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19.04.15 - Special Event

Eco Trail de Quarzazate: Rock the Kasbah

Autor: Joe Kelbel

Dieser Lauf ist nichts für Frühaufsteher und Läufer, die gerne mit Trinkblase und GPS-Uhr laufen. Der Staub des Marathon des Sables (MdS) hat sich noch nicht gelegt, da findet schon der nächste Lauf in der Wüste Marokkos, in Ouarzazate statt.  Es ist ein niedlicher, kleiner Etappenlauf von 75 km, organisiert vom Ouarzazate Atletic Club. Rachid Elmorabity, der Chef der Organisation, ist MdS-Gewinner 2011 und 2014 und hat letzte Woche zum dritten Mal gewonnen. 

Der Eco Trail de Ouarzazate ist nicht nur kurz und leicht, er bietet auch ungewohnten Luxus, wie Vollpension, Hotel/Biwakübernachtung und Gepäcktranport. Für die Nachwuchsläufer Marokkos ist dieses Event Karrieresprungbrett, ansonsten gibt es wenige ambitionierte Läufer. Ich werde jedenfalls bester Deutscher werden. Ein Großteil der Teilnehmer gehört dem  Club „Loir´Espoir Athlé“ (Lore der Hoffnung) an, sie ziehen drei schwerstbehinderte Kinder durch die Wüste und kümmern sich in den nächsten 6 Tagen um die Pflege der Schützlinge. Die Eltern sind natürlich auch dabei, sowie Familien, deren Kinder sich 3 x 10 km und Urlaub gönnen. Etwa 70 Teilnehmer sind wir.

Ouarzazate liegt auf der südlichen Seite des Hohen Atlas, umgeben von einer trockenen Steinwüste. Der Bus braucht von Marrakesch fünf Stunden. Bis Zagora, der anderen Läuferschmiede, wäre es nochmals drei Stunden. Die Fahrt über die Bergstrasse hinauf zum Tizi n´Tichka-Pass im Hohen Atlas wird bald nicht mehr so abenteuerlich sein, wie jetzt noch. Zuviele Tote hat es hier im letzten regenreichen Winter gegeben. Die Straße wird nun mit enormen Aufwand ausgebaut. Allein auf der Hinfahrt sehe ich drei frische Autoleichen und jede Menge wagemutige Westler, die mit dem Fahrrad ein letztes Mal die alte Strasse befahren.

 
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Auf der südlichen Seite des Hohen Atlas beginnt das Land der Kasbahs, jenes Gebiet Marokkos, das in jedem Reiseprospekt vorgestellt wird. Kasbahs sind mächtige Wehrburgen aus Lehm, viele sind Unesco Welterbe. Zu den Kasbahs gesellen sich die Ksour (singular: Ksar), verschachtelte Wohnkomplexe aus Lehm und die Agidire, die Getreidespeicher.

Der Draafluß, theoretisch 1100 km lang, beginnt hier in Ouarzazate am Stausee Mansour ed Dahbi, wo die Wüstenbewohner Schwimmen, Segeln und Surfen lernen. Er versickert hinter Zagora in den Dünen von M´Hamid im Sand der Sahara, gewinnt aber durch die enormen Regenfälle der letzten Jahre viele Kilometer zurück.

Man trifft sich im Hotel Al Baraka. „Baraka“ bedeutet Bruchbude, mit dem Artikel davor  bedeutet es „Segenskraft“, also doch was Besseres.  Der Amerikanische Präsident ist der „Gesegnete“, ein Marillenschnaps heisst auch so und Mubarak ist „der, der gesegnet wurde“. „Barak“ sagt man 100mal an einem Lauftag. Es bedeutet „ abgesegnet“, oder kurz: O.K.  Rachid Elmorabity begrüßt mich in der Lobby in seinem MdS Finisher Shirt. Jeder trägt hier  Finishershirts, ich das von Singha Beer.  

Das Hotel liegt genau gegenüber den CLA-Studios, einer der Filmstudios des Hollywoods von Marokko. Hier wurde „Die Päpstin“ „Asterix und Obelix“, „Gladiator“, „Krieg der Sterne“ und noch jede Menge anderer Filme gedreht. Da wird dann auch mal die Strasse über den Tizi n´Tichka  drei Tage lang gesperrt, nur weil ein Di Caprio („Der Mann, der niemals lebte“) sich an den Serpentinen der Strasse austoben will. Hier ist alles möglich.

