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27.07.13 - Swissalpine

Da wo’s schön ist (K 78)

 

Filisur – Bergün (29,0 km – 40,0 km)

 

 
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In Filisur, nach knapp 30 km, haben es die K30er schon geschafft, ich habe hierher 3:16 Std. benötigt. Erste Zweifel bezüglich meiner Zielzeit machen sich breit.

Eigentlich würde ich sie, ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, heute gerne nutzen: Die an vielen Stellen, selbst im alpinen Teil (Wasser mit dem Hubschrauber nach oben transportiert!), auch von Privatleuten aufgestellten Gartenduschen zur Abkühlung. Aber das würde mir mein Fotoapparat nicht verzeihen, daher muß ich mich im Verzicht üben, auch wenn sie noch so verlocken.

Gute 300 m wird es auf den folgenden 11 km wieder aufwärts gehen, und „Gehen“ ist auch für uns das Stichwort, denn wiederum sparen wir uns auf etlichen Abschnitten einige Körner. Richtig heiß und staubig ist es mittlerweile auf den breiten Schotterpisten geworden, dagegen angenehm kühl, aber steil im Wald. Meine mit Iso gefüllte Flasche habe ich zur Hälfte geleert und lasse sie mit Wasser wieder auffüllen. Es gibt mir ein gutes Gefühl, immer eine Reserve dabeizuhaben, trotz der hohen Trankstellendichte nutze ich sie ausgiebig.

Die letzten drei km vor Bergün fallen erneut steil ab. Kurz vor dem Ort werden die C42er noch auf eine kleine Zusatzschleife geschickt, bevor sie im Dorf ihren wohlverdienten Zieleinlauf genießen dürfen. Es ist kurz nach 11 Uhr, als ich an der letzten Tränke erfahre, daß es hier auf rund 1.350 m bereits 31° heiß ist!

 

Bergün – Keschhütte (40,0 – 54,0 km)

 

 
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Bergün ist ein malerisches Dorf mit imposanten, teils mehr als 500 Jahre alten Wohngebäuden. Besonders beeindruckend ist auch der Platzturm (ehemals herrschaftlicher Amtssitz) aus dem 13. Jahrhundert. Jede Menge ist hier immer noch los, selbst nachdem die zwei Wellen des K42 bereits gestartet worden sind. Lautsprechermusik, Anfeuerungen, toll ist es. Da rappelt man sich doch gleich nochmal auf, läuft die steile, gepflasterte Hauptstraße mit federndem Schritt nach oben, um nach der Linkskurve und damit aus der Sicht der meisten Zuschauer heraus sofort wieder ins Gehen zu verfallen.

Die hierhin transportierte Wechselkleidung steht perfekt parat, und da ich mir nicht sicher bin, was mich auf großer Höhe wirklich erwartet, nehme ich sicherheitshalber eine leichte Jacke mit. Ich hätte sie besser im Rucksack gelassen, heute wird sie vollkommen überflüssig sein.

Tja, nach bisherigen gelaufenen knappen viereinhalb Stunden ist mir klar, daß das mit den avisierten zehneinhalb Stunden auf keinen Fall mehr etwas geben wird. Na gut, dann dauert es halt etwas länger, Ankommen zählt. Oh, ich Ahnungsloser! Besonders brutal ist es, am Bergüner Freibad vorbeizulaufen, das „Springe doch hinein!“ zu rufen scheint. Wie gerne wäre ich dieser eingebildeten Aufforderung gefolgt. In weiten Serpentinen windet sich der Weg hinauf, ab jetzt geht es eigentlich erst wirklich los. Was mich im künftigen Verlauf echt demoralisiert, ist das ständige Überholtwerden. Zwar sind es zumeist die K42er, die zunächst eine Schleife laufen mußten, bevor sie auf den K78er Kurs durften, aber es irritiert und frustriert trotzdem.

Den Marathon vollgemacht habe ich etwa auf der Höhe von Bellavista, bald fünf Stunden bin ich unterwegs. Immer wieder knattert jetzt ein gelber Hubschrauber über uns und ich hoffe darauf, daß Klaus darinsitzt und mich von oben segnet. Daß der Flieger auch noch ganz andere Aufgaben haben wird, wird mir später erst klar. Wir gewinnen zwar weiter an Höhe, ich habe aber nicht das Gefühl, daß es dadurch kühler wird und saufe jetzt schon wie ein Kamel. Wasser, Bouillon und der berühmte „Isotää“ verschwinden literweise in meiner staubigen Kehle. Jetzt, Joe, jetzt endlich verstehe ich Dich. Ein Königreich für ein kühles Bier!

