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09.09.17 - Ultra Tour Monte Rosa

Vier Tage Alpin-Abenteuer

Der Monte Rosa ist ein bis zu 4634 m hohes Gebirgsmassiv an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien. Die Ultra Tour Monte Rosa führt in der vollständigen Version komplett um diesen gewaltigen Bergstock herum.  Der Lauf wird von Lizzy Hawker organisiert, die unter anderem fünf Mal den Ultra Trail du Mont Blanc gewonnen hat. Als Trainingsstrecke zu ihren Wettkämpfen wählte sie oft Wege im Monte Rosa Gebirgsmassiv. Da ihr die Trail dort so gut gefallen, organisiert sie nun einen Wettkampf in diesem Läuferparadies. Zur Wahl stehen die komplette Umrundung mit 170 km und 11200 HM (nonstop oder in vier Etappen), sowie 115 km mit 8300 hm von Cervinia bis Grächen (nonstop oder in drei Etappen).

Schon in der Ausschreibung weist Lizzy darauf hin, dass die Strecke der UTMR um 30 % schwerer ist als der UTMB. Rückblickend würde ich diese Zahl sogar erhöhen, was vor allem an einigen technisch anspruchsvolleren Streckenabschnitten liegt.

Ich starte bei der viertägigen Version. Auch diese ist teilweise schwerer als das, was ich allgemein aus den Alpen kenne. Aber dafür erleben wir hier vier Tage Trailrunning in seiner ursprünglichsten, reinen Form und dürfen einfach nur auf wunderschöner, ganz hervorragend markierter Strecke laufen und marschieren, wobei ein gewisses Maß an Eigenversorgung dringend zu empfehlen ist.

Bei der 4-Etappen-Variante starten 132 Läufer, darunter zehn Prozent aus Deutschland. Mit Teilnehmern aus 42 Nationen und von vielen Kontinenten ist die Kommunikationssprache von der Ausschreibung bis zur Finisherparty ist Englisch.

 

 
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Am frühen Dienstagmittag checke ich in einer Pension an einem kleinen See oberhalb von Grächen ein, das auf 1600 m über dem Mattertal liegt. Hier kann ich gemütlich bei warmem Sonnenschein den Blick auf das Weisshorn und andere Berge genießen. Später gehe ich hinunter zum Gemeindehaus, wo vor der Ausgabe der Startunterlagen unsere Pflichtausrüstung sehr genau kontrolliert wird. Wer einen Buff für eine „warme Kopfbedeckung“ hält oder statt einer Regenhose, die bei Sturm und eiskaltem Regen den Läufern das Überleben sichert, nur eine billige Kunststoffhose aus dem Supermarkt hat, braucht sich nicht wundern, wenn er wenige Minuten vor Ladenschluss noch zu den Sportgeschäften rennen muss. In der Ausschreibung wurde sogar erklärt, warum die einzelnen Vorgaben strikt einzuhalten sind, ein Service, den mir bisher noch keine andere Veranstaltung bot. Aber auch alle anderen Infos vor dem Start verdienen die Bestnote. Für den Start braucht man hier nicht nur ein ärztliches Attest sondern muss auch eine Unfallversicherung nachweisen, die auch Suche und Helikopterbergung übernimmt.

Statt Pasta-Party gibt es am Abend in zwei Restaurants direkt am Startgelände ein kostenloses "Runners Meal". Das sehr leckere Menü im Walliserhof ist die beste Verpflegung, die ich jemals vor einem Wettkampf genossen habe.

Am Mittwochmorgen ab 5.30 geben wir unsere schweren Rucksäcke ab, die täglich zu den Etappenzielen transportiert werden. Nun wird kontrolliert, ob die Transponder an unseren Laufrucksäcken funktionieren. Noch etwas Livemusik, dann geht es um 6 Uhr los.