In Ouarzazate bekommt jeder Schauspieler seine eigene Villa gebaut, die lässt man später verfallen, so wie die gewaltigen Filmkulissen, den Tempel von Jerusalem oder die Belagerungstürme und Steinschleudern, mit denen Gérard Depardieu gespielt hat.

Von unserem Hotel aus unternimmt jeder seine eigenen Erkundigungen und Trainingsläufchen. Ich laufe mit Noura (schöne Blume) zur Kasbah Tifoultoute (17. Jahrh), einer Traumburg des Paschas Thami El Glaoui ( 1912-56)  vor den 20 km entfernten schneebedeckten Bergen des Hohen Atlas. Das Saharaplateau hat hier eine Höhe von 1200 Metern, man braucht fürs Laufen schon ein wenig  Lungenvolumen.

Es ist witzig, man begegnet in irgendeinem Wadi irgendeinem Läufer und empfiehlt sich irgendein nächste Laufziel in wenigen Metern Entfernung. Wir sind hier nicht auf Wettkampf, wir sind Lauftouris, wir haben Zeit. Jede Palme ist anders und jedes Wässerchen mit Fröschen und Libellenlarven eine nicht erwartete Attraktion. Die Kornfelder sind mit rotem Klatschmohn garniert, daneben dicke Erbsenpflanzen, an denen fette, schwarze Läuse kleben.

Die andere Kasbah, die berühmte Kasbah Taouit im Süden von Ouarzazate, ist die ehemalige Residenz des Pasha Glaoui und Weltkulturerbe. Leider wurde durch die „Renovierung“ für Filmzwecke sehr viel der Holzschnitzereien und Verzierungen an den Wänden zerstört. Das Kasbahviertel hinter dem touristischen Teil ist immer noch von den Familien der Glaoui bewohnt. Im alten Judenviertel hängen kostbare Teppiche an den Lehmwänden und überwältigen mit ihrer Farbenpracht.

Im Innenhof des Palastes die Revolverkanone der Panther. Das deutsche Kanonenboot  war auf dem Rückweg von der Kolonie Kamerun und legte 1911 zur Grundreparatur in Agadir an. Frankreich war zu dieser Zeit schon mit 100.000 Soldaten in Marokko einmarschiert, entgegen einem Deutsch-Französischen Abkommen.  Doch Agadir war weit genug entfernt vom französichen Operationsgebiet. Frankreich nahm den „Panthersprung nach Agadir“ dennoch sehr übel, die zweite Marokkokrise verschärfte die Kriegsangst. Diese  Kanone, zur damaligen Zeit ein Wunderwerk der Technik, fand aus ungeklärten Gründen seinen Weg nach Oaurzazate. Vermutlich haben die Deutschen das Geschütz dem Pascha  Glaoui geschenkt, der erst 1955 sein Regierungsgebiet auf Druck Frankreiches in den jungen Staat Marokko integrierte.
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1.Etappe 22 km

 

Es ist die zweite Austragung des Eco trail de Ouarzazate. Letztes Jahr gewann Samir („der Begleiter“) Baala, der französischer Marathonmeister (2002, 2008) vor Rachid („der gerechte Führer) Elmorabity.  Bei den Frauen gewann die derzeit schnellste Marokkanerin Aziza („die Kostbare“) Raji, der ich zuletzt beim Oman Desert Marathon (165 km) begegnete. Sie hat leider keinen Sponsor für den MdS, sodass sie letzte Woche nicht teilnehmen konnte. Beide werden wieder gewinnen. Rachid läuft diesmal nicht mit, er betreut den Start/Zielbereich.

Ait Amar Mustafa,  ist ein hochgewachsener, sehr schlanker MdS-Läufer, dritter in 2001 und durchgehend Sieger der Mannschaftswertung seines Ouarzazate Atletic Club. Er hat 14mal am MdS teilgenommen.  Erragragui Brahim ist 4facher Teilnehmer des MdS und dritter der 100 km von Ägypten, zuständig für die internationale Zusammenarbeit. Da sind Zaid, Hassan und Kamal, da sind Französisch-Marokkanische Investoren, deren Namen nicht genannt werden sollen. Es sind dieselben, die den Oman Desert Marathon (ich habe berichtet) im November veranstalten.

