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29.03.15 - DKV UrbanTrail de Luxembourg

Der Läufer in der Halfpipe

Autor: Joe Kelbel

Über uns das Eisenbahnviadukt. Ich glaube, da waren wir vorhin schon. Seit 2009 baut man an das Viadult eine aufwendige Stahlkonstruktion von 1600 Tonnen und 250 Metern. 2016 wir dann eine Betonplatte aufgelegt, auch diese alte Brücke ist dann zur Restaurierung bereit. Unterhalb der Pfeiler, wo wir jetzt laufen, müssen umfangreiche archäologische Funde gesichert werden. Der erste Zug soll 2018 über den neuen Teil der Brücke fahren dürfen. Bis dahin haben wir zwar noch eine durch Baukonstruktionen unansehliche Laufstrecke, jedoch mit dem Hintergrundwissen durchaus verzeihlich, zumal der  wechselnde, provisorische, Untergrund ein forderndes Laufrevier bietet.

Die Stadtmauer, an der sich schon die Vorläufer über den engen Weg mit den kleinen Wendeltreppchen quetschen, ist ein absolutes Highlight. Solche schmalen Mäuerchen auf antikem Gelände habe ich nur in Fernost erlebt.

Wieder an der Alzette, über die Münsterbrücke und zurück nach Grund. Der Leser muss mir bei der Streckenbeschreibung nicht folgen können. Es ist sinnlos, sich die Streckenführung bildhaft zu machen, es ist ein stetiges Hin-und Her, Drüber-und Drunter. Einfach mal dem Schwung der Halfpipe folgen!

Wir sind, und das wage ich bei der Länge meines bisherigen Romanes kaum zu sagen, bei km 5,1! Und vor mir, in diesem blütenweissen Haus ist das Masconi (ehemals zwei Michelin Sterne). Von der  herrlichen Sonnenterrase des Restaurants könnten uns nun satte und ungläubige Gesichter anblicken, wie wir hier über die  wunderschöne alte Steinbrücke wetzen, aber bei diesem Wetter lässt man weder Hunde noch Gourmets vor die Haustür.

Dann unterqueren wir  wieder das imposante Eisenbahnviadukt (1862), noch oben auf der Brücke teilt sich aus Platzgründen die Eisenbahnstrecke nach Westen und Osten. Über mir jetzt die Stadtmauer.  Oder hinter mir? Wo war das Masconi? Mir ist es sowas von egal, wo ich bin, oder wer ich bin. Es ist mir auch egal, ob Ihr die Streckenführung kapiert. Wie sollt Ihr was kapieren, das ich nicht mal kapiere! Es ist Spass! Purer Spass! Spieltrieb!

 
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Seit meinem ersten Lauf hier gibt es diese komische Metallkonstruktion über die Schrebergärten, die bei jedem Laufschritt einzubrechen droht. Weil auf dem Gegenhang der Alzette seit Läufergedenken  Abstützmassnahmen vorgenommen werden, läuft man in diesem Metallkäfig, etwa in einem Meter Höhe über die Schrebergärten. Es wippt und vibriert unter unseren Füssen, wo jederzeit die Erdbeerpflanzen das Licht des Frühlings erblicken könnten. Jeder Schritt dröhnt laut, die Metallbretter biegen sich, vor allem diejenigen, die längst gelegt sind. Es ist eine wahre Freude. Um die Geräuschkullisse zu erhöhen, darf man nun auch mal bewusst mit den Fersen auftreten. Ich freue mich, dass mich Läufer aus Spanien und Frankreich erkennen. Ich freue mich, dass mich Jamila, die schnelle Läuferin aus Zagora überholt.

Wir folgen der Alzette mit ihren unglaublich vielen Mäandern über die nächsten Kilometer, Wald, Wiesen, Felsen. Es gibt Verpflegungsstationen und wenn man sie erreicht (dauert bisschen länger, ne Stunde oder so), dann bekommt man optimale Verpflegung:  Rivella, Wasser und Cola, Honigkuchen! Kekse, Orangen: Ich bin sehr, sehr zufrieden mit dem Angebot.

