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18.03.18 - Trail du Petit Ballon

Comeback des Winters

Zwei Tage vor dem kalendarischen Frühlingsanfang fege ich zum allerersten Mal in diesem Winter 15 Minuten lang Schnee vom Auto und kratze die Scheiben frei. In den letzten Monaten gab es in der Rheinebene nur sehr wenig Schnee, und wenn, dann ließ ich das Auto stehen. Doch seit heute Nacht ist das malerische Weindorf Equisheim, wo Annette und ich wenige Kilometer von Rouffach entfernt übernachtet hatten, ein idyllisches Wintermärchen.

Als ich 2014 zum letzten Mal auf den Petit Ballon lief, war es für den März ungewohnt frühlingshaft warm und ich fotografierte blühende Obstbäume. Heute dagegen liegt hier so viel Schnee, wie es laut einiger Einheimischer in diesem Winter nur zwei, drei Mal der Fall war. Mir gefällt das.  


 
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 Für die kurze Strecke nach Rouffach brauchen wir wegen schneebedeckter Straßen doppelt so lange wie normal. Sehr viele Helfer weisen uns durch den Ort und auf einen der großen Parkplätze. Kurz darauf sind wir schon in der Halle, wo wir ohne Warteschlange unsere Startunterlagen, ein T-Shirt, eine Flasche Cremant und eine Packung Pasta bekommen. Aufgrund der Verkehrsverhältnisse wird der Start für alle Disziplinen jeweils um 30 Minuten verlegt, so dass wirklich jeder noch rechtzeitig seine Unterlagen bekommt. Die Ultratrailer beginnen mit den 52,6 km und 2310 Höhenmetern nun um 9 Uhr, später folgen 27 km mit 1000 Höhenmetern sowie 15 und 9 km.  

Der Trail du Petit Ballon feiert in diesem Jahr sein 15. Jubiläum und erfreut sich sehr großer Beliebtheit. Die Streckenführung wurde in den letzten Jahren mehrfach geändert, verlängert, mit mehr Höhenmetern und vor allem mit mehr Trails ausgestattet. 2018 gilt wieder die im letzten Jahr erstmals erprobte Strecke, die deutlich schwerer, aber auch viel schöner als die Routen der letzten Jahre ist.  

Da man von der A5 Ausfahrt Offenburg recht schnell auf die französische Seite der Rheinebene nach Rouffach gelangt, ist dieser Trail traditionell auch für viele deutsche Starter ein willkommener Treffpunkt und schöner Start in die Saison. Auch ohne Sprachkenntnisse klappt hier alles hervorragend. Man muss nur beachten, dass in Frankreich für alle Läufe grundsätzlich immer ein ärztliches Attest gefordert wird. Selbst die Online-Anmeldung geht inzwischen ohne das Attest als pdf oder jpg-Datei nicht mehr.  


 
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 Schon nach kurzer Strecke laufen wir über Weinberge hinauf, hinab, hinauf, hinab, immer in stetem Wechsel. So wird es nie langweilig. Vom Start an ist die Strecke heute komplett mit Schnee bedeckt. In der Mitte der Spur ist der Schnee aber schon von den Läufern vor mir weg getrampelt. Vereiste Stellen gibt es zum Glück nahezu keine.  Nach dem nächtlichen Schneefall bleibt es heute komplett niederschlagsfrei, der angekündigte böige Wind entfällt zum Glück.  

 

 
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Meist kann man oberhalb von Westhalten bereits in weiter Ferne den Petit Ballon sehen, doch dieser bleibt heute den ganzen Tag über von Nebel verhüllt.  

Nun biegen wir in Richtung Norden ab, weiterhin munter rauf und runter, noch immer durch Weinberge. Auf den ersten Kilometern ist der Weg immer breit genug, so dass jeder gut überholen kann. Dann laufen wir auf einem schmalen Single-Trail durch den Wald. Mit den verschneiten Bäumen und Sträuchern rechts und links des Pfades gefällt es mir hier noch viel besser als bei meinen früheren Starts.  

Ich beeile mich, um mehr Abstand zum Ende des Läuferfeldes zu bekommen. Auch wenn ich mir heute vorgenommen habe, langsam zu laufen, will ich dem Besenläufer nicht begegnen. Ich habe schon einige hundert Meter Abstand zu den letzten Läufern, als ich plötzlich im Stau stehe. Vor einer ganz kurzen Stelle, bei der viele Teilnehmer die Hände für den Aufstieg brauchen, stauen sich mindestens 50 Läufer. Als ich die Kraxelstelle erreiche, ist auch das Ende des Feldes nur noch wenige Meter hinter mir.  

Munter laufe ich danach weiter über den immer wenige Meter bergauf und bergab führenden Pfad, vereinzelt vorbei an kleinen Felsen, nach rechts mit Blick auf die Rheinebene. Den Schwarzwald können wir heute wegen starkem Dunst nicht sehen.

