Rund um Namur in Belgien gibt es einen Festungsgürtel mit neun großen Forts. Zwischen 1888 und 1892 wurden die militärischen Befestigungen angelegt, um bei dem sich bereits abzeichnenden Krieg zwischen Frankreich und Deutschland das strategisch günstig gelegene Tal der Maas vor der Invasion einer der Kriegsparteien abzuhalten.
Namur selbst ist die Hauptstadt der belgischen Region Wallonien. Hoch über der Maas thront eine riesige Zitadelle vor dem Parlament. Dahinter befindet sich das Schloss, unserem heutigen Ziel der Ultra Tour des Forts de Namur. Der Verein BioTrail veranstaltet zum vierten Mal dieses Rennen, das auf der langen Strecke (120km) alle 9 Festungsanlagen miteinander verbindet.
Ich hatte nach einem anspruchsvollen Lauf für dieses Wochenende gesucht und bin in einem belgischen Laufkalender auf den UTFN gestoßen. Von Saarbrücken sind es zweieinhalb Stunden Autobahn nach Namur und der Start der 55 km Strecke ist erst um halb zwölf. Es bleibt also Zeit zum Ausschlafen und für eine gemütliche Anreise. Mit von der Partie ist mal wieder Katja, mit der ich in gut einem Monat den Transvulcania laufen werde.
Nach meinem körperlichen Desaster in Guadeloupe, wo ich nach 30 km mit Komplettversagen aussteigen musste, bin ich recht nervös und gespannt, wie es mir heute ergehen wird.
Wir sind viel zu früh da. Immerhin bekommen wir einen Parkplatz direkt am Schloss. Der Zielbereich wird gegenüber bei den Tennisplätzen gerade aufgebaut. Dort gibt es auch die Startunterlagen. Ich nehme noch einen Kaffee, dann machen wir uns fertig für den Start. Den ganzen Hinweg hat es geregnet oder geschneit. Jetzt gibt es noch ein paar Graupelschauer, aber die blauen Flecken am Himmel werden immer größer und eigentlich soll es den Tag über trocken bleiben. Pünktlich um viertel vor elf geht es mit dem Bus zum Startpunkt ans Fort d’Andoy. Als wir eintreffen, beginnt es wieder etwas zu regnen. Auf dem Boden liegen noch die Hagelkörner des letzten Schauers.
Im Innenhof der Festungsanlage ist eine große Verpflegungsstation mit den Dropbags der 120 km Läufer aufgebaut. Ich zähle kurz die Taschen durch. Etwa 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind auf der großen Strecke. Ein paar von Ihnen stärken sich mit warmer Suppe und werden von ihren Angehörigen betreut. Die zugeschlammten Beine lassen erahnen, wie es auf der Strecke aussieht. Naja, das war zu erwarten.
Der Start erfolgt dann ganz unspektakulär. Zuerst ein paar Worte, von denen ich nichts verstehe, dann wird von fünf runtergezählt und los geht’s.
Wir laufen über breite Wege, die mit vielen Pfützen gespickt sind. Der Boden ist weich und schmierig. Trotzdem komme ich gut voran. Die Füße bleiben zu meiner Verwunderung einigermaßen trocken. Gut so, denn es ist kalt. Der Wind pfeift uns um die Ohren und ich bin froh, wenn wir im Wald laufen. Ich muss mich voll auf den Matsch konzentrieren. Zwischendurch gibt es kurze Abschnitte auf Asphalt. Wir passieren ein kleines Schloss, dann geht es wieder über Felder und an Kuh- und Pferdeweiden entlang. Die Sonne setzt sich mehr und mehr durch und wärmt mich wieder auf. Ich kann Schal und Handschuhe ausziehen.
Die ersten zwölf Kilometer geht es etwas wellig, aber stetig bergab, und ich mache ordentlich Tempo. Die Steigungen laufe ich alle. Ich fühle mich stark und das ist gut so. Bei meinem letzten Rennen ging es mir gar nicht gut und ich musste nach 30 km den Lauf beenden, weil ich dachte, ich werde ohnmächtig, so schwach, wie ich war. Diesmal läuft es eindeutig besser. Die erste Verpflegung am Eingang eines Forts lasse ich aus. Es erinnert mich aber daran, mehr zu trinken. Ein Problem, das ich bei all meinen Läufen habe. Diesmal habe ich vorgesorgt und meinem Wasser etwas Sirup mit Pfirsicheistee beigemischt, um den Plastikgeschmack zu verdrängen.
Die ersten 20 Kilometer vergehen wie im Flug. Die Sonne scheint, und der Frühling steht überall in den Startlöchern. Überall blüht es und die Bäume beginnen zu knospen. Die Häuser der kleinen Ortschaften, die wir passieren, wirken alle herausgeputzt und sehr gepflegt. An der zweiten Verpflegung in Lustin nehme ich ein Käsebrötchen und fülle meine Flaschen nach. Das Essen ist mein zweites Problem. Deshalb versuche ich diesmal, alles richtig zu machen.
