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27.07.13 - Swissalpine

Da wo’s schön ist (K 78)

 

Sertigpaß – Sertig Dörfli (59,0 – 66,5 km)

 

 
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Eine hier nie vermutete Seenlandschaft verzückt mich, immer wieder halte ich an und schaue mich um. Zwei Wanderer treten zur Seite, um Platz zu machen. Komisch, beide tragen Chips an den Schuhen, er zieht sie hinter sich her. „Wir kennen uns!“, sagt sie zu mir und schon habe ich Heike Lamadé an meinen Busen gedrückt. Welch eine freudige Überraschung, sie und Thomas hier zu sehen! Schon seit dem ersten km des K42 ginge es ihr schlecht, sagt sie mir und, um bei der Wahrheit zu bleiben, so sieht sie auch aus. Wer dieses fröhliche Energiebündel ein wenig kennt, ist nur am Staunen, nicht einmal ein Lächeln auf Bestellung bekommt sie hin. Ich gebe keinen Pfifferling auf sie und bin höchst erstaunt, beide in der Ergebnisliste wiederzufinden. Klasse, das hat mich sehr gefreut, eine Riesenleistung, sich selbst aus dem tiefen Tal der Tränen zu ziehen.

Dann endlich, nach wiederum 350 HM auf drei km, ist die Sertigpaßhöhe erreicht. Mister Swissalpine, Andrea Tuffli, steht höchstpersönlich vor Ort, begrüßt mich mit Handschlag und bedankt sich schon vorab für den Bericht. Na, das finde ich aber nett. Leider bin ich für eine halbwegs vernünftige Konversation zu kaputt, schade. Die Versorgungsstation gleicht der an der Keschhütte, viele sind fertig mit sich und der Welt. Der gelbe Hubschrauber fliegt gerade wieder ein, heraus aber steigt nur der Pilot. Ein dehydrierter Laufkollege hängt an der Infusion und wird von ihm ausgeflogen. Einerseits ein trauriges Bild, andererseits ist es aber gut und beruhigend zu sehen, wie sich um uns im Falle eines Falles gekümmert wird.

Dann gilt es, mehrere Schneefelder zu durchqueren und sich dabei nicht hinzulegen. Das gelingt mir einigermaßen und jetzt kann man es bergab eigentlich laufen lassen. Das allerdings scheitert bei mir an zwei Problemen: Erstens ist der Weg durch die Steine viel zu gefährlich und zweitens bin ich platt. Was hatte ich mir vorher ausgerechnet? Im letzten Drittel nach vorne gespült zu werden? Au Backe… Rechts unter mir liegt ein kleiner See mit einem markanten blauen Rand, auf den ich mir keinen Reim machen kann. Kann mir das Phänomen jemand erklären? Es wird zunehmend einsam, die Läuferschlange zieht sich weit auseinander. Immer wieder bleibe ich, als ich versuche, das Standbein nachzuziehen, mit dem Fuß hängen und entgehe mehreren Stürzen nur knapp.

 

Sertig Dörfli – Davos (66,5 – 77,5 km)

 

 
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Längst schon will mein Astralkörper streiken, aber eingedenk des Leitspruchs der Führungsakademie der Bundeswehr: „Mens agitat Molem - Der Geist bewegt die Materie“ funktioniert noch das Wollen und dem muß sich das Können widerwillig fügen. Oder, um mit Reinhold Messner zu sprechen: „Die Beine können, solange der Kopf will“.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, von dem mein Lauffreund, Pfarrer Klaus Neumeister, sprach: „Hier kannst Du es rollen lassen.“ Ja, Junge, wenn man nach 9:40 Std. im Ziel ist, dann geht das, nicht aber heute und hier bei mir. Ankommen in Würde? Sch… auf die Würde! Die letzten zehn km sind ein Drama, mindestens acht davon bin ich am Wandern. In schönster Umgebung, sanft abfallend, muß ich gehen. Glücklicherweise habe ich mir das Streckenprofil eingeprägt und weiß, daß es nur noch abwärts geht. Welch ein Trugschluß! Wirklich wunderschöne, wellige Trails sind es, die wir jetzt belaufen, begehen, bekriechen, verfluchen, vielleicht alles zusammen, aber das Ende ist nahe. Und doch so weit! Schaffe ich die zwölf Stunden noch? Ja, wenn ich noch in der Lage wäre, sieben km pro Stunde zu laufen. Bin ich aber nicht.

Ein wunderschöner, gewundener Waldweg führt uns wieder in Richtung Davos, alle Glocken läuten, als ich die Stadtgrenze erreiche. Eine solch außergewöhnliche Begrüßung hatte ich nicht erwartet. Es ist eine Schande, daß ich nicht leichtfüßig hinunterhüpfen kann. Ganz im Gegenteil, nur sehr vereinzelt komme ich noch einmal ins Stolpern. Gut, als ich zur zuschauerstarken Eisenbahnunterführung komme, die auf die Promenade (Davoser Hauptstraße) führt, lege ich mich nochmal ins Zeug, bin dankbar für die Unterstützung und bekomme die Hufe für die letzten paar hundert Meter tatsächlich nochmals hoch. Und lege mich dann fast auf die Nase, als es ins Stadion auf die Tartanbahn geht, deren Außenrunde für die K78er reserviert ist. Unter dem Beifall der wirklich noch zahlreichen Zuschauer haben gleichermaßen Lust und Leiden dann nach zwölf Stunden und neun Minuten, 77,74 km und fast dreitausend barometrisch gemessenen HM auf und ab tatsächlich ein Ende. Trotz der Anstrengung war jeder Meter es wert, zurückgelegt zu werden.

