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17.04.17 - Special Event

Eine Woche Sahara - Der Marathon des Sables

Sand, überall Sand! Als ich über das Meer an Dünen stapfe bin ich glücklich wie ein kleines Kind im Sandkasten. Die Hitze und der viel zu schwere Rucksack auf dem Rücken plagen mich zwar, dennoch erfüllen sich hier und jetzt für mich Träume, die ich vor wenigen Jahren noch eher für einen Alptraum gehalten hätte. 

Ziele und Möglichkeiten können sich im Laufe von relativ kurzer Zeit stark ändern. Selbst als ich vor einigen Jahren meinen ersten 100 Meilen Ultratrail geschafft hatte, hielt ich es für ausgeschlossen, dass ich jemals beim Marathon des Sables starten würde. Doch erstens bin ich heute läuferisch erfahrener und stärker als damals, zweitens weiß ich inzwischen von anderen Finishern, dass der MDS aufgrund eines sehr großzügigen Zeitlimits für mich keine unüberwindbare Herausforderung darstellt.  In fünf Etappen führt die Strecke insgesamt 237 km durch die Sahara in Marokko, dazu kommt am letzten Tag die 7,7 km lange Charity-Etappe, die nicht in der Rangliste des MDS gewertet wird.

Das Abenteuer MDS beginnt schon lange Zeit vor dem Start. Anders als bei normalen Marathons oder Ultratrails genügt es nicht, sich zwei Tage zuvor zu überlegen, was man alles in den Rucksack packt. Abgesehen von Wasser und Zelt muss man alles, was man in dieser Woche braucht, selbst im Rucksack tragen, d.h. Proviant, Kocher, Kleidung und vieles mehr. Schon Monate zuvor kaufte ich mir einen speziell für solche Etappenläufe geeigneten Rucksack mit Fronttasche, einen leichteren Schlafsack, eine bequeme Isomatte, einen Esbitkocher und andere Teile der Pflichtausrüstung. Rund um die Laufschuhe wurden beim Schuhmacher Klettbänder genäht, um daran die Gamaschen so zu befestigen, damit möglichst wenig Sand in die Schuhe kommt. Vor allem die Auswahl der Verpflegung sorgt in den Wochen vor dem Abflug für unterhaltsame Abende. Und irgendwie muss ich das ganze Gepäck später tagelang durch die Wüste tragen können.

Am Donnerstag fliege ich von Frankfurt über Casablanca nach Quarzazate. Nach einer Hotelübernachtung steige ich gemeinsam mit vielen anderen Läufern vor dem Hotel in einen der bequemen Reisebusse, die uns in die Wüste bringen. Wer felsige Wüstenlandschaft mag, der kommt beim Blick aus dem Fenster voll auf seine Kosten. Nur  die Palmen im Draa-Tal sorgen zwischendurch für etwas Grün. Etwa sechs Stunden später erreichen wir nach zwei kurzen Pausen und einem Mittagessen das Biwak. In diesem Jahr können wir bis zum Ziel in den Bussen bleiben, früher musste man oft noch ein Stück mit Militärtransportern fahren.

 

 
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Als wir unsere Koffer aus dem Bus laden, werden wir von Einheimischen mit traditioneller Musik begrüßt. Bereits während der Fahrt wurden die Listen der Zeltgemeinschaften erstellt. In jedem Zelt liegen 8 Personen, die Bereiche im Biwak sind nach Nationalitäten sortiert. In unserem Zelt kenne ich Edda und Nicola schon seit vielen Jahren, drei andere habe ich zuvor nur ein Mal gesehen, zwei erst am Flughafen kennengelernt. 

Das gesamte Lager wirkt in der Realität sehr viel größer als ich es nach vielen Videos und Fotos erwartet hätte. Die Zelte der Teilnehmer sind kreisförmig angeordnet. Außerhalb ist das Zeltlager des medizinischen Bereichs, und noch weiter außerhalb schlafen die vielen anderen Helfer. Insgesamt werden wir Läufer von 700 Helfern begleitet, darunter 68 Mediziner.  In den nächsten Tagen begegne ich Läufern aus Peru, Estland, Jordanien, Libanon und vielen anderen Ecken der Welt. 

