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04.05.19 - Hellfire Gozo Ultra Trail

Trailabenteuer Gozo - Teil 2: Ultratrail

Geheimtipps soll man eigentlich nicht verraten. Denn ihren besonderen Reiz und Zauber behalten solche Tipps häufig nur, wenn sie geheim bleiben. Das gilt ohne Zweifel auch im Trailrunning. Sollte ich daher nicht über einen kaum bekannten Trailrun berichten, dessen Kurs mit Attributen wie „traumhaft“, „einmalig“ und „spektakulär“ nur ansatzweise beschrieben ist? Nun ja, ich tue es. Und das ohne jedes schlechtes Gewissen. Denn dieser Trail verdient es und verkraftet es auch, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Wer sich diesem Trail stellt, dem sei garantiert: Das wirst Du nie vergessen.

Meine Vorschusslorbeeren gelten dem XTERRA Gozo Ultra 50k, seit neun Jahren organisiert vom Hellfire Event Team. 1.400 positive Höhenmeter sind auf einem Kurs von etwa 54 km meist direkt entlang der Steilküste rund um die Mittelmeerinsel Gozo zu bewältigen, was insofern beachtlich ist, wenn man bedenkt, dass man sich dabei nur im Level von null bis 145 Metern über dem Meeresspiegel bewegt.

Zumindest gefühlsmäßig dürfte Gozo, soweit überhaupt bekannt, für viele allerdings am Ende der Welt liegen. Aber das ist schon einmal ein Trugschluss: Nur gute zwei Flugstunden sind es von München nach Malta, sozusagen 90 km hinter Sizilien gelegen. Eine weitere Dreiviertelstunde später ist per Shuttlebus quer durch die Insel der Fährhafen Cirkewwa erreicht und schon eine weitere halbe Stunde später, nach einer überaus entspannenden Fahrt mit der Gozo Channel Line, setzt man seinen Fuß auf das Inselziel: Gozo, die ländliche, ruhige, aber auch wilde Seite des maltesischen Archipels.

 

 
 
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Bereits eine Woche vor dem Trail bin ich angereist und habe mich beim Halbmarathon über die Dörfer Gozos schon einleben und „warmlaufen“ können. Lest meinen Bericht auf www.trailrunning.de und Ihr erfahrt dabei Einiges mehr über die Insel und ihre Besonderheiten. Eine wundervolle, sonnenreiche Zeit im frühlingshaft grünen und blühenden Gozo habe ich seitdem erleben dürfen und mir die Zeit etwa mit Kajakfahren zu den Küstenhöhlen oder Klettern in einer Schlucht vertrieben. Das Kultur- und Natursightseeing auf Gozo und Malta kam natürlich auch nicht zu kurz. Denn es gibt wohl kaum einen Flecken auf diesem Planeten, der auf insgesamt gerade einmal 316 qkm mehr zu bieten hat als der maltesische Inselstaat.

Mein einziger, gänzlich unspektakulärer „Pflichttermin“ in dieser Zeit ist die Abholung der Startunterlagen. Die bekomme ich am Donnerstag in Gzira auf der Hauptinsel. Nur ein schmales Zeitfenster von 17 bis 19 Uhr hat man, um sie bei Deirdre Farrugia im Garmin-Shop von Medcomms abzuholen. Für aus dem Ausland Anreisende ergibt sich daraus aber kein Stress: Die bekommen ihre Startunterlagen auch noch direkt am Lauftag am Startgelände.

 

Għajnsielem – Start am Morgen

 

Gestartet wird im beschaulichen Dorf Għajnsielem oberhalb des Fährhafens von Mgarr. Windig und kühl ist es, als ich um kurz nach 7 Uhr aus dem Nachbarort Nadur anreise. Die Wolken am Himmel lassen alle Wetteroptionen offen. Durchschnittlich 300 Sonnentage hat Gozo im Jahr, sodass ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass auch der heutige Tag in diese Statisktik fällt. Mehr und mehr Läufer trudeln auf dem Bethlehem Square zu Füßen der spitztürmigen Pfarrkirche ein. Ein Massenfeld ist es nicht: Für den 50k gemeldet sind 128 Läufer, aber aus immerhin 23 Nationen, also ein recht bunter Haufen. Noch einmal so viele Teilnehmer sind es, die sich für den auf dem letzten Teilstück ausgetragenen Halbmarathon oder die Mountainbike-Variante des 50ers entschieden haben. Doch die starten später.

