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02.05.20 - Bilstein-Marathon

So war es und so wird es wieder (20)

Autor: Joe Kelbel

"Wir haben uns entschieden, den 10. Bilstein Marathon am 02. Mai 2020 abzusagen und eine Verschiebung auf einen späteren Termin zu prüfen," teilt der Veranstalter mit. Ein neuer Termin steht noch nicht fest. Wir erinnern uns derweil mit Joes Bericht an bessere Zeiten.

 

 

2013: Der Prima BiMa und die Ultra-Omi

 

“Der Lockenkopf hat´s faustdick hinter den Ohren” analysiert Anneliese, während sie uns den saftigen Schweinebraten auftischt. Dann erzählt sie, dass der Fuchs schon sechs ihrer Laufenten geklaut hat, und was man am besten aus den Kirschen von Kleinalmerode macht: “Die Leute brauchen aber nicht in jeden Topf ihre Nase reinzustecken”.

Anneliese ist 90 Jahre alt und das Herzstück des kleinen Dorfes, 30 km östlich von Kassel.  Sie freut sich, dass wir bei ihr übernachten. Dann schaut sie mich an: “Der Kasten Bier steht hinter der Tür!” Während wir ihre frischen Krebbel (Berliner/Pfannkuchen) futtern, serviert ihre Tocher Sigrid im Bürgerhaus die größte Nudelparty auf, die man je erlebt hat.

Anneliese hat´s bestimmt nicht leicht in diesem kleinen Nest voller Ultraläufer. Was vor drei Jahren als Geburtstags-Marathon anfing, ist nun ein waschechtes UltraEvent. Deswegen haben Gerno und Klaus Verstärkung bekommen: Hartmund, Martin und Mathias mischen mit, die Teilnehmerzahl hat sich wieder mal verdoppelt.

Grund ist, dass ein Ultralauf angeboten wird: 54 km mit 1400 Hm und Traileinlagen, wie ich sie liebe.  Aber noch wichtiger: Hier im Grenzgebiet zwischen Hessen, Niedersachen und Thüringen kommt endlich zusammen, was zusammen gehört: Das Laufen und das Wandern.

 

 
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Egal welche Fortbewegungsart und welche Strecke: 54, 42 oder 21 - jeder darf wie er will, und ich will mal mit den 42 km-Wanderern starten. Dadurch verpasse ich zwar die Andacht des Pfarrers und die Kirschkönigin Carina I., aber nächste Jahr gibt’s vielleicht die Zweite und ich kann heute auf der Strecke herrliche Fotos der überholenden Ultraläufer schießen.

Die Zielzeit beim Ultra von 7,5 Std wird zwar nicht so eng gesehen, aber oben am Bilstein gibt es eine einsame Gipfelhütte und die schöne Sennerin wird sich bestimmt freuen, mich wiederzusehen. 30 Minuten müsste reichen, bin ja Ultra. Das lasse ich mir von Gerno absegnen, damit die handgestoppte Zeit später korrekt in der Liste erscheint.  Thomas startet auch mit den 42 km-Wanderern um 8 Uhr. Aber nur, weil er nicht ahnen kann, dass die Nächte am Küchentisch von Anneliese legendär sind.

Das Gefühl, als Erster die Strecke ablaufen zu können, hat was! Die Helfer wundern sich, wo denn die anderen bleiben, aber nach mir kommen noch 50 Marathon-Wanderer, 140 Ultraläufer,  50 Lauf42er und 150 Lauf21er.

Herrlich, ganz alleine hoch zum Rodeberg laufen zu dürfen. Es wimmelt hier von “Rode-Orten”. Kleinalmerode ist eine Rodung der Allmende, des Gemeinschaftsgutes. Sie alle sind Ortsgründungen durch Stifte, Klöster und weltlichen Herren aus dem 9.-12.Jahrhundert. Vorher war hier nichts, nicht mal die Germanen waren hier. Es war ein unbesiedeltes Niemandsland zwischen den Stämmen, die Grenzen zwischen Hessen, Niedersachen und Thüringen also schon damals festgelegt.

 

 
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Es wird Frühling! Vor der langen Reihe der Bienenkörbe kloppen sich zwei Rammler (keine Läufer, sondern Hasen). Beim VP km 12, ich  raube gerade die Dose mit den Dänischen Butterkeksen aus, da kommen Lars Donath und Thomas Herget angefetzt. Die beiden führen von Anfang an, Lars wird mit knappen sieben Minuten Vorsprung siegen. Einfach imponierend, das Tempo der beiden mitzubekommen. Ich halte also in einer Hand die Großfamilien-Keksdose, während ich mit der anderen Hand die Beiden fotografiere, wie sie vom guten Grapefruit-Bizzel trinken.

