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09.09.12 - Jungfrau-Marathon

Der Jungfrau Marathon und ich

Autor: Klaus Duwe

Der ziemlich breite Forstweg hinauf zu Mettlenalp und weiter zum Wixi ist nicht sonderlich steil, aber Laufen ist nicht mehr. Nur noch Marschieren, Schauen, Staunen. Grün, weiß und blau, das sind die Farben des Paradieses. Grün wie die Wiesen, weiß wie die Berge und blau wie der Himmel.  Ich bin im Paradies.

Zuerst ist es die Jungfrau (4158 m), die ihre mächtigen, von Schnee und Eis gekrönten Felswände zeigt. Deutlich ist an den abgeschliffenen Felsen zu erkennen wie weit herunter einmal die Gletscher reichten.  Bald zeigt sich auch die Pyramide des Mönch (4107  m) und schließlich der Eiger (3970 m), mit seiner fast senkrecht abfallenden 1650 m hohen Nordwand. Hier hat der Mensch die richtige Größe, ist klein und unwichtig.

 
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Apropos unwichtig. Beim Wixi ist Endstation für alle, die nach 14.35 Uhr eintreffen. Ich bin 84 Sekunden über der Zeit.  Aber an der Messmatte ist keine Hektik. Der Schlussläufer schaut untätig zu, wie die Läuferinnen und Läufer die Kontrolle passieren, um trotz Zeitüberschreitung den letzten Abschnitt in Angriff zu nehmen. Ein Jubiläumsgeschenk des Veranstalters, das ich gerne annehme. Denn die Moräne ist die Krönung. Ohne Moräne kein Jungfrau Marathon.  Die Ersatzstrecke ab hier wurde bisher nur einmal gelaufen. Ausgerechnet bei der Premiere war die Moräne nicht passierbar.

Ich lichte noch geschwind den Schlussläufer ab, „in der Hoffnung, dass ich Dich heute nicht mehr sehe“ und bin dann weg. Ab Wixi gibt es hinauf zur Moräne zwei Wege, die auch jetzt noch, wo das Feld doch ziemlich ausgedünnt ist, zur Entlastung der Strecke genutzt werden. Ich werde auf den ursprünglichen Kurs geschickt, der auf felsigem Weg zunächst noch fast eben und dann steil durch den Steineggwald führt. Im Gänsemarsch geht es voran, das Tempo bestimmt meistens die Vorderfrau, manchmal der Vordermann.  Was der Traumkulisse noch fehlt, folgt am Haaregg (2000 m): Die passende musikalische Untermalung. Sieben Alphornbläser übernehmen diesen Job, zwei Fahnenschwenker sorgen für die Farbtupfer. Mein Gott, wie kitschig, wie schön, wie großartig. Ich bedauere jeden, der es hierher nicht schafft.

Per Heli hat man Wasser und Cola eingeflogen, zwei weitere Getränkestellen folgen noch. Es gibt Leute, die rümpfen Nase, wenn sie das Startgeld sehen.  Ein Schnäppchen ist der Jungfrau Marathon sicher nicht. Aber teuer ist er auch nicht, wenn man die Gegenleistung fair dagegen rechnet. 2750 Helferinnen und Helfer sind zwei Tage unermüdlich im Einsatz. Alleine was hier auf der Moräne in unwegsamem Gelände geleistet wird, ist unglaublich. Schreit ein krampfgeplagter Läufer auf, kommt gleich ein Physio angerannt, um zu helfen.

 
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Schritt für Schritt, Arme in den Hüften, der Oberkörper weit nach vorne gebeugt, so arbeitet man sich nach oben. Der Schweiß fließt in Strömen.  Es wird nicht gesprochen. Hört man die Alphörner nicht, ist es absolut still. Erst die Klänge der Mountain-Pipers unterbrechen dann wieder die Ruhe. Sie tun gut. zigtausenden Marathonis  signalisierten sie: Es ist nicht mehr weit. Dort wo, Roman Käslin („das Original“) immer stand, bis er 2010 starb, tut jetzt Seppli Rast Dienst. Auf dem Felsen neben ihm wird auf einer Tafel Franziska Rochat-Moser  gedacht, die den Jungfrau-, NY- und Frankfurt-Marathon gewann. 2002 kam sie bei einem Lawinenunglück ums Leben.

Der höchste Punkt (2205 m) ist erreicht. Bis zum Übergang Loucherflue  ist es fast eben.  Traditionell wird man hier zuerst mit Schokolade gefüttert und dann über die drei happige Felsen geleitet. Gerade wurde noch mühsam die Moräne erklommen – jetzt wird gerannt. Unten sieht man leuchtend blau den Fallboden-Speichersee, hat ihn auch gleich erreicht, hat vielleicht noch einen Blick auf die mächtige Eiger-Nordwand und das  sich im See spiegelnde Schreckhorn, und dann sieht man plötzlich nur eines: Das Ziel auf der Kleinen Scheidegg.

 
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Wer nicht spurten will, kann auf den letzten abschüssigen 400 Metern  vor den  immer noch zahlreichen Zuschauern zumindest mit einem lockeren Zieleinlauf glänzen.

Medaillengeschmückt und mit Getränken erstversorgt, tauscht man den Chip gegen einen großvolumigen Rucksack ein. Das  toll gestylte Shirt hat man diesmal schon vor dem Lauf erhalten. Der Verpflegungsbereich ist üppig bestückt. Duschen gibt es auch. Ob sie warm sind, weiß ich nicht. Ich habe mich später original verschwitzt in die Bahn gedrückt.

Viele Veranstalter in der Schweiz werden aufatmen, dass der Veranstalter des Jungfrau Marathon dem Lockruf des Geldes wiedersteht und dem Wunsch der Teilnehmer nicht entspricht, nächstes Jahr den Lauf wieder  an zwei Tagen zu veranstalten. Erst in 5 Jahren, wenn wieder Jubiläum ist, gibt es wieder zwei.

Es ist schon sehr wahrscheinlich, dass der Jungfrau Marathon  mit seinen 8000 Startern dieses Jahre anderen Veranstaltungen Teilnehmer gekostet hat.  Es mag sie trösten, dass die gleiche Veranstaltung wie keine andere weltweit Werbung macht für die Schweiz und für den Laufsport in den Bergen. Und davon profitieren alle. Der Jungfrau Marathon mit allen Leuten, die davor und dahinter stehen, ist das Beste, was unserem Sport passieren kann. 

Jetzt muss ich Euch noch eine weltmeisterlich Geschichte erzählen. Dazu muss ich zurück zum letztjährigen Jungfrau Marathon. Den hat bekanntlich der Österreicher Markus Hohenwarter gewonnen. Betreut hat ihn seine Freundin Sabine Reiner, ebenfalls eine sehr gute Läuferin. Sie war von der Kulisse so begeistert, dass sie sich in den Kopf setzte, nächstes (also dieses) Jahr selber mitzulaufen. Das Problem: Bis dahin war sie noch keinen Marathon gelaufen. Das holte sie ein paar Wochen dann aber beim 3-Länder-Marathon in Bregenz nach und wurde dabei gleich Österreichische Vizemeisterin (ihr Freund  Markus Staatsmeister).

 

Informationen: Jungfrau-Marathon
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