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27.07.13 - Trail Römische Weinstraße

Die spinnen, die Römer!

Autor: Joe Kelbel

 
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Schild: “Felsensteig nur für Geubte”, Kamera zwischen die Zähne und runter! Das will ich, ist zwar zeitraubend aber auch in meinem wackligen Zustand äußerst freudig. Ja, dieser Weg ist die Krönung eines Trailers. Auch “Normalos” könnten das eventuell. Doch ein Läufer hüpft hier, springt, lacht und ist nicht normal mit seiner Trittsicherheit. “Sicheres Schuhwerk!” Jajaja Nike Free!

Warum der etwa 3500 Jahre alte Menhir genau auf der Gemarkungsgrenze zwischen den Gemeinden Trittenheim, Köwerich und Klüsserath liegt, ist rätselhaft. Sein volkstümlicher Name “Eselstratt” bezieht sich auf die runde Vertiefung. Eine christliche Jungfrau (damals gab es noch sowas) hat sich auf der Flucht vor heidnischen Rittern mit einem Esel ins Tal gestürzt. Zurückgeblieben ist der Hufabdruck des Esels. Seltsam, am gegenüberliegenden Ufer gibt es auch auch einen Hufabdruck. Dort, wo die Jungfrau gelandet ist.

Wir sind zurück, auf der Höhe der Brücke von Trittenheim und müssen unmittelbar wieder hinaufsteigen. Die Treppe ist demotivierend, ich beherzige den Rat eines wohlbekannten Laufpapstes, der sagte, dass eine Laufpause die Körpertemperatur während eines Laufes “minimiert”. Doch wie bitte, du grandioser ultrawissender  Papst mit deiner Weisheit, in dieser Drecksglut ?

Oben bei dem Hotel treffe ich Hans-Peter unter einem Gartenschlauch. Nach einem Bier in der Küche überhole ich Marcel, dessen “Gangart” besorgniserregend ist. Eindringlich rate ich ihm, zurück ins Hotel zu gehen, um dort ein Bier zu trinken. Lallend, mit runtergeklappten Jalousien erklärt er mir, dass ich nicht der einzige schlaue Trailläufer bin. Gemeinsam suchen wir den Weg, es ist schwierig.

Immer wieder kommen wir an alten Pestkreuzen vorbei, die von Trittenheimer Bürgern in der Zeit von 1643-1683 errichtet wurden, zum Dank für die Verschonung von der Pest. Insgesamt gibt es sieben, die in den letzten Jahren restauriert wurden.

An einem Waldtümpel treffen wir auf einige halbnackte Läufer, die auf allen Vieren aus der Brühe kriechen. Der Tümpel ist aufgewühlt, die halbfertigen Frösche liegen japsend auf dem Weg, die Läufer auch. Roland kämpft mit seinem Mageninhalt, den weder halbfertige Frösche noch Läufer sehen wollen. Aber Roland meint es “Ernst”.  Spiiitzen -Insiderwitz , denn so ist sein Nachname. Ein Ultraläufer setzt sich gegen seinen Willen und den der halbfertigen Frösche durch, Roland nicht.

 
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Beim dritten Verpflegungspunkt (km 56, Cut-Off 16:20 Uhr)  ist wieder Schluss für vier Läufer. Markus holt die Kriegsversehrten persönlich ab. Ich denke darüber nach abzubrechen, da kommt so ne Kutsche mit verrückten Weibern an und will mir Kondome für 5 Euro verkaufen. Die Vorstellung, dass ich Bier brauche und keine Kondome, das kapieren die heiratswütigen Weiber einfach nicht. Überlebenswunsch  steht vor Kopulationswunsch, meine Damen, auch wenn mein Ultraduft Euch mit Pheromonen willenlos macht!

Wegen der minutenlangen Diskussion war ich so verwirrt, dass ich den Aussichturm nicht erklommen habe. Von dort wäre mir ein schönes Foto gelungen, denn der “Fünf Seen Blick” ermöglicht den Blick auf fünf Moselabschnitte zwischen Hunsrück und Eifel, die durch vorspringende Felsen optisch seenartig unterteilt werden.

Es beginnt der Abschnitt Mehringer Schweiz, ein Rundwanderweg “für den sportlich Ambitionierten”. Gegenüber ist Fischerfest. Wasserskifahrer brettern über die kühle Mosel. Musik und Biergelächter schallt herüber. Schöne Stimmung, die da per Lautsprecher herübergetragen wird. Ich versuche mich an den Drahtseilen hochzuziehen, doch nur die Hände sind geschwollen, können kaum greifen. Aber ich kann lachen! Einfach nur geil dieser Trail, auch ohne Gänseblümchen.

“ Deine Kameraden haben sich richtig reingelegt ins Wassertretbecken!” Ich frage nur, ob da wirklich schon welche vor mir sind, ich habe doch alles gegeben! Unterhalb der Sommerrodelbahn “ Eingang Klettersteig”. Ich kann fluchen! Sehr laut!