 
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Der Start ist in einer der Filmkulissen der ATLAS Studios.  Wir sind in „Asterix und Obelix, Mission Cleopatra“. Die deutsch-französische Fimproduktion (2002) kostete die damals sagenhafte Summe von 53 Millionen Euro. Zwei Wurfmaschinen stehen noch herum, machen mich zum Kind. Der Stein der Schleudermaschine ist aus Schaumstoff.

Sämtliche ägypthische Bauten sind aus Holz und bröseldem Kunstschaum.  Nach all den Jahren unter der heissen Sonne gibt es überall Löcher im Boden. Auf dem Sphinxen für ein Foto zu reiten ist schon lebensgefährlich, denn die Holzpfähle unter dem Kunststoff sind spitz. Wir haben einen Heidenspass, durch die Kulissen zu flitzen und Fotos zu schiessen. Endlich wieder Kind zu sein, das  ist geil. Läufer sind verspielt, Läufer lieben Kindergärten.

Die Organisation bemüht sich, den Kindergarten zu sortieren und zum Startbogen zu beordern. Nix da, wir pinkeln erstmal gegen „antike“ Säulen und Mädchen hinter den Thron des Pharao. Auf  jeder Treppe wird posiert, gebrüllt, gehüpft und gelaufen. Der eine flitzt dahin, der andere dorthin und immer wieder „Foto! Foto!“ Diese Minuten, dieser ausgelebte Spieltrieb im vollen Lauf, diese kurzen Begegnungen mit Läufern zwischen Spinx und Hieroglyphen, hinter Säulen und in heiligen Nischen, das ist ein Erlebnis ohne gleichen. Und immer wieder die mahnenden Rufe der Orga über Mikro, die laute Musik. Dieser Lauf ist wirklich nichts für Läufer mit Trainingsplan.

Die marokkanischen Läufer laufen sich Richtung Tibet warm, wo der Tempel steht, gebaut für „Kundun“, den Film, der von der Flucht des 14. Dalai Lama handelt. Er liegt in Sichtweite von Ägypten, zwischen Nazareth und Darth Vader. Ich bin „Der Gladiator“ (2000) aus dem Land Germania superior und flitze zur nächsten Kulisse. Witzige Hüpferei des kleinen, bescheuerten Joe, Spieltrieb und kollektives Ungehorsam.  Ein Startort und lachende Augenblicke, die ich nie wieder vergessen werde.

Es ist dann Gérard Godin, nicht Gérard Depardieu, es ist der Chef des Clubs „Loir´Espoir Athlé“ und Organisators des Madagascar Trails.  Warum ich das erwähne? Man lebt nur einmal! Der Lauf ist im September. Also Gérard ruft uns per  Trillerpfeife zur Disziplin.

 
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Unser Ziel heute, und da freue mich mich ganz besonders drauf, ist Ait Ben Haddou (Stamm des Sohnes von Haddou), der wohl schönste Ksar (Wohnburg) der Welt, Weltkulturerbe, zu dem ich bisher bei meinen Marokkoreisen nie gelangen konnte, weil die Zufahrt recht rustikal ist. Er liegt nördlich von Ouarzazate, war Drehort von „Lawrence von Arabien“. Oh wie scharf bin ich auf dieses Ziel!

Die Läufer, die die Loren mit den behinderten Kindern ziehen starten vorweg. Zunächst finde ich das nicht gut, da ich kaum an den 30 Läufern vorbeikomme. Im Laufe der Tage wächst meine Bewunderung für diesen Menschen, die sich die Pflegebelastung, wie Hygiene, Anziehen, Tragen und Füttern der bewegungsunfähigen Kinder auferlegen. In den nächsten Tagen werde ich erleben, wie diese Kinder aufgrund der Beschleunigung aufleben, mir ins Gesicht lachen und lustige Lieder ins Mikro singen.

Ich liebe die Wüste, man kann sich während des Laufens schön fallen lassen und an nichts, oder irgendwas denken. Dennoch ist der Lauf unerwartet anstrengend. Das liegt an der Höhe, den vielen Steinen, der Lufttrockenheit und der Sonne, die sich durch den Hochnebel kämpft. Jeden Kilometer steht ein Polizist, aus Patrouillienfahrzeugen werden Wasserflaschen gereicht, alle 7 Kilometer gibt es Orangen, Datteln, Cola und Fanta.

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