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31.08.14 - Ultra Trail du Mont Blanc

Warum 44 Stunden?

Was ist der Unterschied zwischen einem Volkslauf und dem UTMB? Bei einem Volkslauf sitzt niemand, der mehr als 24 Stunden nach dem Sieger ankommt, mit Freudentränen hinter der Ziellinie.

168 Kilometer, 9600 Höhenmeter, Freitags Regen und Schlamm, Samstag Paradies, Sonntag von Enttäuschung zur Begeisterung, von 2434 Startern aus mehr als 40 Ländern erreichen 65,8 % das Ziel, darunter ich mit 44:48 Stunden - ein wirklich unvergleichbarer Lauf!

Nach meiner Anmeldung zum Ultra-Trail du Mont-Blanc wurde ich oft gefragt, warum jemand freiwillig bis zu 46 Stunden nonstop über die Berge laufen will. Nicht-Läufer schütteln schon beim Gedanken an einen Marathon den Kopf, aber auch für viele Ultra-Trailer ist es verrückt, zwei Nächte ohne Schlaf auskommen zu wollen. Daher ergänze ich diesen Laufbericht mit meinen persönlichen "Warum-Charts".

In den letzten Monaten stand der UTMB immer stärker im Mittelpunkt meines Lebens. Nicht zu vergleichen mit allen anderen Läufen, auf die ich mich bisher vorbereitete. Ich startete oft bei Läufen, bei denen ich vorher keine Ahnung hatte, ob ich das Ziel erreichen könnte. Doch egal, wenn es nicht klappt, dann probiere ich es ein anderes Mal erneut. Dieses Mal geht es für mich aber nicht drum, es nur zu "versuchen" . Dies ist für mich nicht bloß der vermutlich längste Lauf meines Lebens, es ist viel mehr, es ist der UTMB!

Von Jahr zu Jahr finden in Europa mehr Ultratrail-Veranstaltungen statt, teilweise auch immer größere und schwerere. Doch der Ultratrail du Mont-Blanc mit seinen 168 km und 9600 Höhenmetern hat nach wie vor einen ganz besonderen Ruf. Da viele der besten Trailrunner aus der ganzen Welt hier starten, wird er auch oft als inoffizielle Weltmeisterschaft bezeichnet. Was für Radfahrer die Tour de France ist, das ist der UTMB für ambitionierte Trailrunner. Zusätzlich zum UTMB werden an den Tagen zuvor noch einige kürzere und ein längeres Rennen gestartet. Alle Wettbewerbe zusammengerechnet treffen sich in Chamonix unter dem höchsten Berg Europas 7500 Athleten aus 77 Nationen. Entsprechend sieht man die ganze Woche über in der Fußgängerzone sehr viele Läufer.

Meine Freundin und ich treffen schon einige Tage vor dem Start in Chamonix ein. Bei unseren Ausflügen begegnen wir sehr vielen anderen Trailrunnern.  Mit der Gondelbahn zu La Flegere (letzte Verpflegungsstelle auf der UTMB-Strecke), von dort zu Fuß hinauf zum Lac Blanc mit seinem tollen Panorama, dann auf dem Höhenweg zur Bergbahnstation Plan Praz mit tollem Mont-Blanc-Blick, ist eine der Touren, die ideal in die Vorbereitungswoche passen.  Genau so gilt dies für die Tour von Moroc auf den Aiguilettes des Possettes. Es lohnt sich, ein Mehrtagesticket für alle Bergbahnen zu kaufen.

Besonders dünne Höhenluft schnappt man, wenn man mit den Gondelbahnen hinauf zur 3842 m hohen Aguille Midi und zur 3295 m hohen Grands Montets fährt. Beides sind außergewöhnlich faszinierende Aussichtspunkte auf eine großartige Gletscherwelt. Als ich auf den Aussichtsterrassen dieses riesige Gebirgsmassiv sehe und mir vorstelle, dass ich bald nonstop ganz außen herum laufen will, gruselt es mich. Neben einigen schönen Ausflügen fotografiere ich in dieser Woche auch den Start des 300 km langen PTL, der keine Laufveranstaltung sondern eine sehr anspruchsvolle alpine Herausforderung für sehr erfahrene Trailer ist und die nächtliche Ankunft des Siegers beim 119 km langen TDS.

 
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Freitag kurz vor 17 Uhr versammeln sich vor der Startlinie mehr als 2400 Menschen, darunter nur 200 Frauen. Viele sind von anderen Kontinenten nach Europa geflogen, um hier starten zu dürfen. Eine prickelnde Mischung aus Vorfreude, Neugierde, Begeisterung und bei manchen auch Angst umgibt mich. Die nächsten beiden Tage werden einen der Höhepunkte unseres Lebens bilden, ganz egal wie sie ausgehen. Viele werden etwas schaffen, das sie noch vor wenigen Jahren für unerreichbar gehalten haben.  Aber mehr als 800 der Läufer  werden das Ziel bis Sonntag 15.30 Uhr nicht erreichen. Euphorischer Jubel oder abgrundtiefe Depression - die nächsten 46 Stunden bringen die Entscheidung.

