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11.10.14 - Saxoprint Pfalz Trail

Respekt!

Autor: Joe Kelbel

Der Teufel stahl in der Pfalz eine Stadt, stopfte sie in den Sack und brauste damit zur Hölle. Doch er blieb am Berg hängen, die Häuser fielen heraus. So entstand irgendwo zwischen Mannheim und Kaiserslautern Carlsberg. Die Streusiedlung hat keinen Ortsmittelpunkt, Parkplätze sind rar. Im Stadtteil Hertlingshausen gibt´s ein Bürgerhaus, sofern man es im Dunkeln findet. Dort ist der Start und das Ziel vom Pfalz Trail.

Es gibt viele verschiedene Strecken. Mich lockt der Ultra: 85,6 km, 2440 Hm, so steht es metergenau in der Ausschreibung. Genauso akkurat sind auch die Cut-off Zeiten. Wer die nicht schafft, muss abkürzen. Dafür sind zwei Möglichkeiten vorgesehen, die die Ultrastrecke um maximal 13,4 km verkürzen. Wer verkürzt, der erhält eine seperate Ultrawertung.

Ich muss den ganzen schaffen. Ich will die 2 UTMB-Qualipunkte. Ich bin mir nicht sicher, denn der aus Sachsen aufgetauchte Veranstalter setzt neue Maßstäbe. Laufszene Sachsen nennt er sich. Das sind drei Jungs, einer kommt ursprünglich aus dem Badischen und will uns den mysteriösen, urigen Pfälzer Wald zeigen. Zwölf Laufveranstaltungen in Sachsen haben sie im Angebot.

Im Dunkeln sehe ich viele, große Zeltaufbauten, einen Duschcontainer, eine große Halle. Über 800 Läufer werden erwartet. Eine ganz neue Klientel kommt bei der Nudelparty zusammen: Kaum bekannte Gesichter, man spricht viel englisch, einige sogar nicht mal das.

Der Regen prasselt auf´s Autodach, über Nacht versinkt meine Karre in der schlammigen Wiese.

 

Teufelstisch und Toter Mann

 

 
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Es ist stockdunkel, still. Ich bringe meine drei Drop-Bags mit den großen Aufklebern zum Abgabezelt. Hier ist alles auf Größe ausgerichtet. Umkleidezelte, die mit ihren roten Vorhängen fast orientalisch anmuten, Aufbauten, Werbeplakate, ich kenne sowas nur von den Krachern in den Alpen.

Die Läufer treffen spät mit den Shuttlebussen von den Parkplätzen ein. In der Halle gibt es Frühstück, ich muss das Brötchen angebissen liegen lassen. Etwa 140 Ultras stehen für das Briefing um 6 Uhr bereit. Viele „Südländer“ hier, die sehen martialisch aus mit ihrer profihaften Ausrüstung und ihren schmalen bärtigen Gesichter. Einige werde ich später zitternd, in Goldfolie gehüllt, wiedersehen.  Amerikaner fallen mit Baumwollkleidung auf. Asiaten mit ihrer Gelassenheit. 12:30 Stunden ist Limit. Das ist brutal! Das ist Hochleistungssport!

Nur 80 Läufer werden die Volldistanz bewältigen, doch auch denen, die auf 78 oder 73 km verkürzen, oder sogar aufgeben müssen, gehört gewaltiger Respekt.

 

6:30 Uhr Start

 

 
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Wir haben ein Führungsfahrzeug! Elektro! Von einem Sponsor. 100 Meter fährt es voran, dann verschluckt uns ein dunkler Trail. Ich mag diese brutalen Starts nicht, ich bin müde. Bin in einer Reihe mit den schnellen Läufern, sehe nur Fersen, muss aber rechtzeitig auf Hindernisse reagieren. Die Brille ist beschlagen, Nebel, Regen, die zahllosen Stirnlampen werfen ein Schattenlabyrinth. Ein Käutzchen schreit schaurig. An was der Veranstalter alles denkt!