Und schon holen uns die schnellsten Läufer der 27 km Strecke ein, die nach uns gestartet sind. Normalerweise ist es kein Problem, immer einen Schritt zur Seite zu treten, um die Sprinter vorbei zu lassen, doch bei der nur ganz schmalen Spur, die wir in den Schnee getreten haben, bedeutet dies für die langsamen Ultras, dass sie nun häufig in den tiefen Schnee oder auf rutschige, schneebedeckte Steine neben dem Trail ausweichen müssen. Nicht ganz einfach, manchmal auch nicht ungefährlich. Doch nahezu alle Überholvorgänge klappen stressfrei. Nur die drei Läufer, die mich einfach zur Seite schubsen, als ich gerade keine zum Ausweichen geeignete Stelle finde, fallen aus der Rolle.

Nach 10 km erreichen wir die erste Verpflegungsstelle. Danach geht es wieder durch den winterlichen Wald bergauf, bergab.... ihr kennt das schon. Mal laufen wir auf Schnee, mal auf Schlamm, ganz nach meinem Geschmack. Nun ist auch meist der Trail breit genug, so dass die 27er besser an uns vorbei kommen.


 
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Früher war die zweite Verpflegungsstelle in der Ortsmitte von Osenbach. Inzwischen ist sie in einer großen Scheune oberhalb des Ortes. Das urige Ambiente mit den großen Heuballen im Hintergrund gefällt mir sehr gut. Die Verpflegungsauswahl bietet für jeden Geschmack etwas.  

Es folgt ein recht entspannter Streckenabschnitt. Unterwegs biegen die Mitteldistanzler auf eine Route zurück nach Rouffach ab, wir  laufen noch eine Weile auf recht harmlosen Wegen, bis wir dann auf einem ordentlich steilen Trail bergauf keuchen. Trotz Temperaturen unter 0 Grad schwitzt nun wohl jeder. Danach können wir eine Weile auf recht harmlosen Forstwegen unseren Pulsschlag wieder beruhigen, dann geht die Steigerei erneut los.  

Es gibt Augenblicke, an denen ich mir wie eine Schnecke vorkomme. Bei Hirtzenstein kreuzt sich die Route des Hin- und Rückwegs. Ich habe jetzt erst 23 km geschafft, hier begegnet mir aber ein dichtes Läuferfeld, das nun bereits 14 km und verdammt viele Höhenmeter Vorsprung hat. Andererseits bin ich sehr zufrieden, dass ich es überhaupt bis hier geschafft habe. Nach drei Wochen kompletter Trainingspause wegen Erkältung schaffte ich letzten Sonntag mit Mühe fünf Kilometer. Noch am Mittwoch hielt ich einen Start für ausgeschlossen, am Donnerstag und Freitag fühlte ich mich beim Training aber endlich wieder fit. Als dann der Wetterbericht ankündigte, dass wir komplett im Schnee laufen, beschloss ich, es einfach zu probieren, die Strecke langsam anzugehen und zu schauen, wie weit ich komme. Ich fühle mich ausgesprochen gut. Natürlich bin ich eigentlich zu langsam, doch unter diesen Umständen bin ich sehr zufrieden. Und ich weiß, dass hinter mir noch viele andere Läufer sind.  

Auf der Streckenkarte steht, dass je nach Wetter die Verpflegungsstelle Drei Schoepf verlegt wird an die Routenkreuzung bei Hirtzenstein. Doch auch hier her können die Autos wegen dem Schnee kaum fahren, so dass die VP nun nach unten an den Ortsrand von Wasserbourg verlegt wurde. Ich renne begeistert einen rasanten Trail hinab, bis ich die VP erreiche, dort etwas esse und viel trinke.  

 

 
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Auf den nächsten sieben Kilometern gilt es nun, etwa 750 Höhenmeter Aufstieg zu bewältigen. Auch diesen Streckenabschnitt kenne ich bisher noch nicht. Zuerst geht es durch ein Tal neben einem plätschernden Bach hinauf, dann erst auf breiten Waldwegen, später über schöne Trail steiler aufwärts. Wo man bei gutem Wetter eine schöne Aussicht genießt, zaubert heute dichter Nebel eine faszinierende Szenerie. Je höher ich komme, desto wunderbarer sind die Bäume und Sträucher neben mir mit Eiskristallen verziert. Die meiste Zeit sehe ich hier keine anderen Läufer, nur ab und zu erahne ich durch den Nebel jemanden vor mir. Es ist herrlich, durch diese zauberhafte Nebel- und Winterwelt zu marschieren!

