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25.06.22 - Montafon Arlberg Marathon

Trailrunning für Genießer

Berge und Laufen – geht das überhaupt zusammen? Für nicht wenige ist das ein Widerspruch in sich. Und tatsächlich: In der boomenden Berglaufszene kann man bisweilen durchaus den Eindruck gewinnen, dass im Wettbewerb um die Gunst der Läufer bei der Höhenmeterbilanz das Motto „je oller, desto doller“ gilt. Unbestritten hat das Wettkraxeln in alpinem Gelände seinen eigenen Reiz. Halbwegs entspanntes Laufen kommt dabei jedoch häufig zu kurz. Dass es dem Mainstream trotzend auch anders geht, dass man eine fantastische Bergkulisse mit echtem Laufgenuss harmonisch verbinden kann, zeigt ein Lauf, der heuer sein 20-jähriges Bestehen, wenn auch coronabedingt erst die 19. Austragung feiert: Der Montafon Arlberg-Marathon.

Seit 2003 sind die Orte Silbertal (881 m üNN) im Montafon und St. Anton am Arlberg (1.304 m üNN) und damit die Bundesländer Vorarlberg und Tirol auf einem Punkt-zu-Punkt-Kurs marathonisch verbunden. Ursprünglich geplant war, Start und Ziel jährlich zwischen den beiden Orten alternieren zu lassen. Aus logistischen Gründen hat das allerdings nicht geklappt, sodass 17 Jahre lang von Silbertal aus gestartet wurde. Erst zum zweiten Mal in der Geschichte des Laufs ist das heuer anders, fällt also der Startschuss in St. Anton. Mit dem nicht unangenehmen Nebeneffekt, dass „nur“ 1.250 positive Höhenmeter anfallen, die mit deutlich mehr, nämlich 1.630 Metern bergab, überkompensiert werden.  

Wer sich nicht volle 42,2 km antun, aber dennoch volles Bergfeeling erleben will, kann dies auch auf zwei kürzeren Distanzen. Im Angebot stehen, sozusagen zum Ranschnuppern, ein Panoramatrail über 17 km sowie der T33-Trail mit 33,5 km, „für Naturgenießer und ambitionierte Sportler“, so O-Ton des Veranstalters. Letzterer folgt weitgehend dem Marathonkurs, vor allem auch im besonders attraktiven Mittelteil, und lässt lediglich die marathonische Schlussschleife aus. Dass der bloße „Naturgenuss“ von vielen Anmeldern höher als ein „Marathonfinish“ bewertet wird, wird darin deutlich, dass der T33 das größte Kontingent der insgesamt über 800 gemeldeten Starter auf sich vereinigt. Andererseits denke ich mir: Bei einer Sollzeit von acht Stunden sollte ausreichend zeitlicher Spielraum bleiben, beides mitzunehmen.

  

Silbertal oder St. Anton …

 

… das ist die Frage, wenn es darum geht, wo man sein Haupt bettet. Letztlich ist es logistisch egal, denn der Veranstalter bietet einen kostenlosen Busshuttle von einem Ort zum anderen vor und nach dem Lauf an, sodass die entscheidende Frage vielmehr lautet: Will ich morgens ein wenig länger ausschlafen bzw. gemütlich frühstücken oder lieber nach dem Lauf ohne Umweg in den Relax-Modus verfallen? Immerhin 54 Straßenkilometer liegen zwischen beiden Orten.

 

 

 
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Das 22 km lange Silbertal mit seinem gleichnamigen Hauptort ist ein Seitental des Montafon, einem vor allem bei Wanderern beliebten Alpental, das von den über 3000 m ansteigenden Gipfeln der Verwall- und Silvrettagruppe sowie des Rätikon umschlossen wird. Der rätoromanische Name des Montafon verrät schon die Nähe zum schweizerischen Graubünden. So ist man schon ein Weilchen unterwegs, bis man die 850 Seelen-Gemeinde tief in den Bergen erreicht. Aber ist man erst einmal dort, erwartet einen Naturgenuss, Ruhe und Erholung pur.

Das etwa dreimal so große St. Anton hat als zentraler Ort der Arlbergregion vor allem bei Wintersportlern einen sehr klangvollen Namen und pflegt sein exklusives Image. Über die Inntalautobahn ist der Ort unkompliziert zu erreichen. Wer es also lieber etwas kosmopolitischer mag, ist hier richtig. Dörflicher Charme prägt zumindest optisch allerdings auch St. Anton und jetzt Ende Juni zudem eine gewisse Sommerschläfrigkeit.