 

 
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Um 7:45 Uhr heißt es beim Race Briefung die Ohren zu spitzen. Die wichtigste Botschaft von Rennleiter Nathan Farrugia: Rote Punkte und Pfeile am Boden sowie Flatterbänder weisen den Weg. Zumindest meist. Wo nichts bzw. nichts mehr zu sehen ist, sollen wir uns auf unsere Intuition verlassen. Und die ist – so viel vorweg  - gefragt: Sich ab und an mal ein wenig zu verlaufen ist sozusagen inklusive. Beruhigend ist, dass auf der auch offline funktionierenden Gozo-Karte von MapsMe der Streckenverlauf gekennzeichnet ist, sodass man sich im Fall des Falles auch virtuell orientieren kann. Bei diversen Checkpoints unterwegs wird zudem kontrolliert, ob auch kein „Schäflein“ vom rechten Weg abgekommen ist. Besonders wichtig ist den Veranstaltern das eingeschaltete Mobiltelefon mit diversen Notfallnummern. Auch ein halber Liter Flüssigkeit gehört zum Pflichtgepäck. Mehr Trinkbares mitzunehmen ist aber empfehlenswert, denn Verpflegungsstellen gibt es nur etwa alle zehn Kilometer.

Die Spannung steigt, die Stimmung auch, als es um 8 Uhr endlich heißt: Go! Zehn Stunden haben wir Zeit, die Runde um die Insel zu bewältigen.

Zum Einstieg geht es erst einmal locker dahin, vor allem abwärts. Gleich nach dem Start queren wir das Gelände von Bethlehem, auf dem jährlich im Dezember ein „lebendes“ judäisches Dorf aus der Zeit vor 2.000 Jahren nachgebaut und die Weihnachtsgeschichte nachgespielt wird. Weiter geht es entlang der Festungsmauern des Johanniter-Forts Chambrai hoch über dem Hafen von Mgarr.

Im Abgalopp folgen wir einem schmalen Pfad direkt der Küste entgegen. Herrlich ist der weite Blick über die Steppenlandschaft, über die der Wind so heftig pfeift, dass er mir meine Schirmkappe vom Kopf reißt. Erstmals auf das Meer stoßen wir an der Bucht von Xatt I Ahmar. Etwas erhöht über dem Meer findet man hier einen Fougasse, einen von 14 rund um Gozo. Das sind runde, schräg in den Felsen getriebene Löcher, die im 16. Jahrhundert mit Schwarzpulver und Felsen gefüllt und im Stil einer Schrot-Kanone auf angreifende Schiffe im Meer abgefeuert wurden. Kein Wunder ist also, dass vor der Küste gerade hier diverse Schiffwracks im Meer dümpeln, über die sich heute vor allem Taucher freuen.

 

Mgarr ix-Xini – verträumte Bucht

 

Einsam ragt vor uns ein kantiger, festungsartig angelegter Turm aus der Küstenlandschaft. Rund um Gozo sind noch vier von einst 14 dieser Wach- und Wehrtürme aus dem 16. und 17. Jahrhundert erhalten. Einst wurden sie als Teil des Küstenschutzes errichtet, insbesondere um vor angreifenden Piraten warnen und per Kanonen auch offensiv Widerstand leisten zu können. Der vor uns liegende Turm signalisiert uns, dass wir die schluchtartig in die Landschaft eingeschnittene Bucht von Mgarr ix-Xini erreicht haben. Diese ist heute vor allem bei Einheimischen und Tauchern beliebt.

 

 
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Auf einem verschlungen Single Trail durch blühendes Gestrüpp und über Stock und Stein folgen wir dem Verlauf der Bucht landeinwärts, bis wir am Ende der Bucht für ein paar Meter auf Asphalt stoßen. Wer ein bisschen Abenteuergeist mitbringt, dem sei eine Wanderung durch die sich in Fortsetzung der Bucht durch die Landschaft windende Schlucht hinauf bis Xewkija empfohlen. Wilde, unberührte Natur und bizarre Felsformationen und Höhlen, die in keinem Reiseführer stehen, winken als Belohnung. Kletterenthusiasten wenden sich am besten an Gozo Adventures, die einige der Steilhänge mit Seilsicherung erschlossen haben.

