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14.12.08 - Siebengebirgsmarathon

Ho, ho, ho, da kommt der Joe

Autor: Joe Kelbel

Die ersten 100 Leser dieses Artikels sind Mitläufer. Die anderen 5000 werden jetzt langsam wach und fragen sich, warum jemand am 3. Advent um 10 Uhr an einer nach Pferd müffelnden, matschigen Rennbahn (sogar „Gangpferdebahn“genannt) steht, und dann auch noch 42,195 km  rennen will.

Ich dagegen frage diese 5000 Leser: „ Soll ich mir etwa nen Pircing durch die Nase ziehen, damit ihr euch montags  diesen Bericht reinzieht?“

Also, was hab ich gemacht? Ich bin dahin! Um 9:46 Uhr am „Gangpferdezentrum“ (ja, können die nicht laufen??) durch einen Berg von Pferdeäppel gestolpert, um ne Ansprache von der Bürgermeisterin von Bad Honnef zu lauschen und dann durch das Reich Siegfrieds zu hetzen.

Zuvor habe ich mich vom Rhein her, aus Richtung Bad Godesberg kommend, am Haus vom ersten Bundeskanzler, in Rhöndorf vorbei, mit dem Auto die frostigen Serpentinen ins Siebengebirge hochgekämpft. Hatte ziemlich Panik, weil als Profi fährt man zwar auf den letzten Drücker los, aber dann macht die blöde Fähre in Bad Honnef Frühstückspause. Also, ich mit Heidenspeed (hier hat der Godesbergpolizist noch nicht Schicht) stromabwärts zur Königswinter-Fähre gebrettert - selten war ich zeitlich so knapp dran und so nervös.

Wie all die Jahre keinen Parkplatz mehr auf dem Aegidiusplatz  bekommen. Egal. Der Aegidienpolizist hat heut andere Aufgaben. Wie all die Jahre auf den letzten Drücker ins Bürgerhaus gestürmt. Das Bürgerhaus in Aegidienberg ist vermutlich das verschwitzeste Aegidiengebäude der Welt an diesem Adventsmorgen und ich frage mich, warum ich  um 9 Uhr morgens eine Startnummer, klein wie ein Rezeptblock abholen muss.

O.k., Alternative wäre Pircing.

Das Bürgerhaus heißt komischerweise so, denn ansonsten heißt hier alles Aegidiensoundso. Sogar die Pferde, die uns blöd anglotzen, gehören zur Rasse der Aegidienberger. Der  Aegidius ist der Schutzheilige der stillenden Mütter und diese komischen Pferde können nur gehen, also absolut malle, jetzt hier zu sein.

Durch meine benebelte Brille sehe ich wie der „Jeck“ aus Köln auf mich zuläuft, eigentlich heißt der irgendwie normal, aber hier sind heute eh nur jecke Lück unnerwegs: „ Ey Joe, löööfst de och mid?“ (5000 Leser denken sich jetzt ne witzige Antwort aus)

Ich sitze da so mit dem Jeck, da kommen all die anderen Wahnsinnigen an, die ich kenn. Wir machen ein paar schöne Fotos, der Beppo  an seinem Marathon-Abenteurstand verkauft uns noch ne Reise zum Spitzbergenmarathon, da müssen wir auch schon zügig losziehen zum etwa 800 Meter entfernten Aegidienberger Gangpferdezentrum.

 
© trailrunning.de 38 Bilder

Dort mache  ich noch ein Foto von der  Weltrekordlerin Sirgrid Eichner, in Gesellschaft ihrer Vereinskollegen vom 100 MC. Sie war, wie ich, letztes Wochenende den Untertage Marathon gelaufen und steht nun für Ihren 1334. Marathon am Start.

Als  der Jeck  und der Micha aus Kölle den Adventsonntagsmorgenskaffee zwischen den Pferdeboxen entsorgen wollen, erkläre ich mich solidarisch, hetze hinterher und....naja, liege mit einer Hand in so einem Aegidienbergeräpfelhügel.
0,3 Liter meiner Aegidien-Wasser-Notversorgung fließen zu Reinigungszwecken Richtung Rhein.Ich bin noch am Händeschütteln, da ist die Bürgermeisterin von Bad Honnef schon auf ihrem Aegidien-Pferdestall-Entmistungsanhänger und hält die Pistole in die Höhe. Bestzeit abgehakt. Hier gibts nur Bruttozeit, Zeitnahme „per Hand“ (oh Gott wie kriege ich die jetzt sauber?) Klar, daß wir Wahnsinnigen nur langsam im „Gangpferdezentrum“ in „Gang“ kommen.Aber ich wetzte hinterher und mache Fotos....

