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12.11.16 - Platinman

Totgeglaubte leben länger

Legendäres erzählte man sich hinter vorgehaltener Hand in den Wäldern der hiesigen Mittelgebirge. Von einer harten Veranstaltung, die im heimischen Raum ihresgleichen gesucht haben soll. Als ehemals härtester Berglauf im Rhein-Sieg-Kreis bezeichnet, ging es nach dem Start im Hennefer Stadtteil Altenbödingen 17,4 km und 523 Höhenmeter über fünf Berge. Legendär soll insbesondere der dritte Berg gewesen sein, an dem man sich bei Regen und 21% Steigung gegenseitig an den Bäumen hochgezogen haben soll.

Als der Lauf 2001 aufgrund von Anzeigen und Protesten aus der Bevölkerung eingestellt wurde, hatte ich gerade wieder mit dem Laufen begonnen und war eben erst in den rheinischen Westerwald gezogen. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ hatte schon Michael Gorbatschow, ehemaliger Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei und von März 1990 bis Dezember 1991 Staatspräsident der Sowjetunion, in weiser Voraussicht dieses traurigen Ereignisses gesagt. Einmal im Jahr, am Freitag des ersten Wochenendes im Juni, trafen sich die Jünger dieses Berglaufs am alten Startplatz und liefen die Strecke in Gruppen ohne Wettkampfgedanken. Anschließend wurden mitgebrachte Getränke und Speisen in geselliger Runde zu sich genommen und von alten Zeiten geschwärmt.

Was wirklich gut ist, wird also nicht vergessen. Und wo etwas nicht vergessen wird, wächst der Wunsch nach Wiederauferstehung. Es muss sich halt jemand finden, der Nägel mit Köpfen macht und die Sache tatkräftig in die Hand nimmt. So geschehen beim Rheinsteig-Extremlauf (35 km, 1.200 HM) und beim Drachenlauf (26 km, 1.000 HM). Und so wurde auch die Reinkarnation des Platinman 2013 durch das Triathlonteam Hennef Realität. Die Ansprüche waren inzwischen gewachsen, daher auch der neue Platinman, nämlich die Streckenlänge auf offizielle 26 km und die Höhenmeter auf 837 über jetzt sieben Berge bei bis zu 52% Steigung. Wow! Damit kommt er garantiert für die Wertung des härtesten Berglaufs in ganz NRW in Frage und hat damit genau die Kragenweite des Herrn Bernath auf der Suche nach nahgelegenen langen, profilierten Trainingsläufen mit Startnummer und Urkunde.

Rechtzeitig für 25 € angemeldet besteht die Möglichkeit der vorzeitigen Abholung der Startunterlagen im Hennefer Trendwerk (Frankfurter Straße 69) in der Woche vor dem Lauf zwischen 10:00 Uhr und 18:30 Uhr. Dank meines lieben in Hennef wohnenden  Kollegen Eckbert, der mir schon Tage vorher die Startnummer mitgebracht hatte, bin ich auf den vorletzten Drücker vor dem für 11 Uhr vorgesehenen Start im 500 Seelen-Ort Lauthausen, was mir an die anderthalb km Fußmarsch von der als Parkplatz gesperrten Landstraße einbringt. Den Startschuss für die Teilnehmer der Light-Version (10,25 km) höre ich gerade noch um 10:30 Uhr während meines Anmarsches.

 

 
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Wie bei regionalen Läufen üblich, trifft man auf zahlreiche Bekannte, die einem die (kurze) Wartezeit versüßen. Schon auf den ersten Blick erkennt man die „handgemachte“, im besten Sinne nicht professionelle Veranstaltung, die mir sehr sympathisch ist. Guter Ort am Sportplatz mit kleinem, festem Gebäude und ein mollig warmes Zelt zum Aufwärmen, perfekt. Ein paar wichtige Hinweise im und vor dem Zelt, und schon geht’s los. Auf schmalem Teerweg erspart man uns die bisher üblichen ersten Meter über vom Regen der vergangenen Tage völlig durchnässte Wiesen. Nach ein paar ersten Höhenmetern biegen wir auf einen ersten Trampelpfad ein, an dessen Ende uns ein tolles Bild erwartet: Auf ganz schmalen Serpentinen schraubt sich der Weg kräftig in die Höhe. Der Herr Bernath strahlt, so hat er sich das vorgestellt. Den damit verbundenen Stau muss man in Kauf nehmen oder halt zu den Schnellen zählen und ganz vorne dabei sein.

