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28.01.24 - Special Event

Jumping Gorilla: Trailrunning in Indien

Autor: Rudo Grimm

Während man in Deutschland noch friert und ich mir den ersten Lauf für den Frühling rausgesucht habe, verschlägt es mich kurzfristig wieder beruflich nach Indien. Und wie der Zufall es so will, reicht eine um einen Tag frühere Anreise aus, einen schönen Trail-Lauf mitzunehmen. Ort des Geschehens ist diesmal Pune, das im Westen und im Süden eine schöne Mittelgebirgslandschaft bietet, die bis zu 1.400 m in die Höhe ragt. Es ist im Januar warm, man braucht also nicht einmal viel Laufgepäck mitnehmen. Nur trainiert bin ich leider nicht so recht, da mich über Weihnachten eine Grippe erwischt hat und ich gerade erst dabei bin, den nachklingenden Husten hinter mir zu lassen. Mit so etwas spaßt man ja besser nicht.

Den Lauf finde ich bei ITRA, er nennt sich „The Jumping Gorilla Mountain Ultra Running Championship Burj“. Gorillas gibt es in der Region zwar nicht, aber kleine Affen in Mengen. Die sitzen allerdings weniger am Trail als dort, wo es reichlich Futter gibt, also in großen Bäumen oder in der Nähe von Siedlungen, wo der Abfall durchaus nahrhaft sein kann. Schlangen gibt es auch, wie ich aus einem Video erfahre, glücklicherweise bin ich auf dem Lauf aber keiner begegnet. Und auch die Insekten, gegen die der Veranstalter die Verwendung eines entsprechenden Sprays empfiehlt, begegnen mir nicht wirklich. Insektenmittel hätte ich ohnehin nicht auf Lager gehabt, was aber auch im Fall der Fälle kein Problem gewesen wäre, denn Mücken lieben ja bekanntlich junge, dünne Haut, so dass ich in meinem Alter meist verschont bleibe. Zum Thema Alter: Aus der Starterliste von 2023 ergibt sich, dass unter den 90 Teilnehmern keiner über 50 Jahre alt war, so dass ich die einmalige Chance haben könnte, Erster in meiner Altersklasse zu werden!

Die Strecke hat die Form eines Ypsilons, bei dem man unten startet. Für die 25 km geht es einen Zweig entlang und zurück, für die 50 km beide Zweige hoch und zurück, für die 100 km die gleiche Strecke zweimal. Die 50 km sind also vermutlich die interessanteste Variante, aber da ich ja dienstlich unterwegs und schlecht im Training bin, nehme die 25 km, mit 1.600 Höhenmetern. Der Sieger im vergangenen Jahr hat 3:35 h gebraucht, so dass ich für mich einmal mit etwas über fünf Stunden rechne, was am Ende auch passt.

Die Anmeldung läuft wie meist in Indien über Townscript. Kostenpunkt rund 30 Euro, mit Laufhemd, toller Medaille und weiterer Annehmlichkeiten im Paket. Einen Monat zuvor gibt es aber eine ausführliche Mail mit allen Infos. Eine persönliche Hotelempfehlung bekomme ich auf Nachfrage auch noch, was mit großem Reisekoffer und ohne festen Standort in Indien alleine wegen der Logistik und des Duschens nach dem Lauf schon hilfreich ist. Ist aber auch wirklich preisgünstig. Später kommt noch eine Info, dass man auch für den halben Preis in einem der in der Turnhalle aufgebauten Zelte übernachten kann, inklusive Mahlzeiten. Wenn man lokal verankert und Schlafsack und Matte dabei hat, ist das sicher eine tolle Möglichkeit, in Startnähe unterzukommen.

 

 
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Am Samstag, während der 100 km Lauf schon im Gange ist (Cut-off Zeit 28 h, Sieger knapp unter 18 h), besuche ich den Startbereich und bekomme auch gleich mein Paket, so dass ich am Sonntag etwas später kommen kann. Der Hinweg ist gar nicht so einfach, denn die Tuktuks fahren nur bis zum Ende der Hauptstraße, da sie den letzten Kilometer Bergweg nicht hochkommen. Ein Gespräch mit einem der Veranstalter, Adinath, vermittelt mir noch ein paar interessante Hintergründe: Obwohl das Rennen nur 25 km vom Stadtzentrum Pune, einer Großstadt mit über 4 Mio. Einwohnern, entfernt ist, waren es letztes Jahr tatsächlich nur 90 Teilnehmer, von denen auch nur die Hälfte ins Ziel gekommen ist.

