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10.08.13 - Glacier 3000 Run

Praliné der feinsten Sorte

Autor: Klaus Duwe

Ein Insider erklärt mir den Unterschied zwischen Gstaad und anderen Schweizer Nobel-Ferienorten so: „Wer nach St. Moritz oder Zermatt geht, will gesehen werden. Wer nach Gstaad kommt, nicht!“ 

Irgendwie stellt man sich den Ort, in dem die Super-Super-Reichen ihr Domizil haben, anders vor. Das Tal der Saane ist hier genauso unspektakulär wie das nach dem Flüsschen benannte Saanen, zu dem Gstaad gehört. Alle Häuser sind groß und prächtig, unterscheiden sich aber kaum voneinander, denn alle sind aus Holz im Chalet-Stil.

Als einzige „Bausünde“ könnte man das Palace-Hotel bezeichnen, würde sich damit aber als Unwissender outen. Denn das schlossartige Gebäude hoch über Gstaad war,  als es 1913 eröffnet wurde, der Einstieg in das Geschäft mit der High-Society. Im Sommer kostet ein Standard-Doppelzimmer 690 CHF, die Penthouse-Suite 9700. Für zwei Nächte, Halbpension inklusive, versteht sich!

Bevor ein Schwabe oder Badener solche Mieten zahlt, kauft er sich was Eigenes. Ich studiere das Angebot eines weltweit agierenden Immobilienmaklers. Es ist spärlich. Direkt in Gstaad finde ich nichts mit Preisangaben. Aber ein altes Bauernhaus, ziemlich außerhalb gelegen, ist zu haben. Wenn man dürfte, würde man es abreißen. Kostet es deshalb nur 8 Mio. Franken?

Mercedes oder BMW’s sieht man kaum. Dafür alte Autos, sehr alte.  Ferraris scheinen auch sehr beliebt zu sein. Bei einer kleinen Laufrunde komme ich an einem abgelegenen kleinen Bauernhaus vorbei. Es sieht aus, wie tausend Frühstückpensionen in Tirol oder im Schwarzwald. Eine Frau fährt ihren verbeulten VW Golf  aus der Garage. Bevor sich das Tor wieder automatisch geschlossen hat, kann ich gerade noch den getunten Porsche erkennen.  Auch das soll typisch sein für Gstaad: Man hat so ein Geschoß, man muss es nicht zeigen.

Und so ist es auch mit den uniform wirkenden Chalets. Manche haben mehr Etagen unter- als überirdisch. Eigene Kinosäle, Schwimm- und Sporthallen, Parks mit künstlichem Sonnenlicht, alles ist da, erzählt man mir.

Ich würde euch das nicht erzählen, gäbe es da nicht auch für unsereinen schöne Hotels und sehr gute Restaurants zu Preisen, wie man sie in der Schweiz sonst auch bezahlen muss. Nach einem Burgerbräter braucht man sich allerdings nicht umzuschauen.

Wer bis hier hin durchgehalten hat, soll jetzt erfahren, worum es eigentlich geht.  Ich bin nämlich nach wie vor kein Hotel- oder Restauranttester, und ein Klatschreporter auch nicht.  Läufer zurzeit aber ebenfalls  nicht. Gerade habe ich nach anderweitigen Beschwerden wieder mit dem Joggen angefangen, mault das Knie. Aber hinten rum habe ich sowieso schon gehört, dass ich besser fotografieren,  als in meiner besten Zeit laufen könne.  Nichtsdestotrotz arbeite ich an meinem Comeback.

„Trailrunning? Sind das nicht die verrückten Rennen, die hundert Kilometer und mehr über’s Gebirge führen?“  Diese Frage höre ich oft. Meine Antwort ist immer gleich: „Nein, Trailrunning ist Laufen abseits von Straßen, unabhängig von der Distanz und von Höhenmetern.“

Natürlich ist ein Ultratrail die Krönung für jeden Trailrunner.  Es gibt aber keinen Marathoni, der seine Karriere in Biel oder in New York begonnen hat.  Und so muss auch jeder Trailrunner  herausfinden, welches seine liebste Distanz und maximale Schwierigkeit ist. Das macht man nicht beim UTMB. Dazu gibt es Bergläufe über kurze Distanzen, Trails oder Landschaftsläufe  in anspruchsvollem Gelände, die bekannten Bergmarathons, und, und, und

Und dann gibt es da noch die kleinen, aber feinen Spezialitäten,  die Pralinés unter den Läufen. Dazu zählt der Glacier 3000 Run. Ihn als Trainingseinheit für einen Bergmarathon zu bezeichnen, würde ich aber trotz seiner „nur“ 26 km nicht. Denn da sind auch noch 2015 Höhenmeter zu bewältigen.  Das sind mehr als beim Jungfrau- und Zermatt-Marathon und mehr als beim K42 in Davos. In allen Leistungsklassen brauchen die Läuferinnen und Läufer genauso viel Zeit, wie für einen Marathon im Flachland.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Höhenmeter ziemlich ungleichmäßig verteilen.  1600 davon fallen nämlich auf den letzten 10 km an.  Und jetzt kommt’s: Es geht tatsächlich über den Gletscher. Wer sich also schon mal über ein Schneefeld auf dem Sertigpass aufregt, erfährt hier eine deutliche Steigerung.