Bis morgen Abend werden wir im Biwak gut mit Essen versorgt, ab Sonntagmorgen sind wir dann völlig auf unsere eigenen Vorräte angewiesen. Nach dem Abendessen kramen wir erst noch in unseren Zelten herum und merken, dass wir in den nächsten Tagen mit sehr wenig Platz auskommen müssen. In der Mitte des Biwaks brennt ein Lagerfeuer.

 Tagsüber ist es in der Wüste heiß, doch wie erwartet kühlt es in der Nacht stark ab. Heute bläst außerdem ein starker Wind durch unser Zelt, sodass ich spontan noch meine warme Jacke ins Laufgepäck quetsche.

Am nächsten Morgen müssen wir nach dem Frühstück unsere Koffer abgeben. Dann folgen die einzelnen Stationen des Eincheckens: Überprüfung des ärztlichen Attests und EKG, Wiegen des Rucksacks (bei mir 10,03 kg + 2 Liter Wasser) und andere Formalitäten.

Am Abend versammelt sich eine große Menschenmenge zum Briefing, vor dem einige Leute noch eine Weile zu guter Rockmusik tanzen. Dann steigen der Veranstalter des MDS, Patrick Bauer und eine Übersetzerin auf einen Geländewagen und erzählen uns abwechselnd auf Französisch und Englisch viele interessante Dinge. Patrick Bauer lief vor mehr als drei Jahrzehnten alleine durch die Wüste. Daraufhin beschloss er, hier einen mehrtägigen Wettkampf zu organisieren. Inzwischen zieht diese längst legendäre gewordene Veranstaltung jährlich über 1000 Teilnehmer an, dieses Mal bei der 32. Ausgabe 1176 Teilnehmer, darunter mehr als 20 % Frauen.

Morgens kurz nach 6 Uhr werden die Zelte abgebaut. Menschen aus 52 Nationen und von allen fünf Kontinenten sitzen nun friedlich mit einem gemeinsamen Ziel auf dem Boden - für mich ein absolutes Woodstock-Gefühl.Im Mittelpunkt des sozialen Lebens steht beim MDS für die meisten Teilnehmer die Zeltgemeinschaft. Auch wir stellen uns vor dem Start zu einem Gruppenfoto zusammen. Noch sind wir alle acht glücklich und optimistisch. Wir ahnen nicht, wie schnell das Schicksal ausgerechnet unsere Gemeinschaft dezimieren wird. 

Die meisten Teilnehmer sind völlig “normal”, nur einige fallen optisch aus dem Rahmen. Vor allem der Japaner Yoshizo, der nicht zum ersten Mal hier als Kuh verkleidet durch die Hitze läuft und auch tatsächlich das Ziel erreicht, hat Kult-Status. Ein japanisches Paar feiert hier seinen 25. Hochzeitstag und läuft mit gelben Comicfiguren als Mütze. Und dann gibt es noch die Helden: zwei Blinde mit Führern, ein Mann ohne Beine, der auf Prothesen läuft, ein Teilnehmer ohne Arme und die französische Gruppe, die jedes Jahr ein behindertes Kind in einem Rollwagen durch die Wüste zieht bzw. trägt.

Nun bilden wir neben dem Startbereich eine riesengroße Zahl 32 (für die 32. Ausgabe) im Sand und werden vom Hubschrauber aus gefilmt. Dann geht es wie bei jeder Etappe mit "Highway to Hell" los. 1176 Menschen laufen oder marschieren voran, der Hubschrauber dreht über uns seine Runden und ich flippe vor Begeisterung fast aus. Es ist MDS – und ich bin dabei! Unglaublich!
 

 
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Am Anfang laufen wir noch viel über Geröll, nur zwischendurch geht es über sandigen Boden. Abgesehen von einigen kleinen Dünen ist dies noch nicht die Sahara, wie man sie aus Bildbänden kennt, doch es gefällt mir sehr gut. Heute stehen nur 31 km auf dem Programm. Obwohl ich bei den ersten drei Etappen meine Kraft für  die lange Strecke sparen will und heute in ganz entspanntem Tempo laufe bzw. marschiere, erreiche ich den ersten Checkpoint nach drei Stunden, hätte aber vier Stunden Zeit gehabt. Bei CP2 habe ich bereits zwei Stunden Vorsprung vor dem Zeitlimit. Es beruhigt sehr zu wissen, dass ich mir beim MDS absolut keine Sorgen um Cut-Off-Zeiten machen muss und auch ohne an meine körperliche Grenze zu gehen, das Ziel erreichen kann.