Wie dem auch sei: Mein Standquartier ist in Silbertal und im wunderbaren Wellness-Hotel „Bergkristall“ angekommen, weiß ich: Das ist der perfekte Ort vor und nach einem Marathonabenteuer. Und das nur 200 Meter vom Ziel entfernt.

 

 

Start in St. Anton

 

Die Kehrseite der Medaille: Am Laufsamstag klingelt für mich schon vor fünf Uhr der Wecker. Ein einsames Früh-Frühstück ist für mich immerhin vorbereitet, bevor ich in die schattige Morgenkühle des Tales hinaustrete. Bis spät in die Nacht hatte es gestern noch wie aus Kübeln geregnet, jetzt erwartet mich ein blanker Himmel. Ein gutes Gefühl! Kaum erreiche ich das nahe Feuerwehrhaus, rauschen auch schon die Shuttlebusse heran. Binnen kurzem ist der erste Bus bis auf den letzten Platz, mir inklusive, gefüllt und los geht es.

Noch vor sechs Uhr gleite ich durch die stille Landschaft des Montafons, weiter durchs Inntal und schließlich über vielkurvige Bergstraßen. Wunderbar ist das Bild der im Morgenlicht mehr und mehr erstrahlenden Berggipfel, während in den Tälern noch der Nebel wabert. Auch in St. Anton, eine Stunde später, kämpft die Sonne noch mit den Wolken, lässt aber schnell ihre Kraft erahnen, sobald sie sie durchdringt. Am Bahnhof werden wir abgeladen und folgen zu Fuß den Wegweisern zum Arlberg WellCom, einem modernen Wellness- und Event-Komplex unweit des Ortszentrums. Erst um sieben Uhr öffnet dieses die Pforten. Einen Moment lang kommt mir die Situation vor wie die vor dem Kaufhaus im Schlussverkauf lauernder Schnäppchenjäger. Aber niemand rennt, niemand drängt. Ganz entspannt und gesittet reiht sich ein jeder in die Schlangen vor den Schaltern für die Ausgabe der Startunterlagen ein. Mit der Startnummer gibt es auch ein Goody Bag, das ich sogleich mit meinem Kleiderbeutel bei der Gepäckabgabe deponiere.

 

 

 
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„Ready to start“ bin ich und setze, den Wegweisern folgend, meine kleine St. Anton-Morgenwanderung fort. Das Startgelände auf der zentralen Flaniermeile St. Antons, ganz unprätentiös Dorfstraße benannt, ist unschwer durch die rotweißen Startbögen und Fahnen auszumachen. Mehr und mehr Läufer trudeln ein und verteilen sich ratschend, wandernd, selfie-schießend oder auch faul im Liegestuhl räkelnd im Gelände. Selten habe ich einen Start so relaxt erlebt wie hier, was vielleicht auch daran liegen mag, dass der DJ nicht in die Gänge kommt und der Startmoderator nicht vom Typus Marktschreier ist.

Erst kurz vor acht Uhr füllt sich langsam der Startkanal, zunächst mit den Läufern mit der grünen Startnummer: Die T33-Trailer haben den Vortritt, was auf den ersten Blick verwundern mag, aber plausibler wird, wenn man die nicht wenigen Walker im Feld sieht. Erst als der Startmoderator in seiner lässigen Art ein wenig nachbohrt, rückt das Feld in den letzten Minuten bis zur Startlinie vor. Dann der Countdown … und auch wenn die Startpistole streikt: Um 8:10 Uhr gibt es für die Wartenden kein Halten mehr. Keine halbe Minute später ist der Spuk vorbei, legt sich erneut Ruhe über die Szenerie. Aber nicht lange. Der DJ bringt die Musikkonserve nun doch ins Laufen und die Klänge werden umso rockiger, je näher der Start rückt. Und dieses Mal läuft alles nach Plan. „The final countdown“ dröhnt durch die Box und auch die Startpistole tut, was sie soll: Mit einem Knall werden um 8:30 Uhr auch die Marathonläufer zu ihrer Laufreise durch die Bergwelt verabschiedet.

Nur kurz geht es in südwestlicher Richtung geradewegs aus dem Ort hinaus, schon unterqueren wir die Hauptdurchgangsstraße B197 und gelangen so direkt auf den Rosannaweg. Diesem folgend verlassen wir schnell den Dunstkreis der Zivilisation, tauchen ein in die Natur.

