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10.09.11 - Jungfrau-Marathon

Mit Hängen aber ohne Würgen

Autor: Klaus Duwe

Für unsereiner heißt es „Gas geben“ bis Lauterbrunnen, danach kann man kaum noch Zeit gutmachen. Vor allem dann nicht, wenn es warm ist – so wie heute. Toll, wenn in einer solchen Situation die neue Kamera, das unbekannte Wesen, spinnt. Irgendwie habe ich versehentlich den Selbstauslöser aktiviert und kriege ihn nicht mehr aus. Gebrauchsanweisung habe ich natürlich nicht dabei und das Display kann ich in der Sonne nicht ablesen. Bei jedem Motiv 10 Sekunden auf den Auslöser warten? Unmöglich. In Bönigen, herrlich gelegen am Brienzer See, gelingen mir gerade mal zwei Schnappschüsse, die Burschen mit den riesigen Kuhglocken, die gar keine Glocken sondern Treicheln sind, bringe ich nur einmal auf den Chip. Die Leute denken, der Kerl im orangenen Shirt spinnt. Statt auf den Weg zu schauen, fummelt er an seiner Kamera rum. Einer fragt mich, ob ich auch dazu gehöre.

 
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Im Schatten des nächsten Baumes bleibe ich stehen, um die Einstellung zu korrigieren. Es gelingt. Zuvor habe ich jedoch mit meiner Fummelei eine andere Änderung im Programm vorgenommen, die die Qualität der Bilder extrem beeinträchtigt. Das allerdings stelle ich erst am Abend fest, als ich die Fotos auf dem Bildschirm sehe. Anfängerfehler, tut mir leid.

Entlang dem Flüsschen Lütschine laufen wir Richtung Wilderswil (585 m – 10 km). Nach der alten Holzbrücke kommt die erste nennenswerte Steigung. Vor den vielen Zuschauern will keiner Schwäche zeigen. Mit Schwung und fetziger Guggenmusik wird der Hang genommen. Bis Gsteigweiler und Zweilütschinen (652 m – km 15)  geht es ohne Schwierigkeiten weiter. Der Ort kommt zu dem Namen, weil hier die Schwarze Lütschine (kommt aus Grindelwald) und die Weiße Lütschine (kommt aus dem Lauterbrunnental) zusammenfließen.

Die Stimmung in den Orten ist wie ich sie in Erinnerung habe: phantastisch, einmalig und nur mit den großen Citymarathons zu vergleichen. Lauterbrunnen (810 m – 19/25 km) ist der vorläufige Höhepunkt. Der Mix aus Glockengeläut, Guggen- und Blasmusik, Gekreische, Rufen und Applaus begleitet uns durch den ganzen Ort. Das Marathondorf steht Kopf. Du musst laufen, laufen, laufen. Die Zuschauer kennen keine Gnade. Dabei haben hier hinten im Feld bereits einige überreizt. Ich denke, da wird es heute noch viele Enttäuschungen geben. Auch bei mir wird das Zeitlimit erstmals ein Thema. Oder haben die Organisatoren ihrem Rat („Trinken, trinken“) vergessen den Hinweis anzufügen, dass man die Cut-off-Zeiten verlängert hat? Darauf spekuliere ich lieber nicht.

 
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Am Ortsausgang am Campingplatz wird die Halbdistanz erreicht und gleichzeitig beginnt eine ungefähr 5 Kilometer lange Schleife um den Ort, auf der man noch einmal tüchtig Tempo machen kann oder könnte. Je nach dem. Die Ausblicke auf den Wasserfall und die Berge sind fantastisch. So richtig genießen kann ich sie nicht.

Nach langer, langer Zeit treffe ich mal wieder Rainer Satzinger. Schnell war er noch nie, aber schon immer extrem ausdauernd. Meine Bedenken wegen des Zeitlimits teilt er nicht. Knapp? Vielleicht. Zu knapp? Never! Ich gebe jedenfalls auf der abschüssigen Verkehrsstraße zurück nach Lauterbrunnen Gas, bis dann kurz vor km 26 für mich aus dem Lauf endgültig ein Marsch wird. Bevor es durch den Wengwald in 26 Kehren steil hinauf  in den Wintersportort Wengen (1.284 – 30 km) geht, gibt es noch einmal reichlich Verpflegung.

Alle  250 Meter wird jetzt die Distanz angezeigt. Unglaublich, wie lange 250 Meter sind. Vier Schilder sind ein Kilometer. Ich werde zur Schnecke. Teilweise geht es entlang der Wengernalmbahn, die die einzige Verkehrsverbindung zu dem autofreien Ort ist. An fast jeder Kehre stehen Kinder mit Kuhglocken. Es ist pausenlos am Bimmeln. Mancher Läufer entzieht sich der Hatz und macht ein Päuschen im Schatten. Andere hängen über dem Geländer und übergeben sich. Rainer hat meinen Vorsprung wettgemacht und zieht an mir vorbei. Ein Gutes hat dieser Streckenabschnitt: Er liegt im Schatten.

 
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Bei km 28 liegt die extreme Steigung hinter uns, aber auch der Wald. Sofort spürt man die Hitze. In meinen Muskeln kündigen sich Krämpfe an. Eine Massage wäre jetzt gut und wird auch gerade zur rechten Zeit angeboten. Danach bin ich bestimmt wieder fit, aber mit Sicherheit nicht mehr in der Zeit. Also weiter. Wird schon gutgehen.

Verrückt, was sich in Wengen abspielt. Jedes Jahr denken sich die Leute einen anderen Straßenschmuck aus. Dieses Jahr hängen die Finisher-Shirts der 18 vergangen Jungfrau-Marathons über der Straße. Auch jetzt sind noch sehr viele Zuschauer an der Strecke, man wird gefeiert wie ein  heimkehrender Olympiasieger.  Das Laufen tut gut, entspannt die vom Aufstieg strapazierten Muskeln, dauert nur nicht lange, dann ist die kleine Schleife um den bekannten Skiort beendet und hinauf über Allmend zur Wengernalm wird wieder marschiert.

Der breite aber steile Weg quert die Piste des weltberühmten Lauberhornrennens. Dann kommen die weißen Zacken der Jungfrau ins Blickfeld. Vor genau 200 Jahren,  1811 wurde der 4158 m hohe Berg von Johann Rudolph und Hieronymus Meyer erstmals bestiegen. Viel später erst, 1857, gelang die Erstbesteigung des Mönch durch Christian Almer aus Grindelwald, der auch mit dem Matterhornbezwinger Edward Whymper unterwegs war. Ein Jahr später stand er als erster Mensch auch auf dem Eiger (3970 m).

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