Wir bleiben bei unserem Trail jedoch in Küstennähe. Auf Naturwegen, mal schmal, mal breit, mal gemütlich dahin plätschernd, dann wieder jäh ansteigend, schlängelt sich unser Kurs durch die offene, macchiaartige Landschaft. Das zwischen nacktem Fels vegetierende Gebüsch blüht in vielen Farben. Je höher wir kommen, umso mehr bläst uns der Wind um die Ohren. Immerhin ist es Rückenwind. Kein Baum hat hier eine Chance, sich in dieser rauhen Lage zu behaupten.

 

Ta' Cenc und Sannat - dramatische Klippen

 

Und dann sind sie auf einmal am Horizont zu sehen: Die Klippen von Ta'  Cenc. 145 Meter stürzen sie senkrecht ins Meer hinab, dramatischer und steiler als an jeder anderen Stelle auf dem maltesischen Archipel. Kein Schild warnt hier, kein Zaun hält zurück, es ist die schlichte menschliche Vernunft angesagt, sich der Abbruchkante nicht allzu wagemutig zu nähern. Für uns Läufer ergibt sich daraus ohnehin kein Problem. Ganz im Gegenteil: Unser Kurs hält einem felsigen Pfad folgend so viel Abstand zu den Klippen, dass wir sie gar nicht weiter zu sehen bekommen.

 

 
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Da der Weg entlang der Klippen nicht durchgängig öffentlich zugänglich ist, müssen wir vor dem wunderbar gelegenen Fünf-Sterne-Resort von Ta'Cenc den Weg landeinwärts durch das Dörflein Sannat nehmen. Wer es nicht allzu eilig hat, dem sei genau an der Stelle, wo der Weg abbiegt, empfohlen, einen außerplanmäßigen Abstecher von 50 Metern nach links in Richtung Klippen zu machen: Als Belohnung winkt ein wahres „Wow“-Erlebnis beim schwindelerregenden Blick in die Tiefe.

Beschaulich sind alle Dörfer auf Gozo, aber so verschlafen wie Sannat wirkt kaum eines. Auf dem Weg in den Ort hinein haben wir Gelegenheit, einen Fernblick auf die „größte Dorfkirche der Welt“ zu werfen. Unter den ohnehin maltatypischen Riesengotteshäusern haben die 3.000 Einwohner von Xewkija ihrem Dorf ohne Zweifel die Krone aufgesetzt. In Sannat selbst ist der meiste Trubel am kleinen Versorgungsstand, auch wenn es nur Wasser gibt. Über einen nicht auf den ersten Blick findbaren Pfad werden wir wenig später wieder zurück gen Steilküste gelotst.

 

 
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Und hier nun – endlich – wird der Lauf entlang der Klippen auch optisch zum besonderen Spektakel. Im stetigen Auf und Ab windet sich der felsige Pfad bisweilen nur wenige Meter vom Abgrund entfernt dahin. Nicht ganz so hoch wie in Ta' Cent, aber nicht minder spektakulär senken sich die wild zerklüfteten Felswände in die Tiefe. Aufpassen muss man, dass man im Bann der wind- und wellenumtosten Szenerie nicht das profilierte Gelände vergisst. Immer neue fantastische Bilder tauchen vor mir auf. Ich kann nur sagen: Das ist „trailrunners paradise“. Über Kilometer geht es in dieser Weise dahin.

 

Xlendi Bay - Sunset Point am Fjord

 

Am Horizont erscheint die Silhouette des nächsten Wachturms. Es ist der Torri tax-Xlendi, der älteste der Wachtürme. An exponierter Stelle wacht er über den Eingang zur Xlendi Bay, unserem nächsten Zwischenziel. Am Ende einer sich fjordartig in die Steilküste hinein bohrenden Bucht hat sich ein munterer kleiner Ort entwickelt. Wegen des Mikrostrandes kommt sicher niemand. Doch zahlreiche Lokale drängen sich, wo nur irgendwie Platz ist, am Ufer. Ganz besonders ist der Blick von den Außenterrassen die steilen Wände entlang gen Westen dem Meer und dem Sonnenuntergang entgegen. Die Gastroszene ist letztlich die Hauptmotivation für die zahlreichen Besucher und den Bekanntheitsgrad Xlendis.

Für uns bedeutet das Erreichen der Bay zunächst einmal eine kleine pfadfinderische Herausforderung. Denn wir müssen ein kleines Seitental queren, finden aber den Zugang nicht sofort. Von der gegenüber liegenden Seite des Tales zeigen uns jedoch die Leute gestikulierend, wo wir hin müssen. Und siehe da: Kurz steil hinunter, über ein Brücklein und wieder rauf, schon traben wir die schmale Uferpromenade entlang. Der Weg führt uns mitten durch die noch verwaisten, wetterfesten Terrassen der Lokale hindurch.