 

Durch die Rosannaschlucht zum Verwallsee

 

Zunächst breit und geschottert führt der Rosannaweg leicht bergan durch dichten Wald. Benannt ist der Naturweg nach dem wasserreichen Bergbach Rosanna. Optisch wie akustisch ist er auf den ersten Kilometern unser stetiger Begleiter.

Schon nach zwei Kilometern verengt sich das Tal zur Schlucht. Auf einem schmalen wurzeligen Pfad, teils über schmale Holzbrücken und am Fels entlang, immer wieder durch Geländer und Seile gesichert, führt uns der Weg durch den Wald nunmehr steil nach oben. Immer mehr entfernen wir uns von der ungestüm durch den Talgrund rauschenden Rosanna. Überholen ist auf dem Singletrail nicht möglich, aber es hat wohl auch kaum einer das Bedürfnis. So reiht sich ein jeder schweigend und schicksalsergeben in die lange Kette schnaufender Marschierer ein. 

Urplötzlich endet der Pfad an einem kommoden Naturweg. Fast eben, wenig später gar auf Asphalt, verläuft er durch den Wald und lässt sofort den Laufmotor wieder anspringen. Friedlich auf sonnenüberflutenden Weiden inmitten des Waldes grasende Kühe empfangen uns nach 4 km an der Wagner-Hütte. Die erste von zehn Verpflegungsstationen entlang des Streckenkurses hält vor allem Flüssiges für uns bereit. Ein halber Becher Wasser in den Mund, den Rest zur Erfrischung übers Haupt – jetzt geht es mir deutlich besser.  

 

 

 
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Auf dem leicht bergan weiterführenden Asphaltsträßchen lässt es sich gut dahin traben. Weiterhin beschränkt dichter Nadelwald die Aussicht und auch das Rauschen der Rosanna tönt nur aus dem „Off“ zu mir.  Ein Abzweig führt hin zu einer Stahlseilhängebrücke, die auf 35 Meter Länge und in 20 Meter Höhe die Rosanna überspannt und einen überaus beeindruckenden Blick in die Tiefe bieten dürfte. In der Praxis davon überzeugen dürfen wir uns aber nicht. Dafür bietet sich gleich dahinter ein anderer schöner Anblick: Dunkel türkis schimmernd, ruhig und friedlich breitet sich fels- und waldumrahmt nach etwa 5,5 km der Verwallsee (1.477 m üNN) vor unseren Augen aus. Ein richtig schöner Bergsee, nur eben keiner natürlichen Ursprungs. Eine Staumauer offenbart, dass in ihm die sonst so ungestüm gen Tal rauschende Rosanna kurzzeitig gezähmt wurde.

Ein Stück weit folgen wir dem Ufer, bis der Wald einmal mehr den Blickkontakt unterbricht. Eine Holzbrücke lotst uns schließlich über die nun wieder frei und ungebremst dahinfließende Rosanna ans andere Ufer. Auf einem breiten Naturweg folgen wir ihr weiter talaufwärts.

 

Bergan durchs Verwalltal

 

Über Kilometer geht es in leichten Wellenbewegungen dahin, mal ein wenig runter, aber mehr noch hinauf, immer tiefer hinein in das Verwalltal. Ganz allmählich verdrängt das helle Grün der Wiesen das dunkle Grün der dichten Baumbestände. Intensiver wird auch die Sonne, die immer öfter ohne schattenspendende Bäume auf uns herunterbrennt, gleichzeitig aber jenes Grün in allen Schattierungen zum Leuchten bringt. Dazu ein lichtblauer Himmel mit weißen Wolkenballen – eine Bilderbuchkulisse. Ein leichter Wind sorgt zum Glück für etwas Kühlung.

Erst versteckt und klein, dann aber immer deutlicher dominiert ein wuchtiges Felsdreieck den Horizont im Talauslauf. Es ist der Patteriol, der markanteste und gewaltigste Berg der Verwallgruppe. Bis in eine Höhe von 3.056 überragt dessen sich monolithisch auftürmender Hauptzacken die Landschaft, was ihm nicht zufällig den inoffiziellen Beinamen „Matterhorn des Verwalls“ eingebracht hat.