 

 
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Oben angekommen, durcheilen wir den früheren Startort Altenbödingen mit einigen sehr schön restaurierten Fachwerkhäusern. Dort kommen uns die Light-Läufer entgegen, die sich schon auf dem Rückweg befinden. Geburtstagskind Udo Lohrengel läuft mit seiner Birgit (Lennartz) zusammen, ein ganz ungewohntes Bild, das es gleich einzufangen gilt. Ist der gemeinsame Lauf Biggis Geburtstagsgeschenk an ihn? Durch einen hübschen Wald und über Felder auf erstaunlich gut zu belaufenden Wegen sind die ersten fünf km geradezu an mir vorbeigeflogen. Weiter geht es bergauf in Richtung Oberhalberg, vorbei am Kriegerdenkmal, durch die Innenstadt von Niederhalberg (77 Einwohner) und vorbei am Weiler Berg (54 Einwohner). Die erste Tankstelle nach gut 6 km hat alles Erforderliche und mehr im Angebot. Herrliche Fernsichten bringt der nächste Abschnitt, die Sonne strahlt, es ist der pure Spaß am Laufen.

 

 
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Bergab führt der Weg in Richtung Auel (79 Einwohner), nach einem scharfen U-Turn haben wir 8 km und damit ein knappes Drittel geschafft. Vom durch Bergablaufen verursachten Muskelkater soll ich erzählen, sagte Marco vor ein paar Tagen, und damit den Schleier über unangenehme und gerne verschwiegene Begleiterscheinungen unserer bevorzugten Art der Fortbewegung lüften. Nun gut, sei's drum. Der Bergabgalopp über annähernd 1.000 Höhenmeter beim Drachenlauf vor 14 Tagen hatte bei mir nämlich diese nie erwartete Nebenwirkung erzeugt. Wofür rennt man eigentlich vier- bis fünfmal pro Woche über Stock und Stein, häufig genug verbunden mit zahlreichen Höhenmetern? Am Montag nach dem sonntäglichen Lauf ging's ja noch, der Dienstag war dann brutal, und die Beschwerden hielten sich fast bis zum nächsten Wochenende. Ihr seht, auch regelmäßige Läufer und Wettkämpfer sind ganz normale Menschen und haben es nicht immer leicht. Vor allem nicht mit Marco.

Nach gut acht km sind wir an der Sieg, die wir etwa anderthalb km begleiten. Am Wasser entlangzulaufen ist genau mein Ding, die Sieg genauso groß wie die heimische Wied, herrlich! Udo Schneider sehe ich gerade noch entfleuchen, als ich links in eine Schleife ins Hunnenbachtal abbiege, um nach drei km wieder an den Ausgangspunkt zur Sieg zurückzukehren. Udo hat also schon satte drei km Vorsprung, der Erste wird am Ende mehr als eine Stunde vor mir liegen. Die Schleife ist auf der ersten Hälfte richtig heftig, um mich herum wird demütig marschiert, um am Scheitelpunkt wieder gen Sieg zu donnern. Als ich die Schleife hinter mir habe, biegen tatsächlich noch welche erst ein. Für mich ist das ein gutes Zeichen, demnach kann ich alter Sack wohl noch ein paar Jahre lang mithalten.

 

 
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Zwischen km 11 und 12 kraxeln wir den Stachelberg hoch, und absolvieren den wohl schwierigsten, aber auch interessantesten Abschnitt: zwei gummierte Stahlseile sind zum Hochziehen gespannt und leisten wertvolle Hilfe, natürlich sind das gefundene Fotomotive für mich. Oben sind wir am Parkplatz der Drachenflieger angekommen, einer stürzt sich gerade in die Tiefe. Am Ende des nun folgenden, langen Feldwegs bekommen wir im Weiler Honscheid (Ortsteil von Ruppichteroth, über die Zahl der Einwohner ist nichts überliefert) nach km 13 bei Halbzeit zum zweiten Mal zu essen und zu trinken. „Danke für Eure Unterstützung!“ „Warum, bei einer so großen Menge gutgelaunter Läufer macht das richtig Spaß!“ Was für eine Einstellung! Die Hälfte ist geschafft, steil geht es ins Hunnenbachtal bergab.