 

 
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Läuferisch in die Xlendi Bay hinein zu kommen, war relativ kommod. Das Gegenteil gilt jedoch für den Weg hinaus. Am Ende der Uferpromenade laden zunächst im Zickzack in den Fels geschlagene Treppen dazu ein, erklommen zu werden. Ein schmaler Höhenweg führt dann weiter. Meint man, wenn man nicht aufpasst und die Markierungen übersieht. Denn die weisen an einem Felsen kurz und bündig nach oben. Das wohl steilste Streckenstück zwingt uns zum schnaufenden Schneckentempo, aber dafür gewinnen wir rasant  an Höhe. Der tolle Blick über Xlendi und die Bucht bietet reichlich Entschädigung.

Durch die karge, um diese Jahreszeit jedoch erblühende Landschaft führt der Pfad wie gehabt weiter die Steilküste entlang. Im Rhythmus der Windstöße wiegt die Natur ums uns herum hin und her. Besonders schön ist dies dort, wo uns der Weg durch einen Teppich im Sonnenlicht fast weiß schimmernder, buschiger Gräser führt. Von Bucht zu Bucht eilen wir, bis sich auf einmal hinter einer Biegung eine besonders eindrucksvolle Szenerie auftut.

 

Dwejra - wilde Felsküste

 

Wer immer, und wenn auch nur kurz, Gozo besucht, der kommt nach Dwejra. Berühmt ist der Ort für seine wild-dramatischen Küstenformationen, weshalb kein Wunder ist, dass er sich zum wohl meist besuchten Naturwunder des maltesischen Archipels entwickelt hat. Allerdings ist ihm sein allerberühmtestes Stück, ja das Wahrzeichen der Insel schlechthin, abhanden gekommen: Das Azure Window. Der von den Elementen geformte, über 20 Meter hohe Felsbogen im Meer war einst das Top-Fotomotiv. Doch brach dieses Naturkunstwerk während eines heftigen Sturms am 8. März 2017 zusammen, und zwar radikal. Wie von Geisterhand wurde das Bild des Bogens weggewischt, versank samt Fundament vollständig im Meer.

Nichtsdestotrotz bietet Dwejra Freunden bizarrer, wilder Felsarchitektur auch heute noch viel. Und in der Taucherszene gilt der Ort mit seinem spektakulären tiefen Wasser in der Bucht ohnedies weiterhin als einer der besten Tauchplätze im Mittelmeer. Vorausgesetzt, das Meer ist ruhig und tost nicht, wie heute, wild gischtend gegen den Fels.

Für uns Trailläufer ist das Erlebnis hier ein ganz besonders eindrückliches. Während der Normalbesucher vom Parkplatz nur ein paar Schritte in Richtung Meer bewegt und die sich daraus ergebenden Perspektiven mitnimmt, dürfen wir, die komplette Küstenkante ablaufend, immer neue grandiose Aus- und Einblicke erleben.

 

 
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Langsam und auch keineswegs geradlinig tasten wir uns von unserem ersten Blickkontakt auf einsamen Pfaden zur Bay vor. Unweit im Meer trotzt der Fungus Rock Wind und Wellenbrechern. Benannt ist der 65 m hohe Kalksteinblock nach dem einst als Heilpflanze geltenden Malteserschwamm, der zunächst als Pilz angesehen und von den Maltesern zur Blutstillung eingesetzt und als auch als Aphrodisiakum an europäische Fürstenhäuser verkauft wurde. Alles Einbildung, weiß man heute, aber der Name Fungus Rock blieb. Aus der Vogelperspektive sieht man gut, wie der Fungus Rock und die umliegenden Felsen eine Art Pool im Meer umschließen. Man nimmt an, dass dies die Reste einer einst eingestürzten riesigen Höhle sind.

Ein Stück weit driften wir ins Landesinnere ab, ehe uns der im leuchtenden Ocker des nackten Kalksteins thronende Dwejra Towers signalisiert, dass wir dem Boden der Bay nahe sind. Eine gut ausgebaute Straße führt direkt dorthin, aber noch hält sich der Touristenansturm in Grenzen.