Norbert, Birgits Mann, ist schon lange frisch geduscht, wartet noch auf sie (sie wird es sicher packen), trinkt mit mir noch Ambrosia aus dem Münchner Süden und erträgt mein Gejammer. Später höre ich, daß die Cut Off-Zeiten (also die Zeiten, zu denen man an bestimmten Punkten durch sein mußte, um nicht aus dem Rennen genommen zu werden) bis zu vierzig Minuten verlängert worden sein sollen. Die Ergebnislisten spiegeln das allerdings nicht wider, sie enden, wie ausgeschrieben, nach vierzehn Stunden, und weisen 877 Finisher und damit wesentlich weniger als sonst aus. Da alleine 119 gestartete K78er vorzeitig bei K30 bzw. C42 gewertet verkürzt haben, gehe ich davon aus, daß überproportional viele unterwegs ohne Wertung haben abbrechen müssen.

Für mich hat sich die vierte Schweizreise seit 2010 als (vorläufiger?) Abschluss der Alpentrilogie mehr als gelohnt. Die hervorragende Unterbringung in traumhafter Umgebung und der spektakuläre Lauf, der mir allerdings deutlich meine Grenzen aufgezeigt hat, waren ein tolle Kombination. Dazu kommt noch, daß ich mit dem K78 praktisch drei Läufe auf einmal gemacht habe, denn die Strecken des C42 und K42 habe ich jeweils fast komplett absolviert. Die einwöchige Akklimatisierung auf 1.900 m Höhe hat sicherlich auch nicht geschadet.

Ich kann selbst auch auf dieser vergleichsweisen Kurzdistanz nur zu gut einem Günter Böhnke zustimmen, der in seinen Impressionen vom Transeuropalauf 2003 „Eins werden mit dem Schritt“ bemerkt: „…besteht die Kunst gerade darin, weitgehend schmerzfrei zu bleiben, diesen Lauf zu genießen. Also keine Quälerei, kein Selbstmissbrauch, keine Vergewaltigung des Körpers? Für mich eine konzentrierte Anstrengung, gepaart mit viel Durchhaltevermögen, die mit tiefer Befriedigung verbunden ist, es wieder geschafft zu haben.“ Wohl denen, die wie ich diese herrliche Veranstaltung genießen konnten.

Wer den Lauf zuhause nochmals in Ruhe genießen möchte, dem sei der Bildband „Erlebnis pur“ von Peter Wirz über die 25. Auflage des Swissalpine empfohlen (ich bin nicht am Umsatz beteiligt). Der ist zwar, wie alles in der Schweiz, sündhaft teuer, aber toll gemacht.

Startgeld:
125 - 153 € je nach Anmeldezeitpunkt für den K 78.

Wettbewerbe:
• K78:  Davos – Davos  77,5 Kilometer  (+2650/-2650 HM)
• K42:  Bergün – Davos  42,2 Kilometer  (+1840/-1680 HM)
• C42:  Davos – Bergün  42,2 Kilometer  (+1010/-1170 HM)
• K30:  Davos – Filisur  29,5 Kilometer  (+420/-930 HM)
• K21:  Klosters – Davos  21,1 Kilometer  (+860/-330 HM)
• K10:  Unter Laret – Davos  9,4 Kilometer  (+260/-230 HM)
• Walk21:  Klosters – Davos  21,1 Kilometer  (+860/-330 HM)
• Walk10:  Unter Laret – Davos  9,4 Kilometer  (+260/-230 HM)
• Mini:  Davos    0,5 bis 1,4 Kilometer

Rahmenprogramm:
„Highseven“ (eine Woche täglich wechselndes Vorbereitungsprogramm), Marathonmesse

Streckenbeschreibung:
Rundkurs über knapp 78 km und (barometrisch gemessenen) +/- 2.943 Höhenmeter, Zeitlimit 14 Stunden (K78).

Auszeichnung:
Medaille (für alle Disziplinen die gleiche), K78-Finisher-T-Shirt im Ziel, Urkunde aus dem Netz.

Logistik:
Transport von Wechselkleidung nach Bergün und zurück zum Ziel

Verpflegung:
Perfekt: Bananen, Riegel (ich habe nie bessere gegessen), Alpinbrötli, Gel, Wasser, Isotää, Bouillon, Cola.

  

Siegerlisten


K 78


Männer


1 Buud, Jonas (SWE) 06:13:28
2 Armstrong, Vajin (NZL) 06:21:10
3 Hugenschmidt, Stephan (GER) 06:26:47

 
Jasmin Nunige und Jonas Buud
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Frauen

1 Nunige, Jasmin (SUI) 06:53:00
2 Huser, Andrea (SUI) 07:34:29
3 Benson, Bernadette (AUS) 08:21:07

877 Finisher

 

K 42


Männer

1 Bundi, Gion-Andrea (SUI) 03:29:30
2 Van Rie, Koen (BEL) 03:43:43
3 Manser, Walter (SUI) 03:44:54

Frauen

1 Matrasova, Katerina (CZE) 04:24:47
2 Schlegel, Sonja (SUI) 04:28:48
3 Ek Gilgien, Sabine (SUI) 04:40:31

1038 Finisher


C 42


Männer

1 Eisenring, René (SUI) 03:18:19
2 Mertens, Gert (BEL) 03:19:16
3 Schär, Sven (SUI) 03:27:14

Frauen

1 McCarey, Bridie (USA) 03:17:04
2 Sobrino, Karen (RSA) 03:48:48
3 Girsberger, Valerie (SUI) 03:52:56

257 Finisher

 

 

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