trailrunning.de

 
 
 

20.07.19 - Schinder-Trail Grauer Kopf

Wispern und schinden

Alex macht Holzhausen zum Trailrun-Mekka im Taunus mit dem Schindertrail als Grundlage. Durften wir voriges Jahr noch 66 km laufen, haben wir es nun mit der Extended-Version zu tun. Das sind 125 km und 4000 Hm. Vieles davon läuft man im Dunkeln. Aber auf was für tollen Pfaden…

Fast 60 Läufer versammeln sich in Holzhausen, der Basis. Startnummern, Tracker und eine Tasche voller Überraschungen gibt es im kleinen Zelt an der großen Halle. Der Grill wird gerade angeheizt und die Zapfhähne geputzt. Ein Shuttlebus trifft ein und schafft uns auf recht kurvigen Straßen runter zum Rhein nach Lorch, ein Weinort, idyllisch gelegen. Die Ruhe nur von idyllischen Güterzügen unterbrochen. Alex nordet uns ein beim letzten Briefing vor dem Start. Wer es lebend und als erster schafft, bekommt einen stilechten Römerhelm! Wo gibt’s denn sowas?

 

 
© trailrunning.de 10 Bilder

 

Pünktlich um 18:00 rennen alle los auf einer Schleife an den Häusern vorbei zum Wispertaunussteig. Der ist neu, frisch beschildert und 44 km lang bis zur Quelle. Unglaublich schön. Und unglaublich fordernd. Keiner von uns hat vorher wohl das Höhendiagramm genauer beguckt und auch die Warntafel am Startplatz nicht richtig gelesen. Da steht alles wahrheitsgetreu drauf, da kann man sich drauf verlassen. So kommt es, wie es eben kommt: kaum am letzten Haus vorbei, hängen wir auch schon im Steilhang an der Drahtseilsicherung. Jegliche Zeitkalkulation wird Makulatur.

Tolle Ausblicke zurück auf das Rheintal, auf Ruinen und Städte, auf Schiffe und Inseln. Aber der Steig ruft und wir kommen. Der Nöllig ist nach 2,5 km der erste Gipfel. Dann wird es sanfter, wellig, mal im Gras, mal im Wald. Einsam ist es hier oben. Zikaden machen ihr typisches Geräusch, wir auch: Die Schuhe knirschen im Kies. Aber bloß nicht meditieren oder angeregt klönen – unverhofft macht der Steig gerade dann einen Knick und man hat‘s nicht gemerkt - trotz der Schilder und trotz GPS- Uhr.

Also obacht! Sehr schön ist die Sauerburg rechts am Weg, man kann sie  preiswert erwerben. 2,8 Mio oder so. Die Burgjungfrau sei mit drin im Preis, heißt es im Ort. Da kann man dann die nächsten 170 Hm drüber nachdenken. Steil und heiß ist es, die Luft trocken. Das dörrt uns. Die Rettung gibt’s in Ransel, einem Ort ganz, ganz oben. Da ist ein LandMuseum mit Ausschank. Kalte, sehr isotonische Produkte sind im Angebot. Ihr wisst schon, was ich so mag…

 

 
© trailrunning.de 12 Bilder

 

Erst 12 km gelaufen und schon einsam und allein im Wald. Es ist noch hell, die Schilder gut zu sehen, also weiter. Ziemlich auf der Höhe an alten Ruinen vorbei, Tafeln belehren uns über deren Geschichte. Sehr, sehr schöne Singletrails sind das hier. Bei einem kurzen Irrgang lerne ich Udo kennen. Da wir ziemlich dasselbe Tempo haben, bleiben wir fürderhin zusammen und ergänzen uns irgendwie absolut passend. So erreichen wir Espenschied, den VP1. Es ist dunkel geworden und alles weihnachtlich beleuchtet. Klasse. Kartoffeln und Bananen mit Salz, zwei Worte, ein Bier und die Kräfte kehren zurück.

Für uns ist es jetzt zappenduster, also Stirnlampe an und im Duo auf die Strecke. 4 Augen sehen wirklich mehr und weitere Irrgänge können verhindert werden. Der Pfad wird zum Weg, dann ein Stück Straße, alles gut laufbar und wirklich gut beschildert. Würde der Pfad nicht ständig die Richtung ändern, käme erst gar kein Zweifel auf. Die GPS-Uhr von Udo zeigt, was sie kann. Die ist für uns mehr als Gold wert.

So erreichen wir schließlich das Wispertal. Bisher verlief der Pfad in den Bergen drumrum. Nun lauschen wir dem Wispern des kleinen Baches. Der hat sogar einen kleinen Badesee gebildet. Vom Ort Wisper kriegen wir nicht viel zu sehen, da schläft schon alles. Klar, es ist weit nach Mitternacht. Über 6 Stunden für 40 km und noch 4 bis zur Quelle. Man sieht nix mehr und der VP2 ist auch nicht da, wo wir ihn vermutet haben, aber dicht bei in einer offenen Scheune. Die Rettung.

