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14.09.13 - Jungfrau-Marathon

Die Jungfrau steht Kopf

Autor: Klaus Duwe

8000 Läuferinnen und Läufer an zwei Tagen, die Berglauf-Weltmeisterschaften (Langdistanz), ein nie dagewesenes Rahmenprogramm und dazu traumhaftes Wetter. Das war der 20. Jungfrau Marathon letztes Jahr. Teilnehmer und Zuschauer waren gleichermaßen begeistert, die Organisatoren mehr als zufrieden.

Letztgenannte rühmen sich aufgrund der Aussage eines amerikanischen Laufmagazins aus dem letzten Jahrhundert als der "schönste Marathon der Welt“. Aktueller ist da schon das Prädikat, das die Leserinnen und Leser von Marathon4you.de dem Jungfrau Marathon verliehen haben: Marathon des Jahres 2012! Vielleicht ist diese Auszeichnung sogar wertvoller, weil sie von aktiven Teilnehmern vergeben und nicht von einem Schreibtischtäter  erdacht wird.  Und dass das Leser-Voting, das zum Titel führt, jedes Jahr ausgeschrieben wird, ist vielleicht sogar Ansporn.

Als meine Euphorie nach dem Zieleinlauf beim Jubiläums-Marathon verflogen war, dachte ich an das nächste Jahr und daran, dass nach glanzvollen Jubiläen oft bestenfalls eine Stagnation eintritt, meistens aber ein spürbarer Interessensschwund. Ich war gespannt, wie das erprobte Orga-Team um Christoph Seiler das verhindert wollte.

Nun, die Halbierung des Teilnehmerfeldes, weil der Lauf, wenn überhaupt, nur zu Jubiläen (bisher bei der 10. und 20. Auflage) an zwei Tagen ausgetragen wird, war ja vorprogrammiert und die 4000 Startplätze dann auch vorzeitig vergriffen. Bezüglich der Infrastruktur und des Rahmenprogramms hat man gegenüber dem Jubiläum nicht nachgelassen und wieder DAS ZELT, das große Schweizer Tournee-Theater,  nach Interlaken auf die Höhematte geholt. Kim Wild und die Spider Murphy Gang sind diesmal die Top-Acts.

Gut gemacht, kann man da nur sagen. Aber das hat das verwöhnte Läufervolk auch nicht anders erwartet. Nicht erwartet werden kann, dass nach einer Weltmeisterschaft das beste Elitefeld aller Zeiten an der Startlinie steht. Das ist schon ein kleines Kunststück, obwohl es an sich auch nur der hier getan hätte: Viktor Röthlin! Seit bekannt ist, dass der Schweizer Marathon-Europameister sein Debüt als Bergmarathonläufer geben wird, steht die Jungfrau und die ganze Region Kopf. Man spricht von einem nie dagewesenen Medieninteresse. Und das nach einer Weltmeisterschaft, wohl bemerkt!

 
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Andrea Mayr kann einem da direkt leidtun. Die Österreichische Superläuferin, Serien-Weltmeisterin im Berglauf, zig-fache Landesmeisterin und Inhaberin zahlreicher Landesrekorde, nimmt ebenfalls zum ersten Mal am Jungfrau Marathon teil und steht unverdientermaßen, aber wie mir scheint nicht ungern, etwas im Schatten des Schweizer Hero. Vorjahressiegerin und damit Weltmeisterin auf der Langdistanz, Steve Kremer aus den USA und die „Vize“, Sabine Reiner, sind auch am Start.

Ach ja, ein Kenianer namens Geoffrey Ndungu, immerhin Dritter beim Wien-Marathon in 2:08:42 (was will das aber am Berg schon heißen?) ist auch am Start. Ebenso ein gewisser Mamo Pedro aus Eritrea, Berglaufweltmeister zwar, aber auf Marathonstrecken nach meinen Informationen ein unbeschriebenes Blatt.

