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13.03.16 - Special Event

The Wild Elephant Trail (210 km): Sri Lanka, die Träne Indiens

Autor: Joe Kelbel

„Bekommt ihr von der Regierung eine Entschädigung?“ Als Antwort erhielt ich von ihr dieses seltsame, zuckende Nicken. Es bedeutet „Nein“. Ein Elefant hatte beide Beine ihres Vaters zertrümmert. Ein Gerüst an der Strasse ermöglichte es ihm, sich hochzuziehen und uns Läufern nachzuschauen. Als ich die Frau dieses Jahr wieder besuche, ist das Gerüst nicht mehr.

Etwa 100 Tote Menschen pro Jahr hinterlassen die Elefanten auf ihren Streifzügen durch das Land. Ziel bei diesem Trail ist es also, jeglichen Elefantenkontakt zu vermeiden. Die 6 Etappen müssen tagsüber zurückgelegt werden. Das bedeutet: 35-45 Grad. Startzeit, Strecke und Camp muss mit der Wildlife-Behörde abgestimmt werden, Camps durch Fackeln und Nachtwachen geschützt werden.

Im Ankunftsbereich des Flughafens Colombo ein ungewohntes Bild: Überall Waschmaschinen, Geschirrspüler, Bügeleisen. Die EU hat ein Steuerabkommen mit Sri Lanka, nicht jedoch mit Indien. Millionen von Srilankesen, die als Gastarbeiter in Indien arbeiten, kaufen bei ihrer jährlichen Heimreise hier ein und holen die Geräte bei der Rückreise an einem indischen Flughafen ab.

Jetzt in den frühen Morgenstunden landen nur Flieger aus Europa. Das Visum für Sri Lanka kauft man sich besser im Internet, ist billiger als am Einreiseschalter. „What happend to your passport?“ fragt der Immigration Officer. Nun, vor einem Jahr erwischte mich hier in Sri Lanka ein gewaltiger Regen. Pass und Handy zerfielen in Minutenschnelle. Ich mag es nicht, wenn jemand in so früher Stunde lauthals lacht: „Welcome back, Mr. Kelbel!“

Negombo ist der Badestrand nördlich von Colombo. Dort stehe ich mit Dietmar um 5 Uhr auf dem Balkon des Hotels. Trotz Müdigkeit, wir müssen uns dieses Schauspiel anschauen: Millionen von Krähen fliegen drei Stunden lang die Küste entlang nach Norden. Sie kommen vom riesigen Fischmarkt in Colombo. Dort legen die Fischer Nacht für Nacht ihren Fang zum Trocknen am Strand aus. Die Krähen fliegen nun tief, sehr tief.

Nachmittags findet der penible Check der Ausrüstung statt. 10 kg Gepäck sind erlaubt. Wir sind 28 Läufer aus 15 Nationen. Eine Zecke fällt vom Frangipanibaum auf meine Sonnenliege. Die Zecken hier sind groß, gut sichtbar, übertragen aber keine Krankheiten auf den Menschen.

In der Dämmerung fliegen die Krähen zurück zum Fischmarkt, übertragen weisse Flecken. Sie fliegen nun deutlich höher, trotzdem wagt sich niemand für einen Drink auf die Dachterrasse. Sobald die Luft rein ist, beginnt unser Henkersdinner unter Palmen. Man kennt sich. Doch erstaunlicherweise gibt es immer wieder Newcomer, denen gilt die gesamte Aufmerksamkeit der Profies und alten Hasen.

 

Yapahuwa

 

Der nächste Morgen: Ich weiß nicht, welcher Wochentag. Zeitunterschied, Hitze, das frühe Aufstehen, ich penne im Bus weg. Irgendwann am Nachmittag Ankunft in Yapahuwa.

Yapahuwa ist die ehemalige Hauptstadt Sri Lankas (13. Jahrh). Dominiert werden die Reste der Stadt von einem hohen Gneisfelsen. Gneis ist das Urgestein des Urkontinents Pangaea.

König Bhuvenakabahu ließ hier die Hauptstadt errichten, um die heilige Zahnreliquie von Buddha vor den indischen Invasoren, den Dravidian in Sicherheit zu bringen. Man bedenke: Buddha lebte 500 v. Chr., seine Relique war also im 13. Jahrhundert schon ein wenig alt. Dann kamen die Pandyans und raubten den Zahn. Bis ins 16. Jahrhundert gab es nämlich eine Landverbindung zwischen Indien und Sri Lanka, und von Indien kamen immer wieder Invasoren. Heute besteht die Landverbindung, die Adams Street, nur noch aus einer lockeren Verbindung von Sandbänken und Inselchen. Für Inder jetzt eine sportlicher Herausforderung,  
Sri Lanka schwimmend zu erreichen.

