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28.04.19 - Hellfire Gozo Ultra Trail

Trailabenteuer Gozo - Teil I: Halbmarathon

Nie im Leben habe ich mir träumen lassen, auf einem felsig-kargen Zwergeneiland wie Gozo einmal an einer Laufveranstaltung teilzunehmen und dann auch noch bei zwei ganz verschiedenen Events innerhalb einer Woche zu starten. Dass es dort so etwas überhaupt gibt?! Kaum zu glauben, aber ja, das gibt es: Zum einen 21 km rauf und runter von Dorf zu Dorf quer durch die Insel, zum anderen 50 km entlang an der Steilküste einmal drum herum.

Für diejenigen, die beim Namen Gozo nicht gleich „na klar!“ rufen, zunächst ein Kurzbriefing: Gozo ist sozusagen die kleine Schwester der Insel Malta, welche bekanntlich auch nicht gerade ein großer Bruder ist. Etwa 32.000 Menschen bevölkern das 67 Quadratkilometer messende Inseloval. 14 Dörfer inklusive der Inselhauptstadt Victoria verteilen sich in der hügeligen Landschaft. Relikte aus sechs Jahrtausenden hat der Mensch hier hinterlassen. Und wie auf dem gesamten maltesischen Archipel findet man Spuren aller mediterranen Großreiche, der europäischen Kolonialmächte und allen voran des Johanniterordens und das in einer Vielfalt und Kompaktheit, wie es es sie wohl nirgendwo auf der Welt gibt.

Das Leben im Gozo von heute wird bestimmt durch eine ganz spezielle Melange aus englischen, arabischen und italienischen Elementen, die in ihrer Mixtur eben einmalig das Maltesische ausmachen. Ein schönes Beispiel dafür ist etwa die Landessprache: Das „Malti“ ist letztlich ein arabischer Dialekt, durchsetzt von englischen und italienischen Ausdrücken, und das alles in lateinischer Schrift. Das erklärt auch die teils so ganz uneuropäisch klingenden, unaussprechlichen, aber immerhin lesbaren Ortsnamen wie etwa auf Gozo Ix-Xagħra oder Ghaijnsialem. Als einstige Kolonialsprache ist allerdings auch Englisch allgegenwärtig. Und der Euro demonstriert, dass man sich in Malta Europa verbunden fühlt.

 

Start in Ix-Xagħra

 

Aber zurück zum Laufen. Die Outdoor-Sportszene, darunter Triathleten und Mountainbiker, haben Gozo längst entdeckt. Sozusagen die Pioniere waren aber die Läufer. Den Gozo Halbmarathon gibt es immerhin seit 1977. Im Vorjahr waren es stolze 1.200 Läufer aus 58 Nationen, die über alle angebotenen Distanzen an den Start gingen, darunter einem Acht Meilen-Lauf, der 2019 allerdings durch international kompatible 10 km abgelöst wird. Mit, je nach Meldezeitpunkt, 12 bis 20 € Startgeld, was auch ein Funktionsshirt einschließt, ist der Start auch kostenmäßig ein echtes „Schnäppchen“.

 

 
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Start- und Zielort ist Ix-Xagħra - ausgesprochen Ischaara -, mit gut 4.000 Einwohnern der zweitgrößte Ort der Insel. Ein Idyll ist die Kulisse des Startplatzes auf dem zentralen Hauptplatz zu Füßen der Basilika, lokal bekannt als il-Bambina. Sobald die Sonne die vom  Wind zerzausten Wolken durchdringt, leuchtet im Morgenlicht warm der maltatypisch ockerfarbene Sandstein der Fassaden. Bekannt ist der Ort vor allem wegen seiner megalithischen Überreste, insbesondere der zum Unesco-Welterbe gehörenden 6000 Jahre alten Tempel von Ggantija am Ortsrand, der auch das Logo des Halbmarathons prägt. Am Samstagnachmittag konnte man hier seine Startnummer abholen. Heute stehen die Ruinen allerdings nicht auf dem läuferischen Besuchsprogramm, dafür sieben weitere Dörfer der Insel.