 

 

 
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Entlang der Rosanna laufen wir dem Patteriol geradewegs entgegen. Am Zusammenschluss mehrerer Täler am Fuße des Bergmassivs erreichen wir nach 10,5 km die auf 1.688 m üNN liegende Konstanzer Hütte und damit einen besonders schön gelegenen Verpflegungsspot am Wegesrand. Eine gute Gelegenheit, ein paar Worte über die Streckenversorgung zu verlieren. So klein die Stationen auch sind: Das Angebot ist vielfältig, wie man es selten findet. Neben Wasser pur und Isogetränken gibt es diverse Säfte bzw. Schorlen und Cola, für den Hunger Bananen- und Apfelstücke, Energieriegel, Gels, Waffeln, ja selbst gesalzene Kartoffeln, und noch einiges mehr - nicht immer alles, aber bei zunehmendem Wegverlauf alles immer öfter. Überaus freundlich und engagiert kümmern sich die Helfer/innen um jeden einzelnen Ankömmling. Mit Mehrwegbechern wird auch etwas für die Ökobilanz getan. 

Weiter schlängelt sich der Schotterweg in sanften Kurven in die Höhe, nie steil, aber beständig. Wer fit ist, kann das alles laufen – und, wie der Sieger, in 3:20 finishen. Aber das sind nicht unbedingt die Läufer um mich herum, die sich kraftökonomisch im Anstieg oft mit schnellem Walken begnügen.

Wir lassen die letzten Baumgruppen hinter uns. Nurmehr krüppelige Kiefern, niedriges Buschwerk und Farne gedeihen im satten Grün der felsdurchsetzten Almwiesen. Und Blumen, in vielerlei Farben, vor allem aber in schlüsselblumengelb. Nach 14,5 km lockt, sozusagen am Ende der Ausbaustrecke, erneut ein Verpflegungstisch, abermals in traumhafter Panoramalage. Schluss ist hier mit dem bequemen breiten Naturweg, jetzt geht es auch im Laufuntergrund hinein in den Naturnahkontakt.

 

Trail über das Silbertaler Winterjöchle

 

Aus der Komfortzone des breiten Naturweges wechseln wir auf den nächsten 5 Kilometern auf einen Pfad. Wobei die Bezeichnung Pfad bisweilen fast schon beschönigend ist: Eine Melange aus Matsch und Gras, Wasser und Fels bildet unsere Laufunterlage und macht das zügige Vorankommen zur echten Herausforderung. Bäche fließen durch oder auch auf dem Weg. An manchen Stellen ist der Weg für mich nicht zu erkennen und ich gerate nicht nur einmal in die “Pampa”. Man muss permanent darauf aufpassen, nicht umzuknicken, abzurutschen oder zu stolpern. Und dennoch: Dieser Trail ist das absolute Highlight, lauftechnisch wie auch optisch sozusagen die „Sahneschnitte“ der gesamten Strecke. Ebenso herausfordernd wie traumhaft schön. Wie einsame Gämsen hüpfen die Läufer von Stein zu Stein, binnen Sekundenbruchteilen jeweils entscheidend, wo der Fuß den nächsten sicheren Tritt findet. Meistens gelingt es. Einen der Mitläufer höre ich schon von weitem fluchen und schimpfen. Doch mischt sich in die Tiraden auch ein Lachen. Lust und Frust liegen eben nahe beieinander.

 

 

 
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Dazu die überwältige Bergkulisse: Überaus beeindruckend ist der Anblick der nun in voller Länge sichtbaren Zackenkette des Patteriol, leider nur hinter uns, aber der Blick zurück lohnt immer wieder. In Laufrichtung präsentiert sich die Landschaft als „Orgie in Grün“, vor allem, als wir bei Km 15,5 das Silbertaler Winterjöchle (1945 m üNN) und damit den höchstgelegenen Punkt der Strecke erreichen. Wir passieren den einsamen Grenzpfahl zwischen Tirol und Vorarlberg. 18 km downhill sind es von hier bis Silbertal, aber nur für die Starter des T33. Auf die Marathonis wartet noch ein anstrengender Umweg. Aber noch ist dieser tatsächlich und gedanklich weit entfernt.

Im Hier und Jetzt queren wir eine besonders sumpfige Passage über einen Brettersteg und tasten uns am Sumpf entlang vor bis zum Langsee. Still und einsam liegt er inmitten der Passhöhe. Überaus malerisch spiegelt sich die Umgebung, vor allem die schroffen Berge, im Wasser, eine absolute Postkartenidylle. Läufer, See, Berge – ein schöneres Berglaufmotiv als hier wird man selten finden. So wundert auch nicht, dass das wohl bekannteste Werbemotiv der Veranstaltung von eben hier stammt. Und auch bei mir klickt die Kamera in einem fort.     