Das Zentrum der Bay bildet ein großes, scharfkantig zerfleddertes Felsplateau am Meer, gegen das und unter dem die Brandung brodelt. Vor allem hier und am gleich anschließenden Inland Sea tummeln sich die Kurzbesucher. Entstanden ist der kleine, zum Meer hin durch eine Steilwand abgeschirmte See durch den Einsturz einer großen Karsthöhle. Durch einen 100 m langen natürlichen Tunnel ist er direkt mit dem Meer verbunden. Optisch nicht so ganz harmonieren die Bootshäuser, die sich um den See reihen.  

Vor einer Kapelle ist die zweite Wassernachfüllstation eingerichtet. Aber lange hält sich niemand auf. Den den Inland Sea abschirmenden Felsriegel erklimmend gewinnen wir schnell wieder an Höhe und entschwinden in der Einsamkeit. Nicht nur ich halte auf dem Weg immer wieder inne und genieße das Panorama der Bay, die langsam aus unserem Blickfeld verschwindet.

Und weiter geht auf unserem Steilküstenpfad. Das Ende der Westküste naht, als ein Schild „Private Property“ zu erkennen gibt: Hier geht es nicht weiter. Auf teilweise durch üppig wucherndes Grün zugewachsenen Wegen führt der Weg hinein ins Inselinnere und schließlich weiter in ein kleines Tal. Sehnlich vermisse ich den kühlenden Wind, denn nun brennt die Sonne und der Schweiß läuft in Strömen.

Aus dem gen Meer auslaufenden Tal erreichen wir endlich wieder den Küstenrand, dürfen den frischen Wind genießen, müssen uns aber darauf einstellen, dass er uns an der Nordküste nun entgegen bläst. Landschaftlich wird es wieder spannend. Während wir über den breiten Fels traben sehe ich riesige Grotten, die die Küste von unten ausgehöhlt haben. Ein faszinierender Anblick sind auch die von Wind und Wetter aus dem ockerfarbenen Kalkstein glatt heraus gefrästen Felsüberhänge, die wie eine brechende Riesenwelle erscheinen.

 

Wied il-Mielah – mächtiges Felsentor

 

Das Azure Window mag Geschichte sein – doch Wied il-Mielah lebt. Nach wie vor wenig bekannt ist, dass Gozo ein weiteres mächtiges Felsentor im Meer hat. Nur fährt hier kein öffentlicher Bus hin und so hält sich der Besucherandrang weiterhin in Grenzen. Dabei ist das Tor nicht kleiner oder weniger beeindruckend, nur steht es eben nicht ganz so offensichtlich in der Landschaft, sondern schräg am Ende einer schmalen Schlucht. Unser Laufkurs führt ganz dicht vorbei, aber so, dass man es nur für einen Moment und auch nur einen Ausschnitt sehen kann, wenn man die kleine Brücke über die Schlucht Wied il-Mielah quert. Es lohnt sich aber auch hier, einen kurzen inoffiziellen 100 Meter-Abstecher nach links zu machen und und so das Tor in voller Pracht zu erleben.

 

 
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Die Steilküste hält in der Folgezeit noch weitere Überraschungen bereit. Riesige Höhlen haben sich auch hier in den Fels gebohrt. Hoch oben in den Hügeln sehen wir das Dorf Zebbug thronen. Aber da müssen wir zum Glück nicht hinauf, auch wenn der breite Schotterweg, dem wir nun folgen, für eine Weile von der Küste wegführt. Durch intensiv bewirtschaftete Felder führt der Weg. Auch hier zeigt sich die Landschaft als stilles Idyll. Nicht übersehen sollte man den kleinen Pfeil, der scharf nach links und damit in Richtung Küste weist. Dort wo die enge Schlucht Wied I-Ghasri ins Meer mündet, sind auch wir wieder auf Küstenkurs.

Über eine breite Felsplatte setzen wir unseren Weg fort. Nur wenig später wird es wieder richtig spannend.

 

Xwejni Bay – Salz und Erosion

 

Entlang der Küste vor der kleinen Xwejni Bay erwartet uns einer der aufregendsten Spots, die Gozo zu bieten hat, und zwar in zweierlei Hinsicht: Naturgeschaffen, weil wind- und wassergemacht sind die aus dem Kalkstein gefrästen, sanft gerundeten Skulpturen, Überhänge und Höhlen, deren intensiv ockergelbe Färbung das Sonnenlicht geradezu zum Erleuchten bringt. Man hat das Gefühl, in einer Sandwüste zu sein. Aber tatsächlich ist alles aus Stein. Dieses Landschaftsphänomen sieht man zwar an vielen Stellen auf der Insel, aber nirgendwo so üppig und formvollendet wir hier.

