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16.08.15 - 100 Meilen Berlin

Abstimmung mit den Füßen

Autor: Joe Kelbel

160,9 Kilometer nonstop zu laufen,  können sich viele Leser nicht vorstellen. Unvorstellbar sind jedoch die Sperranlagen, die Berlin einst teilten. Damit das nicht vergessen wird, findet der Mauerweglauf statt.

Die Anstrengung des 100 Meilen Laufes verbindet die Läufer mit denen, die nicht mit den Händen in der Hosentasche, sondern mit den Füßen abgestimmt haben. Erstmals war es Lenin, der den Ausdruck „Abstimmung mit den Füßen“ benutzte. Dann machte der Ausdruck in der DDR die Runde. 3,8 Millionen insgesamt verließen die DDR von 1945 bis 1990, Eltern und Großeltern, all jene, die nach dem Krieg endlich eine Demokratie erwartet hatten.

Tatsächlich flohen damals die meisten aus politischen, nur 10 % aus wirtschaftlichen Gründen. Die Folgen für die DDR Wirtschaft waren gravierend. Die Errichtung der Mauer am 13.August 1961 führte zu einem jähen Ende der Massenflucht.

21. November 1980 - Zu dritt überwinden sie mit Leitern die Hinterlandmauer.  Den 2,5 Meter hohen Signalzaun überwinden sie per Klappleiter, dann stehen sie vor der letzten, der 3,5 Meter hohen Mauer, an die sie die gebastelte Faltleiter anlegen. Vom Wachturm wird geschossen, zwei Grenzsoldaten eilen herbei. Falko schafft es zuerst in den Westen, Peter bleibt auf der Mauerkrone liegen, um seine Verlobte, die kleine Marienetta hochzuziehen. Micki, wie sie genannt wird, fällt tödlich getroffen auf die Ostseite, Peter auf die Westseite. Micki wurde 18 Jahre alt. Der Mauerweglauf erinnert in diesem Jahr besonders an Marienetta Jirkowsky.

Die Stasi beschlagnahmte sämtliche Fotos von Micki bei Verwandten und Freunden, eine übliche Verfahrensweise, um die Existenz von Geflohenen zu leugnen.

Die Finisher Medaille des Mauerweglaufes 2015 trägt das Konterfei von Marienetta, es wurde aus dem letzten erhaltenen Foto gefertigt. Von anderen Maueropfern exestieren keine Fotos mehr, deren Gedenkstehlen bleiben leer.

Die 100 Meilen von Berlin, der Mauerweglauf, der auf dem ehemaligen Patroullienweg rund um das ehemalige Westberlin führt, findet jeweils am Wochenende nach dem 13. August statt.  Niemand soll vergessen, was am 13. August 1961 geschah.

 
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Das Veranstaltungszentrum für den Mauerweglauf  ist im Ramada Hotel am Alexanderplatz.  Dort bekommt man seine Startunterlagen und ein Stück Mauer. Bitte die Pflichtausrüstung beachten und beim Briefing anwesend sein! Teilnehmerzahl dieses Jahr incl. Staffelläufer: 650.  Bei der Fahradbegleitung musste bei 100 Anmeldungen die Reissleine gezogen werden.

Es wird ein extrem heisses Wochende werden, der Rennarzt Carsten gibt Hinweise, wie man es überleben kann. Bei den etwa 350 Einzelstartern wird es dennoch eine 30% ige Ausfallquote geben. Sollte sich jemand den Fuß brechen, oder die Achillessehne reisst, dann wäre ein Finish nicht möglich, sagt Carsten, woraufhin die versammelte Gesellschaft in Lachen ausbricht und einen bestimmten Pappenheimer angrinst. Das Buffet ist sehr gut, leider gibt es wieder Nudeln.

Start und Ziel ist im Friedrich-Jahn-Stadion (U-Station „Eberswalder Strasse“), Stadtteil Prenzlauer Berg. Vom Alexanderplatz und der Turnhallenunterkunft gibt es regelmäßig Shuttlebusse. In Sichtweite zum Stadion gibt es etwa 10 Hostels. Gratis-Frühstück ab 4 Uhr im Start/Zielbereich, jedoch mit einer extrem langen Warteschlange, sodass ich auf das Frühstück verzichte, um Laufvorbereitungen zu erledigen, die leider von einer nervigen Fliege gestört werden: „Und Joe, was hast du dir vorgenommen? Und Joe, wo läufst du nächstes Wochenende?“

Ein irischer Sänger stand auch auf der Startliste. Hätte er wenigstens abgesagt, es gab genügend Anwärter auf einen Startplatz.  Die Dropbags für Henningsdorf ( km 34), Sacrow (km 71) und Teltow (km103) bringt man zu den Gitterwagen.  Die After-Race-Reisetasche wird im ersten Stock deponiert, dort gibt es reichlich Duschen, wenige WC´s, Umkleideräume und Feldbetten. Die Dropbags holt man später im Ziel bzw. im Ramada ab. Nach dem Zieleinlauf gibt es alle 30 Minuten einen Shuttlebus zurück ins Ramada.

