf den ersten hundert Metern, und das in einem Tempo, als fiele die Entscheidung schon auf diesem Wegstück. Letztlich sind es diese hundert Meter, die überhaupt ein Alibi dafür liefern, die Veranstaltung als „Lauf“ zu titulieren. Denn für das Gros der Starter enden mit dem Einstieg in den Zielhang sogleich jegliche Laufambitionen. Aus der Ferne betrachtet muss es ein besonders beeindruckendes Bild sein, wie sich der Lichterschwarm über den Hang ergießt. Mittendrin im Gekeuche und Gekreuche bekommt man davon nur ansatzweise etwas mit. Jeder ist mit sich und dem steilen Untergrund beschäftigt.

 

 
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Mit dem „Zielschuss“ bekommen wir gleich den richtigen, wenn auch nicht unbedingt ermutigenden Eindruck von der Spezialität des Kurses. Und die heißt: steiler Eishang. Zugegeben,  die Steigeisen sind hier klasse. Der Grip der scharfen Zacken im Eis gibt Sicherheit. Da rutscht nichts. Nur meine „Pumpe“ meldet sogleich: Piano, piano! Wenn man nicht gerade passionierter Speedkletterer ist, sondern nur auf eine Vita als erfahrener, aber nicht mehr ganz so junger Marathonläufer zurück blicken kann, ist diese Belastung eine ganz neue Erfahrung.

Die erste Kante, der Zielsprung ist erreicht, ein kurzer Blick zurück:  Wow …. das Lichtermeer ist atemberaubend - im Vordergrund das über den ganzen Hang versprengte Läuferheer, im Hintergrund das nächtliche Kitzbühel.

Nach links geht es in die sogenannte Traverse, bei der Abfahrt berüchtigt für ihre Wellen und Schläge, und sogleich weiter hinauf. Nicht steil, sondern supersteil. Ich mag gar nicht nach oben schauen und trotte stoisch, die vorderen Zacken meiner Steigeisen Schritt für Schritt mit Wucht ins Eis bohrend, den Abhang empor, als mich und auch die anderen zum ersten Mal ein Warnschrei elektrisiert. Ein Stück weit entfernt rast ein schreiendes Etwas den Abhang hinab. Als hätte jemand einen Knopf gedrückt, lösen sich auf einmal mehr und mehr Körper vom Hang und beginnen Ihren unkontrollierten Höllenritt den Steilhang hinab. Einem kann ich gerade noch durch einen beherzten Schritt zur Seite ausweichen. Das gibt es doch gar nicht! Gelesen hatte ich schon von solchen Vorfällen, doch so etwas live zu erleben, ist dann doch etwas ganz anderes. Zum Glück verletzt sich niemand ernsthaft.

Bei mir hinterlässt das Erlebte primär eines: Einen mächtigen Adrenalinschub. Hellwach bin ich und meinen Blick wende ich fortan nicht mehr von dem ab, was, wie und wo über mir dahin krabbelt. Mit Wucht beackere ich gleichzeitig den Eishang, um nicht selbst zum Opfer zu werden. Meine Steigeisen lassen mich nicht im Stich, doch fühle ich mich deutlich wohler, als ich endlich die legendäre Hausbergkante überschreite. Beim Abfahrtsrennen ist der weite Sprung über diese Kante, hinab in den Steilhang, einer der spektakulärsten und auch rennentscheidendsten Punkte. Wer beim Absprung nicht die richtige Richtung erwischt, landet unweigerlich in den Fangzäunen.

Der erste von den drei großen Steilhängen ist geschafft und vergleichsweise moderat ist der weitere Anstieg über den Lärchenschuss. Eine wahre Oase auf dem Weg zum Gipfel ist die Seidlalm. Eine Berühmtheit ist die urige Almhütte, ist doch die skirennfahrende wie singende Tirol-Legende Hansi Hinterseer hier aufgewachsen und wurde hier 1966 der Skiweltcup „erfunden“. Seit 2016 wird die Hütte von einem feschen Damen-Trio bewirtschaftet. Zumindest eine von ihnen lässt es sich nehmen, unterhalb der Piste an einem kleinen Verpflegungsstand die erschöpften Ankömmlinge mit einem  Becher warmen Tee aufzupäppeln.

 

Steil, steiler, Mausefalle

 

Zunächst noch recht moderat geht es weiter via Alte Schneise zum Gschöss. Den anstehenden nächsten Steilhang kann man in der Dunkelheit nicht sehen. Aber am Verlauf des Lichtbandes am Horizont  lässt sich doch ganz gut erahnen, wann es wieder hoch in die Lüfte geht.

Die Piste wird zunehmend steiler und eisiger. Besonders fies ist, dass sie sich gleichzeitig zur Seite abneigt. So konzentriert sich der Läuferpulk an der höchsten Stelle der Piste am rechten Rand. Die Zacken der Steigeisen sind zunehmend wieder gefragt, vor allem dann, wenn man sich nicht in die wie auf einem Single-Trail  am äußersten Pistenrand dahin schleichende Läuferkarawane einreihen will. Jedes Ausbrechen bedeutet hier jedoch auch: zusätzliches Risiko. Doch das, was ich vor der Hausbergkante erlebt habe, wiederholt sich hier nicht.

