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03.08.13 - Gondo Marathon

Der Simplon Trail

Mein letzter Laufbericht auf Marathon4you liegt schon Monate zurück. Vielleicht hat sich ja manch einer gefragt, wo ich denn abgeblieben bin. Ja Leute, ich bin krank, leide an Trailfieber und Asphaltallergie, wodurch es mir sehr schwer fällt, die Qualen eines Citymarathons zu ertragen. Für derartig Geschädigte, aber auch für noch Gesunde hat unser Chefredakteur in weiser Voraussicht das Portal Trailrunning.de erschaffen, wo Berichte meiner Reha-Läufe im mittlerweile doch schon recht groß gewordenen Kreis der Freunde des „ungepflegten“ Landschaftslaufs zu finden sind.

Prinzipiell zählt ja auch der Gondo Event zu dieser Kategorie, aber der Umstand, dass wir beim 2-Tageslauf jeweils genau eine Marathondistanz zurücklegen, ist es geschuldet, dass ich auch hier wieder einmal auftauche. Der Streckenverlauf des Doppel-Marathons ist in Kürze recht schnell erklärt. Wir starten am Samstag in Gondo, laufen über den Simplonpass auf die andere Seite der Berge, übernachten in Ried-Brig und auf teilweise veränderter Wegführung geht es am Sonntag wieder über den Pass zurück nach Gondo. Neu im Programm ist die Möglichkeit, sich die Strecke zu teilen. Bei der Gondo Stafette werden die beiden unterschiedlichen Marathons auf zwei Personen aufgeteilt, jeder läuft einen Tag.

Wer nicht ganz so weit laufen will, für den wird noch das Gondo Running mit 28 km angeboten. Beim Gondo Plausch ist dieselbe Variante noch etwas entschärft, es darf marschiert oder gewalkt werden, ohne Zeitmessung. Eines haben aber alle gemeinsam: Sie sind ordentlich mit Höhenmeter versehen, denn bei allen Strecken ist der Simplon auf alten Schmuggler- und Handelspfaden zu überqueren. Bei allen Konkurrenzen dürfen im Übrigen Stöcke verwendet werden, womit wir dann doch wieder eher beim Trailrunning wären und für mich die Möglichkeit gegeben ist, meine Krankheitssymtome zu bekämpfen. 

Zu einem der Höhepunkte des Gondo Events zählt die Überquerung des Simplon. Er gilt als einer der schönsten Alpenübergänge und verbindet das Rhônetal im Schweizer Kanton Wallis mit dem Lago Maggiore. Bis ins 17. Jahrhundert wurde der Pass hauptsächlich von Schmugglern und Söldnern benutzt, denn die enge Gondoschlucht galt lange Zeit als unpassierbar. Erst der Walliser Kaufmann Kaspar Jodok von Stockalper begann ihn in der Mitte des 17. Jahrhunderts für Salztransporte vom Mittelmeer her, mit Lasteseln zu nutzen, was ihm großen Reichtum einbrachte und den Beinahmen „König des Simplon“. Danach entwickelte sich der Simplon über Jahrhunderte zur kürzesten Verbindung zwischen Paris und den oberitalienischen Handelszentren, allen voran Mailand. Von den historischen Weganlagen des Stockalperwegs sind noch heute große Abschnitte sowie beeindruckende Bauten erhalten und liegen natürlich auch an der Laufstrecke.

Die erste für Fahrzeuge geeignete Passstraße ließ Napoleon 1801 – 1805 errichten, um mit seiner Artillerie südwärts zu gelangen. Seit etwas mehr als hundert Jahre muss man nicht mehr zwingend über, sondern kann auch durch die Berge nach Italien gelangen. 1906 wurde ein 19 km langer Eisenbahntunnel durch den Simplon eröffnet. Dadurch besteht heute für uns die Möglichkeit, per Autoverladung von Brig/Schweiz nach Iselle di Trasquera/Italien, eine Verkürzung der Fahrzeit auf 20 Minuten herbeizuführen.