Hier fahren so manche mit dem Auto weiter, haben die Faxen dicke. Hitze, Durst, platt, zu oft verlaufen… ich kann es gut nachvollziehen. Geht mir genauso. Mein Plan,  noch bis Holzhausen und dann ins Bett. Das sind noch 15 km über Forst- und Feldwege. Das kriege ich noch hin mit Udo und seiner tollen Uhr. Frank will eigentlich auch lieber den Wagen nehmen, läuft aber mit uns weiter. Auch sein GPS-Teil ist sehr nützlich. Manchmal sind die nicht sofort einer Meinung, diese kleinen, technischen Wunder. Aber wir finden nach Holzhausen. Ab halb 5 dämmert es schon, und die Lampen können weg. Kurz vor dem Ziel hat uns Alex Pfeile gesprüht, die helfen sehr. Den Sonnenaufgang über dem Taunus und ein leckes Frühstück genießen, schon sieht die Läuferwelt ganz anders aus…

59 km sind geschafft. Ein heißer Tag folgt. 66 km sind es ganz rum auf dem Schindertrail. Mittlerweile ist es fast 6 in der Früh, das Hauptfeld startet um 8. Auf dem Weg über den Parkplatz erhalte ich von Freunden aus der Ultrafamilie die bestmögliche Motivation. Belebende Worte aus dem Kofferraum (sie schliefen bis eben) machen mich mobil, wir werden uns unterwegs wieder treffen.

Alex ist an allem Schuld. Was muss er auch seine Lieblingsstrecken im Taunus, im Blauen Ländchen, allen bekanntgeben. Das heißt so, weil alle Einwohner nur Bier – nein, weil hier früher Textilfärbereien existiert haben. Und Mühlen, jede Menge Mühlen. Von Herrn Otto - der mit dem Viertaktmotor – erst gar nicht zu reden. Sein Geburtshaus steht nur 150 m von der Startlinie entfernt. Auch die Römer waren schon da und bauten den Limes. Reste davon kann man noch nach 2000 Jahren erkennen. Ein Kastell wurde auch wieder hergerichtet. Hier ist schon ordentlich was los. Und nun wir.

 

 
© trailrunning.de 22 Bilder

 

Jetzt auf den höchsten Berg in der Runde, den Grauen Kopf. Keiner weiß, warum der so heißt. Schöne Wege, erst in ein Tal, dann wieder hoch, markiert mit unzähligen Schildchen aus Alu, mit Aufklebern, mit Sprühkreide. Weicher Waldboden, einspurige Trails und Schotterwege wechseln sich ab. Oben dann ein Römerkastell, gut erhaltene Mauerreste lassen die einstige Größe noch gut erkennen. Danach einer dieser fürchterlichen Windparks. Die Quirle sind 200 m hoch, ein prachtvoller Anblick  (für den Shareholder). Die stehen knapp außerhalb des Naturparks in Hessen. Also sei‘s drum.

Bis zur Lahn geht es abwärts, bis auf ein paar Gegenanstiege, die aber deutlich sind. Am Freibad vorbei, wo uns der Bademeister frenetisch zuwinkt, laufen wir ins Hasenbachtal mit den vielen Mühlen. Inzwischen sind es Wohn- und  Ferienhäuser oder Hotels. Aber uraltes Wegerecht erlaubt uns den Durchlauf. Manche haben ihr Grundstück sehr gepflegt, andere kümmern sich einen Sch… drum. Das Grünzeug ist stellenweise mannshoch und voller Zecken. Zwei Tage nach dem Lauf finde ich noch immer welche an mir. Verdammt, es juckt schon wieder...

Schmaler Trail, weicher Boden, immer am Bach lang, gut laufbar. Gelegentlich weichen wir auf Schotter aus, Asphalt ist selten. So macht das Spaß. Ich kann Alex immer besser verstehen.

Bei Willi Arzt seiner Mühle erreichen wir den Dörsbach. Dem folgen wir ins Jammertal.  Jammern kann man hier wirklich gut, nur hören tut es keiner. Es ist ähnlich wie zuvor, nur viel wilder und noch viel schöner. Jetzt am Hang längs, über den Bach und zurück. Manche Baumhindernisse oder abgerutschte Wegstellen lockern auf. Ab der Pegelbrücke geht’s munter hoch auf den Berg der Tränen.

 

 
© trailrunning.de 11 Bilder

 

Ein grauenvoller Anstieg, ich bin völlig ausgepowert und freue mich über die aufmunternden Sprüche am Weg. Alex ist ja soo verständnisvoll und einfühlsam, er weiß, was in uns vorgeht. Oben haben wir eine tolle Aussicht auf Kloster Arnstein. Da müssen wir runter, da gibt’s Versorgung…juchu!