Alles klar also für Viktor Röthlin, der sich eine Zeit von 2:55 vorgenommen hat. Nur einmal ist ein Läufer bis dahin eine bessere Zeit gelaufen: Jonathan Wyatt 2003 (2:49:02). Der Neuseeländer  hat seinen Start kurzfristig abgesagt. Er ist wohl nicht in Form.

Stellvertretend für alle „Normalos“ sei einer genannt, den ich an gleicher Stelle mit gleicher Mütze und gleichem Shirt im letzten Jahr auch schon abgelichtet habe: Klaus Neumann, einer der ganz wenigen, der heute zum 23. Mal auf die Strecke geht. 23mal Jungfrau Marathon geht so: bei allen 21 Veranstaltungen dabei (und im Ziel) und zu den Jubiläen (10. und 20.) jeweils ein Doppelstart.


Der Start und das Rennen


Über 4000 Läuferinnen und Läufer haben sich auf dem Höheweg versammelt. Rechts in der Ferne die schneebedeckte Jungfrau (der Berg!), links das Victoria Jungfrau, das mondäne Hotel. Dazu tausende Zuschauer in der üblichen, legendären, Gänsehaut verursachenden Jungfrau-Marathon-Stimmung. Blöd, wenn man will, aber nicht mitlaufen kann.

Die Schweizer Nationalhymne wird gespielt.  Es wird ruhig, bis die Akkorde verklungen sind und ein Jubelorkan losbricht, in dem der Startschuss fast nicht zu hören ist. Während sich die Aktiven, je nach Aufgabenstellung und Zielsetzung, in die Arbeit oder ins Vergnügen stürzen, verharren die Zuschauer auch dann auf ihren Plätzen, als sich der letzte Läufer hat ausgiebig feiern lassen. Denn wenig später passiert das Feld nach 3 gelaufenen Kilometern erneute das Startgelände und alle wollen sehen, dass es „Vik“ den Bergspezialisten zeigen wird.

Eine Taktik wollte Viktor Röthlin nicht verraten. Dabei ist klar, dass er als deutlich schnellster Läufer im Feld auf dem relativen einfachen Abschnitt bis Lauterbrunnen (km 21/26) versuchen muss, nach Möglichkeit Zeit gutzumachen, weil man einfach davon ausgehen muss, dass am Berg die Vorteile eher bei seinen Kontrahenten liegen.

Die Wagen des Zuges nach Lauterbrunnen sind proppenvoll mit Schlachtenbummlern und erstaunlich viele steigen wie ich in Lauterbrunnen um, um sofort zur Kleinen Scheidegg zu fahren. Würde man hier oder in Wengen einen Zwischenstopp einlegen, was natürlich die meisten machen, um „ihre“ Helden anzufeuern, könnte man ja den Zieleinlauf verpassen.

Als der Zug aus dem Bahnhof fährt, sehe ich die Spitzengruppe. Viktor Röthlin hat Anschluss, aber keinen Vorsprung. Au wei!

 
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Auch in Wengen, traditionell neben Lauterbrunnen eine absolute Stimmungshochburg auf City-Marathon-Niveau, steigen nicht alle aus. Nur nicht den Zieleinlauf verpassen. Auf der kleinen Scheidegg werden gerade über 4000 Kleiderbeutel entladen. Die jungen Helfer haben eine Kette gebildet und werfen sich die Beutel zu. Die wissen nachher auch, was sie geleistet haben.

Die Schlachtenbummler strömen hinauf in Richtung Zielbogen. Manche sichern sich gleich dort einen Platz in der ersten Reihe, andere gehen weiter zum Fallboden-Speichersee und ein paar machen sich wie ich auf den Weg zum höchsten Punkt (Locherflue). Von dort gehe ich weiter zur Moräne. Wenn ich schon nicht mitlaufe, dann will ich wenigstens von der spektakulärsten Passage ausgiebig Fotos machen. Einige Fotografen haben sich dort längst breit gemacht.  Es geht ausnahmsweise mal friedlich zu. Manchmal gibt es richtig Stress, wenn ein Kollege sich in letzter Minute vor einem postiert. Ich denke dann immer, wie schön es ist, wenn ich als Läufer nur den Markierungen nachrennen muss und beim Fotografieren immer in der vordersten Reihe bin.