Nach einem trockenen Tag beginnt es 40 Minuten vor dem Start zu regnen. Im Startblock kommt Unruhe auf, denn im Gewühl packt jetzt fast jeder seine Regenjacke aus dem Rucksack und zieht sie schnell noch an.

Beim Briefing gibt es noch einen sehr traurigen Moment, als die Veranstalter den PTL-Organisationschef und UTMB-Mitorganisator Jean-Claude Marmier würdigen, der vor wenigen Wochen beim Erkunden der neuen PTL-Strecke an einem Herzinfarkt starb.

Dann kommt der magische Moment, von dem mir schon so viele Leute erzählt haben. Oft habe ich Videos vom UTMB-Start gesehen und mir vorgestellt, wie grandios es sein muss, bei den Klängen von Vangelis "Conquest of Paradise" an der gewaltigen Zuschauermenge vorbei zu marschieren. In der Realität ist es noch viel schöner. Dicht gedrängt stehen die Menschen in der gesamten Fußgängerzone. Über mehrere hundert Meter Strecke wurden Lautsprecher verteilt, so dass wir überall die bewegende Musik hören können. Anfangs läuft in dem dichten Starterfeld niemand, stattdessen gehen wir langsam und feierlich wie bei einer Prozession durch die Stadt. Das kann man nicht beschreiben, das muss man selbst erleben.

Der Regen hört auf und am Ortsrand ziehen fast alle ihre Jacken wieder aus. Doch nicht für lange Zeit, denn zwischen 18 und 22 Uhr wird es dann fast pausenlos regnen.

Gletscher faszinieren mich in den Alpen mehr als alles andere. Auf der UTMB-Strecke, die in weiten Teilen der Wanderroute Tour de Mont-Blanc entspricht, kann man bei gutem Wetter sehr viele Gletscher sehen. Daher wollte ich diese Fotoreportage ursprünglich unter das Motto „Gletscher-Sammeln“ stellen. Nun verbergen aber tiefe Wolken den größten Teil der Gletscherpracht.

Die ersten 7,9 km bis Les Houches haben nur 118 Höhenmeter Auf- und 145 Hm Abstieg, sind also recht bequem zum Warmlaufen. Immer wieder stehen jubelnde Zuschauer im Wald. Recht bald erreichen wir Les Houches, wo trotz Regen Partystimmung herrscht und eine Rockband spielt.

Mehr als 800 Hm Aufstieg führen durch den Regen hinauf zur nächsten Kontrollstelle. Noch immer steigen wir auf breiten Wegen hinauf, doch bald folgt der erste Trail. Leider sehen wir inzwischen absolut nichts mehr von der schönen Bergwelt.

 

 
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Warum? # 7 - der letzte Platz meiner Motivations-Charts

 

Der Wunsch nach Anerkennung spielt für mich in diesem Fall keine Rolle, denn ich kenne weitaus mehr Leute, die es für völlig bescheuert halten, zwei Nächte ohne Schlaf über das Gebirge zu rennen, als Ultraläufer, die ein UTMB-Finish als besondere Leistung anerkennen.

Ein Abstieg von 1000 Höhenmetern liegt nun vor uns. Nach Sonnenuntergang wechselt der Charakter der Strecke von „harmlos“ zu „bei Regen anspruchsvoll“. Wir laufen eine steile Skipiste hinab, auf der wegen des rutschigen Untergrunds bereits die ersten Läufer stürzen. Nach Verlassen der Skipiste dürfen wir endlich auf Trails laufen, doch die Freude weicht für viele bald dem Schrecken, denn durch den Regen werden die Trails zu glitschigen Rutschbahnen.

Immer wieder stürzen um mich herum Läufer, doch niemand scheint sich ernsthaft zu verletzen. Ich komme mit solchen Strecken recht gut zurecht. Feiner Sprühregen und dichter Nebel wandeln den Schein unserer Stirnlampen in eine diffuse Lichtwolke, in der man kaum den Boden vor den Füßen erkennen kann. Das hält auf! Meine Hoffnung, bereits bei Saint Gervais einen guten Abstand zum Zeitlimit zu haben, muss ich hier aufgeben. Etwa bei km 16 fragt mich eine sichtlich eingeschüchterte Japanerin, ob ich weiß, wie viele Kilometer wir schon geschafft haben. Soll ich ihr sagen,  nicht einmal 10 %?

Um beim UTMB einen Startplatz zu bekommen, braucht man von Jahr zu Jahr mehr Qualifikationspunkte, die man zuvor bei ausgewählten Läufen sammeln kann. Doch viele dieser Läufe bereiten nicht auf schwierige Verhältnisse in alpinem Gelände vor. Zukünftig soll die Zahl der Qualifikationsläufe durch enge Kriterien eingeschränkt werden.

