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29.02.20 - Baikal Ice Marathon

Eisige Winde über dem Baikalsee

Durch mein Interesse an Reisen in das ferne wie auch sagenumwobene Russland erlebte ich erstmals im März 2013 die Faszination der Kälte Sibiriens und die unfassbare Weite des in den Wintermonaten vollständig zugefrorenen Baikalsees im Herzen Sibiriens. Trotz eines damals nur sehr kurzen Aufenthalts in dem von der Stadt Irkutsk 60 km entfernten Dorf namens Listwyanka war ich fasziniert, auf einer zugefrorenen Eisfläche zu stehen, die von der Größe her der Gesamtfläche der Länder Niederlande und Belgien entspricht.

Über weitere Reisen nach Sibirien und an den Baikalsee – dies verbunden mit Fahrten mit der Transsibirischen Eisenbahn – und dem Studium einschlägiger Reiseführer, die teilweise ein sehr aufschlussreiches Bild über diese beeindruckende Region Russlands zeichnen, las ich erstmals von einem Marathon, der im März eines jeden Jahres, vom Ost- an das Westufer des Baikalsees führt und den Namen „Baikal Ice Marathon“ trägt. Somit war eine Brücke zu meiner zweiten Leidenschaft, dem Laufen, geschlagen. 

Für dem 16. Baikal Ice Marathon konnte ich mir dann endlich einen Startplatz sichern und ich  begann mit den Vorbereitungen. Nicht einfach war es, sich bei milden mitteleuropäischen Temperaturen Gedanken über die optimale Laufbekleidung zu machen und diese entsprechend zu erwerben. Hilfreich waren dabei die Erfahrungsberichte auf Marathon4you.

Die wichtigste Anschaffung war hier – im Nachhinein betrachtet – eine Sturmhaube (zum Laufen) sowie bequeme Laufhosen, eine Laufjacke mit Windstopper-Effekt und eine Laufbrille (gegen die „Schneeblindheit“). Bei der Schuhauswahl setzte ich auf Spike-Schuhe von Inov-8. Da aus den Erfahrungsberichten zu entnehmen war, dass gegebenenfalls auch teilweise vereiste Streckenabschnitte zu bewältigen waren, hielt ich Spike- Schuhe für die beste Lösung, um den Lauf einigermaßen ordentlich absolvieren zu können. Auch bei einer halbwegs vertretbaren Schneehöhe sollten diese Schuhe ausreichend sein, um „laufend“ voranzukommen.

Trainingstechnisch lief meine Vorbereitung wie für einen Städte-Marathon ab. Aufgrund des milden mitteleuropäischen Winters war es leider im Vorfeld nicht möglich, zum einen die winterfeste Laufbekleidung und auch die Spike-Schuhe zu testen. Ich trat also die Reise mit neuen Schuhen und neuer Laufbekleidung an – getreu dem Motto „quo vadis“.

Am 26.02.2020 ging es von Berlin über Moskau nach Irkutsk. Gestartet bei regnerischen 4° in Berlin kam ich dann nach dem Nachtflug am nächsten Tag früh um 8.30 Uhr bei -15° und extrem trockener Kälte in Irkutsk an. Am Flughafen wurden ich und weitere Läufer, die ganz überwiegend aus anderen europäischen Ländern kamen, abgeholt und für eine Übernachtung in Irkutsk in das Hotel gebracht.

 

 
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Während der Busfahrt vom Flughafen in die Stadt nahm dann auch für mich gedanklich der in wenigen Tagen stattfindende Marathon langsam aber sicher Gestalt an und ich hoffte, dass ich mich über die nächsten Tage etwas akklimatisierte (also an die Temperaturen gewöhne). Ich lernte Läufer aus den USA, Thailand, Japan, Argentinien und auch Neuseeland und einer Vielzahl von europäischen Ländern (Italien, Spanien, Polen, Frankreich) kennen. Auch ein deutsches Ehepaar aus Bayern war darunter.

Am nächsten Tag (28.02.2020) ging es dann mit dem Bus von Irkutsk nach Listwyanka, dem Startort des Marathons. Hier machten wir planmäßig einen Halt im Baikal-Museum. Bei der dortigen Führung konnte man sich einen Eindruck von der Tier- und Pflanzenwelt der Balkanregion und vor allem des Baikalsees verschaffen.