Gefühlsmäßig wie in einem Ameisenhaufen geht es am Morgen auf dem Platz zu, aber dennoch ungemein relaxt. Auf einer Bühne werden schon die blitzenden Pokale präsentiert, der rote Teppich für das Ziel ist ausgerollt, die Medaillen hängen zu Hunderten bereit. Die Straßencafes haben geöffnet, Musik hallt über den Platz. Bis kurz vor dem Start macht niemand Anstalten in Position zu gehen. Erst als der Moderator darauf hinweist, es werde pünktlich gestartet, wird dieses Signal wahrgenommen. Ein überaus lauter Knall um Punkt 8:30 Uhr macht auch dem letzten deutlich: Es geht los. Zumindest für die 21 km-Läufer. Die 10 km-Starter haben noch eine halbe Stunde Schonzeit.

 

Eine Runde - sieben Dörfer

 

Dass Xagħra für Gozo´sche Verhältnisse hoch oben liegt, dürfen wir sogleich nach dem Start spüren. Denn kaum ist die Startlinie überschritten, geht es mit Schwung bergab, wobei man sich schon einmal ausmalen kann, was einen am Ende des Rennens erwartet, wenn es gilt, diese verlorenen Höhenmeter wieder gut zu machen.

Durch Felder und Wiesen, vorbei an meterhohem Schilf und Palmen und windet sich die Straße in nordwestlicher Richtung dem Küstendorf Marsalforn entgegen hinab. Ins Auge fällt die enge Parzellierung der Landschaft mit unzähligen hüft- bis schulterhohen Mauern aus Naturstein. Sie sind ein wesentliches Element des auf dem Archipel betriebenen Trockenfeldbaus und verhindern, dass die Brache in der Trockenzeit wegerodiert.

 

 
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Wunderbar ist das Licht-Schattenspiel, das die Sonne in der Landschaft zaubert. Am Horizont erwartet uns Tas-Salvatur mit weit ausgebreiteten Armen. Die 12 Meter hohe Jesus-Statue thront weithin sichtbar auf einem fast hundert Meter hohen Felskegel oberhalb Marsalforn. Nicht zufällig erinnert sie an das berühmte brasilianische Ebenbild auf dem Corcovado in Rio de Janeiro. Errichtet wurde sie einst, weil die Inselbewohner befürchteten, der Hügel, auf dem sie steht, sei ein inaktiver Vulkan. Mit ihr wollte man Gottvater schlicht „bestechen“, doch bitteschön auch weiterhin Ruhe zu geben. Mittlerweile weiß man allerdings, dass es auf dem gesamten Archipel keine vulkanischen Aktivitäten gibt.

Bevor wir Tas-Salvatur erreichen, macht der Kurs nach knapp zwei Kilometern jedoch einen scharfen Knick nach Süden. Tas-Salvatur blickt in Richtung der Inselhauptstadt Victoria, und die ist auch unser nächstes Zwischenziel. Damit bekommt auch unser Schwung einen Dämpfer: Ab sofort geht es wieder bergan, nicht steil, aber beständig.

 

Victoria

 

Blickfang, bevor wir das Städtchen mit 6.300 Einwohnern erreichen, ist die Cittadella. Weithin sichtbar überragt deren Skyline die Stadt. Bereits seit der Bronzezeit ist der nördlich des Stadtzentrums gelegene Felsen besiedelt. Ein fast kreisrunder, im Mittelalter angelegter Mauerring schützt die Burg auf dem Felsplateau, die, von den Johannitern ausgebaut, ein Dorf im Dorf bildet und vor allem die barocke Kathedrale und den Bischofspalast von Gozo beherbergt. Aus unserer Perspektive prägen allerdings die turmhohen Festungsmauern das Blickfeld. Und das auch kurzzeitig, denn schon tauchen wir, nun kräftig mit den Höhenmetern kämpfend, ein in die City von Victoria. Diesen Namen trägt die Stadt erst seit 1897. Da wurde sie von Rabat, arabisch nichts anderes als „Vorstadt“ bedeutend, zu Ehren Queen Victorias diamantenem Thronjubiläum umbenannt. Gebräuchlich sind heute aber weiterhin beide Namen.