Die Bilder des Elends häufen sich: An den Verpflegungsstellen, immer wieder auch unterwegs, haben sich Läufer niedergelassen und versuchen, so wieder zu Kräften zu kommen. Dabei sollte es erst jetzt richtig losgehen. Am Berghaus Pitz Kesch sind wir auf 1.825 m aufgestiegen, fast 500 m seit Bergün. Der Massagedienst hat, wie überall, Hochkonjunktur, ich entsage ihm, bleibe sicherheitshalber lieber in Bewegung und setze mich zwischendurch auch nicht hin. Zu groß erscheint mir die Gefahr, nicht mehr in die Puschen zu kommen. Dann, bei km 50, geht’s endgültig ans Eingemachte.

Von den zehneinhalb Stunden habe ich mich ja schon lange verabschiedet, jetzt ist nur noch Ankommen in Würde angesagt, Herausforderung genug! Laufzeiten werden ohnehin völlig überbewertet. Der Kollege neben mir nutzt sein iPhone als Diktiergerät: „Km 50, bin jetzt schon völlig platt. Wie soll ich den Rest überstehen?“ Doch 700 weitere Höhenmeter stehen auf den folgenden vier km an, der Weg erinnert mich fatal an die Jungfrau vor der Moräne. Mit schweren Schritten auf unebenem Untergrund wuchte ich mich Meter für Meter nach oben, keine Besserung in Sicht. Schweigen im Walde, alles ist verstummt und nur noch mit sich selbst beschäftigt. Die Kühe schauen sich das Ganze verständnislos wiederkäuend an. Die nächste Versorgungsstation gleicht einem Feldlazarett, schaut Euch die Fotos an, sie sprechen für sich.

Und weiter zieht die Karawane, erste kleinere Schneefelder tauchen auf. Allerdings nicht vergleichbar mit der Zugspitze vor drei Wochen, schließlich liegt durchgehender Hochsommer zwischen beiden Ereignissen. Dafür rauschen Gebirgsbäche mit Schmelzwasser die Hänge herab, immer wieder müssen wir sie auf kleinen Stegen oder über dicke Steine oder sonst wie überqueren. Klarer Fall: Auch hier labt sich das dürstende und schwitzende Volk. Wir nähern uns der Vegetationsgrenze, Bäume hat’s schon lange keine mehr. Und immer weiter geht es hinauf. Dann hebt sich ein Holzgebäude auf einem Grat scharf gegen den Himmel ab, nach weiteren schweißtreibenden Metern haben wir sie dann erreicht.

 

Keschhütte – Sertigpaß (54,0 – 59,0 km)

 

 
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Die Keschhütte auf 2.632 m ist beispielgebend: Im Jahr 2000 vollständig neu gebaut, nutzt sie die Sonne für die Energieversorgung der Hütte und bekam deshalb den Schweizer Solarpreis für besonders umweltfreundliches Bauen. Die Sonnenkollektoren (für Warmwasser) und die Solarzellen (für die Stromproduktion) werden durch ein kleines Wasserkraftwerk unterhalb der Hütte und seit Sommer 2011 zusätzlich durch zwei Windgeneratoren unterstützt. Das alles aber interessiert mich augenblicklich herzlich wenig, ich will nur Atzung, diese vier km Aufstieg haben mich geschafft.

Hier werde ich, wie schon in Bergün, namentlich begrüßt und stoße auf Andreas Zamperoni, der mit uns in der Schatzalp logiert, und auch schon frischer aussah. „Schau mal freundlich, Keule!“. Weltenbummler Klaus Neumann tut sich und mir den Gefallen, ein kleines Schwätzchen muß jetzt sein. Er ist heute auf dem K42 unterwegs. Wenn man jetzt keinen Sport treiben müßte, würde ich mich in die Sonne legen. Sagenhafte 20° sind es hier auf der Höhe! Dann hilft nichts mehr, es muß weitergehen.

Zwischen der Keschhütte als erstem markanten „Höhepunkt“ und dem zweiten, dem Sertig(s)paß, liegt eine ordentliche Senke, fast 250 HM verlieren wir auf den ersten beiden km. Und schwierig wird’s, der enge Pfad („Panoramatrail“) erschwert ein Überholen enorm, glücklicherweise ist das nicht mein Problem. Beeindruckende Aussichten öffnen sich uns, schade, daß man so sehr auf den Weg achten muß, eigentlich müßte man nur staunen und genießen. Wann hat man mal solch ein geiles Wetter auf dieser Höhe? Das Ganze bei Regen, Schnee und Hagel ist bestimmt alles andere als lustig. Und lausig kalt dazu.

 

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