Die ersten fünf Kilometer laufen wir auf leicht ansteigenden Straßen und Waldwegen. Dann beginnt der erste steile Aufstieg über einen wurzeligen Pfad im Wald. Leider verhüllen tiefe Wolken den Blick auf die hohen Gipfel in der Umgebung. Nach etwa einer Stunde wird der Trail deutlich anspruchsvoller. Immer wieder fordern heftige Blocksteinfelder unsere Trittsicherheit. Manchmal balancieren wir über große Felsbrocken, gelegentlich nutze ich auch die Hände zur Fortbewegung. Bei einigen etwas ausgesetzten Pfaden sollte man schwindelfrei sein und vorsichtig laufen, da es steil bergab geht. In solch einem Gelände kommt man nur sehr langsam voran.


 
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 Unseren ersten Checkpoint, die 2220 m hohe Europahütte, erreiche ich um 11 Uhr. Nach einem kurzen Abstieg liegt eine der spektakulärsten Passagen dieser Tour vor uns. Erst vor wenigen Wochen wurde hier die längste Fußgänger-Hängebrücke der Welt eröffnet. Schier unglaubliche 494 m ist sie lang. Unterwegs blickt man durch das Metallgitter unter den Füßen bis zu 85 m tief hinab. Heute sieht es besonders gruselig aus, denn als ich die Brücke erreiche, verbirgt dichter Nebel das andere Ende. Doch die Brücke ist äußerst stabil und schwankt kaum wahrnehmbar. Der Europaweg zwischen der Europahütte und der Täschalp war schon immer sehr durch Steinschlag gefährdet. Vor einigen Jahren baute man eine teure Galerie, die Wanderer schützen sollte, doch die überlebte nicht lange. 2010 wurde eine 250 m lange Hängebrücke eröffnet, doch auch diese wurde bereits nach zwei Monaten durch Steinschlag zerstört. Für die neue Brücke wurden 730.000 Franken investiert.

 

 
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 Am frühen Morgen sorgte ich mich auf dem anspruchsvollen Streckenabschnitt darüber, wie ich bei so niedrigem Durchschnittstempo im Zeitlimit bleiben soll, doch mehr als 80 % der heutigen Strecke kann man gut laufen. Der Wechsel zwischen technischen und sehr entspannten Passagen gefällt mir hier ausgezeichnet. Nur schade, dass ich weiterhin wegen der tiefen Wolkendecke kaum etwas von den Gletschern auf beiden Seiten des Tales sehe. Das Weisshorn bleibt die ganze Zeit über vor meinem Blick verborgen, andere Gletscher kann ich zeitweise wenigstens durch Wolkenlücken erkennen. Dann taucht vor mir das Matterhorn aus den Wolken auf.  


 
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 Auch die restlichen Kilometer laufe ich meist über recht harmlose Wege und kann die Landschaft genießen. Der Tag gefällt mir immer mehr. Bald sehe ich auch Breithorn, Castor und Pollux vor mir. Nach dem kleinen Weiler Tufteren geht es hinab nach Zermatt, wo ich beinahe von einer Horde mit Höllentempo bergab rasender Radfahrer überfahren werde. Das Ziel liegt zwar mitten im Ort, ist aber völlig zuschauerfrei. Abendessen, Übernachtungen und Frühstück der drei Etappennächte sind im Startpreis integriert. Die Hotels liegen jeden Abend in unmittelbarer Nähe zum Ziel, für mich sind es immer weniger als zwei Minuten. Die meisten Läufer sind in Mehrbett-Appartments untergebracht.

Um 6 Uhr laufen wir zuerst leicht ansteigend durch Zermatt, dann wieder zügig bergauf. Eine sehr tiefe Wolkendecke verbirgt den Blick auf die Berge komplett. Nur ganz kurz kann ich den Monte Rosa sehen, dann schimmert für einige Minuten das von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtete Matterhorn durch den Nebel, bis ich wieder für eine Weile nur vom Grau umgeben bin. Nur wenige Minuten  später bin ich über der Nebeldecke und jubele beim Anblick vieler Viertausender unter strahlend blauem Himmel.  


 
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 Nun macht das Marschieren endlich richtig Spaß! Bald erreiche ich bei der Gandegghütte (2929 m) die erste Verpflegungsstelle. Dies ist eine der am schönsten gelegenen Hütten der Alpen. Der Blick auf Breithorn und Monte Rosa mit ihren mächtigen Gletschern fasziniert jeden Besucher.  Dann marschiere ich weiter bergauf, meist das Matterhorn im Blick. Ein kurzes Stück steige ich steil zum Gletscher hinab, dann es auf dem Eis weiter. Hier kann man heute überraschend gut laufen. Kleine vereiste Stellen lassen sich leicht umgehen.