Einer langen Steigung folgt, getreu dem Motto „Auf und nieder immer wieder!“, ein Gefälle ins Königsbachtal (leider gibt es kein Königsbacher Bier!), das uns bis zur historischen Römerstraße, die von Hennef-Warth über den Bergrücken Nutscheid ins Siegerland führte, bringt. Diese überquert, haben wir km 15 geschafft und freuen uns im Wald über die dritte Verpflegungsstelle. Talwärts bis zur Mündung in den Derenbach lautet der nächste Abschnitt. Was dann folgt, löst in mir erneut Begeisterung aus: Über  einen tollem Hohlweg durchqueren wir zwischen km 17 und 18 steil bergauf einen Nadelwald. Genauso sah bis zu seiner Zerstörung infolge von Baumfällarbeiten der fünfte km unseres Malberglaufs aus, wehmütige Erinnerungen steigen in mir hoch. 20 km liegen hinter uns.

 

 
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Nochmal das volle Verpflegungsprogramm gibt es im erneut belaufenen Derenbachtal, dem wir bis zur Mündung in die Bröl folgen. Eine letzte, heftige Steigung auf der Römerstraße müssen wir noch nehmen, dann hat sich der Kreis geschlossen und wir sind wieder auf den ersten drei km des Hinweges, die wir verkürzt über Serpentinen und Treppen bergab nach Lauthausen galoppieren. Kurz vor dem Ziel bleibe ich irritiert stehen: Von unten und oben zeigen die Pfeile auf dem Boden auf einen Naturpfad zum Abbiegen, ich entscheide mich etwas misstrauisch, diesen zu folgen, da ich niemanden vor mir erkennen kann. Als ich etwa hundert Meter hinter mir habe, pfeift mich ein Radfahrer zurück und verhindert so, dass mir noch mehrere andere Teilnehmer folgen. Bis auf diesen einzigen Punkt ist die Ausschilderung und Absicherung mit Streckenposten absolut vorbildlich, nur hier wäre es auch noch nötig gewesen. Ihr müsst eben mit Dödeln wie mir rechnen.

Im Ziel gönnt man uns ein paar Meter roten Teppich, auf dem Birgit Holler jeden Finisher bildlich abschießt. 2:44 Std. entsprechen genau meiner Leistung vom Drachenlauf, das passt also sehr gut. Ich erhalte eine nette Holzmedaille, meine erste aus diesem Werkstoff. Die Zielverpflegung ist reichhaltig, inkl. des nicht nur bei mir hochbeliebten Lebensretters aus Erding. Nach einer kurzen Nachhilfestunde für die Helfer, wie man beim Einschenken nicht nur Schaum produziert, verlasse ich direkt den Ort des Geschehens, weil bei uns noch die Prinzenverabschiedung ins Haus steht und ich als Hofstaatmitglied nicht schwänzen darf.

Hochzufrieden fahre ich heim, ich habe genau das bekommen, was ich mir erhofft hatte. Wenn ich sage, es war wie bei mir zuhause, dürft Ihr das als Ausdruck höchster Wertschätzung nehmen. Hundertprozentig war ich nicht zum letzten Mal hier.

 

Streckenbeschreibung:
26 abwechslungsreiche überwiegend Wald-km mit 837 HM.

Startgebühr:
Je nach Anmeldezeitpunkt 25 bis 30 €.

Auszeichnung:
Allen Voranmeldern ist eine schöne Holzmedaille garantiert. Die Siegerin und der Sieger erhalten jeweils einen Pokal, die AK-Sieger eine Soforturkunde. Die ersten drei Gesamtsieger sowie die AK-Sieger erhalten jeweils Preise. Urkundendownload für alle.

Logistik:
„Wer früh kommt, wird nicht im Regen stehengelassen!“: Für Kaffee ist gesorgt, beheiztes Zelt, Umkleiden und Duschen.

Verpflegung:
Unterwegs viermal und im Ziel mit Wasser, Tee, Cola, Schmalzbroten und Obst.

Zuschauer:
Landschaftslauf typisch sehr wenige.

 

Informationen: Platinman
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