Rechts geht es sehr steil zum Eckbach hinunter. Wurzeln, Steine, dann ein Schrei: „ It´s so funny!“ Eine Engländerin hat ihren Schuh im Schlamm verloren, krebst jetzt blind, auf allen Vieren im Schlamm, sucht ihren Schuh, besudelt sich von oben bis unten: „ I love this trail!“ 

Witzig! Ich hätte geflucht, und sie schreit vor Freude. Sie hat Recht! Die Einstellung macht den Trail aus! Egal ob ich heute finishen kann oder nicht, ich werde meinen Spass haben! Zwei Stimmen aus der Dunkeheit: „Hier lang!“ Ok! Ich hab das jetzt nicht so gepeilt.

Dann der erste VP, km 6. Nur Wasser. Gelegenheit, mal den Puls zu senken. Es geht hinauf zum Kupferberg. Lampe aus, dann gigantische Sandsteinformationen. Teufelstisch? Kamelkopf? Lange stehe ich dort, versuche jede mögliche Kameraeinstellung im Halbdunkel. Es gelingt mir nicht. Linse verschmiert, Blitzlicht reflektiert nur Schrott, bin selber auch benebelt. In den USA hätten die für das hier Eintritt verlangt! Halloween!

Der Leiniger Burgenweg:  Altleinigen, Neuleinigen und Battenberg. Uralte Hohlwege, uralte moosbedeckte Steine, dann kurz in einen Weinberg, Kilometer fressen, hinunter bis zur Drahtzug (VP 2, km 16).  Drahtzug ist ein simpler Name für eine weltweit tätige Firma, die ihre Berechtigung, Drähte herzustellen, noch von Napoleon erhielt.

8:45 Uhr. Wegen der strengen Cut-Off-Zeiten laufe ich heute mit Uhr. Die Spitzenläufer sind schon eine Stunde vor mir. Mist.

Hoch zum Harzweilerkopf, Fundort für 800.000 Jahre alte Fauskeile. Über 3000 Stück fand man hier. Sie sind aus hartem Quarzitsandstein. Der Harzweilerkopf war kein Wohnort, war Werkstatt des Homo heidelbergensis. Ja, Heidelberg, letzten Sonntag, was hatte ich da für Spass auf dem Marathontrail. Heute gelten andere Maßstäbe. Es ist nicht lustig!

Ups! Was ist das? Burg Battenberg!  (13.Jahrh,VP 3, km 23) Wunderschön! Schmerzend die  Kellertreppe runter, um meinen Drop-bag zu plündern. Ich find ihn nicht. Muss aber da sein. Stress.

Makabre Geschichte: Die deutschen Truppen waren im Osten mit den Türken beschäftigt. Der Sonnenkönig überrannte daraufhin die linksrheinischen Länder. Das lief so gut, dass er weiter nach Osten marschierte und das Heidelberger Schloss in Brand steckte.

Graf Friedrich Emich, hier auf der Burg Battenberg , hatte schiere Angst und lud im Mai 1693 den Marschall Tallart und den General Melac, die Köpfe der französischen Armee, dazu ein,  auf dem Burgturm von Battenberg das „französische Feuerwerk“ in Heidelberg zu „bewundern“.  Der Graf erhoffte sich Milde. Vergeblich, seine Burg wurde niedergebrannt. Die Franzosen hinterließen verbrannte Erde, denn sie wussten, die deutschen Heere kommen zurück. Aber sie sollten keinen Schutz und keine Nahrung mehr finden.

Ich überhole die Amerikaner Donielle und Chris. Ich wusste nicht, dass wir auf FB befreundet sind. Sie fragen nach meiner Achillessehne. Die Welt ist klein. Es geht südlich am Harzweilerkopf vorbei, Abstecher ins Tal über den Mittelberg zum Ungeheuersee. Theoretisch, der wird aber heute –glaube ich- ausgelassen. Das heißt nicht, dass die Strecke einfacher wird. Grausige Legenden ranken sich um den See. Der See wurde vor 400 Jahren im Moor als Viehtränke angelegt. „Unger“ heisst Waldweide und „Heyer“ ist die Umzäunung.