Die letzten 27 km-Läufer, die nach uns gestartet sind, überholen. Dann bin ich alleine auf der Strecke. Und immer wieder diese Halfpipe: hoch, runter, über die Alzette, hoch und wieder runter, über den Fluss und unter Brücken. Die Streckenführung ist nichts für Anfänger!

In Hesper (Hesperingen) dachte ich, dürfte man am asphaltierten Uferweg entlanglaufen. Nein! Darf man nicht! Und das ist klasse! Glitschig sind die Singletrails, filmreif mein Abgang. Hat niemand gesehen!

Es tropft Wasserfälle von den Bäumen. Ich habe meine Laufkleidung nicht ungünstig gewählt. Das Wetter ist nur nicht so, wie ich gedacht hatte. Ich bin ein Dreckspatz, ich habe den Wald aufgerollt. Am Hesperpark gibt es ein Begegnungstück. Hier sehe ich jetzt diejenigen Läufer, die ich in den nächsten Stunden versägen werde. Ich habe heute richtig viel Pulver im Arsch!

Es geht an der anderen Flussseite zurück in die Innenstadt. Reine Natur, reiner Wald, nur halt halfpipemäßig, also in einer freudigen Art hoch und runter. Stehen Sandsteinfelsen im Wege, müssen wir ins Tal. Aber danach geht es sogleich wieder hinauf. Es gibt Schilder, die jeden Felsen erklären, Material für nächstes Jahr.

Einige Zeit später, ich habe sämtliche Luschen überholte, stehe ich wie damals oberhalb der Pulvermühle und betrachte die mutmaßlich einzige Tankstelle Luxemburgs. Zwanzig Cents billiger ist hier das Benzin. Damals wurde ich von zwei Besenfahrern verfolgt. Das war, als die Strecke noch 56 km lang war. Ich hatte den Jungs ein bisschen Geld in die Hand gedrückt, damit sie in der Tanke etwas besorgen mögen, was uns die restlichen Kilometer erträglicher machen würde. Heute ist das Klima nass, kalt, glitschig und optimal, kein Besenfahrer in Riechweite. Oh happy day!

Im Tal passiere ich die Trikotagefabrik an der Pulvermühle, die einst sexy Schlüpfer herstellte.  Am Felsen gegenüber klebten einmal Fachwerkhäuser, deren Bewohner Keller in den Felsen schlugen. Die Häuser sind verschwunden, die Höhlen sind geblieben.

Immer wieder kreuzen und queren wir die Laufstrecke, die wir vor Stunden genommen hatten. Dann kommen wir zur ehemaligen Abtei Neumünster. Wo jetzt die große Weide mit ihrem zarten Grün sich in der Alzette spiegelt, hallten bis 1984 die Rufe der Gefangenen gegen die steilen Felsen. Nun hat man ein Kulturzentrum aus dem Gefängnis und der ehemaligen Abtei gemacht. Vier Helfer warnen vor den glitschigen Treppen hinunter zur Alzette.

Auch hier am Felsen klebten einst Fachwerkhäuser. Unheimlich tief sind die unzähligen Höhlen auf mehreren Stockwerken, mit denen sich einstige Bewohner ihre Weinkeller  vergrößerten. Viele verdienten sich ein Zubrot mit der Versorgung der Gefangenen auf der gegenüberliegenden Seite. Man kannte sich, die meisten kamen aus der Unterstadt, die vor wenigen Jahren noch von Müll und Abfällen dominiert wurde. Direkt neben diesen Höhlen laufen wir die steilen Treppen hinauf. Einst eine wahre Tortur für mich, jetzt ein leichter Spass. Allerdings muss ich auf die Stöcke der letzten Nordic Walker achten, die mir unachtsam ihre Spitzen anbieten.

Weiter geht es hoch, hoch, hoch und runter. Blöd, meine Speicherkarte ist voll. Löschen der alten Fotos, das dauert…wartet mal…. Dauert halt.

10 Minten später: Ratet mal, welchen kleinen Fluss wir nun bei km 28 überqueren. Ein steiler, sehr steiniger Weg führt uns  hinauf in das Europaviertel. Eine Wendeltreppe führt hinauf zur Kennedyalle, nicht mein Gebiet. Dafür kann man nochmals vor der Philharmonie Gas geben, sofern man sich traut, denn der Regen hat die Markierungen aufgelöst. Ich laufe auf Risiko, es wird sich nichts geändert haben in den Jahren. Die Läufer, die ich überholt habe, die werden mir nicht folgen können. Glück im Regen.  