Der Nachmittag stand dann nach dem Besuch einer Husky-Farm inklusive einer kleinen Schlittenfahrt durch verschneiten Wald zur freien Verfügung. Ich schnürte erstmals meine Laufschuhe für einen kleinen Lauf auf dem zugefrorenen Baikalsee. Die Bedingungen auf dem zugefrorenen See ganz gut, denn auf der Eisfläche lag eine kleine Schneeschicht, so dass man gut laufen konnte. Ich hatte sogar das Gefühl von einem „festen“ Untergrund. Durch den eisigen Wind fühlten sich die Temperaturen von weiterhin ca.  -13° Grad deutlich kälter an. Schlussendlich gab der Testlauf mir aber das Gefühl, dass der Lauf für mich vielleicht doch halbwegs machbar war und unternahm am nächsten Tag  nochmals zwei kleinere Testläufe, um noch sicherer zu werden.

Beim Blick aus dem Hotelfenster direkt auf dem Baikalsee hatte ich immer noch sehr großen Respekt vor der bevorstehenden Aufgabe. Am Ufer des Sees konnte ich beobachten, wie der Startbereich aufgebaut wurde und von dort ausgehend in einem Abstand von 80-100m  kleine, rote Fähnchen in den schneebedeckten Untergrund gesteckt worden, um die Strecke zu markieren. Anders hätte man sich auf der endlosen weißen Fläche nicht orientieren können.

Am Vorabend des Marathons fand ein einstündiges „Briefing“ des Veranstalters statt. Dabei wurden gegen Vorlage des Reisepasses und eines Gesundheit-Zertifikats, was jeder Läufer im Original vorzulegen hatte, die Startnummern ausgeteilt. Dies waren eine Art „Stoffleibchen“, die man über seine Laufbekleidung zu ziehen hatte. Bei den zu erwartenden Wetterbedingungen wäre wahrscheinlich jede Startnummer, die mit Sicherheitsnadeln festzumachen gewesen wäre, sofort wieder abgefallen.

Im Rahmen des „Briefings“ wurde dann vom Veranstalter auf die Gefahren auf der Strecke hingewiesen. Alle Läufer wurden angehalten, den Lauf als ein sehr spezielles Ereignis anzusehen und aufgrund der zu erwartenden schlechten Streckenbedingungen im Verlauf des Rennens gesundheitlich auf sich zu achten. Ab dem Kilometer 10 sollte die Läufer eine Schneetiefe von 10-15 cm erwarten. Bestzeiten seien nicht zu erwarten. Es wurde auch empfohlen, Gesichtspartien mit Tape-Band abzukleben. Insgesamt war das Briefing sehr nützlich, letzte Zweifel und Bedenken im Hinblick auf den bevorstehenden Lauf wurden bei zwar nicht gänzlich beseitigt, aber ich hatte nun n doch eine etwas genauere Vorstellung, was mich am nächsten Tag erwartet.

Trotz meiner nicht unerheblichen Marathon-Erfahrung schlief ich in der Nacht vor dem Start mehr schlecht als recht. Die Anspannung vor dem Lauf war dann doch höher als bei einem „gewöhnlichen“ Stadt-Marathon. Nach dem Frühstück und den üblichen Vorbereitungen traf man sich in der Hotellobby. Fast alle Läufer*innen hatten bunte Schneebrillen, Sturmhauben, dicke Jacken, Handschuhe und offenbar mehrere Mützen mit dabei. Ein lustiges wie auch seltsames Bild.

Ausgehend von der Startnummer 1 kam es dann zu einer Art „Startaufstellung“. Jeder Läufer wurde mit seiner Startnummer benannt und registriert und nahm dann im Startbereich auf dem zugefrorenen Baikalsee (gegenüber dem Hotel) Aufstellung. Dort wurde dann nach einem alten schamanischen Ritual dem Baikalsee gehuldigt. Hierzu wurde von jedem Läufer aus einem Glas Milch ein Tropfen in jede Himmelsrichtung gestreut und der verbleibende Rest getrunken.