Jan und ich wollen die Möglichkeit aber nicht nützen, bei dem wunderschönen Wetter möchten wir vorab schon mal den Übergang auf der Passhöhe begutachten, der auch der bestausgebaute Passübergang der Schweiz ist. Damit hat er sich auch zu einer Transitstrecke für den Schwerverkehr entwickelt, die jährlich von zigtausend LKWs befahren wird. Obwohl es sich um eine Nationalstraße handelt, darf man ihn aber auch mit dem Fahrrad überqueren. Diverse Baustellen behindern aber gerade ein zügiges Vorwärtskommen.

Flankiert von einer hochaufragenden und steilabfallenden Felswand wirkt Gondo sehr beengt und auf den ersten Blick für mich auch etwas bedrohlich. Das Grenzdorf klebt förmlich an einem Steilhang. Direkt am Ortseingang ist der Grenzübergang nach Italien. Daneben steht der imposante Stockalperturm. Die Tragödie vom 14. Oktober 2000 sieht man ihm nurmehr bei näherem Betrachten an. Nach einem Unwetter mit verheerenden Regenfällen zerstörte  ein gewaltiger Erdrutsch innerhalb von ein paar Sekunden 10 Häuser, dabei verloren 13 Menschen ihr Leben. Zur Erinnerung an diese Katastrophe, organisiert der Verein Gondo Event alljährlich diesen Gedenklauf.

Am Freitag werden uns ab 17 Uhr im 5. Stock des Stockalperturms Nudeln und Salat serviert. Es besteht auch die Möglichkeit, auf eigene Rechnung im Gebäude zu übernachten. Als Wahrzeichen von Gondo war man daran interessiert, ihn schnell wieder aufzubauen. Im Gang zeugen noch Fotografien von den enormen Beschädigungen nach dem Unglück. Erste Idee war eine Umgestaltung in ein Museum, das wurde aber zugunsten eines Hotels verworfen. Heute verfügt man über insgesamt 42 Betten und bietet modernste Seminarinfrastruktur in diesen historischen Gemäuern. Mittlerweile hat der Betrieb ob seiner Originalität und seiner Ausstrahlung bereits etliche Qualitätslabel errungen. Beim Reisemagazin GEO wird er sogar unter den 90 schönsten Hotels Europas geführt.

 
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Stockalper begann 1666 mit dem Bau dieses mächtigen Hauses mit dem siebenstöckigen Turm. Es diente ihm als Lagerraum für Transportgüter, Verwaltungsgebäude und als Herberge. Im lukrativen Schmuggelgeschäft spielte das Gebäude ebenso eine große Rolle. Wegen der großen Lagerkapazitäten konnten sich die Schmuggler im Turm mit Gütern wie Rauchwaren und Kaffee eindecken, welche sie über die steilen Felsen am Zoll vorbei über die Grenze transportierten.

Wer sich beim Gondo Event um nichts kümmern will, dem wird vom Veranstalter ein Komplettpaket angeboten, bei dem man bestens versorgt wird. Im Preis von CHF 246,- enthalten sind da neben der Startberechtigung für beide Marathons noch je zweimal Abendessen, Frühstück und Übernachtungen im Massenquartier. Das Quartier im ehemaligen Schulhaus direkt am Start- und Ziel entpuppt sich sogar als recht komfortabel. Große Duschräume und ausreichend Toiletten stehen zur Verfügung. Die 20-Bett-Zimmer sind gut ausgestattet mit Stockbetten, Matratzen, Kopfkissen, Ablagemöglichkeiten und, nicht ganz unwichtig, mit Stromanschlüssen um GPS, Akkus usw. nochmals mit Saft zu versorgen. Nur einen Schlafsack muss man selber mitbringen. Heuer ist das Quartier seit langer Zeit einmal nicht ausgebucht, so dass die ebenfalls noch zur Verfügung stehende Zivilschutzanlage nicht benötigt wird. Im Zimmer bleibt die Nacht erstaunlich ruhig, nicht einen einzigen Schnarcher kann ich vernehmen. Dafür donnert der in unmittelbarer Nähe rauschende Wasserfall mit voller Kraft durch die Nacht.

