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09.07.11 - 4 Trails

Drei Länder – vier Etappen – fünf Orte

Über die Scheid führt uns der Weg an der rechten Bergflanke leicht ansteigend über Geröllfelder bis zum Arrezjoch (Pass 2.587 m). Dort ist zum Glück erst einmal eine Pause angesagt. Wie lange? O.k. wir haben jetzt 12:30 Uhr nach Vorgabe hätten wir um 15:15 Uhr diesen Punkt erreichen müssen. Somit verbleibt uns doch ein wenig Zeit. Aber wir wissen, wie schnell ein Zeitpolster schwinden kann. Schnell ein wenig Brühe und etwas Käse mit viel Salz, dazwischen noch etwas Kuchen mit Schokoladenguss. Ständig das Gefühl nicht satt zu werden.

Aber die nächsten Kilometer geht es wieder aufwärts. „Wir wollen alle auf den gleichen Berg“ geht es mir im Sinne der ZEN-Philosophie durch den Kopf – ach was, die meisten sind doch schon längst oben. Nein, nicht solche Gedanken. Wir haben mehr davon, wir kosten die Zeit bis zur letzten Minute aus.

Angelockt von dem nächsten Orientierungspfeil in Richtung Verpflegungspunkt trotten wir so richtig ordentlich im Gänsemarsch hintereinander her. Nach einem leichten Abstieg und folgendem Anstieg laufen wir an der bewirtschafteten Hexenseehütte (2.585 m) vorbei. Magisches und Spannendes erzählt man sich aus diesem Masnergebiet. Kommt der Name vom See, um den die Hexen tanzten und dann verschwanden oder ist der majestätische Hexenkopf der Namensgeber. Keiner weiß es so ganz genau. Bekannt ist allerdings, dass die Hexenseehütte heute dem DAV, Sektion Rheinland/Köln, gehört, eine der ursprünglichsten und urigsten Holzhütten in diesem Gebiet ist. Das Grün des Hexensees ist atemberaubend intensiv.

Wir kommen kaum voran. Der Weg ist schmal, fällt ab und steigt an. Hinauf oder hinunter, man kann es nicht mehr erkennen, es macht einen verrückt. Große Gletschersteine säumen den gut markierten Weg und führen an glasklaren Seen vorbei. Das Zeitgefühl hat nichts mehr, an das es sich klammern kann. Wir überlegen, ob wir eigentlich etwas vermissen. Bestimmt nicht Fernsehen und Telefon. Es geht noch höher bis zur Ochsenscharte (2.787 m). Die Zeit vergeht, die Sonne glüht. Das ist kein Anstieg mehr, das ist ein Gefälle. Noch sind es ca. 15 Kilometer bis zum Ziel, wir dopen uns mit Gels und Schokolade.

 
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Mehrere hochalpine Übergänge fordern noch einmal vollen Einsatz. Nur noch Gefälle vorbei an der Stierhütte und den Zanderwiesen wir fliegen sozusagen langsam abwärts über die österreichisch/schweizerische Grenze an der Zollhütte auf 2.140 m.

Esel und Schafe harmonieren ausgezeichnet zusammen. Esel galten schon früher als Beschützer der Scharfe. Sie fressen gerne Geilgras. Geilgras ist dasjenige, das um die Kuhfladen herum sprießt und von den Kühen nicht gefressen wird. Ganz erstaunlich ist es, zu erkennen, dass Kühe im Gelände keinen Höhenmeter zu viel gehen. Möglichst flach an den Hängen entlang und nicht wie wir es tun – auf und ab über die Kämme und Gipfel.

Man sieht den 2.306 m hohen Schafsattel. Eine tolle Aussicht, aber keine Zeit. VP3 erreichen wir um 15:10 Uhr. Vorgabe: 16:45 Uhr. Ja, jetzt wissen wir es, wir haben es geschafft und wir sind geschafft. Nun laufen wir auf der Schwitzer Seite weiter in Richtung Samnaun.

Bereits zwischen 800 – 1000 n. Chr. waren die ersten Siedler auf der Suche nach neuen Weidegründen vom Unterengadin ins Samnauntal unterwegs. Die einzigen Verbindungen zur Außenwelt stellten die Pässe zum Engadin und Paznaun sowie ein Ochsenkarrenweg über Spiss nach Pfunds her. Über diesen Ochsenkarrenweg entwickelte sich ein reger Handel mit dem benachbarten Tirol. Seit dem Jahre 1892 ist Samnaun zollfrei – Europas höchstgelegene Shoppingmeile. Diese Gelegenheit werden wir uns nachher nicht entgehen lassen – wenn wir nur rechtzeitig ins Ziel kommen. Bis um 18:15 Uhr müssen wir das Ziel erreicht haben, haben so lange die Geschäfte offen?

 
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Wir befinden uns im Grenztal zur Schweiz. Es ist die Zeit des Heuens und die Hänge sind gemäht, es riecht nach frischem Heu. Da die Hänge hier sehr steil sind, helfen Groß und Klein in Handarbeit mit das Heu auseinander zu schütteln und zu verteilen, damit es besser trocknen kann. So ein Bild bekommen wir Städter sonst nie zu sehen.