Die Serpentinen halten uns nicht wirklich auf, schon eher die steile Zufahrtsstraße zum Kloster hoch. Aber dann – der VP!!! Nach 86 km Vollversorgung, Empfang durch die Königin, Bewirtung durch die Nonnen! Und was es nicht alles gibt! Sogar Eis am Stiel! Aber was dann passiert, habe ich so noch nicht erlebt - die Ultrafamilie trifft ein, einer nach dem anderen, alle üblichen Verdächtigen. Die sind viel schlauer als ich, laufen “nur“ die 66 km. Bei dem Wetter ist das weise. Ihre Worte und Aufmunterungen bringen mehr Energie zurück als 6 Eis am Stiel und die Kartoffeln! Danke, danke!

 

 
© trailrunning.de 24 Bilder

 

Der VP macht allen Freude und um dieses Vergnügen noch zu steigern, hat Alex eine 2 km-Schleife angesetzt. Ordentlich steil geht es auf breitem Waldweg hoch und auf steilen Trails wieder runter. Eisenstangen ragen aus dem Boden, die Holzstufen sind weggefault. Alle sind farblich markiert, damit wir bloß heile bleiben! Mannmannmann, was für eine Arbeit!

Nach dem abenteuerlichen ersten Trailabschnitt folgen nun die Berge. An der Lahn geht es steil, sehr steil zur Sache. Wir lernen die schönsten Berge kennen.  Nur kurz begleiten wir den Lahntalradweg, dann verschwinden wir auf den Steilstrecken. Zum Laufen ist es eigentlich zu warm, der  Wind vom Fluss kann kaum kühlen. Oben, an einem Fermeldemast, bietet sich eine tolle Aussicht auf Nassau, den Ort, den Fluss und die Burg. Trailige Serpentinen bringen uns runter zur Kettenbrücke. Daneben - letzte Chance - ein kleiner Imbissstand am Flussufer. Manche kehren ein, es lohnt sich!

Noch flott 100 m höher zur Burg, VP mit Wasser und ein paar Keksen, dann alles wieder runter. Hier unbedingt auf die Schilder achten! Nicht immer stechen sie ins Auge. Im Tal, in Nassau- Scheuern, müssen wir zwischen den Häusern ebenfalls gut aufpassen.

Wir kommen ins Mühlbachtal. Nur noch ein kleiner Berg zum Verabschieden, dann kommen gute 20 km auf mal breiten, mal schmalen Wegen, auf Trails, über Felsen, über Brücken. Immer aufwärts, Durchhaltevermögen ist gefragt. Zwei- dreimal gibt es heftige Anstiege. Endlos kommt einen das vor. Die supernetten Besitzer der Antoniusmühle, selber laufbegeistert, helfen mit Wasser aus. Erst als die Kläranlage bei Marienfels auftaucht, ahnen wir es: gleich kommt ein VP!

 

 
© trailrunning.de 11 Bilder

 

Und tatsächlich – unter drei riesigen, uralten Bäumen, ist VP 5 aufgebaut. Es ist der letzte. Von Eis bis Bier (mit und ohne) gibt es alles. Mein Tipp: Kartoffeln mit Himalayasalz und ein kaltes Hefeweizen…göttlich. Noch 9 km. Das Team ist klasse, baut uns auf. Es ist schön, hier zu sein. Die Ultrafamilie versammelt sich. Alle sind sowas von platt. Gute 2 Stunden sind es noch bis zum cutoff. Das reicht dicke.

Keine Trails mehr, etwas Asphalt und Schotter. Im Wald geht es wieder aufwärts, immer geradeaus, scheinbar endlos. Dann wird es allmählich flacher. Den letzten Gipfel im Wald merkt man nicht wirklich. Am Waldrand dann aber schon: freier Blick aufs Ziel. Ein guter Kilometer noch.

Wer lebend das Ziel erreicht, betätigt schnell eine Bierklingel, bekommt die schöne Medaille und Getränk nach Wunsch. Unter dem lauten Jubel unserer Fans machen wir Alex schnell klar, was wir von seiner Strecke halten: Sie ist superschön und der Lauf mit viel Herzblut organisiert, einfach grandios! Es hat sich unbedingt gelohnt!

 

 
© trailrunning.de 4 Bilder

 

 

Fazit

 

Traillaufen im Taunus ist sehr viel anstrengender als gedacht. Trailschuhe und ein guter Energievorrat sind dringend empfohlen. Ohne eine gute GPS-Uhr ist es nicht machbar. Kleingeld mitnehmen für 2-3 Mal Aufhopfen! Grillfest am Vortag und im Ziel mit netten Leuten. Einmalig.  Hier entsteht ein neues Trailrun-Mekka, von dem man noch hören wird!

Mein Dank an Alex, der monatelang mit ungeheurer Energie alles perfekt vorbereitet hat, an seine Teams, die ich heiß und innig liebe, an Udo für die Begleitung und weil er mich den halben Lauf lang ertragen musste.

Übrigens: 5 Punkte für den UTMB sind auch noch drin. Das gibt es in D nicht wirklich oft!

 

Informationen: Schinder-Trail Grauer Kopf
Veranstalter-WebsiteE-MailHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 
Zurück zur Übersicht
 
 
 
 
 

Kontakt

Trailrunning.de
Klaus Duwe
Buchenweg 49
76532 Baden-Baden

07221 65485

07221 801621

office@trailrunning.de