Schon nach einem Kilometer wird es wieder lustig: Wir kommen ins Fort Thüngen.  Hier hat der Trailmaster wieder alle Register gezogen. Wir laufen lustig kreuz und quer durch die alten Mauern, Kasematten  und Tunnels. 5000 Läuferfüsse (minus ca 40, die hinter mir sind) haben hier einen glitschigen Untergrund hinterlassen. Unglaublich! Warum trocknen die sich nicht die Füsse ab?

Kaum ist man aus dem Fort heraus (km 30), gibt die Landschaft den Blick frei auf das andere Ufer, das wir gerade bei km 27-28 abgearbeitet hatten. Und welchen Fluss überwinden wir bei nun bei km 31 nach einer Wendeltreppe? Ist doch geil! Mein Läuferherz lacht, der Himmel weint.

 
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Was machen wir bei km 32?  Nein, es ist der Aquatunnel, den wir jetzt durchqueren, passend zum Wetter.  Anfangs ist das Ding noch trocken, später nieselt die Brühe von oben in den Tunnel. Diese ewiglange Abwasserröhre wurde nie benutzt, weil die Scheisse der Europastadt niemals durchgepasst hätte. Für uns ist aber Platz. Einmal im Jahr  wird die Röhre geöffnet, die die Altstadt unterquert. Unterhalb der großen Strassen zeigen die Strassenschilder die aktuelle oberirdische Position an. Den Abstecher zum Brunnen mit Blick hinauf zum Place des Armes spare ich mir dieses Jahr, denn vom Ende her hört man laute Musik und Mädchenstimmen. Meine Entscheidung ist richtig, es sind klasse Mädels, die dort zur besten Musik der 80er, 90er und von heute rocken. Die eiskalte Luft hinter dem Tunnelausgang verneblet Kamera, Brille und den Rest der Welt.

Aber, was macht der gute Läufer nun bei km 33? Welchen Fluss haben wir denn da? Richtig, die Petrusse. Die gibt es nämlich auch noch, hatten wir fast vergessen. Vom tiefen Grund der Petrusse gilt es jetzt die letzten zwei Kilometer hinaufzuhechten. Ich nehme zwei, drei Treppen auf einmal, es geht erstaunlich einfach. Von oben gröhlen mir die Zuschauer entgegen, feuern mich an. Wie ein Königspinguin aus dem kalten Meer, so flippe ich von den letzten Treppenstufen hinauf auf die Strasse. Zehn Meter noch. Ende.

Glücklich bin ich, sehr glücklich. Ein toller Lauf. Nächste Jahr wieder die 56 Kilometer! Aber Achtung, Leute! Die Halfpipe von Luxemburg  ist zwar ein Riesenspaß aber ne verdammt harte Nummer, macht dich fertig und directement süchtig!

Anreise: Die Parkplätze für eine Stunde sind teurer als das 0,3er Bier für 7,50 Euro in der angesagtesten Location der Stadt, dem WhiteHouse. Der große Parkplatz im Europaviertel ist am Wochenende kostenfrei. 10 Minuten Fussweg bis zum Start.

Die Bahnverbindung ist antiquarisch. Das liegt daran, dass Luxemburg im Kreuzungspunkt verschiedener nationaler Eisenbahngesellschaften liegt, und somit mit unterschiedlichen Signal-und Sicherheitssystemen konfrontiert ist.  Das erfordert eine besondere Ausbildung der Zugführer. Also reist man grundsätzlich mit dem Bus ab Grenze Deutschland an.  Für die Rückfahrt kauft man sich ein 2 Stundenticket, mit dem man per Bahn durch ganz Luxemburg fährt. Kauft euch erst ab Igel (der ersten Stadt in Deutschlandland) ein Bahnticket, das spart 22 Euro. Wir seh‘n uns, Ihr Kinder der Halfpipe!

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Informationen: DKV UrbanTrail de Luxembourg
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