An den schönsten Stellen der Strecke stehen immer viele Fotografen und Kameraleute, oft fliegt auch eine Kameradrohne über uns hinweg und filmt. 
 

 
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 Auch Helfer von der Organisation sowie Ärzte passen unterwegs gut auf uns auf. Rückblickend stelle ich fest, dass ausgerechnet beim MDS die Sicherheit der Teilnehmer am höchsten ist. Nahezu jeder Punkt der Strecke kann von Ärzten sehr schnell mit dem Geländewagen erreicht werden, immer ist ein Hubschrauber in der Nähe, der fast überall landen kann. Bei einem Notfall sind die Retter hier schneller vor Ort, als bei den meisten Stadtmarathons oder Landschaftsläufen. Die Checkpoints sind medizinisch gut ausgestattet, und in den Biwaks ist sogar ein Lazarett. 

Ohne mich heute allzu sehr angestrengt zu haben, erreiche ich das Ziel des Tages.  Ich bin restlos glücklich. Doch dann kommt ein herber Dämpfer. Am Abend erfahren wir, dass ein Läufer aus unserer Zeltgemeinschaft von Checkpoint 2 mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen wurde. Seine Frau, die mit ihm lief, fährt nun mit dem Auto hinterher. Dies ist der einzige ernsthafte medizinische Notfall, der in diesem Jahr auf der Strecke geschieht. 

Am späten Abend blasen plötzlich starke Windböen durch das Zelt. Einige Dinge werden weggeweht. Schnell sichern wir unsere Ausrüstung und schließen das Zelt auf der Windseite.

Um 5:30 Uhr schimmert am Horizont die Morgendämmerung, um 6 Uhr geht die Sonne auf. Kaffee kochen, Müsli essen, Tagesproviant richten, umziehen, Sonnencreme, packen, Wasser holen, Zähne putzen, schon ist es Zeit, zum Briefing zu gehen, bei dem Patrick Bauer jeden Morgen vom Dach des Autos aus auch  den Geburtstagskindern gratuliert.

Gleich nach dem Start laufen wir über Dünen, kleine Kämme rauf und runter, einfach pures Vergnügen.  


 
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  Bald plagt uns wieder die Hitze. Auch an die viel zu schweren Rucksäcke haben wir uns noch immer nicht gewöhnt. Dann geht es über schöne Dünenfelder. So stellt man sich die Sahara vor. Es folgt ein Weg über grobes Geröll. Dann geht es durch einen Taleinschnitt anstrengend bergauf. Hier fließt ab und zu etwas Wasser, daher blühen auch ein paar Blumen. Entlang der Aufstiegsroute sitzen zahlreiche Läufer am Boden, entkräftet, dehydriert, mit Hitzschlag oder unterzuckert, doch nach einer Pause und mit etwas Hilfe können sie alle ihren Aufstieg fortsetzen.

Oben auf dem Berg erblicke ich in der Ferne das Biwak, bis zu dem ich aber noch lange Zeit unterwegs sein werde. Die ersten Meter des Abstiegs hangeln wir uns an einem Seil bergab. Danach folgt ein äußerst steiler Abstieg durch tiefen Sand. Das ist eine Mordsgaudi! Manche trauen sich kaum voran, andere rasen johlend bergab.

 

 
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Einige Zeit später durchqueren wir ein Bachbett, auf dessen trockenem Boden dicke Salzkrusten kleben. Weiter hinten steht sogar Wasser. Wieder erreiche ich das Ziel einige Stunden vor dem Zeitlimit und verbringe den restlichen Nachmittag träge im Zelt.  Nach Mondaufgang schlafen wir wieder schon gegen 20 Uhr.