Ich laufe dann auch mal weiter. Herrlicher Fernblick über die offene, leicht hügelige Landschaft am Rande des Kaufungener Waldes. Laufrichtung nun nach Norden, nach Hubenrode und vorbei an der Hasenmühle

Offiziell werden 9 Verpflegungsstellen (7 beim Marathon) angeboten, es sind aber mehr. Anneliese hatte zum Frühstück neben dem warmen Schweinebraten noch diese herrliche Presswurst serviert (“Für euch extra dick geschnitten!”) und ich hau mir bei jeder Steigung nun die dicken Brote rein.  Ich esse grundsätzlich nur bei Steigungen, da hat man mehr Zeit. Und Steigungen gibt es reichlich, diese lang gestreckten, ewig langen. Und so mampfe ich auch reichlich, sodass die Kalorienbilanz positiv wird.  Und zum Nachtisch nehme ich halt gerne ein paar Negerküsse (ich weiß Bescheid, schreib es jetzt absichtlich so).

Km 24 Abzweig der Ultrastrecke, jetzt wird es lustig, das ist das, was ich will: Zunächst kommen wir zur Niestequelle, einem Zufluss der Fulda. Rostrot ist die Quelle. Es sind Eisensulfide, die aus der Braunkohle ausgeschwemmt werden. Nicht giftig, ersticken aber dennoch jegliches Leben im Bach. Aber hier oben pennt eh noch alles Leben. Es liegt noch Schnee und ich mittendrin, weil es bekloppt ist und Jörg auch fotografiert werden will, und weil wir Zeit haben und überhaupt.

 
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Hier beginnt der ECO Pfad Archäologie, der zu Orten der mittelalterlichen Glasherstellung entlang der Nieste hinunter zum gleichnamigen Ort führt. Durch Nieste fährt man, wenn man nach Kleinalmerode will. Ein hübscher Ort, dessen ehemaligen Reichtum man an den schmucken Fachwerkhäusern ablesen kann.

Hier oben im Wald gibt es riesige Müll- und Abraumhalden und solche aus dem Mittelalter. Aber Achtung: sämtliche Glashütten und Halden sind geschützte Bodendenkmäler, denn es finden sich noch jede Menge mittelalterliche Werkzeuge und Kleidungsstücke in den Halden. Geo-Cache-Foren halten sich glücklicherweise schweigsam, auch wenn die Halden deutlich sichtbar sind.

 

Fällt jemanden von Euch irgendetwas auf? Thomas, der mit mir um 8 Uhr gestartet ist, schaut ungläubig, aber er hat auch 3 Jahre Geologie studiert, bevor er anfing Briefmarken zu sammeln. Braunkohle und Glasindustrie passen nicht zusammen. Widerspricht der gesamten Geologie, es sei denn… es sei denn wir laufen durch eine Gegend die weltweit einmalig ist!

Die Braunkohle muss jedenfalls sehr viel jünger sein, als der Vulkanismus, der Quarze und Basalt hinterlassen hat. Aber die kristallinen Basaltsäulen stehen imposant über den mächtigen Braunkohleflözen, wenn sie noch da und nicht abgebaut wären, also die Braunkohle. Bis 1963 wurde die Kohle abgebaut. Die Steinbergseen sind Reste des Tagebergbaus.

 
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Wir laufen nun über die Abraumhalden des Deckgebirges, unter uns die vereisten Seen. Teilweise verbinden Treppen die mit Schutt durchsetzten Halden, es gibt Löcher und betonierte Höhlen. Fragen und Rätsel, bis wir hinauf zum alten, vergitterten Pumpenhaus gelangen und dort Gipfelfotos schießen.

Es ist die Alte Grube der Firma Steinberg und Boolsgraben, sehr viel interessanter als die riesigen Industriedenkmäler im Ruhrgebiet. Hier gibt es noch sehr viele Geheimnisse zu entdecken. Übrigens existiert noch das alte Direktionshaus der Zeche Steinberg als Jugendwaldheim.

Über 100 Jahre lang wurde hier auch Alaun gewonnen. Wir alle kennen das blaue Zeug aus dem Chemiekasten, doch ganz früher wurden das Zeug genutzt, um Holz feuerfest zu machen, Häute zu gerben oder auch nur um die Knetmasse herzustellen, aus denen stinkende, blaue Schlümpfe geformt wurden.