Die weitaus meisten DNF gab es bei der kürzesten Strecke von 25 km. Adinath und sein Kompagnon Jaygovind sind selber Läufer und haben vor 13 Jahren eine kleine Firma gegründet, Indian Sports Revolution, um ein Team von 20 ambitionierten Trailläufern zu trainieren. Aus Mangel an lokalen Wettbewerben haben sie den Lauf in Burj und zusätzlich im Juni den noch intensiveren „Mawla Ghaati Ultra“, der auch einen 100-Meilen-Lauf bietet, aufgesetzt. Hauptherausforderung war bisher die Finanzierung des Equipments für die Zeitnahme, die sich nur bei richtig vielen Teilnehmern rechnet. Während Stadtläufe in Indien inzwischen sehr üblich sind und bei den jungen Leuten gerne als Chance zur „Selbstdarstellung“ über Social Media genutzt werden, ist Trailrunning noch nicht populär, da es medial weniger Beachtung findet und dazu noch viel anstrengender und die Ausstattung teurer ist.

Die vielen DNF im letzten Jahr waren darauf zurückzuführen, dass so mancher Halbmarathonläufer der Meinung war, dass ein 25 km Traillauf der nächste kleine Schritt ist, obwohl dieser mehr als doppelt so lange braucht und mehr als doppelt so anstrengend ist. Daher hat man dieses Jahr die 10 km mit ins Programm genommen, um auch Einsteigern eine Chance zu geben. Das hat funktioniert, es gab fast 400 Anmeldungen. In Indien ist es wichtig, tolle Shirts und aufwändig gemachte Medaillen mit im Paket zu haben, um die Attraktivität für neue Teilnehmer zu steigern (war ja auch der Grund für die Episode in Mexico City letztes Jahr). Zusätzlich hat man die Rennen mit ITRA und UTMB verknüpft, um auch international bekannter zu werden.

 

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Der Name „Jumping Gorilla“ steht übrigens für Aktivität und Neubeginn einerseits, andererseits für Durchhaltevermögen, da Gorillas wohl besonders stark und ausdauernd mit ihren Händen greifen können. Passt perfekt!

Los geht der Lauf am Sonntag um 7 Uhr, kurz vor Sonnenaufgang. Anders als vom Hotelmanager prognostiziert, stehen morgens um 6 leider keine Tuktuks am üblichen Sammelplatz. Es ist überhaupt fast niemand auf der Straße und es ist natürlich dunkel. Glücklicherweise warten da vier junge Pärchen mit Ihren Motorrädern, die ich um Rat frage. Nach drei Minuten Diskussion über Zielort und Strecke setzt sich eines der Mädchen zu einem anderen Paar und ich bekomme einen freien Platz angeboten, den ich sehr gerne und dankend annehme.

Es folgt eine spektakuläre Fahrt als Sozius über die Dorfstraßen, die ich so schnell nicht vergessen werde. Es sind nur 10 Minuten, aber dennoch ist die Hilfsbereitschaft der Inder wirklich überwältigend. Während ich an der Abladestelle binnen Sekunden (stimmt wirklich) in ein Auto mit Läufern einsteige, die mich den letzten Kilometer den Berg rauf mitnehmen, fahren die jungen Leute noch hinterher, um sich die ganze Veranstaltung einmal aus der Nähe anzusehen. Vielleicht finden Sie ja auch einmal zum Trailrunning. Frühes Aufstehen scheint zumindest kein Problem für sie zu sein.

 

 
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Die kurzen technischen Anweisungen zum Start sind ausschließlich auf Hindi, aber mit genug eingestreuten Worten auf Englisch, so dass man weiß, worum es geht. Ist aber dank der guten Vorbereitungsmails auch im Grunde selbsterklärend. Interessant, dass man hier tatsächlich doch eine ganze Menge Leute trifft, die nicht oder nicht gut Englisch sprechen, obwohl das ja nicht nur bei der Kommunikation mit Ausländern hilfreich ist, sondern auch dann, wenn sich Inder aus verschiedenen Regionen treffen.