Um 6 Uhr werden die Zelte abgebaut, dann stehe ich in der Schlange hinter dem LKW, wo wir morgens unsere 1,5 Liter Flasche Wasser bekommen. Morgens immer eine Flasche, an den Checkpoints manchmal eine, manchmal zwei, abends am Ziel drei. Alle Flaschen werden mit unseren Startnummern beschriftet, damit niemand eine leere Flasche unterwegs in die Wüste wirft.  Zu jeder Flasche sollen wir wegen dem starken Schwitzen jeweils zwei Salztabletten nehmen. 

Und wieder "Highway to hell", wieder der Hubschrauber, wieder über Dünen. Ich liebe es! Zur Orientierung bekommen wir ein sehr detailliertes Roadbook, ein Kompass zählt zur Pflichtausrüstung, doch beides brauche ich nie, da immer Leute vor mir laufen. Aber auch die Markierungen reichen aus. 


 
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Gegen Mittag folgt ein sehr steiler Aufstieg. Oben beginnt der für mich schönste Abschnitt der Strecke. Nun laufen wir längere Zeit auf dem Kamm eines zu beiden Seiten steil abfallenden Berges entlang. Einfach nur grandios! Dann geht es steil durch Geröll hinab und kurz eben weiter. Aus der Sohle haben sich inzwischen einige Noppen gelöst und hängen nun seitlich weg. Ich reiße sie ab und stecke sie in den Rucksack, damit ich sie am Abend wieder festkleben lassen kann. Doch fortan habe ich Angst, dass das Loch größer wird und die Steine durch die nun nur noch recht dünne Filzschicht bis zu meinen Füßen durchdrücken. 

Nach Durchquerung eines von einer dicken Salzschicht bedeckten Flussbettes steigen wir erneut auf einen Berg und folgen oben dem Grat.


 
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Schon von weitem sehen wir den Hang, an dem wir gestern so steil durch den Sand hinab gerannt sind. Nun steigen wir rechts entlang des Sandfeldes auf. Auch hier überraschen mich blühende Blumen. Im oberen Bereich brauchen wir auf felsigem Untergrund manchmal die Hände zum Aufstieg. Ganz oben hangeln wir uns am Seil bergauf.

Durch die Schlucht unseres Aufstiegs von gestern geht es nun hinab. Das Dünenfeld durchqueren wir auf einer anderen Route. Dann folgt noch ein langer Weg bei Hitze durch eine steinige Ebene. Rings um mich herum tanzen Sandteufel, kleine Windhosen, die den Sand wie bei einem Mini-Tornado aufwirbeln. Einmal trifft mich solch ein Sandteufel. Der Wind darin ist viel heißer als die Luft in der Umgebung und es scheint so, als würde mir jemand zuerst mit voller Wucht eine große Schaufel Sand von links ins Gesicht schütten und gleich darauf eine von rechts.

Als ich das Ziel erreiche, freue ich mich auf das schattige Zelt. 

Vor Sonnenaufgang bereite ich mein Frühstück zu. Den kleinen Topf brauche ich zum Kochen, auf eine Schale für das Müsli oder eine Tasse für den Kaffee habe ich verzichtet. Dafür gibt es einen simplen Ersatz: man schneidet von einer Wasserflasche einfach das untere Drittel ab. 

Während des Briefing vor der 87 km Mammut-Etappe geht dem Startbogen die Luft aus, so dass Helfer ihn stützen müssen, damit wir Läufer gerade noch darunter hindurch passen. Nach einer Weile kommen wir an einer traditionellen Behausung der Einheimischen und kurz darauf an einem Touristenkamp vorbei. Nun geht es in ein teilweise mit Palmen bewachsenes Tal, das in einen ausgetrockneten See mündet, den wir nun überqueren. Im Hintergrund leuchten auffallend rote Berghänge. Nach dem See überschreiten wir nacheinander mehrere Bergrücken. Bei einem  Aufstieg durch steilen Sand sehe ich zu meiner großen Überraschung mitten im Sand eine große, dicke Raupe.

Meinen rechten Schuh, dessen Sohle sich immer stärker auflöst, habe ich dick mit Klebeband umwickelt, aber dieses hängt inzwischen auch nur noch in Fetzen dran. Entgegen meiner Befürchtungen hält der Schuh bis zum letzten Tag durch und ich muss nicht barfuss ins Ziel humpeln. 

