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08.07.18 - Verbier Ultra Run

Verbier, alles gewaltig!

Es hat nichts, gar nichts mit Bier zu tun, das erstmal vorweg. Obwohl, das gibt’s auch. Nein, Verbier ist ein recht bekannter, nobler Skiort in der Schweiz, vom Rhonetal aus nicht weit. Aber hoch, der mittlere Ortskern hat 1490 hm. Hier ist Start und Ziel einiger Trails, und das bereits seit 10 Jahren. X- Alpin und X-Traversee heißen heuer die zwei härtesten. Und weil es so schön ist, hat man extra zum Jubiläum ein paar nette Schmankerln eingebaut …

Fast 2500 Läufer treten zum Start an. Das Ziel ist für alle gleich: Verbier. Und der lange, der 111er, startet auch hier.  Alle anderen beginnen woanders. Meiner, der 73er, beginnt in la Fouly, bekannter Durchlaufpunkt beim UTMB. Mit dem Bus geht’s los, ab 5:30. Also früh aufstehen! Etwa 800 Läufer sammeln sich in dem kleinen Ort, zur Startzeremonie erhält jeder einen Luftballon; Sekunden vor dem Start lassen wir sie fliegen: eine bunte Wolke steigt unter lautem Jubel auf! Der erste von vielen gewaltigen Anblicken!

1600 m Höhe haben wir und gute Wege unter den Schuhen. Es geht aufwärts, wie alle anderen auch, mache ich langsam. Der erste Pass, der Col de Fenetre, liegt 1100 m höher. Das ist schon mal was. Konzentriert marschieren alle hoch, an laufen ist überhaupt nicht zu denken. Die Kolonne ähnelt einer Prozession, schweigend und keuchend windet sich der bunte Wurm bergan. Breite Wege werden schmaler, dann sind es Steige. Der Blick in die Runde zeigt vom UTMB bekannte Berge, diesmal von der anderen Seite. Grandios ist es trotzdem. Fast oben treffen wir auf mehrere kleine Seen, spiegelglatt und arschkalt. Nur noch wenig Aufstieg, dann wird eine Zwischenzeit genommen. Und, genau wie vermutet, preschen sie alle los. Die geballte Power bricht sich Bahn, bergab. 330 Meter runter und fast 100 wieder hoch zum Grand St. Bernard- Pass mit großem VP.

Gewaltig auch sein (Bernhards) Denkmal. Aufgestellt nicht von dankbaren Hundezüchtern, sondern von all denen, die an der Idee der Hilfeleistung im Hochgebirge Anteil nahmen. Gewaltig die Idee und die Umsetzung. Unter sengender Sonne (was habe ich wieder für ein Glück) laufen wir runter in den kleinen Ort Bourg St Pierre. Der liegt auch auf 1660 m, also sind alle Höhenmeter wieder verheizt. Die Wege sind gut und breit, es läuft sich flott, nur wenige, aber lästige Gegenanstiege bremsen.

Wenn man den Stausee Toules erreicht hat, gelangt man in schattigen Wald (endlich!) und auch schnell zum VP im Ort. Vollpension. Beginnen sollte man mit einer großen Portion Spaghetti mit Soße und Parmesan, alles weitere dann nach und nach. Unbedingt aber trinken! Erste Ausfälle gibt es, ein Bus wird sie nach Verbier bringen. Das ist perfekt organisiert, es gibt sogar einen Fahrplan für die Rettung! Die kennen sich aus mit uns.

800 Höhenmeter und endlose, lange Wege folgen nun. Schnell ist die Schattenzone des Waldes wieder verlassen, am Hang längs schlängeln wir uns den Berg hoch. Weit und breit ist nichts, gar nichts vom nächsten Ziel zu sehen. Gefühlt kommt man nicht voran. Und stetig hoch; aber doch, es gibt Passagen, die laufbar sind. Wenn einem nicht gerade die Luft wegbleibt. Und zwar vom gewaltigen Ausblick, der sich nach jeder Kurve auftut. Ein Wahnsinn. So schön. Und dann kommts: das Ziel taucht auf, zum Greifen nah. Aber erst noch in eine weite, weite Kurve. Col de Mille, mit Helikopterstation, 2472 m hoch.