 

Start Samstag 6 Uhr

 

Scheiss Mauer. Die Scheinwerfer nerven. Es sind Stadionleuchten, keine Peitschenlampen, Berlin gönnt mir keinenSchlaf. Ich darf nicht klemmen, muss  meinen Plan durchziehen. Wenn´s schief geht, trete ich diesen Weg nie wieder an. „Drei, vier Kippen und zwei Schnäpse“, so schildern Geflüchtete ihre letzten Minuten. Und dann Flucht nach vorne, nach vorne!

 
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Es bleibt ruhig nach dem Start.Niemand springt, nervt oder überholt, keine Rufe nach Bewunderung, keine Gespräche, kein „Joe, wie ist deine heutige Taktik?“ Niemand kann wissen, was der heutige und der nächste Tag bringen werden.

Das Jahnstadion wird noch von einem Teil der Hinterlandmauer begrenzt, die wurde 1962 zusätzlich zur ersten Mauer errichtet, danach kam der Signalzaun, verschiedene Sperren, Wachtürme, Postenweg, Kontrollstreifen, KFZ-Sperre und dann erst die eigentliche Mauer. An der Berliner Mauer gab es keine Selbstschußanlagen, aber an der innerdeutschen Grenze.

Der steile Hang unterhalb des Stadions besteht aus Kriegstrümmern, gehörte zu Westberlin, war einst Bahngelände. Die DDR hatte damit ein Problem, denn wer hier einen Tunnel grub, hatte es einfacher.  Deswegen erwarb die DDR 1988 durch Gebietstausch diesen Hang, der heute geliebte Sonnenwiese ist. Der Todesstreifen erweiterte sich auf einer Länge von 1,2 Kilometern, verschob sich um 50 Meter gen Westen, so konnte man Flüchtende besser erwischen. West Berlin vergrößerte sich dafür an anderer Stelle, zahlte aber noch 76 Millionen Mark drauf.

Das ehemalige Bahngebiet wurde nach dem Mauerfall schnell zum öffentlichen Park, weil Bürgerinitiativen Blümchen pflanzten, wo einst der Todesstreifen war. Offiziell wird die kulturelle Vielfalt in diesem grauen Grüngelände hochgelobt, doch neben der Ziegelmauer liegt das nächste Maueropfer, die Nadel noch  in der Armbeuge.

Wir überqueren die Gleimstrasse, darunter der einst zugemauerte Tunnel, ein Überbleibsel des Bahnhofes der Nordbahn, mit der man einst nach Stralsund fuhr. Ulrich Pfeiffer gelang hier 1961 durch die Kanalisation die Flucht. Als Bauingenieur beteiligte er sich von Westen aus an weiteren Tunnelprojekten im Bereich Bernauer Straße, die wegen des sandigen Untergrundes gute Kenntnisse erforderten. 

Die komplizierte Lage zwischen drei Bahndämmen und der „Nasses Dreieck“ genannten  Kleingartenanlage, verleitete so manchen zur Flucht. In den ersten zwei Jahren nach dem Mauerbau gelang es 617 Menschen, hier zu fliehen. 142 kletterten rüber, 78 seilten sich aus Wohnungen ab, 78 sprangen in Sprungtücher der Westberliner Feuerwehr, 22 benutzen Leitern, 59 kamen durch die Kanalisation. Dann listen die DDRler noch „sonstige Fluchten“ auf, die aus „Sicherheitsgründen“ nicht näher beschrieben wurden. Alleine hier, eine verdammt hohe Quote. Wer zuerst rennt, den begrüßt das Leben!

Wir überqueren die Gleise, die zum Bahnhof Jungbrunnen (Westen) führen und erreichen die ehemalige Grenzstation Bornholmer Strasse. Hier tat Harald Schäfer am 09.11.89 als Oberstleutnant der NVA seinen Dienst, als Günther Schablonski die Öffnung der Grenzübergänge nach West Berlin verkündete. Die Menschen drängten über die Grenze, die Situation drohte zu eskalieren.  Da öffnete Harald Schäfer den Schlagbaum. Der, der die Mauer schützen soll, wird zum dem, der die Mauer öffnet!

Winfried schaffte es nicht, er starb beim Absturz seines selbstgebastelten Ballons. Marko war verspielt, er fing mit bleibeschwerter Angelschnur Möwen, hängte ihnen Zettel an: „Ich bin aus Ostberlin, bitte helfen Sie mir“.

Km 4, Wolkanstrasse. Die Bögen der Stadtbahn sind immer noch zugemauert und versifft. Bis zum Mauerbau gab es hier kleine Handwerksbetriebe und Gemüseverkäufer in den Bögen. Der Untergrund ist sandig, die Grenzer sackten beim Kontrollgang ein. Sie durchbohrten den Bahndamm, jeder Bogen beherbergte einen Fluchttunnel.

 

Informationen: 100 Meilen Berlin
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