Vor dem Start lerne ich noch den Sponsor des Laufs, Ravindra Saraf von der Firma InfraBeat, einem lokalen IT-Unternehmen, kennen, das demnächst auch nach Europa expandieren wird. Er hat langjährige Berufserfahrung in Deutschland und Skandinavien und ist auch selber Trailläufer, so dass es ihm eine Herzensangelegenheit ist, den Sport in Indien nach vorne zu bringen. Dafür fördert er Athleten und Veranstaltungen und möchte gerne den UTMB, dessen World Series ja schon an anderen Orten in Asien vertreten ist, nach Indien bringen. Leider wäre es dafür nötig, dass der Staat das Rennen mit unterstützt. Der konzentriert sich aktuell aber auf olympische Sportarten. Wenn es in den kommenden Jahren soweit sein wird, wird es sicher spektakulär!

Der Lauf startet pünktlich noch im Dunkeln, nach wenigen Minuten geht die Sonne aber auch schon auf. Die Strecke führt entlang dem lokal sehr bekannten Katraj-Sinhagad Wanderweg. Dieser ist trotz seiner Beliebtheit ein echter Naturpfad, sprich an keiner Stelle ist der Weg befestigt und oft sehr schmal.  So ergibt sich gleich am Anfang eine lange Schlange, die aber, da die meisten Teilnehmer das aktuelle orange Jumping-Gorilla-Shirt tragen, bei dem frühen Tageslicht sehr schön anzusehen ist und sich nach zwei Anstiegen auch schon auflöst.

 

 
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Die meisten Teilnehmer laufen die kurze Strecke von 10 km, tragen aber auch nur normale Laufschuhe und weder Stöcke noch Wasser. Dafür haben viele jedoch ihr Handy in der Tasche, einige auch mit lauter Musik, was in der ruhigen Natur etwas befremdlich ist, aber ok. Das scheint für die meist jungen Teilnehmer gut zu funktionieren, und während ich auf den 8 km zwischen den Versorgungsstationen meinen Liter Wasser immer aufgebraucht habe, kommen sie anscheinend gut ohne gut aus und sind auch noch viel schneller als ich.

Der jüngste Teilnehmer ist übrigens 13. Als ich ihm sage, dass ich von Alter her sein Opa sein könnte, macht er große Augen, bestätigt es aber schmunzelnd. Vermutlich kann er sich nicht vorstellen, dass sein Opa so einen Affen aus sich machen würde und sich am Sonntag stark keuchend und schwitzend am laufenden Band von Teenagern überholen lässt.

 

 
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Der Trail ist hervorragend gekennzeichnet und an den drei kritischen Punkten steht jeweils eine Versorgungsstation. Es gibt Bananen, Nüsse, Trockenfrüchte, Salz und vor allem Wasser. Keine ungesunden oder verarbeitenden Lebensmittel, keine „Sportnahrung“ und keine Cola o.ä. Die Leute sind äußerst freundlich, scannen die Startnummer und fragen stets sehr intensiv, fast besorgt, ob noch alles in Ordnung ist.

Die Strecke selber geht über mehrere Bergkämme, aber auch über jeden Hügel, der auf diesem Bergkamm liegt, wodurch die Höhenmeter zusammenkommen. Und die Anstiege sind wirklich steil, teilweise Felsen, die man sich erklettern muss, oder Geröllbahnen, die manche bewusst ein paar Meter auf dem Hinterteil hinunterschlittern. Mit Stöcken kann man die Balance ganz gut halten, aber es ist einfach extrem anstrengend, da es dutzende Male sehr steil hoch- und runtergeht. Bei manchen Trailläufen kommen einem moderate Anstiege, die man geht statt zu laufen, eher entgegen. Hier nicht. Es ist durchgängig anstrengend und man muss bis zum Ende aufpassen, um nicht zu stolpern. Einige wenige Läufer kommen in der Tat mit Verbänden im Ziel an. Alles sehr gut an den Stationen betreut.

 

 
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Die Landschaft wirkt fast mediterran, sprich Gräser, einige Büsche und einige kleinere Bäume. Vögel, Eidechsen, ein paar Käfer. Und Kühe natürlich, aber das versteht sich in Indien von selbst. Die Aussicht ist am Morgen wegen des Nebels bzw. Smogs in der Stadt noch nicht toll, klart aber im Laufe des Tages auf, so dass man einen schönen Blick auf die Großstadt Pune hat, und auf die Autobahn, die durch einen Tunnel die Gebirgskette unterquert.