Die Strecke geht erstmal dichtgedrängt durchs Dorf. Erstaunlicherweise scheinen gerade diejenigen Läufer, die Handschuhe tragen,(ist doch  0 Grad heute) hier im Dorf jeden zu kennen. Zum Glück bin ich  mit meiner müffelden Hand eindeutig kein Aegidianer. Es geht vorbei an der Sparkasse Aegidienberg, der Bäckerei Aegiedienberg,der Aegidius-Apotheke und der Aegidiusklause...

Nach der kurzen Ehrerunde durchs Dorf geht`s ins wilde Siebengebirge. Früher, als es noch keine Marathonläufer gab, war das ein riesiger Vulkan, und weil der Vulkan sich seitdem auflöst, müssen wir auch noch 650 Höhenmeter  abarbeiten, und das auf Waldwegen, wo die Aegidisch-Waldarbeiter kurz vorher mit ihren Monsterfahrzeugen so richtig ihre Wut gegen Marathonläufer ausgelassen haben.

Jetzt wird das ganze Naturschutzgebiet genannt, man richtet alle 5 km eine Verpflegungstation ein, legt Bananen aus und denkt,  daß  da schon so ein paar Idioten anbeißen. Erstaunlicherweise haben wieder über 500  angebissen.

Wir laufen nach Norden, erstmal 5 km abwärts - Vollspeed. Echt cool.   Dann Anstieg, um den Lohrberg rum, an der Löwenburg vorbei und .... ach was, ich erspare Euch 5000 Lesern wie oft es hoch und runter geht, weil Ihr eh erst gerade wach geworden seid, und die, die mitgelaufen sind, die wissen es eh, haben aber alles verdrängt.

Das ist nämlich eine der Überlebensphilosophien bei diesem Extremmarathon. Eine andere  ist, daß es hier keine Staffelläufer, Halbmarathonis oder gar Stocksportler gibt. Wer nämlich oben am Lohrberg, Leyberg, Birkig, Himmrich, oder wie all die Höhen heißen, gestanden hat und unter sich die schnelleren Läufer sieht, der begreift schnell, daß er nachher wiederum hoch muss, er begreift auch schnell, daß hier kein Rettungshubschrauber landen kann.

Vor dem km 34 kam der letzte Anstieg, der Asperg. Brutal steil. Aber egal. Da ich die Woche vorher mal in Sondershausen, mit der Siggi (der Weltrekorderlin!!) die 1200 Höhenmeter im Trainingslauf absolviert habe, ziehe ich nach einer angewärmten Cola vom 7ten und vorletztenVerpflegungspunkt, an all den lahmen Luschen vorbei.. Zügig, maschinell, zack, zack, ruckizucki - die Ellenbogen spitz nach hinten, Schulterblätter zusammen. Ja so ist´s recht - gib alles. Zack, zack. Nun ja, da war ja auch vorher ein schöner warmer Holzofen. Hooooch die Knie,  hoooch , ziiieeeh vorbei jaaa.

Ja, bist du erst oben, dann geht es  sogleich Fullspeed  abwärts! Abwärts, jaaaaaaa! Ich lass es rollen, ich fliege. Leichtigkeit des Laufens, befreit von der Last. Die Beine schmerzen, Hölle. Da! Daaaa! Das Ortschild von Aegidienberg, Häuserreihen. Der betörende  Geruch eines fetten Sonntagsbratens. Oh wäre das schön....

Und leuchtende Kinderaugen: „Papa, ist das der Heile Gebrechli?“
Ich geistesgegenwärtig : „Ho, ho, ho, Ich bin der Joe!“ War blöd, weil Träume eines Rotzlöffels zerstört.

Ich fliege also so schwerelos dahin, der Aegidienpolizist sperrt für mich! Nur für mich! Die Dorfstraße - links, rechts, ungläubige Augen in langen Wintermänteln. Ich wetze weiter, hole noch den Detlef mit den blütenweißen Kompressionsstrümpfen ein. Rechts die Aegidien- Sparkasse, links die Aegidiusklause, links die Aegidiusapotheke, ich komme zum Aegidienplatz. Jetzt gilt es: da steht nämlich in der zweiten Kurve der Fotograf. Ha!

Ich laufe ich fliege, ich schwebe, macht es „Blitz, Zack“....und Foto! Rechtskurve,  aaaaah tut das weh. Durchs ganze Bein in den Rücken brennt der Säbel......

Verzerrte Gesichter hängen über der Absperrung, in der Halle. Tentakelarme wiegen mir entgegen.“Feed me, feed me“. Auch ich reiße die Arme hoch. Aber nur, um Platz zu bekommen.  Aaah, zieht der Schmerz durch den Ischias.

Aber dies ist das Bürgerhaus. Warum heisst das Ding eigentlich nicht Aegidienhalle???“

Noch 10 Meter. Das Tor. Der Sprecher ruft meinen Namen: Ho, ho, ho, da kommt der Joe. Ja klar, ihr 5000 Leser: Es geht auch ohne Pircing.

 
 
Der Autor im Ziel
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