Sehr sehenswert der alte Basaltbruch oberhalb der Zeche mit den romatischen Plumpsklos. Basalt kristallisiert in sechseckigen Stoppschildern aus, wenn er denn Platz dafür hat. Hier stehen die Säulen in  imposanten Schlachtreihen und bilden ein romantisches Plätzchen, nicht eins,  noch eins und noch eins, und in denen steht der Schnee knöcheltief.

Die Kohlestraße  ist nun zermatscht, diente dem Abtransport der Kohle per LKW nach Hann. Münden. Die Steinberg-Drahtseilbahn wurde 1893 erbaut, die Schneise trägt noch den Namen Seilbahnschneise, die alten Fundamente der Träger sind noch sichtbar, ich habe sie fotografiert. Dies ist der Grund, warum ich genauestens die Laufstrecke vorher analysiere. Ich will solche Kleinigkeiten nicht verpassen, ich will wissen, warum Betonreste im Wald stehen. Ich freue mich diebisch, wenn ich irgendwo einen Hinweis finde und diese in meinen Berichten dann triumphierend präsentieren kann. Laufen sollte immer Erholung und Lernen sein, manche lernen genüsslich.

 
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Der Bilsteinturm steht vor mir. Er steht auf Sandstein, der durch Basalt emporgedrückt wurde. Eigentlich muss man da nicht hinauf, denn er gehört nicht zur Laufstrecke. Wenn der Basalt drückt, dann  drücke ich mich die schmale Treppe hinauf. Oben geniale Fernsicht: Brocken und der Herkules bei Kassel. Auf der anderen Seite Thüringen und Witzhausen, wo man seit der Kolonialzeit Tropenlandwirtschaft studieren kann, Außenstelle Uni Kassel. Dort studiert man auch, was man aus den vielen Kirschen der Gegend machen kann. Dabei bekommt man bei  Anneliese das geballte Wissen ohne Studium, einfach so beim Bierchen. Und folgende Erkenntnis: “Der Lockenkopf hat es faustdick hinter den Ohren!”

Und so stehe ich auf dem Turm und brülle den winzigen Läufern hinunter: “Scheiß Marathonläufer, mal ein bisschen zügig, ihr Luschen, ihr, ihr Schlafsäcke!” Nach getaner Pöbelei laufe ich den Turm hinunter zur schönen Sennerin, 30 Minuten Redaktionspause.

Die  Naturstufen hinab,  dann versinkt man in den Feuchtwiesen. Klatschnass sind die Nike Free, als ich da raus taumele, aber ein bisschen vom Bierchen der Sennerin habe ich den Schuhen und der Feuchtwiese beigesteuert.

Am “Mehrarmigen Wegweiser” gibt es einen Hinweis auf den steilen Bergmannspfad hinunter ins Tal. Im Ziel spreche ich Gerno an, dass es doch irgendwie möglich sein müsste, auch wenn man wieder hinauf… und so. Einheimische, die mich hören verdrehen die Augen: es sei ein Ding der Unmöglichkeit und total vereist…Tote Leichen, Krötenwanderung und sonstige Hindernisgründe. Grausames Gebiet hier!

Auf dem ewig langen, schneegesäumten Abwärtsstück hole ich ein ungleiches Läuferpaar ein: Heinrich hat schon zwei Halbe gelaufen (ich getrunken), aber er steigt gleich auf Ultra um. Das gelingt ihm, denn hier beim BiUlMa gibt es keine Hektik. Er wird begleitet von Peter, er ist 67 und will “auslaufen”, will heißen, hinein ins Rentnerdasein. Auch er genießt das freie, erholsame Laufen ohne Stress. Ja, er ist prima der BiMa!

 

 
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“Auf der Warte”, eines der fünf Teilgebiete des NSG “Kalkmagerrasen bei Roßbach”, Wacholderheide mit dem Bach ohne Wiederkehr. Wir kehren langsam zurück nach Kleinalmerode.

Ein sehr familiärer Lauf, bei dem nicht nur Essen und Trinken die Läuferseele zusammenhält. Deshalb einen ganz lieben Gruß an das Bilstein-Team und Ultra-Omi Anneliese.  Es gibt Läufe zwischen Kambodscha und Mont Blanc, die wahrlich nette Erinnerungen hinterlassen! Ich komm wieder!

 

Informationen: Bilstein-Marathon
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