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04.07.14 - Südtirol Ultra Skyrace

Laufextremisten unter sich

Südtirol ist eine jener Sehnsuchtsregionen, die uns besonders anziehen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven: Für die Kraxler, Tourengeher und Biker sind es die bizarren Felsburgen der Dolomiten, für Freunde bodenständiger kulinarischer Genüsse der Törggelen, Schlutzkrapfen und der berühmte Schinken im Vinschgerl. Und für manche gar die Kastelruther Spatzen.

Dass Südtirol auch ein Paradies für Trailrunner ist, spricht sich in der Szene allerdings erst allmählich herum. Überregionale Bekanntheit haben bislang allenfalls der Dreizinnenlauf in Sexten und Brixens Dolomiten Marathon. Wer diese Bergläufe erlebt hat, kann erahnen, welch fantastisches Potenzial die Region hat. Ein neues Laufgewächs schickt sich nun an, dieses Potenzial zu heben und verspricht zudem noch Grenzerfahrungen jenseits der Marathondistanz.

„Südtirol Ultra Skyrace“ nennt sich das Rennen. Nomen est omen: Stolze 121 km und 7.069 Höhenmetern verbergen sich hinter der Ultraklassifikation. Und wenn man bedenkt, dass man sich weitgehend in Höhen jenseits der 2.000 m üNN bewegt, erklärt sich auch der Beiname Skyrace. Fehlt eigentlich nur der Zusatz „Extrem“. Nur andeutungsweise bringt es die Ausschreibung mit dem Erfordernis der „Trittsicherheit und Schwindelfreiheit“ zum Ausdruck. Das ist keine Floskel. Wer hier antritt, sollte sich dessen sicher sein, sonst hat er ein Problem. Aber dazu später noch.

Die Premiere im letzten Jahr endete sogleich mit einem wetterbedingten Abbruch. Damit findet sich die Veranstaltung aber in guter Gesellschaft. Das gleiche Schicksal ereilte auch die Premieren des Eiger Ultra Trail und des Swiss Iron Trail. Dass man bei einer Hochgebirgstour einfach damit rechnen muss, weiß jedoch jeder, der sich auf so etwas einlässt. Und so sind es erneut 240 Läufer, die sich 2014 zum zweiten Anlauf anmelden und zeigen, dass die Faszination der Bergultras ungebrochen ist. Konkurrenz im eigenen Haus macht dabei eine neu ins Programm aufgenommene  „Kurzversion“ mit auch noch happigen 66 km und 4.260 Höhenmetern. Der überwiegende Teil entscheidet sich jedoch, wenn schon, denn schon, für die Hardcore Distanz. 

Zugegebenermaßen: Die kürzere Distanz hätte meinem Laufvermögen eher entsprochen. Aber wie heißt es so schön: „Du hat keine Chance, aber nutze sie.“ Und da man dafür, dies heraus zu finden, immerhin 40 Stunden Zeit hat, lasse ich der Unvernunft freien Lauf und erliege dem Reiz der 121 km. 

 

Nachtstart auf dem Waltherplatz

 

Der Waltherplatz im Herzen von Südtirols Kapitale Bozen, gleich neben dem Dom, ist der zentrale Anlaufpunkt für den Start. Im lauschigen Innenhof des feudalen Palais Campo Franco bekommen wir die Startunterlagen. Und dazu einen prall gefüllten „Goody-Bag“. Auch ansonsten tun die Veranstalter alles, um den Läufern einen Platz zum Wohlfühlen für die langen Stunden bis zum späten Start um 22 Uhr zu bieten. Ein paar Ausrüster-Stände, diverse „Fressbuden“, ein kleiner Biergarten incl. Bar unter ausladenden alten Bäumen verwandeln den Innenhof in einen Trailer Campus.

 
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Hier lässt es sich wunderbar aushalten. Wer keine Lust auf Südtiroler Spezialitäten oder Grillhendl hat, kann sich mit (kostenloser) Pasta den letzten Carbo-Schub holen. Das Duo Banana Rabbit spielt live auf. Viele kennen viele und so laufen die Gespräche rund. Nur beim Briefing um 19 Uhr verstummen sie kurzzeitig und so erfahren wir, dass die Strecke heuer ein besonders ausgeprägtes Schneefeld-Kriterium als Herausforderung für uns bereit hält. Der Durchgang zwischen Innenhof und Platz wird immer mehr zum Läuferlager. Dicht an dicht liegend suchen die Leute letzte Entspannung oder gar ein letztes Schläfchen.