 
Jungfrau Sieger 2013: Ndungu Geoffrey Gikuni
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In einer halben Stunde etwa muss der Erste hier vorbei. Vom Mann am Datasport-Computer weiß ich, dass es nicht Viktor Röthlin sein wird. Er lag bei der letzten Zeitnahme 20 Sekunden zurück.  Endlich, es geht los, Jeffrey Ndungu taucht auf, gut zwei Minuten später Mamo Petro. Er macht keinen guten Eindruck, schaut sich um. Fast in Sichtweite ist Viktor Röthlin, 30 Sekunden dahinter. Er wirkt frischer. Noch 300 m steil bergauf. Kann er den Mann aus Eritrea noch einholen? In langen Schritten läuft dieser bereits auf der flachen Passage Richtung Locherflue. Nein, der schwächelte nur am Berg und hätte dort seinen Vorsprung keinen Kilometer mehr halten können. Aber jetzt lässt er sich den zweiten Platz nicht mehr nehmen. Viktor Röthlin wird mächtig angefeuert, es bleibt ihm aber „nur“ die Bronze-Medaille.

Reden wir nicht drum rum. Er peilte mit der  Zeit von 2:55 ganz klar den Sieg an. Tatsächlich erreichte er sogar 2:53:21 und hätte damit auch bis auf 2003, als, wie schon gesagt, Jonathan Wyatt den noch heute gültigen Streckenrekord (2:49:02) aufstellte, jeden Jungfrau Marathon gewonnen. Nur heute nicht. Heute waren zwei Läufer, Geoffrey Ndungu aus Kenia und Mamo Petro aus Eritrea, schneller. 

 
Jungfrau-Siegerin 2013: Andrea Mayr
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Besser lief es bei Andrea Mayr. Sie ließ bei ihrem Jungfrau-Debüt die Titelverteidigerin (Steve Kremer/USA) und Zweite des Vorjahres (Sabine Reiner/AUT) deutlich hinter sich und gewann mit neuem Streckenrekord (3:20:20). Für Sieg und Rekordprämie habe die Ärztin gute Verwendung. Sie sei gerade nach München umgezogen und hätte einiges in der neuen Wohnung zu renovieren, sagte sie. Na dann …

Bemerkenswert ist die Leistung der 26jährigen Schweizerin Martina Strähl, die ihren ersten Marathon überhaupt lief und von Aline Camboulives (FR) nur mit 15 Sekunden Vorsprung auf den dritten  Platz verwiesen wurde. Ein fast perfekter Tag aus Schweizer Sicht also.

Besser lief es für die meisten Hobbyläufer. Teilweise schien die Sonne, die Berge waren meist frei und die Temperaturen im Ideal-Bereich. Ich möchte aber Daniel nicht vorgreifen, er war auf der Strecke und hat jede Menge Eindrücke gesammelt.

Jetzt bin ich nur noch gespannt, wie Christoph Seiler und sein Team diese Veranstaltung im nächsten Jahr wieder toppen, oder das Niveau auch nur halten wollen. 

Ab 14. Februar (14.14 Uhr) kann man sich für den 22. Jungfrau Marathon am 13.09.2014 anmelden. 

 

 
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Weitere Bildgalerien gibt es

auf MARATHON4YOU.DE

 

Und hier findet Ihr 
Daniels Bilder von der Strecke

 

Marathonsieger
Männer

 

1. Ndungu Geoffrey Gikuni, AT-Fürstenfeld 2:50.28,4
2. Mamo Petro, Eritrea 2:52.49,9
3. Röthlin Viktor, Ennetmoos 2:53.21,5

 
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Frauen

 

1. Mayr Andrea, AT-Gmunden 3:20.20,7
2. Camboulives Aline, FR-St Jorioz 3:25.08,4
3. Strähl Martina, Oekingen 3:25.23,4


4120 Finisher

 

 

Informationen: Jungfrau-Marathon
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