Menschenwerk sind dagegen sind die teilweise noch heute genutzten Salinenfelder. In den Fels geschnitten oder im Übergang zwischen Meer und Fels mit Mäuerchen angelegt sind hier an mehreren Stellen Hunderte meist symmetrisch angeordneter Becken, mal größer und tiefer, mal kleiner und flacher, in denen durch Verdunstung Salz gewonnen wird. Ein harter, kaum noch rentierlicher Job, dessen Früchte noch dazu von einem Moment auf den anderen von anstürmenden Sturmwellen zunichte gemacht werden kann. Die Kulisse ist jedoch einmalig.

Das Laufen auf dem meist topfebenen Untergrund ist leicht. Sportiv überholen uns hier immer wieder Mountainbiker. Einer der Biker, der eine Felswelle wohl mit einer Halfpipe verwechselt, verschätzt sich allerdings in seinem Können und muss das mit einer unangenehmen Landung auf dem Boden der Tatsachen bezahlen. Passiert ist ihm zum Glück nichts.

 

 
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Vier Stunden sind vergangen und etwa 30 Kilometer sind bewältigt, als ich die dritte Verpflegungsstelle am Ende der Bay erreiche. Ein isotonisches Getränk sowie Bananen- und Orangenstücke bereichern hier das Angebot. Wer unterwegs Handfesteres braucht, sollte unbedingt etwas mitnehmen.

Schärfer könnte der Kontrast nicht sein, als wir wenig später in der Marsalforn Bay einlaufen. Marsalforn ist vor allem für die Malteser selbst einer der Ausgehorte schlechthin. Rund um das Hafenbecken reiht sich ein Restaurant an das andere, im Hinterland wuchern, weniger schön, mehrstöckige Appartementburgen. Baden kann man hier eigentlich nicht, aber der Ort übt offensichtlich eine große Anziehungskraft aus.

Auf unserer Laufstrecke erleben wir Marsalforn aber letztlich nur als Momentaufnahme. Schnell ist das jenseitige Ende der Promenade erreicht und ein weiterer kräftiger Anstieg entführt uns aus der Zivilisation wieder in die Höhe und die Einsamkeit. Die Kulisse ist nun eine ganz andere. Weicher und grüner sind die Hügel, die hier dem Meer entsteigen. Auf einem schmalen Höhenweg folgen wir dem Auf und Ab der Hügelwellen.

Eine ganz spezielle Herausforderung erwartet mich als nächstes. Bis zu den sich am Meeressaum türmenden Felsen werden wir hinunter geleitet und können hier, ganz nah am Wasser, von Fels zu Fels balancierend ausprobieren, ob wir oder die anbrandenden Wellen schneller sind. Als zusätzliches Erschwerniskriterium kommt hinzu, dass so mancher Fels glitschig ist. Meist gewinne ich, doch einmal auch die Welle, sodass ein plötzliches Frischegefühl meinen linken Fuß durchströmt. Nicht nur einmal frage ich mich: Kann das so sein? Bin ich hier überhaupt richtig? Eine Wegmarkierung habe ich schon länger nicht mehr gesehen und ohnehin sehe ich keinen Läufer weit und breit. Was allerdings nicht viel zu bedeuten hat: Weit hat sich das Läuferfeld auseinander gezogen.

In dieser Weise durchaus abenteuerlich geht es noch eine Weile weiter, bis ich irgendwann wieder auf einen Pfad stoße, der diesen Namen verdient. Alles gut, darf ich kurz darauf feststellen. Ein vergilbter roter Punkt signalisiert mir: Zumindest hier bin ich wieder richtig. Ein quälend langer und steiler Anstieg treibt mir einmal mehr den Schweiß aus dem Poren, bringt mich aber wieder in luftigere Höhen, wo ich unser Hügellauf fortsetzt.

 

Ramla Bay - Gozos schönster Strand

 

Ganz plötzlich weitet sich der Horizont. Wir blicken aus der Höhe auf einen unverbauten wunderschönen Strand, mit rotbraunem Sand und grün eingefasst. Wir haben die Ramla Bay erreicht, Gozos schönsten und auch beliebtesten Sandstrand. 400 Meter ist er lang und von zwei Tafelbergen flankiert. Direkt zum Strand werden wir nun hinunter dirigiert. Hoch über dem Strand befindet sich hier die berühmte Kalypso-Grotte, eine kleine, wegen Einsturzgefahr allerdings gesperrte Höhle, in der gemäß Homers antikem Epos Odysseus sieben Jahre bei der Nymphe Kalypso hängen geblieben sein soll. Zumindest die Lage der Höhle mag einladend sein, der Einstieg ins Höhlenloch weniger. Aber Kalypsogrotten gibt es im Mittelmeer ohnedies noch einige mehr.