In Saint Gervais, mit 818 m der tiefste Punkt der Strecke, herrscht gegen 21 Uhr Partystimmung. Ich esse und trinke bei der Verpflegungsstelle genügend, denn ich will mit einer guten Grundlage in die Nacht starten. Nur 30 Minuten bis zum Cut-Off - so hatte ich mir den Abend nicht vorgestellt.

Eigentlich hatte ich erwartet, nun einige Kilometer weit recht entspannt, kraftsparend und dennoch flott voran zu kommen.

Die Strecke in Richtung Les Contaimes ist relativ flach und lädt bei normalen Bedingungen zum schnellen Laufen ein. Doch 2000 Läufer vor mir haben den Untergrund zu einer tiefen, teigigen Masse aufgewühlt. Bei Steigungen rutscht man nach jedem Schritt wieder ein Stück zurück, und selbst auf fast ebenen Abschnitten können wir manchmal nicht laufen, sondern waten und balancieren nur durch eine klebrige, glitschige Masse. Bei kurzen Wettkämpfen würde mir dieses Abenteuer sehr viel Spaß machen, doch zu Beginn des UTMB kostet dies sehr viel Kraft und Zeit. Ich bin sicher, dass heute bei den ersten beiden Cut-Off-Stellen viele Leute wegen der Streckenverhältnisse am Zeitlimit scheitern. Schlamm, Schlamm, Schlamm, allmählich habe ich davon gründlich die Schnauze voll. Gegen 22 Uhr hört der Regen auf.

Bei der nächsten Verpflegungsstelle in Les Contaimes versorge ich mich wieder gründlich mit Flüssigkeit und Essen. Suppe, mit einer kleinen Portion Salz nachgewürzt, ist für mich bei jeder VP fast schon Pflicht. Dazu werde ich an diesem Wochenende meinen Cola-Rekord überbieten. Außerdem gibt es an den Verpflegungsstellen eine reichhaltige Auswahl an Getränken, süßen und salzigen Gerichten, manchmal wird auch Pasta gereicht oder es gibt belegte Brote. Und natürlich müssen wir an jeder VP unsere Wasserflaschen nachfüllen, denn1 Liter Wasser zählt zur Pflichtausrüstung.

Die Organisation der VPs ist weitaus aufwändiger und besserer, als ich es je zuvor gesehen habe. Klar, die müssen in Stoßzeiten auch jede Menge Läufer gleichzeitig versorgen. 2000 freiwillige Helfer versorgen uns beim UTMB u.a. mit 9700 Liter Suppe, 15000 Liter Cola, 23000 Energieriegel und 9000 Bananen. Zur Müllvermeidung muss jeder einen eigenen Becher mitbringen. Für Abfälle bekommt man mit den Startunterlagen Müllsäcke, für gebrauchtes Toilettenpapier einen extra Beutel. Am Ausgang der Verpflegungszelte hängen Hinweisschilder, die die Zahl der Kilometer und Höhenmeter  bis zur nächsten VP  und den Zeitpunkt des  Cut-Off anzeigen.

Bei einem Campingplatz am See wird neben der Strecke der Wald bunt beleuchtet. Ein Lagerfeuer brennt, ein Mann läutet mit einer Kuhglocke.

Nach Mitternacht erreiche ich die VP bei La Balme. Viele Läufer sitzen um ein großes Lagerfeuer herum. Dann eine der Szenen, die zur ganz besonderen Magie des UTMB zählen. Viele hundert Meter vor und über mir zieht sich die Lichterkette der Stirnlampen den Hang hinauf. Beim Aufstieg blicke ich dann auch zu den Lichtern unter mir. An manchen Streckenabschnitten des UTMB sieht man mehrere Kilometer weit die dicht aufeinander folgenden Lichter der Läufer. Schon alleine deswegen lohnt es sich, beim UTMB zu starten. Leider können die kleinen Kameras solche Eindrücke nicht  festhalten.  

Die Stunden im Schlamm haben mich ziemlich geschlaucht, so dass ich nun etwas mühsam aufsteige. Aber ich fühle mich noch gut und es macht unglaublich viel Spaß. Noch vor zwei Jahren war ich davon überzeugt, dass der UTMB für mich ein paar Klassen zu schwer ist. Keine Chance! Aber

wenn man dran bleibt und sich von Jahr zu Jahr steigert, dann erscheint irgendwann das Unmögliche greifbar. Aber beim UTMB reichen Wille und Qualifikationspunkte alleine nicht, um einen Startplatz zu bekommen. Da doppelt bis dreimal so viele Anmeldungen eingehen als es Startplätze gibt, werden im Januar unter allen Interessenten die Plätze verlost.

 
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Informationen: Ultra Trail du Mont Blanc
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