Der Glacier 3000 Run ist also eine echte Herausforderung und wird auch von den Spitzenläufern so eingestuft. Entsprechend hochkarätig ist das Elitefeld besetzt. Daniela Gassmann Bahr, Zweite dieses Jahr in Zermatt und Inhaberin des Streckenrekordes, wird von Sabine Reiner, Zweite der Berglauf-WM (Langdistanz) von 2012, herausgefordert. Bei den Männern muss sich Seriensieger Martin Cox in erster Linie mit Joseph Gray aus den USA auseinandersetzen.  Michael Barz rechnet sich da selbst wenige Chancen aus. Ralf Birchmeier, zuletzt Zweiter beim LGT, will nach Möglichkeit auf’s Podest.

Während sich Joseph Gray von Anfang an vom Feld absetzen kann, bilden Sabine Reiner und Daniela Gassmann Bahr ein Tandem, das auch nach dem ersten Anstieg am Oldenegg die Österreicherin knapp in Front sieht. Dann setzt sich die Schweizerin durch und gewinnt letztendlich in neuer Streckenrekordzeit.

Joseph Gray gewinnt zwar mit deutlichem Vorsprung, Martin Cox´ Streckenrekord kann er aber nicht knacken. Der Brite hat schon auf dem flachen Stück Probleme, gibt aber nicht auf und belegt den 21. Rang. David Senn wird Zweiter, Ralf Birchmeier wird tatsächlich Dritter.

Das Ziel ist auf dem Scex Rouge. Richtig heißt der 2971 m hohe Berg ja Sex Rouge. Aus nachvollziehbaren (oder auch nicht nachvollziehbaren)  Gründen hat man ihn leicht umbenannt.  Gefeiert wird auf der Terrasse der Bergstation. Die Ausblicke sind atemberaubend. Keiner der keuchend ankommenden Finisher kann das Panorama zunächst genießen. Zu anstrengend, ja richtig brutal ist das letzte Stück über die Treppe hinauf zur Aussichtsterrasse. Jeder braucht eine Verschnaufpause und eine Stärkung. Mit Wärmedecke und Finisher-Shirt geht es dann schon besser. 

Glacier 3000, das ist ein gigantischer Skirummelplatz mit Seilbahnen und Liften, Beschneiungsanlagen, Restaurants und der höchstgelegene Rodelbahn der Welt. Die Geschichte dieses Skigebietes ist die Geschichte des Marcel Bach. Als Überschrift wäre  „Vom Bergbauern zum Gletscherkönig“ ganz gut geeignet.

Marcel Bach aus Gstaad arbeitete  mit 28 Jahren im Sommer auf dem Hof seines Vaters, im Winter war er Skilehrer und kümmerte sich um prominente und reiche Gäste. Wann immer er den Herrschaften darüber hinaus bei der Vermittlung eines Chalets oder eines Grundstückes behilflich sein konnte, tat er dies. Sehr erfolgreich und zur Zufriedenheit seiner  Klientel.  Bald wurde er auf eigene Rechnung tätig, baute und verkaufte. Sein Aufstieg war nicht mehr aufzuhalten.

Um die Zukunft von Gstaad als Winterdestination zu sichern, forcierte er die Neukonzeption des Gletscherskigebiets von Les Diablerets und akquirierte bei reichen Gästen 4 Millionen Franken Aktienkapital. Das war 1998. Als vor Jahren neues Kapital gebraucht wurde waren es unter anderem Formel1-König Bernie Ecclestone und der französischen Zucker-Tycoon Jean-Claude Mimran, die  Marcel Bach für sein Projekt gewinnen konnte.

Jetzt wollt Ihr bestimmt wissen, wie man nach Gstaad kommt. Kein Problem: Auf der A 6 in Richtung Thun und Spiez kennt sich jeder aus. Es ist die Route, auf der man auch zum Jungfrau- und Zermatt Marathon kommt. Allerdings nehmen wir diesmal die Ausfahrt Zweisimmen. Egal,  ob Porsche oder VW Golf,  für die knapp 50 km nach Gstaad muss man eine Stunde einplanen. Aber Vorsicht, ihr werdet euch nicht langweilen. Zu schön ist die Fahrt durch herrliche, weitläufige Täler, idyllische Dörfer mit uralten Bauernhäusern und der Blick auf über 3000 m hohe Berge. Und der Lohn ist ein Wochenende in einem der nobelsten Ferienorte der Schweiz mit Teilnahme am Glacier 3000 Run, auf den auch eingefleischte Marathonsammler nicht verzichten sollten. Und wer mit einem Bergmarathon oder gar mehr liebäugelt, für den sollte dieser Lauf geradezu verpflichtend sein.

 

Der Start

 

 
© trailrunning.de 26 Bilder

 

Grundbrücke

 

 
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Gsteig

 

 
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Der Aufstieg

 

 
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Der Gletscher

 

 
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Die Treppe

 

 
© trailrunning.de 18 Bilder

 

Das Ziel

 

 
© trailrunning.de 27 Bilder

 

Die Sieger (26 km Strecke)

 

Männer

1. Gray Joseph, USA-Lakewood              2:20.51,5 
2. Senn David, Ostermundigen                  2:23.10,1 
3. Birchmeier Ralf, Buchs SG                  2:25.00,8 

Frauen

1. Gassmann Bahr Daniela, Galgenen           2:39.29,8 
2. Reiner Sabine, A-Dornbirn                 2:43.53,8 
3. Haldimann-Riedo Angela, Niederuzwil       2:46.06,3


445 Finisher

 

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