Auf dem Waltherplatz wird derweil noch eifrig gewerkelt und ein wahrlich imposantes Startareal aufgebaut. Erst als es dämmert, merkt man, dass so etwas wie „jetzt geht`s gleich los“-Stimmung aufkommt. Ein letzter Ausrüstungs-Check, die Kleidersäcke fürs Penser Joch zur Halbzeit und für das Ziel gerichtet, dann kann es losgehen. Aber erst einmal zur Rucksackkontrolle. Strengen Blickes haben sich die Organisatoren hinter Tischen am Zugang zum Startbereich aufgebaut. Nur wer den Ausrüstungs-Check besteht, darf einlaufen. Sicherheit und Selbstautonomie werden groß geschrieben. Zum Pflichtgepäck gehören etwa zwei Stirnlampen mit Ersatzbatterien und Handy mit eingespeicherter Notfallnummer, Erste-Hilfe-Set und Signalpfeife, wasserdichte Jacke und warme Kleidung, selbst Handschuhe, wichtig auch: Essen und Trinken. Zwölf Versorgungsstationen gibt es zwar unterwegs. Aber 10 km Abstand können sich im Hochgebirge zeitlich verdammt lang hinziehen.

Auf meine Frage, was er sehen wolle, fallen meinem Kontrolleur die Ersatzbatterien ein. Ausgerechnet die! Wo habe ich die bloß hingesteckt? Ich ziehe mein Erste-Hilfe-Set heraus. Der Anblick scheint Eindruck zu machen. Ich höre nur etwas von „organisierter Mensch“ und „passt so“ und schon bin ich durch.

Der in den Abendstunden festlich beleuchtete Waltherplatz bietet eine wundervolle Kulisse für das mächtig aufgebrezelte Läuferheer. Musik ertönt, eine Mischung aus Euphorie und Pathos macht sich breit. Das lässt keinen kalt. Nachdem uns schon den ganzen Nachmittag immer wieder feuchte Himmelsgrüße erreicht haben, soll der Start wegen einer drohenden Regenwolke kurzfristig um zehn Minuten verschoben werden. Genauso kurzfristig überlegt es sich der Startmoderator dann aber doch anders und verkündet. Wir starten pünklich. Und zwei Minuten später läuft der Countdown. Mit Hurra stürzt sich die Meute ins Laufabenteuer.

 

Gewaltmarsch zum Rittner Horn

 

Dass ein Berglauf um 22 Uhr gestartet wird, mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheien. Doch wird dies schnell plausibel, wenn man sich den Verlauf der ersten Etappe anschaut. Denn die dient primär darzu, uns erst einmal 2000 m in die Höhe zu katapultieren: Von 264 auf 2.260 m üNN. Dass Bozen so niedrig liegt, erahnt man angesichts der bergumrahmten Lage nicht. Ebenso wenig, dass es hier richtig heiß werden kann. Ein Start in den kühleren Nachtstunden bringt da zumindest eine gewisse Erleichterung.

 
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Der erste halbe Kilometer durch die Altstadt Bozens, über den Kornmarkt, dann durch die berühmte Laubengasse, fühlt sich an wie ein Triumphlauf. Zu Hunderten stehen die Bozener am Streckenrand und beklatschen den Auszug der Matadore.

Doch jäh ist der Stadtrand erreicht, jäh umfängt uns die Stille und Dunkelheit der Nacht. Und jäh hört man nur noch das Schnaufen der Läufer und Klackern der Laufstöcke. Sofort geht es bergan, steil bergan. Wir folgen einem schmalen Asphaltsträßchen, das sich in langen Schleifen durch Weinberge hinauf windet. Rasant gewinnen wir Höhe. Ein grandioser Blick über die Lichter der Stadt eröffnet sich hinter uns. Doch wenig später umschließt uns dichte Natur, wird aus dem Sträßchen ein schmaler Pfad und nichts lenkt uns mehr beim Kampf um die Höhenmeter ab. Aber noch haben wir genug Energie, dies ohne größere Probleme zu bewältigen. Immer wieder erinnern uns vereinzelte Blitze und Donnergrollen kreisender Gewitter daran, dass es heute Nacht noch ungemütlich werden kann.

Gegen 23 Uhr künden Lichter am Horizont die nahe Zivilisation. Wir folgen der menschenleeren Durchgangsstraße, die uns hinein ins Dorf Oberbozen (1.221 m üNN) führt. 6,5 km und die ersten knapp 1000 Höhenmeter sind geschafft. Von Bozen aus kann man das Hochplateau von Oberbozen auch per Gondelbahn „erklimmen“, etwa um die Erdpyramiden zu besuchen. Sie sind eine Attraktion des Ortes. Im Katzenbachtal unterhalb des Dorfes hat die Erosion einen eigentümlichen Wald aus Säulen und Kegeln geschaffen. Im Schutze einzelner harter Felsplatten blieb das sich darunter befindliche weichere Erdmaterial erhalten, während Wind und Wetter rundherum alles abgetragen haben. Wer in der Nähe ist, sollte sich das nicht entgehen lassen. 