 
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 Es ist ein wunderbares Erlebnis, ringsherum von Eis und so vielen herrlichen Gipfeln umgeben zu sein. Wie froh bin ich, hier zu sein! Nach längerem, relativ flachem Aufstieg über den Gletscher verlassen wir das Eis und steigen weglos und steil direkt zur 3317 m hohen Theodulhütte hinauf. Hier oben überschreiten wir die Grenze zwischen der Schweiz und Italien.


 
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 Der Abstieg beginnt mit einem Sprint auf einem gut ausgebauten Fahrweg. Gefrorenes Wasser in den Rinnen beweist, dass es unter 0 Grad kalt ist, obwohl es mir im Sonnenschein wärmer vorkommt. Unter mir sehe ich einige kleine Seen, in der Ferne schimmert der eisbedeckte Gran Paradiso.

Immer der Piste nach, den Läufern vor mir folgen, da kann es durchaus passieren, dass man trotz hervorragender Streckenmarkierung eine Abzweigung übersieht und so wie ich gemeinsam mit anderen Läufern zehn Minuten „verliert“.  Ganz klar - selber schuld.

Beim Lago Cime Bianche  (2831 m) ist der zweite Checkpoint. Danach geht es zuerst durch eine öde Geröllwüste bergauf. Nach dem Colle Superiore (2982 m) sehe ich unter mir zwei Seen in einem extrem intensiven Blau schimmern. Nach einem weiteren Abstieg folge ich einem Bach, der sich hübsch über Wiesen schlängelt.


 
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 Eine Landschaftsstufe tiefer laufe ich erneut durch ein flaches Tal mit Bach, ein weiterer Downhill-Trail führt mich zu einem dritten Hochtal. Genusslaufen nennt man so etwas. Durch den Wald hinab, an einer Alm mit schönem Gletscherpanorama vorbei, wieder durch Wald bergauf, dann erreiche ich relativ eng am Zeitlimit den Checkpoint bei Rifugio Ferraro (2068 m), wo ich etwas esse und trinke.

Weiter bergauf! Bald überholt mich der schnellste Läufer des 170 km Nonstop-Laufes. Er ist heute Morgen um 4 Uhr in Grächen gestartet, hat also das, was ich gestern und heute bisher gelaufen bin, in etwas mehr als 10 Stunden geschafft. Einige Zeit später überholt mich der Zweite, rast schnell vor mir einen Fahrweg hinab und kommt mir bald darauf wieder entgegen. Wieder habe ich eine gut markierte Abzweigung übersehen.

 

 
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 Es macht dennoch richtig Spaß, allerdings geht mir immer mehr die Kraft aus. Zuletzt noch recht flach am Fluss entlang, dann komme ich eine Stunde vor Zielschluss in Gressoney-Trinité (1624 m) an. Eine der schönsten Alpen-Etappen, die ich je gelaufen bin, ist zu Ende.

Heute gibt es im Hotel ein hervorragendes Abendessen mit vier äußerst leckeren Gängen, am Morgen ein gutes Frühstücksbuffet.

Um 6 Uhr laufen wir nur ganz kurz durch den Ort, dann geht es gleich wieder anstrengend bergauf. Heute dürfen wir 45,7 km mit 3276 Höhenmeter Auf- und 3583 Höhenmetern Abstieg bewältigen, wahrhaft keine einfache Aufgabe. Das Höhenprofil ist sehr übersichtlich: zwei schier endlos lange Aufstiege und zwei noch krassere Abstiege.  

Anfangs sehe ich noch ein paar Berge um mich herum, dann marschieren wir nur noch durch Nebel. Nachdem mich gestern die schnellsten 170er überholt haben, steige ich nun an den langsamsten vorbei. Der Nebel wird immer kälter. Ich friere immer stärker, doch da ich glaube, dass ich bald den Pass erreiche, bleibe ich nicht stehen, um Handschuhe anzuziehen. Immer weiter, immer kälter, bis ich kaum mehr ein Gefühl in den Fingern habe. Jetzt krame ich doch ein Merinoshirt aus dem Rucksack und ziehe mich um,  die Handschuhe finde sie aber erst nach langer Suche. Je länger ich hier im Wind sitze, desto stärker kühle ich aus. Inzwischen sind gut zwei Dutzend Läufer an mir vorbei gestiegen. Viele fragen, ob ich Hilfe brauche.