 

Tag 1


Bis 6 Uhr bleibt alles ruhig im Zimmer, dann machen sich die ersten auf den Weg zum Stockalperturm, wo das Frühstück serviert wird. Im schönen Ambiente des wunderbar restaurierten Turms gibt es beim Angebot nichts zu mäkeln, ich für meinen Teil benötige nicht einmal einen Bruchteil des Angebotenen. Außerdem bietet uns die Strecke mit 8 Verpflegungsstationen noch ausreichend Möglichkeiten, nachzufassen. Trailer werden ja normalerweise eher selten mit einem Verpflegungsangebot in so kurzen Abständen verwöhnt. Bis zum Start können wir unser Gepäck zum Transport auf die andere Talseite am LKW abgeben. Stress und Hektik sind hier Fremdwörter.

Gestartet wird am 1. Tag um 8 Uhr. Wie in den letzten Tagen sind wieder hohe Temperaturen zu erwarten, bis jenseits der 30 Grad. Aber am Nachmittag besteht große Gewitterneigung, so habe ich mich doch zum Mitführen einer Regenjacke entschieden. Von Organisationsleiterin Brigitte Wolf bekommen wir noch eine kurze Einweisung, was wir bei den Streckenmarkierungen zu beachten haben. Grundsätzlich gilt: wenn nach 100 Meter keine Markierung auftaucht, sollte man aufmerksam werden, nach 200 Meter ohne Sichtkontakt ist man falsch gelaufen.
Bekanntestes Gesicht am Start ist sicher Super-Trailerin „Lizzy“ Hawker die am letzten Wochenende in Davos beim K78 noch den 5. Platz belegte. Sie ist seit ihrem ersten Start regelmäßig in Gondo und holt sich den letzten Schliff für den UTMB.

 
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Die ersten Meter führen auf der Hauptverkehrsstraße durch den Ort. Bei der ersten Möglichkeit verlassen wir die Teerstraße und gelangen auf den historischen Stockalperweg. Auf nur mäßig ansteigenden Trails kann ich schnell meinen Rhythmus finden. Bereits auf den ersten Kilometern werden uns unvergessliche Eindrücke entlang der Doveria durch die enge Gondoschlucht geboten. Teilweise laufen wir direkt neben der Straße, mal unter und manchmal auch über ihr. Dabei geht es über viele spektakuläre Brücken.

Holz- und Steinbrücken wechseln mit modernen Stahlkonstruktionen. Die aktuellen, aber auch früheren Wegebauer haben hier einen aufregenden Pfad durch die Schlucht geschaffen, kaum zu glauben, dass Stockalpers Männer hier ihre Handelsroute hatten. Erst seit August 2002 ist der Weg durch die imposante Schlucht wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Stehenbleiben ist aber an diversen Stellen wegen Felssturzgefahr untersagt. Haben wir ja auch nicht vor.

Nach drei Kilometern geht es unterirdisch weiter, wir durchqueren zwei Tunnel der ehemaligen Festungsanlage Fort Gondo, über mehrere hundert Meter geht es angenehm temperiert durch die Felsen. Grüne Wiesen und auch gelegentliche Asphalt-Passagen führen uns nach Simplon Dorf. Die Wege bis dahin sind allesamt hervorragend und ohne größere Probleme zu meistern. Immer wieder passieren wir dabei alte Gemäuer und Handelsstationen aus vergangenen Tagen.

 
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Die ersten 500 Höhenmeter liegen in Simplon Dorf (km 8,5) hinter uns. Der Baustil mit den typischen Steinplattendächern erinnert an seine italienische Nachbarschaft. Wir laufen mitten durch den Dorfkern. Am Ortsende ist die zweite Versorgungsstation errichtet. Es stehen Cola, Iso, Wasser, Linzer Törtchen, Salzbrezeln, Bananen und Riegel zur Verfügung.

Über saftige Alpweiden, rauschende Bäche und auch immer wieder kleine Ansiedelungen, die so eng und schön angelegt sind, dass man meint, durch die Hausgärten zu laufen. Es wird dann aber doch zunehmend steiniger und steiler. Schon von weitem kann man das hochaufragende Alte Spittel erkennen. Es wurde 1650 von Kaspar Stockalper erbaut und diente als Herberge für  Wanderer und Kaufleute. Die drei oberen Stockwerke nützte seine Familie als Sommersitz. Im untersten wurde armen Reisenden unentgeltlich Unterkunft und Verpflegung gewährt.

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Informationen: Gondo Marathon
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