Der erste Eindruck eines tiefschlafenden Dorfes täuscht. Dicht gedrängt umringen Helfer und Zuschauer einen gut bestückten Verpflegungsstand und begrüßen uns mit großem Hallo. Kurz darauf verschlingt uns wieder die Nacht. Auf einem flachen, teils gar leicht bergab führenden Waldweg können wir kurzzeitig Tempo machen. Nur um den Höhenverlust gleich wieder abbüßen zu müssen. Tempo machen auch die Gewitter und immer wieder überschütten sie uns mit monsunartigen Regengüssen. Die Regenjacke schützt gut die obere Körperhälfte, nicht jedoch meine Schuhe, die schon bald Wassereinbruch melden. Im wärmeproduktiven Berganmarsch spüre ich aber weder Nässe noch nächtliche Kälte.

Kilometer um Kilometer spulen wir durch zumeist waldiges Gelände ab. Verstärkter Wind meldet uns das Erreichen luftigerer Hochlagen. Auf einem unbequemen Felspflasterweg geht es geradewegs über die Almen nach oben, hin zu einer langsam näher rückenden Lichtquelle hoch über uns. Es ist 2:30 Uhr, als ich nach 19 km den hell erleuchteten Versorgungsposten auf dem Rittner Horn  erreiche. Dicht an dicht kuscheln sich die Läufer auf 2.260 m üNN bei heißer Suppe und Tee unter dem großen Baldachin, denn draußen ist es ungemütlich frisch und zugig. Wer zu lang verweilt, merkt schnell, wie die Kälte in den Körper kriecht. Und so groß die Freude sein mag, es hierher geschafft zu haben, so groß ist die Freude auch, den Laufmotor wieder in Bewegung zu setzen. 

Mit süßen, frischen Wassermelonen im Bauch stürze auch ich mich wieder in die Nacht. Durch weitgehend offenes Gelände mit niedriger Vegetation traben wir auf Naturpfaden in stetigen Auf und Ab dahin. Die Nacht verhindert zwar Blicke in die Ferne, aber konzentrieren müssen wir uns ohnedies auf die Nähe. Auffällig ist, dass das Wasser nicht nur von oben, sondern auch von unten kommt. Der steinige Pfad ist durchsetzt von Rinnsalen jeder Größe, Tümpeln, Pfützen und Morast. Fast könnte man meinen, der Berg sei ein einziger Schwamm, aus dessen Poren überall das Wasser trieft. Jeder unvorsichtige Tritt birgt das Risiko eines Fußbades.

Die Orientierung ist kein Problem – eigentlich. Der Kurs ist gut markiert. Fähnchen, aufgesprühte Bodenpfeile und -punkte in Neongelb reflektiven das Licht der Stirnlampen schon von weitem. Aufpassen sollte man trotzdem, nicht allzu sehr seinen Gedanken nachzuhängen, sonst ist man auf einmal ohne Markierung allein in der Bergeinsamkeit. So passiert es auch mir. Tja, da bleibt nur der geordnete Rückmarsch. Nach 300 m sehe ich den verpassten Abzweig und die Glühwürmchenkette der einen Hang erklimmenden Läufer.

Zunehmend felsiger werden Untergrund und Umgebung. Ein kalter Wind bläst mir ist Gesicht. Auf einmal sehe ich vor und tief unter mir die Lichter eines Dorfes blinken. Es ist Sarnhein im Zentrum der Sarntaler Alpen, die wir auf unserem Trail umrunden. Bei der Streckenführung haben die Veranstalter keineswegs das Rad neu erfunden. Als „Hufeisentour“ ist unser Streckenkurs unter passionierten Bergwanderern bekannt. Üblicherweise wird dieser Höhenwanderweg in sieben Tagesetappen empfohlen. Unsere Empfehlung heißt: 40 Stunden.

Am Aussichtspunkt haben wir die Sarntaler Scharte auf 2.460 m üNN erreicht und zum ersten Mal bedauere ich, dass ich einen Streckenteil nicht bei Tageslicht erlebe. Zwei Bergwachtler trotzen der Kälte und passen auf, dass niemand voreilig über die Steilhangkante läuft. Auch das folgende Wegstück bleibt spannend. Wir folgen dem Grat, über dessen Almen die Wolken brausen und durchstoßen die 2.500 m-Grenze. Einen Moment sieht man fast gar nichts mehr, dann erscheint wieder alles ganz klar, und das im stetigen Wechsel. Ein ausgesetzter Bergpfad führt uns schließlich durch eine Felslandschaft bergab.

Es ist 4:30 Uhr, als ein gleißender Lichtpunkt vom nächsten Zwischenziel kündet. Vor einer Totenkirchl genannten Kapelle ist ein Zelt aufgebaut und bietet uns Nachteulen nach 30 km Schutz und ein frühes Frühstück. Schokolade und Cola sind das für mich. Schilder vor dem Posten weisen darauf hin, dass sich hier die Wege von 121 km- und 66 km-Läufern trennen. Für Zweitere geht es weiter ins Sarntal hinab. Dem Rest steht in der Höhenlage bleibend die wohl bequemste und höhenmeterärmste Etappe bevor.

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