 

 
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Der Länge nach laufen wir den weichen Sandstrand ab, verfolgt von den Blicken der relativ raren Badegäste. Am anderen Ende des Strandes angekommen erwartet uns der nächste Anstieg. Dieser zeichnet sich durch zwei Dinge aus: Er ist besonders schön ebenso wie besonders steil. Von der Natur dicht eingewachsen ist der steinige, oft gestufte Pfad. Selbst die Mountainbiker müssen hier ihr Rad schultern. Von hoch oben dringen Stimmen zu mir herab, die ich erst gar nicht so recht einordnen kann. Schritt für Schritt drücke ich mich in der stehenden Hitze nach oben. Richtig klein komme ich mir vor angesichts der Opuntien-Ungetüme, die den Weg säumen. Die anfeuernden Stimmen kommen näher und auf einmal trete ich ein in den kühlen Schatten einer geräumigen, halbmondförmigen Grotte. Grandios ist von hier der Ausblick in die Bay, vor allem in Kombination mit dem Rahmen, den der Rundbogen der Höhle bildet. Kein Wunder ist, dass dieses Bild so manchen Werbeprospekt für Gozo ziert.

Das Besondere an der Höhle ist zudem: Sie hat auch nach hinten einen schmalen Ausgang. Weniger besonders ist jedoch, dass hinter diesem Ausgang eine Straße endet, was bedeutet, dass die Höhle auch weit weniger schweißtreibend erreichbar ist. Die Straße, zunächst auf holprigem Asphalt, dann auf Naturboden bestimmt auf dem nächsten Wegstück unser Fortkommen. Es geht wieder hinein in die Insel, vorbei an Feldern und blühenden Wiesen, dann jäh hinunter und gleich wieder hinauf, mitten hinein in ein kleines, wie ausgestorben wirkendes Dorf. Zwei Hunde meinen, mir dauerhaft Gesellschaft leisten zu müssen, ohne sich aber näher für mich zu interessieren. Der eine ist allerdings so tapsig, dass er mir beim emsigen Herumschnüffeln immer wieder fast in die Beine hinein läuft.

Einen deutlich höheren Romantikfaktor verspricht der folgende schmale Pfad, der sich zwischen Felsen und mit Steinwällen terrassierten, kultivierten Parzellen wieder dem Meer entgegen windet. Gozountypisch üppig ist die Natur.

Eine mit bunten Toren durchsetzte gelbe Felswand hebt sich malerisch am Horizont ab. Wir erreichen die kleine, auch mit dem Auto erreichbare Bucht von Dahlet Qorrot. Auf der Hafenmole ist ein letzter Verpflegungsstand eingerichtet, den man bis 16 Uhr passiert haben muss, sonst fällt man aus der Wertung.  

Der Aufenthalt am Meer und der Genuss der frischen Brise auf dem Küstenpfad ist jedoch nur ein kurzer. Ein weiteres, wenn auch letztes Mal müssen wir mit einer Route vorlieb nehmen, die uns in die Insel hinein führt. Und ein letztes Mal bedeutet das auch: Höhenmeter satt.

 

Hondoq ir-Rummien –
einsame Bucht an einsamer Küste

 

Der Lohn des mühevollen Aufstiegs ist einmal mehr ein Panorama über die so urtümliche mediterrane Hügellandschaft. Nur das Rauschen der Meeresbrandung von tief unten und Vogelgezwitscher durchbricht die Stille. Auf dem folgenden Wegabschnitt fallen mir besonders die rot-gelben Blütenteppiche ins Auge, die inmitten der von grob geschichteten Steinmäuerchen strukturierten Naturlandschaft gedeihen. Ein längeres Wegstück müssen wir leider wenig trailgerecht einer einsamen Straße folgen, die uns schließlich auf staubigem Schotter in den einsamen östlichsten Zipfel der Insel führt, bis hin zu einem kleinen verlassenen Fort.