Die letzten Kilometer laufen wir im Zandertal auf dem Zitaten- und Aphorismenweg. Am Wege platzierte Zitate und Aphorismen bekannter Philosophen verkürzen uns die letzten Kilometer bis in den Ort Compatsch. Wir laufen an der denkmalgeschützten Pfarrkirche St. Jacob, die um 1500 erbaut wurde vorbei. An zwei verkleideten Murmeltieren ist ein Schild mit der Aufschrift 4,2 Kilometer befestigt. Es wird uns immer bewusster, noch etwa 4 Kilometer und wir sind im Ziel in Samnaun. Eine Kleinigkeit, wenn man sich vor Augen hält, dass wir 157 Kilometer mit 9899 Höhenmetern in den letzten 4 Tagen über Pässe und Gipfel gehastet sind. Freude kommt hoch, Tränen stehen in den Augen.

Auch innerhalb von Herden werden Rangordnungen ausgefochten. Die richten sich weniger nach reiner oder emotionaler Intelligenz, sondern schlicht und einfach nach den Kräfteverhältnissen. Die Stärksten gewinnen. Gewisse Vorteile können kleinere Tiere ausspielen, die noch Hörner tragen. Da dies innerhalb des Alpverbandes immer seltener wird, steigen die Chancen der kleinen, horntragenden Tiere.

Nicht mehr weit und wieder ist ein Meilenstein erreicht und die eigene Leistungsgrenze wieder ein Stück verschoben. Was für eine Teamleistung. Wir hatten einen guten Plan, eine erfolgreiche Strategie – und vor allem - das nötige Glück, das man braucht, wenn man sich einer solchen Herausforderung stellt.

 
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Für uns beginnt der Almabtrieb bereits nach vier Tagen. Aber vom 3. bis 10. September 2011 beim Transalpine-Run können wir beide unsere neu gewonnenen Freunde am Berg besuchen. Denn erst im Winter kommen die Schafe wieder in ihre Ställe, so lange verbringen sie die Zeit in den Bergen. Glücklich und erschöpft sitzen wir im Zielbereich.

Denn das ganze Leiden verwandelt sich hinter der Ziellinie in eine Erinnerung an Lust. Je größer das Leiden war, desto größer die Lust. Ein Gerichtsvollzieher aus Frankfurt erzählt mir von 70 und 100 km langen Läufen. Vielleicht nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt, um uns für weitere Abenteuer zu motivieren bei unseren Schmerzen in den Beinen.

Wir sind über die Berge gehetzt, wir haben uns immer beeilt und nun sitzen wir an der Bushaltestelle und haben eine Stunde Zeit. Auch hier tickt unaufhörlich die Uhr. Wenn wir diese letzte Hürde nicht schaffen, dann erleben wir nicht die Finisherparty und bekommen auch nicht das schwerverdiente Shirt. Die welterste Doppelstockbahn (Platz für 180 Personen) bringt uns um 19:00 Uhr von Samnaun auf den Alp Trida Sattel. Dort findet die Finisher Party statt.

Geschafft, wir sind oben und es ist Zeit, noch einmal den Blick über die Berge schweifen zu lassen. Stefan hat noch so viel Kraft, um mich übermütig hochzuwerfen. Wer erst einmal oben angekommen ist, kommt so schnell nicht mehr weg, denn die erste Gondel zurück ins Tal fährt erst gegen 22.00 Uhr. 

Nun können wir doch mit einem zollfrei erworbenen Parfüm und frisch duftend auf der Finisher-Party erscheinen und uns die kleinen und großen Sünden im Almparadies gönnen.

Nur 128 glückliche Finisher sind nun Träger des grünen Trikots, die restlichen Shirts werden vernichtet. Ein besonderes Bonbon sind die heißbegehrten drei Qualifikationspunkte für den Ultra-Trail du Mont-Blanc 2012. Für viele war dies ein zusätzlicher Anreiz, bei den SALOMON 4 TRAILS dabei zu sein.

FAZIT: Aus WIKIPEDIA: „Wandern ist eine Form des Gehens über längere Strecken in der Natur, die heute hauptsächlich als Freizeitbeschäftigung von Bedeutung ist“.

Die Trailrunning-Scene ist um eine Attraktion reicher. Trailrunning ist im Aufwind. Trailrunning fängt da an, wo der Asphalt aufhört. Die SALOMON 4TRAILS sind Trail Adventure. Es umschreibt die wohl bedingungsloseste, sportivste und anspruchsvolleste Ausprägung von Trailrunning.

Landschaftlich außergewöhnlich schön. Allerdings ist das bröselige, splittrige Gestein nicht wirklich angenehm zu begehen oder zu besteigen; festen, griffigen Fels sucht man hier vergebens. Wer nicht wirklich 100% trittsicher ist oder lieber gut angelegte Wege mag, wird hier keine Freude haben. Aber wir haben in jeder Hinsicht die professionellste Organisation erlebt, die man sich vorstellen kann. Herzlichen Dank dafür.

 

Informationen: 4 Trails
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