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06.06.15 - Hochkönigman

Königliche Premiere bei teuflischer Hitze

In Dienten ist die erste von zwei Verpflegungs- und Cut Off-Stellen unseres Marathon Trails. Als ich die Straße überqueren will, kommt gerade eine große Horde von ungefähr 50 Motorrädern, wahrscheinlich aber noch mehr, vorbei. Als einer der Streckenposten sie anhält, damit Läufer die Straße überqueren können, halten zuerst alle an. Im letzten Moment gibt ein Volldepp dann doch wieder Gas und fährt beinahe den Helfer und eine Läuferin um.

Hier gibt es Wasser, Iso, Cola, Salzstangen, Orangen, Bananen, Melonen, Kekse, Kekse und Wurst. 19 Kilometer habe ich nun geschafft, der Abstand zum Zeitlimit ist groß genug. Einige Läufer steigen bei der Verpflegungsstelle eine Treppe hinauf, an der ein Markierungsbändel hängt, gehen den Berg hinauf und kehren erst um, als ihnen klar wird, dass sie nun versehentlich den Läufern des Endurance Trail  entgegen laufen, statt der Straße durch den Ort hinab zu folgen. 

 
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Dann folgt ein langer, bei der Hitze enorm schweißtreibender Aufstieg mit fast 1000 Höhenmetern und nur kurzen Zwischenabstiegen. Bei der Lettelalm auf 1524 m Höhe sitzen drei Mädels und feuern jeden einzelnen Läufer an, der vorbei kommt. Vielen Dank! 

 
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Je höher ich komme, desto schöner wird die Aussicht. Beim Aufstieg zum Klingspitz-Gipfelkreuz (1988 m) werde ich deutlich langsamer. Aber immerhin weicht die Hitze hier Dank der Höhe und der nun starken Quellwolken einer erträglicheren Temperatur. Im Süden sehe ich die Kette der Hohen Tauern. Ankogel, Großglockner und Großvenediger kann man zwar im Dunst nur schlecht erkennen, aber es gefällt mir.

Mit einem Wechsel zwischen gut laufbaren Abschnitten und langsamen Trails geht es auf und ab, immer weiter. Der Untergrund ist zwar gut laufbar, aber man sollte dennoch aufpassen, dass man hier nicht stürzt, denn immer wieder liegt Stacheldraht ehemaliger Weidenzäune mitten auf dem Trail.

Kleine, harmlose Altschneefelder bereiten uns heute keine Probleme. Vor zwei Wochen lag hier oben noch 20 cm tiefer Schnee, ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Die letzten Höhenmeter hinauf zum Hundstein folgen wir einem Fahrweg. Beim Statzerhaus erreichen wir mit 2117 m den höchsten Punkt unserer Route.

Obwohl ich in Dienten meine drei Flaschen auffüllte, ebenso an einem Brunnen auf halber Höhe, sind diese längst wieder leer und ich komme recht dehydriert hier an.  

 
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Eigentlich hatte ich mich auf die Suppe gefreut, die es laut Ausschreibung an dieser Verpflegungsstelle gibt, doch ich erfahre, dass man Suppe nur drinnen beim Wirt bestellen kann. So lange will ich mich hier nicht aufhalten. Daher esse ich nur ganz kurz etwas, fülle meine Flaschen auf und marschiere weiter. Ich fotografiere den Hüttenwirt zum Dank dafür, dass er den Lauf unterstützt, denn so etwas ist nicht selbstverständlich.

Über mir quellen immer mehr Wolken auf, doch es sieht nicht nach unmittelbarer Gewittergefahr aus. Beim Briefing wurde uns ganz klar angekündigt, dass im Falle eines aufziehenden Gewitters niemand ab Statzer Haus weiter über die offenen Berggrate laufen darf und wir in diesem Fall den direkten Abstieg auf einem Fahrweg hinab ins Tal nehmen müssen. Ich habe jetzt noch keine Probleme mit dem Wetter, außerdem über zwei Stunden Vorsprung zum Cut Off, kann also in aller Ruhe weiter laufen. 

 
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Zuerst geht es steil bergab, dann etwas entspannter weiter. Eigentlich wäre die restliche Strecke für mich ein reiner Genusslauf, aber die Hitze des Vormittags hat mir viel Energie geraubt. Alles in allem fühle ich mich aber pudelwohl, weit besser als heute Morgen.