Endlich kann ich weiter marschieren. Ich bibbere vor Kälte. Wenn es ein Musterbeispiel für verdammt mieses Timing gibt, so dann dieses: Gerade mal drei Minuten nach meine zeitraubenden Umzieherei erreiche ich das Restaurant am Passo dei Salati (2922 m) und muss mich lange am Checkpoint aufwärmen, bis ich mich endlich wieder in der Lage fühle, nach draußen zu gehen. Wie wurde uns heute morgen beim Briefing gesagt: „When you feel cold and tired up there, think about your friends having a shitty day at work. Enjoy it!“

Der nächste Checkpoint liegt 1729 Höhenmeter unter uns. Anfangs noch durch Nebel, lässt sich diese Strecke meist sehr gut laufen. Weit unten komme ich an fotogenen Walsersiedlungen vorbei, deren Holzhäuser aussehen, als wäre die Zeit stehen geblieben.  


 
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 Vor einem Haus bietet uns ein kleines Mädchen warmen Tee an. Auch Alagna (1193 m) ganz unten im Tal hat einige schöne Häuser. Hier ist der nächste Checkpoint, wo auch die Drop Bags der 170er liegen und sie schlafen oder sich aufwärmen können. Ich halte mich nur kurz auf und marschiere etwa eine halbe Stunde vor Cut Off weiter. Nach einem weiteren schönen Dorf folgt der nächste lange Aufstieg. Nun folge ich einem teilweise gepflasterten Pfad, der in den 20er Jahren vom Militär angelegt wurde.

Bald umgibt mich erneut dichter Nebel. Je länger ich aufsteige, desto mehr entwickelt sich dieser Abschnitt zur schwersten mentalen Prüfung seit langem. Bei schönem Wetter hätte mich sicherlich die Aussicht auf eine ebenso schöne Bergwelt wie gestern von der Erschöpfung abgelenkt und ich hätte diesen Weg nicht als so extrem monoton empfunden, aber jetzt fühlt es sich wie Hölle an. Ich sehe immer nur ein paar Meter Weg und Geröll vor mir. Noch eine Kehre. Jetzt müsste ich gleich oben sein. Noch eine Kehre. Jetzt aber! Nein, noch eine Kehre. Immer so weiter. Ich fühle kaum noch Kraft in meinen Beinen. Die Ankunft auf dem 2738 m hohen Turlopass erleichtert mich sehr. Hierher schleppten zwei Helfer sogar einige Flaschen Wasser für uns.  

Die Militärstraße ist auf der anderen Seite deutlich besser ausgebaut. Daher kann ich anfangs schnell laufen und zweifle nicht daran, dass ich rechtzeitig am Etappenziel ankomme. Doch der Weg wird ruppiger und ich kann manche Abschnitte wieder nur vorsichtig wandern. Das kostet Zeit.  

Als ich den letzten Checkpoint (1369 m) erreiche, liegen noch 4,6 km vor mir, ich habe aber dafür nur noch etwa 35 Minuten Zeit. Das kann ich unmöglich schaffen. Doch für mich gilt: "Es ist vorbei, wenn es vorbei ist!" Also laufe ich gegen jede Chance mit maximalem Tempo weiter. Zum Glück führt die Route nun auf einem bequemen Forstweg meist bergab, ideal für einen verrückten Sprint. So schnell bin ich schon ewig nicht mehr gelaufen. Die vielen Höhenmeter des heutigen Tages muss ich während der nächsten Minuten aus meinem Kopf ausblenden. Keinen Augenblick glaube ich daran, dass ich das Ziel noch rechtzeitig erreiche, aber ich will wenigstens nicht ohne den maximal möglichen Versuch scheitern.