Die nächste Station liegt etwa auf 2100 m. Netto geht’s runter. Erstmal über ein altes Gletscherfeld, mit Moränen, Steinwällen und Trümmern aller Art. Das läuft sich erfreulich flott. Aber dann, stetig auf und ab, entlang der Baumgrenze, bei so 2000 hm, werden wir alle langsamer. Ein richtiger Trail ist das hier,  mit allem, was die Läuferbeine so brauchen. Oft sogar im Schatten, immerhin ist später Nachmittag und ich bin etwa 10 Stunden unterwegs.
Das letzte Stück, etwa 1km, führt auf einer Straße zur Hütte hoch. Und ich glaube, ich träume: Ein Bus fährt hoch und sammelt alle ein, die nicht mehr weiter können. Der fährt gerammelt voll an mir vorbei wieder runter. Gewaltig, die geschlagenen Helden.

An der Hütte spielt die Musik. Ich höre sie schon von weitem. Eine klasse live-Band ! Zwei Jungs, die es so richtig draufhaben, heizen uns ein.  Mannomann, hier will ich bleiben. Ich nehme einen Teller Lasagne, dazu ein Biere Valoisienne,  so wie die Wanderer am Nebentisch. Ach, was haben die es gut. Engagierte Läufer haben stattdessen einen 500 m Anstieg vor sich.

Der beginnt eigentlich sehr angenehm. Flach nämlich, so schön wie zuvor, ein Traumtrail. Ein Fluss rauscht laut links unter uns, da müssen wir noch rüber. Und dann hoch zum Col de Avouillons, mal wieder auf 2649 m. Der Steig wird steil und schmal, aber eine gewaltige Aussicht nach rechts auf ein Hochtal entschädigt für alles. Umgeben von 3000ern fließt hier von allen Seiten das Schmelzwasser zusammen. Wahnsinn! 4 km darf der Läufer das genießen, dann hüllt ihn der abendliche Nebel ein. Oben am Pass wird der Boden feucht und glitschig und damit enorm gefährlich! So steil runter hatte ich noch nicht. Ein Warnschild hat wirklich seinen Sinn. Immerhin ist es noch hell genug.

Je tiefer ich komme, umso mehr verzieht sich der Dunst. Und es passiert genau das, was ich unbedingt haben wollte: Die Gletscher bei Tageslicht sehen! Den Glacier de Corbassiere, und die Passerelle. Nur 1,8 km Abstieg, die 400 hm sind verheizt, und ich betrete die Hängebrücke. Unter mir – nichts. Neben mir der Gletscher, der sich wie alle seine Kollegen bergauf zurückzieht. Gewaltige Moränen bleiben zurück, der hatte mal ein ganz anderes Format. Ich fühle mich plötzlich ganz, ganz klein…

So eine Moräne wartet drüben auf uns. Lockeres Geröll. Steil. Mal wieder 500 hm hinauf. Nur knapp 1,8 km bis zur Hütte oben, aber sowas von steil. Es geht quasi auf der Direttissima am Grat lang. Man kann über die Kante gucken, aber da ist nichts mehr, nur bodenlose  Tiefe. Lasst es sein… Die Hütte heißt Panossiere und liegt ideal mit gewaltigem Panoramablick auf den Gletscher und den Grand Combin, 4314 m hoch. Letzte Sonnenstrahlen tauchen das Massiv in einen zart-rosa Schimmer. Mir bleibt die Luft weg. Prachtvoll. Und auch die Posten sehen das wohl nicht oft, Handys raus und Foto gemacht.

Apropos Fotos: Ich weiß, ein Laufbericht ohne Bilder ist wie eine Suppe ohne Salz oder ein Bier ohne Schaum. Aber immer noch besser als gar keiner. Ich kanns nicht ändern, meine Kamera hat noch vor dem Start den Geist aufgegeben.

Es ist gemütlich hier,  innen warm, man kann eine Weile bleiben. Ich jedenfalls verköstige mich, rolle mich in einer Wolldecke zusammen und trockne so meine verschwitzten Sachen. Ab jetzt lang-lang,  zur Vorsicht. Hier oben ist es kalt, im Tal unten nicht. Und die Lampe aufgesetzt, es wird dunkel. Der Weg abwärts ist wirklich gut, ganz anders als der Aufstieg.  Auf festem Untergrund mit wenig Steinen ist flottes Laufen möglich. Nach einer Weile begleitet ein eingefasster Bach den Weg, er gluckert und rauscht vor sich hin. 11 km geht es so. Ein paar Serpentinen kommen weiter unten, kurz bevor man in Fionnay eine Straße erreicht. Da ist es besser, langsam zu sein. Ein Bautz hier wäre nicht gut.