 

 
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Urplötzlich ist auch dieses Steilstück zu Ende und wir folgen ein Stück weit einer fast schon ebenen Pistenpassage. Wie die Motten zieht uns ein gleißend hell strahlendes Licht an. Von einem mächtigen Strahler hinter hohen Fangzäunen wird die vor uns liegende Piste von unten ausgestrahlt.

Ich weiß sofort, wo wir nun sind. Das „Sahnestück“ des Streckenkurses ist erreicht: Die „Mausefalle“, das bekannteste und steilste Teilstück der Strecke mit einem Gefälle von 85 % (!). Gerade einmal 8,5 Sekunden brauchen die Abfahrer vom Start aus bis hierher. Von der Steilheit der Passage, die wir voll auskosten dürfen,  bekommen die Abfahrer nur teilweise etwas mit – denn die fliegen einfach hinüber, mit einem Sprung von bis zu 80 Metern.

Emotional bin ich angesichts der Mausefalle schon auf erneuten Schrecken eingestellt. Links und rechts der Piste bewegt sich eine Läuferkette langsam nach oben, in die Mitte wagt sich niemand. Ich entscheide mich für den Weg, den die Mehrzahl nimmt: rechts. Und dieses Mal schert aus der Läuferkarawane niemand aus. Denn: Der Schrecken der extremen Steilheit wird erheblich dadurch entschärft, dass durch die vielen Läufertritte so etwas wie Stufen ins Eis geschlagen sind, auf denen man wie auf einer Treppe den Hang erobern kann.

Mit Erreichen der oberen Kante der Mausefalle bin ich dennoch erleichtert, auch wenn das Ziel damit noch keineswegs erreicht ist. Noch einen kurzen Schlenker macht die Piste, und dann ist er zu sehen: Der Gipfel.

 

Der Startschuss als Zielschluss

 

Uups, denke ich mir nur. Denn der Gipfel liegt weniger vor, als vielmehr über mir. Das ist er also, der Startschuss der Streif, auf dem die Abfahrer wie ein Sportwagen beschleunigen und sich mit 120 km/h der Mausefalle entgegen stürzen. Für uns ist der Startschuss nun der Zielschluss, bei dem wir uns auf dem 50 %igen, satt ausgeleuchtetes Gefälle nochmals final beweisen dürfen. Von oben hört man schon stimmungsmäßig den „Bären tanzen“.

 

 
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Vor mir sehe ich das dichte Band der Läufer durch den leuchtend weißen Schnee dem gleißenden Licht auf dem Gipfel entgegen ziehen – ein fantastisches Bild. Geradezu euphorisch reihe ich mich ein in die Reihe der Gipfelstürmer. Schritt für Schritt, schneller und schneller zieht es mich in die Höhe. Ein ganz besonderes Gefühl ist es, vom Gejohle und Geklatsche der vielen Zuschauer entlang der Banden auf den letzten Metern ins Ziel im Hahnenkamm-Starthaus getragen zu werden.

Es ist tiefe Nacht und ordentlich kalt auf dem Hahnenkamm, 1.665 m üNN hoch in den Kitzbüheler Alpen gelegen. Und doch herrscht in dieser Bergeinsamkeit eine Partystimmung wie man sie nur bei wenigen Läufen im Ziel erleben darf. Hunderte Läufer und Begleitpersonen wuseln herum, feiern sich und die Ankömmlinge. An der großen Open-Air-Bar  fließt das Bier in Strömen.  Kitzbühel weiß eben, wie man anständig feiert!

 

 
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Kitzbüheler Nächte sind lang

 

Gefeiert wird aber nicht nur im Ziel. Hat man es geschafft, eine Gondel der Hahnenkamm-Bahn zu ergattern und zurück gen Kitzbühel zu entschweben, geht das Feiern sogleich weiter: Im K3 KitzKongress ist alles für die große After-Race-Party gerichtet. Proppenvoll ist der Saal. Mit Lasagne wird das hungrige Finishervolk verköstigt. Sichtbar noch viel mehr Anklang findet jedoch die Flüssignahrung. Bataillone grüner Huber-Bier-Flaschen künden, je später es wird, davon.

 

 
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Alle sind noch zur großen Siegerehrung um 21:45 Uhr da. Gekürt werden nicht nur die Schnellsten – allen voran der Italiener Patrick Facchini mit einer Zeit von 31:16 Minuten – sondern auch die Besten der lokalen „Hogmoar“-Wertung, das größte Team, die am originellsten Angezogenen, in der Rucksack-Klasse der Läufer mit der durchschnittlichsten Zeit sowie derjenige, der mit 2:07 Std. am längsten die Strecke genossen hat. Schluss ist aber auch dann noch längst nicht, denn jetzt haben die Tiroler Mundart-Rocker „Passtscho“ ihren Auftritt.

Zugegeben: Die Streif uphill im Winter wettkampfmäßig zu bewältigen, ist rational schwerlich argumentierbar. Man könnte ein solches Unterfangen durchaus als „abartig“ einordnen. Aber ich sage Euch: Selten hat mir so eine Veranstaltung so viel Spaß gemacht, noch dazu, weil sie so perfekt organisiert und in Szene gesetzt wird wie in Kitzbühel. Traut Euch …. Ihr werdet es nicht bereuen.

 

Informationen: Streif Vertical Up
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