Auf guten Wegen erreichen wir die Maas, die wir an einem Stauwehr mit Schleuse überqueren. Danach geht es steil nach oben. Die Wege sind sehr schmierig und kosten viel Kraft. Ich bereue, dass ich keine Stöcke mitgenommen habe. Der Blick zurück ins Flusstal entschädigt für die Strapaze. Bei der anschließenden, welligen Strecke, finde ich im Matsch nicht mehr meinen Rhythmus und habe einen Durchhänger. Der Morast und der schmierige Untergrund machen mich mürbe. Dann geht es regelrecht durchs Unterholz. Der Weg entlang eines Baches ist eine einzige Rutschpartie. Ich hangele mich mehr schlecht als recht an Bäumen entlang. Andere rutschen einfach auf dem Hosenboden durch den Matsch. Meine Motivation ist am Tiefpunkt. Ein Stück Asphalt endet zu schnell an einer Weide, die wir durchqueren. Ich habe keine Chance, den Pfützen auszuweichen. Die ganze Wiese steht unter Wasser, das mir kalt in die Schuhe läuft. Das hat mir gerade noch gefehlt.
Am Ende der Wiese stehen viele Autos. Das ist ein Lichtblick. Dann muss gleich die Verpflegung kommen. Meine Flaschen sind leer und ich habe einen Hungerast. Schon von weitem höre ich Musik. Eine gutgelaunte Truppe versorgt uns direkt am Fort de Saint Héribert. Ich nehme ein Bier und von dem leckeren Käse. Es gibt auch Grillwürstchen, aber das traue ich mich nicht. Noch ein Schluck Cola und schon bin ich wieder auf der Strecke.
Das Bier hat mir gutgetan. Mein Magen ist wieder in Reihe und ich genieße den langgezogenen moderaten Downhill, der viel zu schnell vorbei ist. Der Matsch nimmt wieder Überhand und ich finde keinen Rhythmus mehr. In einem stetigen Auf und Ab schlittere ich durch den Wald. Den anderen Läuferinnen und Läufern geht es nicht besser. Ein Leidensgenosse stürzt direkt vor mir und knallt auf einen Felsen. Zum Glück geht es glimpflich aus. Ich freue mich auf die letzte Verpflegung und bin einigermaßen enttäuscht, dass es dort nur noch Wasser gibt. Ein Bier hätte nicht geschadet. Und zu essen habe ich blöderweise auch nichts mehr.
Egal. Es sind nur noch sieben Kilometer. Die haben es aber in sich. So langsam wird es dunkel und ich krame meine Stirnlampe aus dem Rucksack. Schal und Handschuhe zieh ich auch wieder an, denn es ist lausig kalt geworden. Der Untergrund ist schwarz und matschig. Von der Anhöhe sehen wir die Lichter von Namur. Ich laufe zusammen mit einem Belgier, der von hinten im Licht der Stirnlampe aussieht, als würde er nackt laufen. Der getrocknete Matsch auf seiner Hose hat im fahlen Licht der Stirnlampe dieselbe Farbe wie seine Beine.
Es geht ständig auf und ab und wir müssen höllisch aufpassen, nicht zu stürzen. Kurz vor dem Ziel geht es noch einmal sehr steil und sehr rutschig nach unten, nur um nach einer Bachdurchquerung wieder steil nach oben zu steigen. Am Ende erwartet uns eine Verpflegung der besonderen Art. Es wird Génépi gereicht. Ein Schnaps, den ich aus den Savoyer Alpen kenne. Mir ist jetzt alles egal. Es sind nur noch 200 Meter bis zum Ziel. Ich kippe mir das Ding hinter die Binde und trabe los. Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Vor dem Ziel wartet Katja auf mich. Sie ist schon seit knapp einer Stunde im Ziel. Ich bin froh endlich durch den Zielbogen zu laufen. Es war dann doch härter, als ich dachte.
Belgien ist eine Nation der Trailläuferinnen und Trailläufer. Jedes Wochenende gibt es eine reiche Auswahl an anspruchsvollen Rennen. Besonders im Winter und im Frühjahr sind die Strecken für den hohen Schlammanteil bekannt und berüchtigt.
Beim UTNF wechseln sich anspruchsvolle (wegen des Schlamms) und gut laufbare Abschnitte ab. Die Tour ist nicht zu schwierig und mit seinen moderaten Cutoff-Zeiten auch für langsamere Läuferinnen und Läufer geeignet. Die Veranstaltung ist von einem lokalen Verein sehr gut organisiert. Die Stimmung ist familiär und alles ist sehr entspannt. Ich mag diese kleinen, aber feinen Veranstaltungen sehr. Am Start sind gleichermaßen Profis, wie Anfänger. Eben die ganze Bandbreite unseres Sports.
UTNF 120 120 Km / D+/- 3.300 m
UTNF 55 55 Km / D+ 1.900 m
UTNF 33 33 Km / D+ 1.100m
UTNF 15 15 Km / D+ 540m
UTNF 9 9Km / D+ 330 m