 

 

 
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Jenseits des Sees geht es merklich hinab. Als nächstes Ziel lockt das Silbertal und wir blicken auf eine neue, einmal mehr wunderbare Kulisse. Hohe Bergketten säumen auch dieses Tal. Im klaren Sonnenlicht leuchten die Farben der Landschaft und des Himmels in sattem Grün, Grau, Blau und Weiß. Fast schon unwirklich, wie mit satten Ölfarben gemalt wirkt das alles.

Die Obere Fresch Alpe auf 1890 m üNN bei km 17,5 markiert das Ende des trailigen Pfades. An keinem Verpflegungsposten blickt man in so fröhliche Läufergesichter wie hier und so mancher könnt sich zum Finale der Passpassage eine längere Verschnaufpause.     

 

Talabwärts durchs Silbertal

 

Mit der Alpe gelangen wir wieder in zivilisatorisch erschlossenes Gebiet, was vor allem auch in dem breiten Naturweg, dem wir nun folgen, im Ausdruck kommt. Durch eine weite, felsdurchsetzte Graslandschaft geht es weiter. Hinter mir rücken die schroffen Gipfel der Verwallgruppe mehr und mehr in den Hintergrund. Allmählich verlassen wir im Bergablauf das hochalpine Gelände. Langsam wandelt sich die Vegetation, wird wieder artenreicher und dichter. Weite Blumenwiesen, friedlich grasendes Weidevieh und Waldpassagen wechseln einander im zunehmend verengenden Tal ab. Und auch das Rauschen kehrt zurück: Nun ist es die Litz, die uns immer wasserreicher entlang unseres Weges im Talgrund begleitet.

Leicht fällt das Laufen durch das langgezogene hintere Silbertal, denn es geht stets, aber nie steil bergab. Alle paar Kilometer wartet an einer Alpe - zunächst der Unteren Freschalpe, dann der Unteren Gaflunaalpe - eine weitere Verpflegungsstelle. Dank der hinter jedem Posten platzierten Streckenmarkierung mit Angabe der Restkilometer lässt sich gut feststellen, wie weit wir es noch haben und damit umgekehrt auch, welche Distanz wir schon auf dem Habenkonto verbuchen können.   

 

 

 
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Vorbei an einem tief unter uns durch den Wald stürzenden Wasserfall geht es schließlich steil hinab. Das Erreichen der Almhütte Fellimännle auf 1.100 m üNN nach 29 km bedeutet eine Zäsur im Streckenkurs.  Romantisch mit Biergarten, Liegewiese und Teich ist die gar nicht so kleine „Hütte“ mit Hotelbetrieb gelegen, ein wunderbarer Ort zum Ausspannen und beliebtes Ziel für Silbertalausflügler. Bis 14:30 Uhr müssen wir diese erreicht haben, sonst droht die Zwangsumleitung auf die T33-Distanz, die ab hier nur noch weitere vier Kilometer hinab und ohne Umwege ins Ziel in Silbertal führt. Keine schlechte Vorstellung eigentlich.

Aber noch ist es längst nicht so weit. 12:30 Uhr ist es, als ich die Streckenverpflegung unweit der Hütte erreiche. Trotz reichlich Baumschattens merke ich deutlich die Mittagshitze und die Vorstellung, auf den nächsten fünf Kilometern noch einmal fast 500 Höhenmeter „up“ bewältigen zu müssen, ist in diesem Moment keine wirklich verlockende. Aber ich habe es ja nicht anders gewollt. So folge ich nicht dem geradeaus führenden grünen T33-Pfeil, sondern dem nach rechts ableitenden roten Marathonpfeil.

 

Panoramaschleife hoch über dem Silbertal

 

Mit reichlich Trassierbändern werden wir über die wild rauschende Litz und um die Almhütte Fellimännle – wohl für das „Murmeltier“ im Vorarlberger Dialekt stehend - herum auf die dahinter sogleich ansteigenden Almen gelotst. Merklich ist der Wegfall der T33-Läufer, denn noch einsamer als bisher schon wird es auf dem Streckenkurs.