Der Weg endet bei einem kleinen See, hinter dem die Kirche steht, an der das Ziel ist. Doch diese liegt 50 bis 60 Höhenmeter über mir! Am liebstem würde ich meine Enttäuschung darüber durch das Tal brüllen, aber es hilft nichts, ich muss weiter. Kurz vor dem Ziel wird der Weg richtig steil. Eine Helferin vom Zielbereich kommt mir entgegen und meint: "Hurry, hurry!" Klar, das weiß ich selbst. Als ich 17:55 den Kirchplatz von Macugnaga (1300 m) erreiche, kann ich es kaum glauben, dass ich es wirklich geschafft habe. Ich bin sicher, wenn ich in vielen Jahren an die UTMR zurück denke, werde ich nicht auf die bewältigten Kilometer und Höhenmeter stolz sein, sondern vor allem auf diese unglaubliche halbe Stunde. Hier covert eine gute Liveband Rockklassiker. Nach einem spartanischen Abendessen in einem Festzelt oberhalb der Stadt lege ich mich sehr früh schlafen.  

Wieder geht es gleich nach 6 Uhr steil bergauf. Von Anfang an umgibt mich heute Nebel, der nur zwischendurch kurz aufreißt und vorübergehend ein wenig Blick auf die Berge in unmittelbarer Umgebung frei gibt. Dann stapfe ich wieder durch das kalte Grau. So wunderschöne Gipfel um mich herum, doch ich sehe nichts davon! Aber man kann nicht immer nur Postkartenwetter haben.

Das Motto heute beim Start lautete: "Think about your family having a shitty day in a shopping mall". Genauso ist es. Ich bin zwar erschöpft, unterkühlt, vom Wetter enttäuscht, aber trotzdem viel lieber hier unterwegs als zuhause im Alltag.  

Endlich erreiche ich den Checkpoint vor der G. Oberto-Hütte. Ich könnte mich drinnen aufwärmen, doch ich muss mich nun beeilen, um den weiten Weg nach Saas Fee im Zeitlimit zu schaffen. Ich hoffe, dass ich nun von Anfang an ein hohes Tempo laufen kann. Doch schon nach wenigen Metern stellt sich dies als Irrtum heraus, denn nun folgt der technisch anspruchsvollste Abschnitt der UTMR. Zuerst geht es auf mit Bohlen und Kette gesicherten schrägen Felsplatten steil und rutschig aufwärts. Bei einer Schönwetter-Wanderung macht dies sicher viel Spaß, aber bei Nässe und unter Zeitdruck nicht.  

Die große Madonnen-Statue am Monte Moro Pass (2868 m) kann ich im Nebel kaum erkennen. Fotografieren kann ich sie erst recht nicht, denn jetzt sind meine Finger trotz Handschuhen so klamm, dass ich es nicht mehr schaffe, den Reißverschluss der Kameratasche zu öffnen. Schade, denn der folgende, teilweise recht krasse Abstieg bietet spannende Motive. Bei sehr steiler und manchmal etwas kniffliger Kraxelei komme ich teilweise mit weniger als 1 km/h voran. Erst ein Stück weiter unten, gerade als ich die Nebelgrenze verlasse und unter mir einen schön mäandernden Bach und den Stausee erkenne, beginnt ein „normaler“ Trail, auf dem man zwar noch immer aufpassen muss, aber gefahrlos rennen kann.  


 
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 Noch mehr kann ich auf dem fast ebenen Weg am Ufer des Sees Gas geben. Der Mattmark Stausee hat die größte Naturstaumauer Europas. Auch beim folgenden Abstieg kann ich meist sehr schnell laufen, doch auch hier zwingen mich ein paar kurze Passagen zum Marschieren. Mein Blick auf die Uhr zeigt, dass es für mich mit dem Zeitlimit knapp wird. Als wir unten an einer Straße entlang und dann auf einem flachen Wanderweg laufen, rennee ich so schnell es geht. Dann führt ein mäßig ansteigender Weg nach Saas Fee hinauf. Hier laufe ich auch Steigungen, die ich normalerweise gehen würde.  

Oberhalb von Saas Fee liegt eine riesengroße, schöne Gletscherwelt. Heute sehen wir nur die untere Grenze des Eises, darüber hängen die Wolken.  

