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27.07.13 - Swissalpine

Da wo’s schön ist (K 78)

 

Davos – Monstein (Start bis 15,5 km)

 

 
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Ich beginne sehr verhalten. Wer sich ein wenig für lange, insbesondere für ultralange Läufe interessiert, weiß: In der Ruhe liegt die Kraft. Da hilft es natürlich zwangsläufig, wenn man nicht (mehr) so flott laufen kann, also ganz natürlich ausgebremst wird. Ich habe mir spaßeshalber mal einige meiner Urkunden angesehen, auf denen bei den Zwischenzeitnahmen auch der augenblickliche Rang angegeben war. So bin ich z.B. in Biel, Rom oder letztens in Prag bei recht gleichmäßigem Tempo insbesondere im letzten Drittel quasi von alleine deutlich nach vorne gespült worden. Theoretisch ist uns das ja allen klar, nur an der Ausführung hapert es häufig. Wird das heute auch so gehen?

Aus dem Stadion heraus geht es auf einer großen Runde durch Davos Dorf und Platz, gemeinsam mit uns sind auch die Teilnehmer des C42 und K30 gestartet. Auffällig viele Fans sind zu dieser frühen Stunde schon am Straßenrand und verabschieden uns mit guten Wünschen. Ausdrücklich ausgenommen davon sind wohl die orthodoxen Juden, die sich in großer Zahl von jung bis alt in der Stadt aufhalten und vermutlich nicht nur mir auffallen. Sie streben im Kaftan (schwarzer Mantel) und mit Streimel (Fellhut) auf dem Kopf zur Synagoge, schließlich ist heute Sabbat, den wir in ihren Augen sicherlich schänden. Dieses Bild muß zu vergangenen Zeiten in vielen deutschen und europäischen Städten zum normalen Straßenbild gehört haben, für mich ist es völlig ungewohnt.

Brigitte Krämer unterhält mich am Dorfausgang und erzählt mir stolz, daß sie zweimal je 30 km von ihren beiden Söhnen begleitet werden wird, das ist doch eine feine Sache. Mit erstem Treichelgeläute verlassen wir Davos und laufen, noch etliche Zeit auf Asphalt, weiter ins Tal hinaus in Richtung Lengmatte. Die ersten Wellen nehmen wir noch locker, in weiser Voraussicht auf das Kommende wird aber auch schon mal das Gehen ausprobiert. Der Himmel ist blau, die Gegend schön, die Stimmung gut. So kommen wir nach 11 km ins Örtchen Spina, das uns mit großem Tamtam begrüßt, fast erinnert es mich ein wenig an Wengen beim Jungfrau-Marathon. Die erste größere Steigung bringt uns rund 150 m nach oben, noch begünstigt gnädiger Schatten das Vorwärtskommen.

Schrecken mich die heute zu absolvierenden 77,5 km? Müßten sie eigentlich, tun sie aber nicht. Wie vor drei Jahren in Biel bin ich bis zur Oberkante Unterlippe voll Adrenalin und vom Erfolg überzeugt. Positive Affirmation nennt man das, Norman Bücher predigt sie. Ohne Zweifel sind das gute Voraussetzungen, die mich hoffentlich über die zweitlängste je von mir gelaufene Strecke tragen werden. Denke ich allerdings z.B. an den kürzlich bei uns durchgeführten WiBoLT, Germaniens längsten Non-Stop-Landschafts-Ultratrail über den kompletten Rheinsteig von Wiesbaden nach Bonn (320 km, 11.700 HM) relativiert sich das hier zum Kindergeburtstag. Aber auch ein solcher kann, wie wir erfahrenen Eltern wissen, ganz schön anstrengend werden.

Birgit, die mit ihrem Norbert ebenfalls hier ist und auch mit uns in der Schatzalp wohnt, hole ich (erst) hier ein, ich bin doch ziemlich weit hinten gestartet. Wie lange werde ich heute benötigen? Das ist sehr schwer einzuschätzen, insbesondere bei den heutigen Bedingungen. Ausgehend von den Ergebnissen einiger Bekannter aus den vergangenen Jahren könnte ich mir so in etwa zehneinhalb Stunden vorstellen, dafür müsste ich allerdings die ersten 40 km bis Bergün in max. vier Stunden und zwanzig Minuten laufen können. Jetzt erfreuen uns aber erstmals Naturpfade, ich habe mich übrigens für Trailschuhe mit GoreTex entschieden, die mögen keinen Asphalt.

In Rotschtobel begeistern mich ein paar Schweine, die ich zum Entsetzen einiger auf der anderen Straßenseite stehender weiblicher Fans ablichte. „Ja, Mädels, ich mußte mich entscheiden, wer schöner ist: Die Schweine oder ihr!“ Glücklicherweise können sie über meine Frechheit herzlich lachen. Hier haben wir den vorerst höchsten Punkt erreicht und kommen, zunächst wieder auf festem Weg, über Monstein ins Tal. Auf den nächsten 14 km werden wir fast 700 Höhenmeter verlieren.

 

Monstein – Filisur (15,5 – 29,0 km)

 

 
© trailrunning.de 27 Bilder

Parallel und unter der Eisenbahnstrecke sehen wir in der Zügenschlucht einige wahrscheinlich uralte, in den Fels geschlagene Tunnel. Ein paar davon dürfen wir durchlaufen, andere sind wohl einsturzgefährdet und daher gesperrt. Sehr schön sind auch die Viadukte der Eisenbahn, die wir wiederholt unterqueren, immer wieder bieten sich uns tolle Eindrücke. „Sind Sie der Ansicht, Herr Orlinger, daß der Herr Duwe dieses von Ihnen soeben aufgenommene Bild veröffentlichen wird?“ Herbert und ich lachen uns scheckig, als wir uns zufällig treffen, er ist heute für den C42 zuständig und eine Zeitlang bleiben wir zusammen.

Nach 24 km durchlaufen wir mit dem Bahnhof von Wiesen einen markanten Punkt. Die Wirtin der Gaststätte, die uns gestern bei der Streckenbesichtigung noch mit Graupensuppe aufgepäppelt hatte, treichelt, was das Zeug hält, und jagt mich weiter auf das berühmte, 88 m hohe Viadukt. Auf einem schmalen, angebauten Gitterrost überquere ich es, nur nicht zu sehr nach unten schauen! Leider, leider fährt gerade kein Zug vorbei, das wäre zum Fotografieren zu schön gewesen. Schaut mal bei Klaus’ Fotos nach, der konnte dieses Bild einfangen. Uff, gut, endlich wieder im kühlen Wald, der Planet brennt gnadenlos.

Ein Bild, das sich mir jetzt schon ein paar Mal geboten hat, wird mich witterungsbedingt bis ins Ziel begleiten: Jede, aber auch wirklich jede Möglichkeit wird zum Abkühlen und/oder Trinken genutzt, egal ob Dorfbrunnen, Viehtränke, Bachlauf, kleiner Wasserfall oder offizielle Verpflegungsstelle.

 

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