Ein wurzeliger Pfad führt nun steil durch dichtes Nadelgehölz. Er mündet in einen breiten Forstweg, der in langen Serpentinen beständig durch den Wald in die Höhe führt. Es sind mühselige, nicht so richtig motivierende Kilometer, die uns aus dem Silbertal hinaus und hinein ins Wasserstubental führen. Wer die pure Waldesruh liebt, mag dem etwas abgewinnen, aber mit dreißig Kilometern in den Beinen würde ein wenig mehr Abwechslung guttun. Aber ich will mich nicht beschweren. Die Verpflegungsstellen sind nun noch dichter gestaffelt als bisher und der Mühen Lohn lässt nicht lange auf sich warten.

Ein scharfer Abzweig nach links bringt uns nach 32,5 km weiter hinauf bis zum Hochmoor Wildried und damit auch wieder näher heran an das Silbertal, nur eben jetzt hoch oben. Hier erreichen wir nach 34 km mit 1.565 m üNN den höchsten Punkt unseres „Ausflugs“ aus dem Tal. Am offiziellen Aussichtspunkt Wildried lege ich einen kurzen Stopp ein. Der weite Blick hinab ins Silbertal und über die umliegende Berglandschaft ist grandios. Und auch auf dem folgenden weitgehend flachen Höhenweg bietet sich dieser Panoramablick immer wieder, sobald sich der Wald lichtet.  

 

 

 
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Gleichzeitig spukt natürlich die durchaus spannende Frage im Kopf: Auf welchem Weg kommen wir von so weit oben wieder so weit hinunter? Ein Wege-Potpourri erwartet uns bei dieser Aufgabe. Mal geht es über Forst- und Wirtschaftswege oder, weiter unten, auch auf Asphalt in bequemen Serpentinen bergab, dann wieder fordern uns engkurvige steile und kaum wahrnehmbare Waldpfade. Dank guter Wegemarkierung kann man sich dabei nicht verlaufen. Durch die Streusiedlungen Ober- und Unterbuchen erreiche ich schließlich nach 39 km die wild schäumende Litz und damit den dschungelartig zugewucherten Talboden des Silbertals. Ein letzter Verpflegungsstopp erwartet hier die beinmüden, eintröpfelnden Läufer, bevor es zum Finale auf einem schattigen Wanderweg entlang der Litz in Richtung Ziel in Silbertal geht.

Linkerhand ergießt sich der hoch aus dem Wald herunter brechende Teufelsbach Wasserfall tosend in die Litz, die im Folgenden noch ein wenig wilder durch ihr Bett schäumt. Deutlich weniger wild präsentiert sich unser Laufparcours. Ein wenig Geduld muss man dennoch haben. Denn als endlich die ersten Häuser am Ortseingang und gleich dahinter das Zielgelände auf der anderen Bachseite zwischen den Bäumen sichtbar werden, Musik und die Stimme des Zielmoderators ertönen, heißt das noch nicht, dass das Ziel erreicht ist. Den Sprung auf die andere Bachseite ermöglicht erst die Brücke im Ortszentrum, zu Füßen des Gemeindeamts und der Dorfkirche. Dann aber führt die Schlussgerade am Litzufer entlang direkt zum Zielgelände vor dem Feuerwehrhaus Silbertals.    

 

Über den roten Teppich …

 

… und unter dem Zielbogen hindurch, dann ist es geschafft. Im Ziel setzt sich fort, was ich schon beim Start erleben durfte: eine lässig entspannte Atmosphäre. Musik liegt in der Luft und auf der Wiese oder im Liegestuhl liegend, bei Bier und Würsteln im Zelt plauschend lassen die Finisher nebst Begleittross das Laufevent gemütlich ausklingen. Wann immer sich ein Läufer dem Zielbogen nähert, hebt der Moderator die Stimme zur persönlichen Begrüßung an. Im prall gefüllten Zelt werden währenddessen die vielen Altersklassenplatzierten gebührend geehrt und gefeiert.

 

 

 
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Ein eindrückliches Berglauferlebnis wird zwischen St. Anton und Silbertal geboten. Es ist keine große Veranstaltung, aber eine großartige. Und in puncto Organisation, Verpflegung und Attraktivität der Strecke in keiner Weise den „Großen“ der Szene nachstehend. Warum nicht noch mehr Teilnehmer kommen? Vielleicht liegt es am Bekanntheitsgrad. Ob man dem Lauf mehr Bekanntheit wünschen sollte? Ich weiß nicht recht. Einerseits schon, andererseits aber auch nicht: Denn irgendwie ist es gerade auch dieses Familiäre, die ihn zu einem echten Berglaufjuwel macht.

 

 

Informationen: Montafon Arlberg Marathon
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