Während das Höhenprofil auf der Karte nun nur noch die 2011 m hohe Schwalbenwand als Gipfel nennt, geht es immer wieder auf kleine Bergrücken hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter. Schon beim Briefing wurden wir vorgewarnt, dass dies noch einmal Kraft kostet. Einige kleine Teiche bringen Abwechslung in die Landschaft. Im Rückblick wirkt der Hundstein ebenso schroff wie vorhin von der anderen Seite. Eigentlich will ich jetzt nirgendwo mehr aufsteigen, dennoch macht mir die Sache Spaß.

Großglockner und andere Gipfel der Hohen Tauern verschwinden allmählich unter den Gewitterwolken. Ab und zu erblicken wir unter uns einen Teil des Zeller See. Hinten bei Kaprun regnet es bereits, aber die dunkle Regenfront zieht wenige Kilometer vor uns vorbei, ohne dass wir selbst nass werden.

Die vielen Höhenmeter unserer heutigen Strecke strengen an, aber bei trockenem Wetter ist dies keine technisch besonders schwere Route. Wer genügend Erfahrung mit Laufen auf Geröll oder über stark verwurzelte Pfade hat, fühlt sich hier nie überfordert. Wenn tagelanger Regen den Boden aufweicht, sieht das kritischer aus.
Endlich! Mit dem 1958 m hohen Brunnkopf erreiche ich den letzten Gipfel für heute. Unter mir sehe ich ein kleines Schneefeld, das man aber auch leicht umgehen kann. Ich laufe drüber! 

 
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Es folgt ein kurzer Abschnitt durch eine urige Karst-Landschaft. Zweimal höre ich weit entfernten Donner. In Richtung Osten ist der Himmel nun sehr dunkel. Dort drüben wollte ich jetzt auf gar keinen Fall auf einem Berg sein. Gleichzeitig wird es hier bei mir nun wieder zunehmend sonnig. 

Noch ein aussichtsreicher, schneller Pfad einen Wiesenhang hinab, dann folgen unterhaltsame Trails durch den Wald. Als der Pfad dann überraschend für kurze Zeit leicht ansteigt, wundere ich mich, doch es geht bald wieder abwärts. Dann kann ich eine Weile auf einem breiten Forstwirtschaftsweg laufen. Eigentlich habe ich mir für solche Strecken einen eher muskelentspannenden Laufstil antrainiert, der sich auf langen Distanzen sehr bewährt, doch so kurz vor dem Ziel gebe ich bald richtig Gas und renne in meinem besten Tempo hinab. Vor allem der Durst treibt mich an, denn den letzten Schluck Wasser habe ich schon oben an der Schwalbenwand getrunken.

Als ich am unteren Waldrand einen Brunnen sehe, ist das die Rettung. Nun geht es auf einer Asphaltstraße über Wiesen hinab, ebenfalls ideal für einen vermeintlichen Schluss-Sprint. Die Aussicht auf das nicht mehr weit entfernte Maria Alm beflügelt mich.

Es scheint, als sei ich nun bald am Ziel, doch wird der Sprint doch noch einmal von einem kurzen Aufstieg gebremst. Endlich geht es steil über eine Wiese hinab. Dann steige ich einen kurzen Trail mit Treppenstufen durch den Wald hinunter. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man dieses kurze Wegstück bei stockdunkler Nacht ohne Stirnlampe bewältigen soll. Lampen zählen beim Marathon Trail nicht zur Pflichtausrüstung, aber der offizielle Zielschluss ist um 22 Uhr und da ist es bereits dunkel ist. Die letzten  lMarathon Trailer erleben hier eventuell eine düstere Überraschung.

Zuletzt laufe ich auf der Hauptstraße mitten durch den Ort. Auf den Terrassen der Cafés und Restaurants sitzen viele Läufer, die lange vor mir das Ziel erreicht haben, und applaudieren jetzt jedem, der vorbei kommt. Selbst drei Stunden nach mir wird hier noch jeder Finisher mit Applaus begrüßt.