An einer Stelle überflutet Schmelzwasser eine Wiese. Keine Chance, hier mit trockenen Füßen vorbei zu kommen! Doch zum Glück habe ich Merinosocken an, dank derer sich meine klatschnassen Eisfüße nach wenigen Minuten schon wieder warm anfühlen. Mit Baumwollsocken wäre dies nicht so schön.

Der Aufstieg scheint kein Ende zu nehmen. Ich fühle mich nach wie vor gut, komme aber dennoch nach der Trainingspause langsamer als gewohnt voran. Das hat aber auch den Vorteil, dass ich die besondere Atmosphäre dieses heute wirklich faszinierenden Streckenabschnitts umso länger genießen kann.


 
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Dann sehe ich plötzlich wenige Meter vor mir die Madonnenstatue, die am Gipfel des 1272 m hohen Petit Ballon steht. Ein Streckenposten scannt meine Startnummer, ein anderer fotografiert mich. Meist kann man von hier oben einen herrlichen Blick auf die anderen Gipfel der Vogesen, über die Rheinebene zum Schwarzwald und bei klarer Sicht auch zu den Alpen genießen. Heute ist nach 50 m alles grau, was auch seinen Reiz hat.

Ich habe am Start nicht geglaubt, dass ich heute weiter als bis zum Gipfel laufen würde. Doch jetzt renne ich die steilen Trails runter. Dank meiner Stöcke und meiner YakTrax kann ich im Schnee fast so schnell laufen wie auf Waldboden. YakTrax sind eine Art spiralförmiger Schneeketten, die man leicht über alle Laufschuhe ziehen kann. Heute kann ich sie perfekt nutzen. Toll, hier so richtig Gas geben zu können. An einem Abschnitt führt der Pfad an einem baumlosen Hang entlang. Außer den Fußspuren der Läufer und der Streckenmarkierung sehe ich hier im dichten Grau überhaupt nichts. Meine eigene kleine Welt!

Dann geht es wieder in den Wald, mal auf steilen, teils rutschigen Trails, auf denen ich etliche Läufer überhole, mal auf breiten Forstwegen. An einer Stelle warnt ein Schild vor einer Gefahrenstelle. Und tatsächlich folgt gleich darauf eine kurze, sehr steile Rampe, die manche mit wenig Profil an den Schuhen nur auf dem Hosenboden bewältigen. Mit Spikes und Stöcken komme ich hier problemlos voran.

Meine Freundin Annette, die heute auch wieder die lange Strecke läuft und zu dieser Reportage einige Fotos beisteuert, ist momentan besser trainiert als ich und würde bei weniger Schnee auf jeden Fall zum dritten Mal das Ziel in Rouffach erreichen. Doch sie hat noch nie im Schnee auf rutschigen Abstiegen trainiert, so dass sie bergauf zwar schnell voran kommt, bergab an kritischen Passagen allerdings lieber langsam marschiert. Dadurch kommt sie im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmern ohne Sturz durch, aber das kostet viel Zeit. Und dann passiert ihr auch noch etwas, das wohl die meisten Vielstarter schon erlebt haben. Der typische Anfängerfehler! Trotz wirklich hervorragender Streckenmarkierung achtet sie an einer Stelle nicht auf die Markierung, sondern folgt zwei vor ihr laufenden Frauen, die wohl ebenfalls nicht auf die Markierung achten. Daher rennen sie nun zu dritt ein zweites Mal hinab nach Wasserbourg, von wo aus sie zum Glück von einer hilfsbereiten Einheimischen mit dem Auto nach Rouffach gebracht werden.

Obwohl es mir klar ist, dass ich Osenbach nun keinesfalls mehr vor der Cut Off Zeit erreichen kann, renne ich die letzten Kilometer so schnell ich kann. Wozu gehen, wenn mir das Laufen heute so viel Spaß macht?

Ein Streckenabschnitt, der mal wieder mit tiefem, dieses Mal eher klebrigen statt rutschigem Schlamm aufwartet, ist genau richtig für mich! Als ich dann die Verpflegungsstelle in der Scheune bei Osenbach erreiche, bin ich kein bisschen traurig darüber, dass ich wie zahlreiche andere Läufer hier nicht mehr weiter laufen darf. 43 km - das ist doppelt so viel, wie ich mir noch vor zwei Tagen zugetraut hätte. Vor allem aber fühle ich mich heute wieder richtig gut und habe Freude am Laufen. Mein Erkältung ist auskuriert und meine Magenprobleme, die mich ein Jahr lang plagten und wegen denen ich mich im Februar bei der Brocken-Challenge so schlapp wie nie zuvor fühlte, sind vorbei, nachdem ich endlich die Ursache beseitigte, indem ich meinen Job kündigte. In den nächsten drei Monaten warten noch viele Wettkampftage auf mich, denen ich jetzt wieder mit viel Freude entgegen blicke.


Trailrunning kann so schön sein!  

 

Informationen: Trail du Petit Ballon
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