Wieder liegt eine unglaublich faszinierende Landschaft unter mir. Dann folgt der schönste Abstieg der gesamten Strecke, wieder steil durch tiefen Sand, ein Spaß, den ich noch hundert Mal wiederholen könnte. Die nächsten Kilometer führen sehr kraftraubend durch tiefen Sand. Laufen kann hier in meinem Umfeld niemand. Wir marschieren ohnehin den allergrößten Teil der Strecke. Trotzdem ist der Kraftaufwand im Sand, mit Gepäck und bei Hitze enorm. Am Checkpoint setze ich mich eine Weile in den Schatten und esse etwas. Hier stehen immer einige Zelte, in denen wir uns eng auf en Matten drängen. Außerdem gibt es für die Mediziner reservierte Zelte. 

Die nächsten Stunden vergehen schnell. Ich wundere mich von Tag zu Tag mehr, wie der als Kuh verkleidete Japaner hier überleben kann.

 

 
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Die Strecke am Nachmittag zieht sich etwas in die Länge. An jedem Checkpoint kühle ich meinen Kopf nun mit Wasser. Als unsere Route eine stark von Geländefahrzeugen und Motorrädern befahrene Piste quert, rast ein Jeep heran. Beinahe wäre ich mitten in der Wüste von einem Auto überfahren worden, kann aber noch rechtzeitig zur Seite springen.

Ab 19 Uhr brauchen wir die Stirnlampe und müssen einen Leuchtstab hinten am Rucksack befestigen. Weitere Leuchtstäbe zeigen uns nun den Weg an. Checkpoint 4 ist hell beleuchtet. Hier rasten viele Teilnehmer, einige kochen sich was. Ich habe das erst im Ziel vor.  

Nun geht es steil auf Dünen hinauf und wieder hinab. Das wären bei Tag sicherlich schöne Fotomotive, aber vor Mondaufgang ist es nun wirklich absolut dunkel. Im Schein der Stirnlampe sehe ich fast nur Sand vor, neben und unter mir - eine sehr minimalisierte eigene Lebenswelt. Dann verblüfft es mich mal wieder, wie viel man bei Mondschein von der Umgebung erkennen kann. Einmal rennt ein kleiner, schwarzer Skorpion im Lichtschein der Stirnlampe davon, einmal sehe ich eine bizarre Kamelspinne.

Bei Checkpoint 5 brennt ein großes Lagerfeuer. Außen herum stehen Liegestühle, die aber alle besetzt sind. 20 Minuten setze ich mich auf den Boden und esse etwas. Dann geht beim Wechseln der Batterien meine Stirnlampe kaputt. Sie funktioniert nur noch, so lange ich mit dem Daumen ganz fest auf den Einschaltknopf drücke. Die nächsten Stunden bekomme ich in beiden Daumen nun Muskelkater. Aber immer mal wieder verzichte ich auf großen Sandfeldern nun auf die Lampe und genieße die mystische Stimmung dieser Vollmondnacht.

 Normalerweise kann ich problemlos eine Nacht ohne Schlaf laufen, aber die letzten Nächte habe ich sehr schlecht geschlafen und kann nun kaum noch die Augen offen halten. Immer wieder glaube ich, bald CP 7 zu erreichen, doch ich marschiere und marschiere, scheine aber nicht voran zu kommen. Endlich kann ich mich dort für eine Viertelstunde in einem der Zelte auf eine Matte legen und kurz dösen. Das hilft wirklich. Deutlich munterer marschiere ich weiter. Zwei Stunden später bricht die Morgendämmerung an. Hinter mir steht der Vollmond am Himmel, vor mir geht die Sonne auf. Die Kälte der Nacht ist endlich vorbei!

Als ich von einem kleinen Bergrücken aus das Biwak sehe glaube ich, dieses in 20 Minuten zu erreichen, brauche aber dann doch etwa 50 Minuten. Das Biwak liegt neben einer schönen Dünenlandschaft. Heute morgen ist es schon so heiß, dass ich das Zelt nicht mehr verlassen will. Bereits um 10 Uhr haben wir im Zelt 35 C im Schatten. Mir tun die Läufer leid, die jetzt noch viele Stunden vom Ziel entfernt sind und erst in der Mittagshitze oder sogar später hier ankommen.