 

 
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Vielleicht weil es Sonntag ist, vielleicht weil es noch morgens ist, vielleicht aber auch, weil es immer so ist: Die Hauptstadt wirkt sehr verschlafen, kaum ein Mensch ist an der Straße. Vorbei ziehen an uns die Sandsteinfassaden hübscher Kirchen und Palazzi mit den maltatypischen flachen, bunten Holzerkern. So richtig in die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen rund um die Kathedrale St. George kommen wir allerdings nicht. Zumindest dort wie auch in der Zitadelle darf man an sonnigen Nachmittagen jedoch durchaus mit reichlich Besucherandrang rechnen.

Für Erfrischung sorgt die erste der etwa alle vier Kilometer eingerichteten Wasserstationen. Das Wasser wird in Form kleiner Flaschen gereicht, was nicht unpraktisch ist, wenn man sich etwas Zeit beim Trinken lassen will. Den anfallenden Plastikmüll blende ich dabei einmal aus. Nach 5 km ist der Ortsrand erreicht. Mit Schwung geht es eine Allee hinunter, direkt dem nur einen Kilometer entfernten Nachbarort Sannat entgegen.

Bekannt ist Sannat insbesondere für seine hohen Klippen, die hier 145 Meter tief senkrecht abstürzen. Vom Ta´Cenk Hotel, fast direkt an den Klippen gelegen, aus habe ich bereits einen nachhaltigen Eindruck von der Dramatik dieser Steilküste bekommen können und freue mich schon jetzt, beim Ultralauf in einer Woche erneut vorbei zu kommen. Ebenso wenig wie die Klippen lernen wir auf unserem Überlandkurs Sannat selbst näher kennen, sondern zweigen am Ortseingang gen Osten ab. Zumindest bei einem Blick zurück offenbart sich aber das Bild eines idyllischen Ortes.

Mehr Aufmerksamkeit erregt jedoch der Blick nach vorne in Richtung unseres nächsten Zwischenziels: Xewkija

 

Sakrale Gigantonomie -  Xewkija

 

Schon von weitem ist das Dorf zu sehen. Nun ja: Nicht wirklich das Dorf, sondern nur eine gigantische Kuppel, die sich 75 Meter hoch über einem entsprechend dimensionierten Baukörper wölbt. Fast wie eine Fata Morgana erscheint mir der über der Landschaft thronende Koloss. Es ist die Rotunde der Church of Saint John the Baptist von Xewkija, die gegenüber den kleinen, wie Spielzeug wirkenden Häuschen des 3.300 Seelen-Dorfs rundum so übermächtig, gewaltig und geradezu unwirklich heraus ragt. Ein fast schon surrealer Anblick – eine der weltgrößten Kirchenkuppeln inmitten der archaischen Hügellandschaft Gozos. Zugleich ist sie ein markantes Beispiel für eine besondere Spezialität Maltas: Selbst kleinste „Nester“ haben riesige Gotteshäuser. Die Rotunde von Mosta drüben auf der Nachbarinsel ist mit einem Durchmesser von 36 Metern sogar noch etwas größer, aber in ihrer äußeren Dominanz längst nicht so beeindruckend wie der Kirchenbau von Xewkija.

 

 
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Durch die schmalen verwinkelten Gassen des Dorfs mit ihren schlichten, fast schon maghrebinisch anmutenden Häuserzeilen würde der Kurs normalerweise direkt  bis zu den Toren der Kirche führen. Wegen Straßenbauarbeiten muss der Streckenverlauf aber heuer modifiziert werden und so führt er distanzwahrend am Ortsrand vorbei. Nichtsdestotrotz ergeben sich auch dabei immer wieder pittoreske Ausblicke in Richtung Kirche, und sei es als Hintergrund für die landestypisch allgegenwärtigen Opuntiengebirge.