Entlang der Südküste schließt sich langsam unsere Runde um die Insel. Die letzten Kilometer bieten landschaftlich und trailmäßig nochmals alles auf, was eines Trailrunners Herz höher schlagen lässt. Vorausgesetzt, die Power reicht aus, dies noch wirklich zu genießen. Unweit der Brandung geht es auf verwinkelten Pfaden durch wild wuchernde Natur über und zwischen Felsen hindurch. Kleinere Klettereinlagen sind gefragt, wobei wir einmal gar einen Steig aus Eisenklammern erklimmen müssen. Dazwischen: Felder meerwassergerundeter Riesenkiesel und einmal mehr jene markanten Felswellen, die so faszinierend wie typisch für Gozo sind. Auch hier finden wir immer wieder in den Fels eingelassene Salinenbecken, doch außer Betrieb und somit nurmehr der weiteren Bearbeitung durch die Natur überlassener menschengemachter Felsschmuck.

 

 
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Für kurze Zeit zurück in der menschlichen Zivilisation sind wir in der Bucht von Hondoq ir-Rummien. Einen kleinen Sandstrand gibt es hier und einen Pier mit Bar. Rampen gestatten einen moderaten und geschützten Einstieg per Boot ins Wasser. Von hier starten vor allem Kajaks zum Trip über das Meer hinüber zur etwa einen Kilometer entfernten Blauen Lagune von Comino und zum Erkunden der umgebenden Höhlen im Küstenbereich. Ein aus eigener Erfahrung überaus lohnendes Vergnügen für Leute, die nicht leicht seekrank werden. Auch hier vor Ort zaubert heller Sand im Wasser an manchen Stellen eine einladende helltürkise Färbung des Wassers.

Auf einem nurmehr wenig profilierten Höhenpfad setze ich meinen Walk entlang der Südküste fort. Zu mehr reicht es nicht mehr. Vor und hinter mir ist schon lange kein Läufer mehr zu sehen, aber ich genieße die Einsamkeit. Im Gegenlicht am Horizont rückt die Silhouette des Hafens von Mgarr und daraus die eine Pfeilspitze herausragend der Turm der Pfarrkirche von Ghajnsielem langsam näher, sehe ich die Pötte der Gozo Channel Line, die einzige Verbindung, über die man die Insel erreichen kann, gemächlich an- und abfahren. Nicht sattsehen kann ich mich an der blühenden Natur um mich herum – das Rennen findet ohne Zweifel zur wohl schönsten Jahreszeit statt.

 

Mgarr – Gozos Tor zum Rest der Welt

 

Etwas verloren komme ich mir vor, als ich so allein beim Yachthafen in Mgarr einlaufe. Ich merke: Ich will hier gar nicht sein, das passt so gar nicht zu dem, was ich heute den ganzen Tag erleben durfte. Ich marschiere die breite, fast menschenleere Hafenpromenade entlang und entdecke schließlich den kleinen Abzweig, der mich auf einem verwunschenen Pfad quasi durch die Hintertür eine Etage höher ins Dorf bringt. Beim Gozo Grand Hotel stoße ich wieder auf bewohntes Terrain. Etwa 500 Meter sind es noch durch stille Nebengassen, dann zeigt mir der sich vor mir türmende Kirchturm von Ghajnsielem, dass es so weit ist.

Ein paar müde Schritte noch und ich werde jenseits des Zielbogens überaus herzlich von Nathan, Deirdre, Daphne und anderen vom Organisationskommitee begrüßt.

Ich bin platt. Und glücklich. Ich sinke wie auch andere Mitläufer in einen der bereit gestellten Sitzsäcke und will gar nicht mehr aufstehen. Was soll ich sagen? Superlative sind leicht dahin gesagt. Aber auch beim Schreiben dieser Zeilen fällt mir nichts anderes ein als die schlichte Botschaft: Das war und ist einer der schönsten Trailläufe der Welt.

Nur vereinzelt tröpfeln die Läufer ein, aber niemand wird auch nach Ablauf des 10 Stunden-Limits stehen gelassen. Per Mobiltelefon wird gecheckt, wer noch unterwegs ist und auch der letzte Einläufer nach zehneinhalb Stunden überschwänglich empfangen. Vorbei ist das Event damit aber noch nicht: Kollektives Feiern ist ab 19 Uhr angesagt. Zu dreierlei leckerer Pasta und zur Siegerehrung ist ein Großteil der Läufermeute im Lokal direkt oberhalb des Zieleinlaufs wieder versammelt. Der passende Ausklang für ein aufregendes Laufabenteuer.

 

Informationen: Hellfire Gozo Ultra Trail
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