Außer Kochen, Essen, Trinken und Schlafen mache ich in den nächsten Stunden nichts.  2000 kcal müssen wir für jeden einzelnen Tag dabei haben. Statt nur meine Lieblings-Riegel oder Gels mitzunehmen, will ich Überdruss vermeiden und kombiniere möglichst viele Sorten und Hersteller. Nichts ist doppelt im Rucksack. Für das Frühstück habe ich je drei Portionen Beerenmüsli und Früchtemüsli dabei, mit Milchpulver versetzt, da ich es hier ja nur mit Wasser übergießen kann. Schwerpunkt der Ernährung sind gefriergetrocknete Nahrung von vier verschiedenen Herstellern, von Pasta über Reisgerichte oder Couscous bis zu Kartoffelbrei und Blaubeersuppe. 

Kaum zu glauben, wie wir uns am Mittag über eine kalte Dose Cola freuen, die jeder bekommt. Kurz vor Sonnenuntergang wird dann die Ankunft des letzten Läufers bejubelt, der von zwei "Besenkamelen" begleitet wird.

Jeder empfindet den MDS anders. Ich höre von einigen Läufern, dass sie nie mehr mit schwerem Rucksack bei solch einer Hitze oder durch so viel Sand laufen wollen. Die moisten strahlen mit mir aber grenzenlose Begeisterung aus. 

Und wieder versammeln wir uns vor der Startlinie. Da ist der lustige Franzose, der unterwegs in der Wüste auf seiner Ukulele spielt und dazu singt, da ist der immer gut gelaunte Japaner mit roter Krake auf der Mütze, da sind die Engländer mit Strohhut - alle wachsen wir zur großen Welt-Gemeinschaft zusammen.

Heute steht die Marathon-Distanz auf dem Programm. Nach dem Start geht es gleich wieder wunderschön über Dünen. Etwas später steigen wir eine steile Böschung in ein Flussbett hinab und kraxeln auf der anderen Seite wieder hinauf. Und wieder geht es über einen ausgetrockneten See.

 

 
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  Bei großer Hitze steigen wir am Mittag über die höchsten und schönsten Dünen der diesjährigen Strecke. Ein Glück, dass sich der Zustand meiner kaputten Schuhsohle nicht verschlechtert hat. Dank dem gut vernähten Klettband für die Gamaschen muss ich beim gesamten MDS nur ein einziges Mal etwas Sand aus den Schuhen schütteln. Mehr als die Hälfte aller Teilnehmer muss sich während dieser Woche von den Medizinern die Füße behandeln lassen. Unglaublich, mit welchen von Wasserblasen zerschundenen Füßen manche Läufer tagelang durch die Gegend humpeln. 

Nach einigen steinigen Kilometern durchqueren wir die Ruinen einer verlassenen Stadt. Auf dem Weg zum Ziel fotografiere ich vor mir eine besonders große Windhose. Wieder dauert es von dem Moment, an dem ich vor mir das Ziel erblicke bis zum Überschreiten der Ziellinie sehr viel länger als erwartet. Endlich geschafft! Gleichzeitig denke ich aber auch: "Schade, dass es nun vorbei ist". Gerne würde ich noch zwei, drei Tagesetappen an dieses einzigartige Erlebnis dran hängen.

Dafür, dass ich eigentlich nur das Ziel erreichen wollte und eine Platzierung am unteren Ende der Liste erwartete, bin ich mit Platz 767 von 1176 Startern sehr zufrieden. MDS-Organisator Patrick Bauer umarmt jeden einzelnen Teilnehmer am Ziel. Patrick ist ein ausgesprochen charismatischer Mensch, dessen positive Ausstrahlung beim Briefing, unterwegs an der Strecke, im Ziel und danach, wesentlich zur guten Atmosphäre dieser Veranstaltung beiträgt. Auch bei der 32. Ausgabe ist dies für ihn kein Routinejob, sondern ein Glückstaumel, den er voller Freude erlebt. Patrick, wir alle lieben dich!

Gegen Abend wird der Einzug der Gruppe mit dem behinderten Kind gefeiert. Heute sitzt das Kind nicht im Rollwagen, sondern darf mit Hilfe von zwei Leuten zu Fuß über die Ziellinie gehen, wo es gleich die Finishermedaille bekommt und natürlich auch umarmt wird. Lange nach Sonnenuntergang feiern wir natürlich auch wieder den Einmarsch der letzten Finisher. 