Ein bisschen Straße und Trail abwechselnd führen nach Lourtier auf 1027m Höhe. Der Tiefpunkt der Strecke. Viele finden da nicht wieder raus und wählen den Bus. Eigentlich schade, denn es wären nur noch 12 km. Aber die sind mit Abstand die Schlimmsten! Wer da Verzicht übt, hat mein vollstes Verständnis…Aber der Reihe nach.

Mit der Ruhe und der Einsamkeit ist es vorbei. Die 111er kommen, die Pfade treffen zusammen. Wir versorgen uns gründlich und machen Pause. Cutoff gibt es zwar auch, aber wir sind noch weit weg davon. Dann weiter, nach Verbier. Nur noch über den Berg, mal so eben. 3,5 Stunden nur für den Aufstieg benötige ich dafür. 1200 Höhenmeter,  enorm steil und unendlich lang. Ein paar 111er können das laufen. Gewaltig! Ich bin platt und mache Pause. Ich lege mich hin und sehe in einen klaren, wolkenlosen Himmel voller Sterne. Alles ist voller Sterne. Die Milchstraße mittendrin. Wahnsinn, und ich bin wieder soo klein.

Aber auch dieser Berg hat einen Gipfel, 2266 m hoch. Da steht eine Skiliftstation mit Gaststätte daneben. Wieder Pause, aber nicht lange.  Mich zieht es zu Tal. Essen kann ich nichts mehr und die viele Cola macht allmählich Sodbrennen. Auch nicht so schön. Ein Becher muss für die letzten 7 km reichen. Erst auf einem Fahrweg, dann auf einem Trail geht es runter in den Wald. Es ist wieder hell, die Lampe kann weg. Nur abwärts, ins Ziel auf 1490m, wo es wärmer ist.

Plötzlich, gerade bin ich aus dem Wald raus, wunderschöne Häuser, schweizerisch-alpin. Fantastisch. Ein letzter Gegenhang will noch bezwungen werden, auf breitem Weg kein Problem. Und wenn der Gaul erstmal den  Stall wittert…

Zum Schluss noch etwas MTB-Track, Schilder vom Schmusetrail daneben, dann rein in den Ort. Die Hauptstraße lang, abwärts, nur abwärts. Keine Geschäfte gucken jetzt. Über den Kreisverkehr, dann links rein, und Schluss. Das wars. Nach fast 23 Stunden.

Der Rest ist völlig unspektakulär: Keine Urkunde (angeblich im Netz zu erhalten), keine Medaille. Da ist noch Verbesserungspotential! Aber alles andere – Gepäckausgabe, Duschen, Verpflegung, Sanität, Massage. Alles bequem beieinander. Und auch die Parkplätze sind nicht weit…


Fazit

Hier ist alles gewaltig. Die Anforderungen, die Berge. Man lernt, die Höhenmeter zu lieben (die man hinter sich hat) und die Strecke, die man vor sich hat, zu respektieren. Es ist alles top organisiert, pünktlich. Aber hochalpin. Da muss die Ausrüstung stimmen: Alles vom Reglement ist nötig. Auch die Wechselklamotten. Man kommt in die kalte Nacht hinein, in jedem Falle. Der Wind an den Pässen pustet auch ganz ordentlich. Stöcke sind zwar nicht vorgeschrieben, aber extrem nützlich. Auf ein paar Schneefeldern gäbe es ohne Stöcke viel mehr zu lachen!

In diesem Jahr sprudelten alle Quellen am Trail, genug zum Trinken und Kühlen. Ab und an ein Blick in die Runde lohnt. Ich habe die Schnellen gesehen, Blick am Boden, konzentriert, die haben zwar den Ruhm, aber nichts gesehen.

6 ITRA- Punkte werden nicht so einfach vergeben, 4 sind es für den 73er – da wird schon mächtig was gefordert. Immerhin sind die Cutoff-Zeiten human gesetzt. Trotzdem sind die Ausfallquoten beachtlich. Aber auch ein Genussläufer kann es gut schaffen. Zum Reinschnuppern bieten sich der Marathon oder der 29 km-Lauf an. Da kann man fast dasselbe erleben,  hier im Land der gewaltigen Berge.

 

Informationen: Verbier Ultra Run
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