 

 
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8:45 Uhr: 3 – 2 – 1, und los ging’s.  Das Läuferfeld – bestehend aus Marathonläufern und Halbmarathonläufern – setzte sich langsam in Bewegung und zog sich auf den ersten Kilometern schnell auseinander.  Wie Perlen an einer Schnur wirkte das Läuferfeld  auf der weißen Fläche des zugefrorenen Baikalsees.

Im ersten Teil des Laufs (bis ungefähr zum Kilometer 10) waren die Temperatur- und Bodenbedingungen noch ganz angenehm. Die Eisfläche war nur leicht schneebedeckt und man konnte fast ganz normal zu laufen. An der ersten Verpflegungsstelle (km 7) erwarteten die Läufer Heißgetränke und gut gekühltes Wasser. Auch kleinere Snacks (Schokolade, Nüsse, Trockenobst usw.) waren vorbereitet. Ab dann wurde  es von Kilometer zu Kilometer hinsichtlich der Boden- und Sichtverhältnisse immer beschwerlicher. Von der Sonne war von Beginn an des Laufs nichts zu sehen und es fing wie vorhergesagt verstärkt an zu schneien, während spürbar starker Westwind aufkam.  

Die roten Markierungsfähnchen waren bestenfalls noch bis zu 200 m sichtbar und waren wie erwartet der einzige Anhaltspunkt in der nunmehr surreal wirkenden Schneewüste des Baikalsees. Es war nur noch schwer möglich, eine halbwegs ideale Laufspur zu finden. Die Fahrrinnen der Pistenfahrzeuge, die mutmaßlich am Vortag die Strecke abgefahren hatten, waren durch Neuschnee und Verwehungen nicht mehr sichtbar. Einen festen Untergrund zum Laufen war kaum noch vorhanden und das Laufen wurde immer beschwerlicher und kräftezehrender.

Ich lief nur noch von Fähnchen zu Fähnchen und sammelte auf diese Art – auch vom Kopf her – die Kilometer. Am Horizont sah man weder das von hohen Bäumen gesäumte Ufer, noch die nächste Verpflegungsstelle. Man lief quasi in ein weißes Nichts hinein. Bei der Halbmarathonmarke angekommen, verpflegte ich mich nochmals mit warmen Tee und einem Schluck kaltem Wasser. Dass ich die Laufbrille kurz abnahm, stellte sich schnell als Fehler heraus, denn ich war sofort so etwas wie „schneeblind“. Ich setzte sie bis ins Ziel dann nicht mehr ab.

An den Wetterbedingungen änderte sich weiterhin nichts, aber irgendwie hatte ich mich daran gewöhnt und erstmals das sichere Gefühl, das Ziel zu erreichen. Zwischen Kilometer 28 und Kilometer 39 gab es keine weitere Verpflegungsstelle, man war mit sich alleine. Nur manchmal fuhren aus Sicherheitsgründen Schnee- und Pistenfahrzeuge die Strecke ab. Bei Kilometer 39 war dann nicht nur die letzte Verpflegungsstelle, sondern auch das Ziel am Horizont sichtbar. Zum ersten Mal nach fast vier Stunden sah ich wieder die Umrisse von Bergen und Wäldern.

Überglücklich im Ziel angekommen zu sein, wechselte ich sofort meine Laufbekleidung gegen eine warme Winterjacke. Anschließend ging es dann zügig in die bereitgestellten Hovercrafts, die die Läufer in einer einstündigen Fahrt über den See wieder zurück an den Startort in Listwyanka beförderten. Es wurde parallel zur Strecke gefahren, so dass man noch einige Läufer sah. Auch das war nochmal sehr eindrucksvoll.

Am Abend gab es im Beisein aller Teilnehmer eine große Feier mit Siegerehrung und sehr leckerem russischen Essen. Jeder Teilnehmer wurde persönlich vom Organisator geehrt und bekam neben einer Urkunde auch ein Finisher-Shirt. Die Finisher-Medaillen wurden dann mit der Post nachgesendet.

Ich habe schon etliche Marathon- und Ultraläufe absolviert, einer wie dieser Lauf über den zugefrorenen Baikalsee im kalten Sibirien war bisher nicht dabei. Es war ein sehr spezielles Erlebnis (auch kulinarisch), an das ich mich wohl immer erinnern werde.

 

 

 

 

Informationen: Baikal Ice Marathon
OnlinewetterGoogle/Routenplaner

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