Vor der Siegerehrung werden einige Läufer wegen ihrer besonderen Vorbildfunktion auf die Bühne gerufen, darunter auch der Leiter des Teams mit dem Kind. Er erzählt, dass die Gruppe auch von einer Frau begleitet wird, die er seit Jahren schätzt und mit der er seither bei einigen großen Läufen war. Er hat Glück - sie nimmt seinen Heiratsantrag vor über 1000 Zuschauern an. Nach der Siegerehrung sehen wir auf einer Leinwand zuerst Trailer für den neuen Half Marathon des Sables auf Fuerteventura, der vor allem für Läufer konzipiert wurde, die sich den richtigen MDS noch nicht zutrauen. Danach folgt die Uraufführung des Trailers für den sicherlich grandiosen Marathon des Sables Peru, der Ende November erstmals ausgetragen wird. 

Vor Sonnenaufgang werden wir von viel Gehupe und Gejohle geweckt. Dann dreht ein Autokonvoi seine Runden mitten durch das Biwak. Die Medical Crew verabschiedet sich von uns. Auch dies ist für mich ein sehr emotionaler Moment. Die Morgenstimmung mit hohen Dünen hinter dem Biwak ist wunderschön. 

 

 
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 Eine der größten Überraschungen hier in der Wüste sind die sauberen Toiletten. Durch eine einfache Idee hat man es geschafft, dass die Toiletten hygienischer sind als bei vielen anderen Laufveranstaltungen. In einem einfachen Zelthäuschen mit einem flatternden Vorhang statt einer Tür steht ein hockerartiges Gestell. Über dieses spannt man einen der kompostierbaren Plastiksäcke, die man im Zielbereich bekommt, wirft einen Stein hinein, damit der Sack nach unten hängt. Darauf kann man sich dann setzen. Anschließend verknotet man den Sack und wirft ihn draußen in eine Mülltonne, die regelmäßig geleert wird. Alles passiert, ohne dass man mit einer Klobrille etc. in Berührung kommt, ohne verdreckte oder verstopfte Kloschüsseln und anderes Übel.

Für Frauen stehen sogar kleine Umkleidezelte bereit. Duschen oder Waschräume gibt es natürlich keine. Jeder riecht hier gleich, außerdem stinkt man in dieser trockenen Hitze viel weniger als im feuchten europäischen Klima.

Da die Zeit der heutigen 7,7 km Etappe nicht in das MDS-Gesamtergebnis einfließt, nutzen nahezu alle Teilnehmer diesen Tag, um sich bei einem ganz gemütlichen Spaziergang in aller Ruhe von der Wüste zu verabschieden. Vorbei an den höchsten Dünen Marokkos erreichen wir deutlich vom Tourismus geprägte Regionen, mit Kamelsafari und Urlaubergruppen, die auf die Dünen steigen. 

Rückreise nach Quarzazate und Verteilung der Läufergruppen auf viele Hotels in der Stadt sind wie alles andere beim MDS perfekt organisiert und funktionieren absolut stressfrei. 

 

 

In Quarzazate können wir dann endlich mal wieder duschen. Das Abendessen ist sehr reichhaltig. Am nächsten Tag wandern wir nach der Ausgabe des Finisher-Shirts zu dritt noch einige Stunden durch die schöne Umgebung des Ortes, bis beim Abendessen einige einheimische Musiker uns den Abend verschönern.  Und leider geht es dann am Ostermontag schon zurück ins kalte Deutschland.

 Hat es sich gelohnt, so viel Geld für eine Woche Laufurlaub zu zahlen? Und ob! Ich war die ganze Zeit über restlos glücklich und erlebte eine sowohl vom Tagesablauf als auch von der Umgebung her eine völlig andere Welt. Und dass mir danach sowohl beim Bearbeiten der Fotos als auch beim Schreiben dieses Textes immer wieder die Tränen aus den Augen fließen, weil mich die Erinnerungen so sehr überwältigen, sagt wohl alles. Ja, ich würde es jederzeit wieder machen!

 


 
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