Der Blick sagt einem vor allem, dass man im Gegensatz zu den 4 Millionen Einwohnern von Pune das Privileg hat, am genau richtigen Ort mit der besten Landschaft, der besten Luft und dem besten Sonnenschein sein zu dürfen. Letzterer wird über die Stunden allerdings durchaus unangenehm. Ich hatte immer vermutet, dass mir Laufen bei 30 °C nicht besonders viel ausmachen würde, habe mich aber glaube ich getäuscht. Es ist einfach sehr anstrengend, obwohl die Luftfeuchtigkeit nicht zu hoch ist, und ich habe am Ende unter meiner Weste eine getrocknete Salzkruste, wie ich sie in meinem Leben noch nicht an meiner Kleidung gesehen habe.

Nach 4 km biegen die 10 km Läufer ab, so dass man auf einmal recht viel Abstand zum Vordermann hat. Allerdings kommen einem die schnellen Läufer dann nach dem Wendpunkt (bei 12,5 km) entgegen, und die Läufer auf der 50 km Strecke, die erst den anderen Ast gelaufen sind, gesellen sich später auch dazu, so dass man immer mal wieder jemanden trifft und sich dadurch wirklich etwas gestärkt fühlt.

 

 
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Auf den letzten 5 km wird es dann noch einmal interessant. Erst geht es eine befahrbare Straße entlang, die zwar von der Oberfläche her durchaus als Trail eingeordnet werden kann, aber angenehm konstant bergab geht. Dann allerdings plötzlich das Ende der Glückseligkeit, ein Wendepunkt mit dem folgenden steilsten und längsten Anstieg über 2 km, bevor man dann den letzten Kilometer in Richtung Ziel wieder bergab klettert bzw. läuft. Ein wirklich heftiges Finish.

Ich bin zwar körperlich nicht zu sehr geschafft und habe auch keinerlei Schmerzen oder Beschwerden, aber dennoch bin ich sicher, dass ich die 50 km heute nicht geschafft hätte – und dass ich bis zu meinem nächsten echten Ultra noch einiges tun muss. Ach ja, und Sonnencreme wäre gut gewesen, die vergisst man leicht, wenn man sich noch in der Dunkelheit für einen Lauf fertigmacht.

Am Ziel gibt es dann Medaille und Verpflegung. In der Halle mit den Zelten sind breite Schaumstoffmatten ausgerollt, so dass man sich dehnen und zum Ausruhen hinlegen kann. Ich bekomme die VIP-Behandlung und Jaygovind selber nimmt sich 15 Minuten Zeit, meinen Körper in alle Richtungen zu dehnen und zu strecken. Dagegen sind meine eigenen minimalistischen Dehnungsübungen nach dem Laufen wirklich gar nichts, da werden Muskeln gedehnt, die mir sonst beim Laufen gar nicht aufgefallen sind, was mir aber die Sicherheit gibt, dass es morgen, wenn ich wieder arbeiten muss, körperlich ein großartiger Tag wird.

Es folgt bald nach meinem Zieleinlauf die Siegerehrung. Interessanterweise sind die Kategorien nicht „Men“ und „Women“, sondern „Men“ und „Girls“. Jung sind sie aber alle. Der älteste lokale Teilnehmer ist zwei Jahre jünger als ich und die 10 km gelaufen, aber seine ganze Familie scheint am Start gewesen zu sein und er hat es sichtlich genossen. Wir machen gleich ein Foto zusammen und tauschen die Nummern aus.

 

 
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Interessanterweise kommen dann auch einige der jungen Gewinner auf mich zu, die wohl gehört haben,  welcher „Exot“ ich bin und machen Fotos bzw. Videos mit mir. Das fühlt sich etwas seltsam an, aber durchaus gut, denn die jungen Leute sind wirklich interessiert und sehr respektvoll. Vermutlich finde ich mich demnächst auf Instagram wieder, denn es wurde zu diesem Zweck auch noch ein kurzes Interview gemacht, wie heute üblich mit der Kamera hochkant. Wenn es der Fortentwicklung des Trailrunning in Indien hilft, immer gerne. Das Land hat so viel Potenzial, sowohl für die Bevölkerung (Indien ist mit 1,4 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Welt – und gleichzeitig fast doppelt so dicht besiedelt wie Deutschland), als auch für Besucher.

Eine tolle Veranstaltung, für die der besondere Dank an die Veranstalter Adinath und Jaygovind und den Sponsor Ravindra geht. Die Chance, auf einer kurzen Auslandsreise mal eben so tief in die lokale Gemeinschaft und Natur eintauchen zu können, ist ein echtes Geschenk!

 

 


 
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