Am Checkpoint in der Fußgängerzone erfahre ich, dass ich wegen dem Zeitlimit innerhalb von zehn Minuten das Zelt verlassen muss. Schnell esse und trinke ich etwas und eile weiter. Später erfahre ich, dass unmittelbar darauf die Cut Off Zeit spontan doch etwas verlängert wurde. Auch der Blick hinüber zu den Gletschern auf der anderen Seite des Tales bleibt von Wolken verborgen. Dafür gefällt mir auf dem Europaweg nach Grächen die wunderschöne Alpenvegetation mit urigen Bäumen und bunten Kräutern sehr gut. Manche Abschnitte kann man bequem laufen, dazwischen gibt es auch kurze, technisch mal wieder etwas knifflige Passagen. Unter mir sehe ich im Tal Saas Grund und Saas Almagel. Noch weiß ich nicht, dass da unten in wenigen Stunden 250 Menschen evakuiert werden müssen, da ein großer Gletscherabbruch droht. Zum Glück geht dieser am nächsten Morgen ohne Schäden aus.

An einer Stelle unserer Route steht ein Helfer und drängt uns, diese ganz schnell zu passieren, da hier Steinschlag droht. Und tatsächlich höre ich einige Minuten später hinter mir große Felsbrocken ins Tal poltern. Ab 15 Uhr regnet es, außerdem nimmt der Nebel wieder zu. An einer weiteren Steinschlagrinne verhindert eine Schafherde, die sich auf dem Pfad vor einem Gatter drängt, ein schnelles Vorankommen. Noch nie habe ich so goldige Schafe gesehen. Flockiges schwarzes Fell, weiße Gesichter und spiralförmige Hörner. Nach Fotos ist mir nicht zu mute. Ich habe mit mir zu kämpfen und sehne mich nach einer warmen Dusche.

Wieder Aufstieg! Meine Kraft schwindet. Die Hannigalp erkenne ich im Nebel kaum, sage am Checkpoint nur kurz "Hallo" und eile weiter. Die letzten drei Kilometer kann ich auf einem breiten Fahrweg rennen. Das Gefälle schmerzt manchmal böse in den Beinen, aber egal, ich komme schnell voran.

Dann erreiche ich endlich Grächen, laufe 40 Minuten vor offiziellem, für einige Läufer dann aber erweitertem Zielschluss auf den Kirchplatz. Wenn ich vor einem Lauf in mir unbekanntem Gelände meine Finisherzeit einschätzen will, orientiere ich mich gerne an den Zeiten der Sieger, indem ich sie einfach verdoppele. Damit liege ich sehr oft richtig. Mit meinen 42:46 Stunden stimmt meine Formel auch heute. Auch heute liege ich mit meiner Formel  von 42:46 fast genau zu. Von den 123 Startern der 4-Stages erreiche ich Platz 101, 20 Teilnehmer schaffen es nicht, das Ziel zu erreichen.

Lizzy Hawker übergibt persönlich jedem Finisher seine Medaille und die Teilnehmergeschenke. Zehn Minuten später stehe ich im Hotel unter der Dusche. Welch eine Wohltat!

Um 18.30 Uhr beginnt die  Finisherparty in einem Festzelt am Kirchplatz. Vor dem Zelt ist es inzwischen mit 5 C verdammt kalt.

Für erfahrene und trittsichere Trailrunner ist die UTMR ein tolles Abenteuer, das ordentlich fordert. Großartige Landschaft, hervorragende Streckenmarkierung, kein überflüssiger Schnickschnack – das Trailrunning pur. Ich werde wohl ein weiteres Mal starten, um nach Möglichkeit die grandiose Bergwelt um den Monte Rosa ohne Nebel zu genießen.

 

Sieger der 170 km nonstop wurde Tsan Siu Keung in 30:14,
schnellste Frau war Julia Böttger in 35:05.

Die 116 km nonstop gewannen Marco Giorgetti in 24:26 und
Corine Kagerer in 26:54

Die 4-Stages gewannen Ivan Paulmichl in 21:32 und
Puma Laxmi Neupani  

Die 3-Stages gewannen Christian Hildebrand in 16:36
und Sabrina Mohn in 19:18

 

Informationen: Ultra Tour Monte Rosa
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