Schon an der Kurve, bevor wir in Richtung Ziel abbiegen müssen, steht jemand, der die Startnummern zum Moderator an der Ziellinie weiterleitet, so dass dieser uns bei der Ankunft mit Namen begrüßen kann.

Ich erreiche das Ziel als 75. von 89 Finishern in 10:52 Stunden, also mehr als drei Stunden vor dem offiziellen Zeitlimit. Gewittergefahr wirkt also sehr beschleunigend.
Mein erster Gang führt mich zum Stand mit meiner bevorzugten Zielverpflegung. Der nette Helfer dort wäre heute gerne selbst mitgelaufen, wenn er sich nicht um das Bier kümmern müsste.

Während ich auf einer Bank vor der Bühne sitze, kommt eine originelle Durchsage: Auf der Schwalbenwand wurde ein Ehering gefunden. Sichtlich erleichtert, dass familiärer Ärger vermieden werden kann,  nimmt ein Läufer gleich das Fundstück in Empfang.

Um 20 Uhr folgt die gut moderierte Siegerehrung, zum Glück ohne Altersklassenwertung. Zuerst dürfen die Verantwortlichen für diese Veranstaltung auf die Bühne, im roten Shirt der Organisator Thomas Bosnjak. Dann folgen die Sieger der heutigen drei Distanzen.

Das sind:

Endurance Trail

Frauen

1.Jeanette Odermatt,
2. Margit Hirtzy,
3. Nicole Pfaue

Männer

1. Demeter Dick,
2. Róbert Zenyik,
3. Dominik Aichinger,

Marathon Trail

Frauen

1. Sibylle Schild,
2. Anja Reinhart,
3. Johanna Simmer

Männer

1. Simon Steiner,
2. Andreas Tockner,
3. Volker Sauerzapf,

Speed Trail

Frauen

1. Sandra Kolbmüller,
2. Cäcilia Schreyer,
3. Laetitia Pibis

Männer

1. Armin Höfl,
2. Thomas Farbmacher,
3. Markus Rothberger.

Insgesamt gibt es beim Endurance Trail 64 Finisher, beim Marathon Trail 107 Finisher und beim Speed Trail 124 Finisher.

Zum Zeitpunkt der Siegerehrung sind viele Teilnehmer noch auf der Strecke, darunter auch die Drittplatzierte des Endurance Trail, die den Gang auf das Treppchen daher verpasst.

Überraschend stehen trotz der üblen Hitze relativ wenige DNF in der Ergebnisliste. Inzwischen hat über uns eine große Light-Show begonnen. Hinter dem Berg muss ein heftiges Gewitter sein, der Schein der Blitze beleuchtet immer öfter den Himmel. Nach der Siegerehrung spielt eine Rockband, pünktlich zum letzten Lied rollt Donner über das Tal.

Noch nie war mein Weg vom Ziel zur Unterkunft so kurz: die preiswerte Pension Niederreiter liegt fast genau auf der anderen Straßenseite. Erst am nächsten Tag erfahre ich, welch riesengroßes Glück wir mit dem Wetter hatten. Im Großraum Innsbruck sorgten Erdrutsche nach schweren Unwettern dafür, dass Ortschaften von der Außenwelt abgeschnitten waren, auch im nahegelegen Raum Salzburg und Pinzgau liefen bei Unwettern viele Keller voll. 

Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Bus zum Arthurhaus und wandere den Endurance Trail Streckenabschnitt von dort bis zur Pureggalm entgegen der Laufrichtung. Im Gegensatz zur restlichen, aussichtsreichen Route führt dieser Abschnitt direkt am Fuß des Hochkönig entlang und zeigt ganz andere Reize. 

 
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Am Montagmorgen laufe ich noch die letzten 10 km der Speed Trail Strecke, auch dies eine Route, die ganz andere Eindrücke bietet, als die anderen Strecken. Und zum Abschluss zeige ich Euch noch ein paar Fotos vom sehr unterhaltsamen Hindernis Open Run am Freitagabend. 

 
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Lieber Trail-Dealer, Deine neue Droge hat mir gut gefallen. Am Anfang führte sie zwar heute zu heftigen Hitzewallungen, aber insgesamt sorgte sie bei mir für 9 Stunden gute Laune. Wenn ich wieder nach Maria Alm komme, dann werde ich die volle 86 km Dröhnung nehmen.

 

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