 
© trailrunning.de 29 Bilder

Wir haben unser Lager im Pilgerheim aufgeschlagen, das ist eine relativ offene Halle, wo wir alle unter Moskitonetzen auf dem Betonboden übernachten. Es ist schwer, die Kameraden zu motivieren, den Felsen zu besteigen, denn jeder klebt schon schweissgebadet auf seiner Matte. Ich habe mir die Z-Lite-Matte gekauft. Da sammelt sich der Schweiß in den Noppen. Nach 30 Minuten bin ich 500 Gramm leichter und drehe die Matte um. Man hat uns bunte Tücher gegeben, damit sollen wir irgendwas bedecken, weil es heiliges Gebiet hier ist.  

Unser Pilgerheim ist in einem äußeren Ring, der hufeisenförmig um den Heiligen Felsen gebaut wurde. Die Stadt muss groß wie Frankfurt gewesen sein.  Geblieben sind die steinernen Reste, groß wie San Marino. Es gibt drei Stadttore, die von Wällen und Gräben geschützt sind. Vom nördlichen gelangt man zunächst in den Tempelbereich. Der Mönch sagt, dass die Inder die Zahnreliquie alle zwei Jahre zurückbringen. Ich finde dazu keine Literatur. Tatsache ist aber, dass die 42 Höhlen des Felsen regelmäßig von Eremiten bewohnt werden, die auf die Reliquie warten. Einige der Höhlen wurden von den Briten erforscht. Sie stießen auf Funde aus der Steinzeit.

Es gibt vier Holzstäbe. Sie erzählen aus menschlicher Vorzeit über den Heiligen Felsen und  liegen im Nationalmuseum. Auch die filigranen, dünnen Steinfenster von der Treppe sind im Nationalmuseum.  Sie sind aus Spiralen und mystischen Kreisen gebildet. Die Treppe, nun ohne Steinfenster, ist beeindruckend genug. Sie ist extrem steil, mit extrem kleinen Stufen, zur Abwehr von Invasoren und zur Behinderung der Flucht potentieller Räuber der Relique. Wir alle mögen diese Treppe nicht, zumal uns Stefan, der Trailchef, gerne hier hinaufschickt. Oben am Steintor sind die Löwen, die auf dem 10 Rupien (0,6 Cents) Schein abgebildet sind. Darüber ein Klon aus Elefant und Löwe.

Der weitere Aufstieg führt über uralte Stufen, die glücklicherweise ein wenig gesichert sind. Die Sonne brennt, der Schweiss fliesst, erst ganz oben gibt es eine kühle, erholsame Briese. Ein verfallene Stupa, aus späterer Zeit, eine Zisterne, in der sich Frösche tummeln. In den Fundamenten der Pyramiden sind noch die Nischen für die heiligen Lichter zu sehen. Ich sehe nur die Weite der Landschaft, die Felsen des Urkontinents und diese Insel, die kleiner ist, als Bayern.

Bin alleine auf der äußeren Ecke des Felsens und atme die Welt ein. Die Magie des starken Windes drückt in meine Arme. Ich kann fliegen! Mit kleinen Handbewegungem kann ich genau dem Trail folgen. Dort am Horizont wird mein Ziel in 6 Tagen sein: Der heilige Berg Sigiriya.

Letztes Jahr habe ich der einheimischen Helfercrew beigebracht, uns abends Cola und Bier zu servieren. Nun verdienen sie sich ein Zubrot mit eiskalten Getränken. Es ist ein lustiger Abend, nicht so angespannt, wie sonst vor großen Rennen. Pavel bringt uns bei, wie man  die großen Spinnen aus dem Inneren des Pilgerheimes fängt. Alle Spinnenarten Sri Lankas sind ungefährlich. Aus seinem Becher würde  ich aber nicht mehr trinken. Skorpione kommen gerne heraus, wenn der Regen ihre Höhlen überschwemmt. Sie sind nur mäßig giftig.

Der Nachthimmel ist glasklar. Jede Minute eine Sternschnuppe, es handelt sich laut Kalender um die Eta Virginiden. Etwa auf 10 Meter Höhe flitzen die 3 cm großen Leuchtkäfer umher. Sie paaren sich dort oben. Wie das technisch geht, müssen unsere Astronauten klären.

Etwa um 23 Uhr reisst mir Thida die Ohrstöpsel raus. Ich sei am Schnarchen. Ich kann die Diwa aus Kambodscha gerade noch fragen, warum sie nicht ihre eigenen Ohrstöpsel nutzt, da stopft sie sich schon meine schwitzigen Dinger in die Ohren. Und so liege ich schweissgebadet unterm Moskitonetz und lausche den immer mehr werdenen Mücken, wie sie surrend mein Netzt durchbrechen wollen. Mückensurren ist nervig, viele Mücken sind  wie Kreissägen. Es ist nicht einfach, das Netz sicher zu befestigen. Auf der dünnen Matte wirft man sich wegen Druckschmerzen hin und her und wehe, ein Körperteil gerät im Halbschlaf ans Netz. Das wäre alsbald blutleer. Also habe ich sicherheitshalber eine Hose an. Für die kühlen Morgenstunden (25 Grad) genügt ein dünnes Laken. Geweckt wird man von den ungeduldigen Frühaufstehern.

 

 
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