 
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In einer Röhre liegt Hans-Peter. Mel daneben, flucht weil sie kein Wasser mehr hat. Es folgt “Die Wand”. Lediglich einmal in meinem Trailerleben habe ich an einem Hang eine nennenswerte Pause machen müssen, das war letztes Jahr beim Costa Brava Extrem. Das erste Mal in meinem Läuferleben denke ich jetzt ans Aufgeben. Vor meinen Augen verschwimmt alles! Verflucht, es ist 19 Uhr, die Cut-Off Zeit für km 70, und ich bin noch lange nicht dort.

Aber nicht allein! Vierter und letzter Verpflegungspunkt bei km 70, es ist 20 Uhr.
Acht absolut fertige Läufer treffen hier zusammen, Biggi und Sascha bauen uns auf!  Ohne zu übertreiben: Ohne die beiden Karnevalsjecken aus Mainz wäre niemand von uns nur einen Schritt weitergelaufen. Ganz, ganz großen Dank an Euch! Es ist schade, dass Ihr aus dem Orgateam ausscheidet. Wünschenswert ist, dass Ihr wieder in 2015 an diesem VP seid, es wäre wirklich nicht mehr ohne Euch gegangen!

Gerüchte gehen um, dass 15 Läufer spurlos verschwunden sind. Glücklicherweise meldeten sich diese bis Mitternacht beim Orgateam. Mitternacht? Heute Morgen habe ich gelacht, und die Stirnlampe aus meinem Rucksack entfernt.

Acht Freunde werdet Ihr sein!

Mel, Gabriel, Bianka, Martin, Chris, Marcel, Hans-Peter und Joe, alle nur von dem einen Wunsch getrieben, zu überleben, schwören sich Treue bis ans Ende.

Vier Stunden für die letzten 15 Kilometer? Aus dem Tal schallt laut die Musik der endlosen Partys: “Pretty woman, d´ont walk vorbei…” Fischerfest schon wieder? Unser Trupp riecht streng und wenn wirklich eine der Pretty Women an mir vorbei will, dann kämpfe ich um die Lufthoheit!

Es geht hinunter ins Tal der Mosel, rechts die rekonstruierte römische Villa Rustica mit mehr als 30 Räumen aus dem 3.Jahrhundert. Bei km 75 überqueren wir den Fluss und gelangen nach Mehring (Mariniacum, Hof des Marinus). Martin kennt das Pärchen, was nun Cola und Red Bull anbietet. Ein Vermögen wert ist die Stirnlampe, die sie Martin geben. Glücklicher Dank an Euch!

Pölich ( pulchra Villa, schönes Landhaus, km 77), wurde erst durch seine Hexenverbrennungen bekannt, an der Römerstraße ein Leugenstein des Kaisers Constantinus aus dem Jahr 306. Er gibt die Entfernung nach Trier mit 8 Leugen (= 17,748 km) an. Der 10. Leugenstein gab dem Ort Detzem (Ad Decimum Lapidem) seinen Namen. Nicht leugnen kann ich meine absoluten Tiefpunkt.

Der Rest des Laufes versinkt in der Dunkelheit, denn die Markierungen sind nicht für einen Nachlauf vorgesehen. Ich erinnere mich an den warmen Sturm oben an der Wiesenkuppe, der mich von hinten pusht, Wetterleuchten am Horizont und über uns der große Wagen und dann dieses Herumirren in der Dunkelheit. Ein Sommertraum, den mir niemand nehmen kann. Es ist meine Jugend, es ist mein Leben, es ist die Kameradschaft von uns Acht! Es ist wunderbar!

Zwei Minuten vor Mitternacht gelangen wir ins Ziel, wo wegen eines (nicht mitbekommenen Unwetters) sämtliche Zielaufbauten abgebaut waren. Gerne wäre ich noch über die Hüpfburg gelaufen, aber es ist auch so ein wunderbares Erlebnis, nach fast 17 Stunden, nach all den Abenteuern gemeinsam, zu Acht über die Ziellinie zu laufen.

Hart, heiß und unvergesslich. Danke an Markus, für dieses absolut unvergleichliche, unvergessliche und unverzeihliche Abenteuer!

Erstmalig gebe ich Respekt denjenigen, die nicht angetreten sind, und denjenigen, die abgebrochen haben.

Markus hat etwas Neues geschaffen! Ganz, ganz großes Kino im kulturellen Gebiet, welches du als Normalo niemals erleben wirst. Markus will die “Himmelsleitern” in 2015 eliminieren, ich sage: “Nein, bitte nicht, die Spinnerei ist einmalig in der Welt.” Alles auf diesem Trail ist einmalig in der Welt: die enorm steilen Steige, die Partien über den Felsen, und all die unmenschlichen Spielereien, die Gemeinheiten, all das möchte ich nicht missen, dies ist ein Trail der Weltklasse!

Doch Eines muss ich sagen: Die Römer und Du, Markus, Ihr habt gewaltig einen an der Waffel! Schön, Euch als Vorläufer zu haben. Ich hatte viel Spaß oder so ähnlich. Der Lauf darf so bleiben, aber er ist verdammt grenzwertig. Er muss wirklichen, abgebrühten Spinnern vorbehalten bleiben, nicht für jeden! Also, ich komme wieder! Mit dem Notausstieg bei km 33 in 2015 ist es optimal.

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