Chris bestellt warmen „Tea“ am VP. Ich stauche ihn zusammen, denn alles ist beschriftet! Bei „Brühe“ hätte ich ihm eine „soup“ durchgehen lassen, aber nicht bei TEE! Salzstangen, Gels, Äpfel, Kuchen, alles ist beschriftet!

Raymond oder Richmond, der Engländer lässt den Kopf hängen. Es ist sein erster Lauf, ein Freund hat ihm dazu geraten. In Baumwollkleidung ist kein Finish möglich. Rodriguez lässt sich zurückfallen. Kein Deutsch, kein Englisch. Er kommt aus Mexico. Ich frage ihn, wie er auf die Idee kommt, hier anzutreten. Buchmesse Frankfurt. Ein Schriftsteller? Ein Händler. Er wird heute nicht finishen. Irgendwie bleiben meine Gedanken an ihm hängen. Er tut mir leid. Was ich ihm über diesen Trail sage, will er nicht hören. Ich weiss, wie es ist, wenn man die Ausschreibung nicht lesen kann. Das hier ist kein Marathon, das ist was ganz anderes!

Anhand der Tiefe eines Hohlweges kannst du das Alter der Wege abschätzen. Lößholwege sind 4-5 Meter tief, wurden mit Baumstämmen gegen Räuber überdacht. Dieser hier ist 3 Meter tief und sehr, sehr steinig. Also gab es regen Verkehr. Seltsam, es gibt Steinmännchen, als sei dies ein heiliger Weg. Er ist römisch. Auf diesem Weg fuhren einachsige Ochsenkarren.

 
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Oben, auf der Hochfläche angekommen, löst sich das Rätsel:  Zunächst ein scharfkantiker, menschengemachter Abriss, der sogenannte Krummholzstuhl. Särge wurden hier rausgeschlagen. Für Tote, für wen sonst. Viele Särge, auch Steine für die Stadtmauer von Worms (3.Jahrh). Dann die „Suppenschüssel“, wo sich eklig-schwarzes Wasser in einem rechteckigen Loch sammelt: Mittelalterliches Rechts- und Grenzdenkmal. Was zum Teufel hatte man aus diesem Loch getrunken? Blut? Es war Alkohol. Die Prügeleien beim sogenannten Schnadegang waren legendär.

Ein paar Kilometer weiter passieren wir den Leiniger Grenzstein von 1595,  Leiningen-Hardenburg. Schon cool. Unheimliche Geschichte Schlag auf Schlag im gruseligen Nebel.

Zum „Kanapee“, einer mittelalterlichen Einsiedelei, kann ich mir den kurzen Abstecher nicht leisten, die Zeit drängt. Bewohnt zwischen 14. und 16. Jahrhundert. Die Verpflegung für den Einsiedler brachten die Bürger von Leistadt auf. Wieso? Wurde er wirklich 200 Jahre alt?

Es ist sehr seltsam hier oben. Da sind Teile einer römischen, jetzt moosbeckten Strasse, Reste von verwitterten grünen Särgen, behauene, geometrische Steine, die unsortiert im Modder liegen. Komische, sinnlose Befestigungen,  links ein steiler, steinerner Abhang. Warum baute man sowas? Dann die Teufelsbank, eine in Fels gehauene Sitzbank. Saß hier der Oberaufseher? Dann die Teufelsmauer: Mächtige moosige, akkurate Felsen, die die Landschaft durchschneiden. Unheimlich hier, sehr mysteriös. Überall lauert der Teufel!

Jetzt wird es scharf: Es geht abwärts, wieder ein moosiger Hohlweg. Doch der hat feste, breite Steine, und dort sind - Wagenspuren römischer Ochsenkarren! Über diese Straße wurden die Särge für potentiell tote Römer abgefahren. Wagenspuren, eindeutig sichtbar!  Hier wurden tonnenschwere Särge runtergefahren! Wie hat man die Karren gebremst? Mit Lederriemen um die stählernen Reifenringe? 

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Informationen: Saxoprint Pfalz Trail
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