 

Von Dorf zu Dorf: Għajnsielem - Qala - Nadur

 

Und weiter geht es gen Osten, immer geradeaus und meist im Flachen durch viel Natur. Die intensiv betriebene Landwirtschaft belegt die Bedeutung Gozos sozusagen als „Kornkammer“ des maltesischen Archipels. Immerhin deckt Gozo damit etwa 60 Prozent des inländischen Bedarfs an Nahrungsmitteln.

Nach 11 km erreichen wir Għajnsielem, in dessen Ortsteil Mġarr sich der wichtigste Hafen der Insel befindet. Hier legen vor allem die Fähren zur Hauptinsel Malta ab. Zum deutlich tiefer gelegenen Hafen kommen wir jedoch nicht, sondern bleiben oben in Għajnsielem und durchstreifen die Gassen des Ortes. Zumindest können wir uns aus der Perspektive der weiterführenden Höhenstraße einen Eindruck von dem schön in die Landschaft eingebetteten Mgarr verschaffen.

 

 
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Mit Qala nach 14 km erreichen wir den östlichsten Streckenpunkt. Von hier ist es nicht weit zur Küstenlinie von Ħondoq ir-Rummien, die für ihre Freiluft-Salinen bekannt ist. Doch stehen auch diese nicht auf dem Laufzettel des Halbmarathons, wohl aber eine Woche später beim Ultra um die Insel. Spaß macht jedoch, die engen verschlungenen Gässchen Qalas zu durchstreifen.

Nicht ganz so konditionsstarken Läufer weniger Spaß bereiten wohl die nächsten beiden Kilometer. Denn die gehen westwärts mit fast latenter Steigung weiter.

Nach 16 km erreichen wir Nadur, eines der großen Dörfer der Insel. Auch dessen Namen ist aus dem Arabischen abgeleitet, und zwar aus dem Begriff für „Ausblick“. Und den hat man in Nadur durchaus, da der Ort auf einer Anhöhe thront. Am höchsten Punkt im Ortszentrum überragt die prächtige Barockbasilika St. Peter und Paul Ort und Land.

Ab hier geht es wieder downhill weiter. In langen Kurven schwingt sich die Straße hinab, weit reicht der Blick über die Insel. Wo immer man auch hinschaut, findet man kleine Orte in die Landschaft eingestreut. Und immer wieder ist es vor allem eine Kirche, die aus allem hervor sticht: Die „Dorfkirche“ von Xewkija.

In einer langen Allee läuft die die Straße im „Tal“ aus. Als ich das 20 km-Schild erspähe, weiß ich: Der Showdown steht bevor – der letzte Kilometer hinauf nach Xagħra. Aber wie so oft, wenn man sich auf das Schlimmste einstellt, ist es auch hier: Alles halb so wild. Aus der Höhe schallt motivierend laute Musik einer Combo zu uns herab und als ich sie schneller als gedacht erreiche weiß ich, es ist (fast) geschafft.

 

 

Finish über den roten Teppich

 

Die finale Gerade führt geradewegs ins Zentrum Xagħras auf den Kirchplatz. Schnell und deutlich nimmt der Zuschauerandrang entlang der Trasse zu und jeder, der schließlich den roten Teppich in Richtung Zielbogen entlang eilt, darf sich auf ein beifallrauschendes Finish freuen.

Eine große, goldglänzende Medaille bekommen wir umgehängt und mit Verpflegungstüte in der Hand sind wir nur Momente später auf dem Kirchplatz, wo sich die Finisher des 21ers und 10ers mit den Zuschauern zum großen After-Race-Come-Together sammeln.

 

 
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Ein besonders stimmungsvoller wie ausgefallener, aber auch herausfordernder Halbmarathon liegt hinter mir, der ideale Einstieg für eine Frühlings-Erholungs- und Sightseeingwoche in Gozo und Malta und die noch idealere Vorbereitung für das „große“ Laufabenteuer am kommenden Samstag: 50 km über Stock und Stein entlang der Küstenlinie um die Insel herum. „Stay tuned“ - Fortsetzung folgt.

 

Informationen: Hellfire Gozo Ultra Trail
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