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11.08.18 - 100 Meilen Berlin

Gegen das Vergessen

Jörg Hartmann lebte mit seinen Geschwistern bei der Oma in Ost-Berlin; sein Vater allerdings in West Berlin. Das ging damals vielen so, von heute auf morgen trennte „die Mauer“ selbst engste Familienangehörige. Irgendwie kamen er und sein Freund Lothar Schleusener auf die Idee, durch ein Rohr unter den Sperranlagen hindurch kriechen zu wollen. Am 14. März 1966 war es dann soweit: In der Kleingartenkolonie „Sorgenfrei“ im Norden von Treptow schlichen sich die Kinder in der Abenddämmerung zum Einstieg. Die Grenzsoldaten sahen die Schatten und eröffneten das Feuer. Jörg war sofort tot, sein Freund wurde so schwer verletzt, dass er später im Krankenhaus verstarb.

Jörg Hartmann wurde 10 Jahre alt, Lothar Schleusener wurde 13 Jahre alt.

Als man merkte, dass bei dem Vorfall Kinder ums Leben kamen, - Schüsse auf Minderjährige waren auch an der DDR-Grenze verboten - wurden die Leichen ohne Namen eingeäschert und den Eltern, bzw. der Großmutter vorgegaukelt, dass die Kinder bei einem Unfall gestorben wären. Bis heute gibt es für die beiden keine Gräber.

Auf Betreiben der Bezirksverordnetenversammlung Treptow wurde 1999 in Erinnerung an die 15 Menschen, die im Bezirk Treptow an der Berliner Mauer ums Leben kamen, ein Denkmal errichtet. Das von den Bildhauern Rüdiger Roehl und Jan Skuin geschaffene Mahnmal wurde in Höhe der Kiefholzstraße 333 an jener Stelle aufgestellt, an der Jörg und Lothar erschossen wurden. Die Tafel am Fuße des Mahnmals trägt die Inschrift:

„In Treptow starben fünfzehn Menschen an der Berliner Mauer. Unter den Opfern waren 2 Kinder. Jörg Hartmann, 10 Jahre alt und Lothar Schleusener, 13 Jahre alt, erschossen am 14.3.1966.“

Jörg Hartmann war das jüngste der mindestens 140 Opfer, die an der Deutsch-Deutschen Grenze getötet wurden. Vermutlich waren viele von ihnen mit ihren Eltern zusammen, aber wie das Beispiel von Jörg Hartmann zeigt, eben auch welche, die aus eigenem Antrieb diese Grenze nicht akzeptieren wollten.

Seit 2011 erinnert der Mauerweglauf (100MeilenBerlin) an die Opfer. Die Strecke verläuft größtenteils auf dem Mauerweg, der entlang der ehemaligen Grenzanlagen gebaut wurde. Jedes Jahr steht ein anderes Opfer im Vordergrund der Veranstaltung. Der Mauerweglauf 2018 erinnert an die getöteten Kinder und speziell an Jörg Hartmann. Die Läufer werden in der Ausschreibung gebeten, ein Spielzeug zu spenden und dies während des Laufs am Mahnmal in Treptow niederzulegen. Am Ende des Laufs werden die Spielsachen an die Johanniter übergeben, die sicher eine passende Verwendung dafür haben.

Norbert und ich sind zum dritten Mal dabei und werden dieses Mal nicht zusammen laufen. Dafür haben sich unsere ältesten Kinder Markus und Laura als Radbegleitung zur Verfügung gestellt. Ich hoffe, dass vor allem Markus neue Eindrücke gewinnen wird, denn er ist 1989 im Jahr des Mauerfalls geboren.

 

 
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Am Freitag ist Startnummernausgabe, Briefing und Pasta Party im Congresszentrum des H4 Hotels. Diese sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Selten genug speist man im 4Sternehotel mit Salat, Obst und Nachtisch, für Läufer und Radbegleiter im Startgeld enthalten. Außerdem ist es der geniale Treff für die Läufer.

Für uns ist dies ein besonderes Glück. Unsere Freunde Marion und Jochen stellen uns spontan ihre Fahrräder zur Verfügung, eine große Erleichterung für unsere Radbegleiter. Vielen Dank nochmal!!!

Nach einem unspektakulären Start um 6 Uhr geht es zunächst quer durch die Stadt. In der Bernauer Straße kann man einen Blick auf die für das Mauermuseum aufbereiteten Reste der Anlagen werfen. Kurz vor dem neuen Hauptbahnhof erreichen wir den Berlin-Spanndauer Schifffahrtskanal. Diesem folgen wir unter der Gleisbrücke hindurch in den Humboldhafen. Wir laufen am Kapelle Ufer und dem Schiffbauerdamm an der Spree entlang. Herrliche Morgenstimmung und Ruhe liegt in der Luft. Der Reichstag grüßt von der anderen Uferseite.

 

 
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Von der Marschallbrücke herunter können wir den hinteren Läufer zuwinken. Das Feld ist bereits weit auseinandergezogen. Anschließend geht es die Wilhelmstraße entlang. Fast hätten wir das Brandenburger Tor rechter Hand übersehen. Gut, dass die Fußgängerampel gerade rot ist. Das ist übrigens kein Witz. Die Straßenverkehrsordnung muss bei diesem Lauf strikt eingehalten werden. Es wurden bereits Läufer wegen Missachtung einer roten Ampel oder dem Verbot von Ohrhörern im Stadtgebiet disqualifiziert.

Für mich ist das Asisi Panometer bei km 8 ein erstes Highlight an der Strecke. Hier hat der Maler Yodegar Asisi in einem ehemaligen Gasometer ein mehrere Meter hohes rundes Kunstwerk geschaffen, das die Berliner Mauer samt Grenzanlagen nahezu in Originalgröße zeigt. Zu den Klängen von Pink Floyds „another brick in the wall“ dürfen wir hinein und eine kleine Runde drehen.

Auf der anderen Seite erwartet uns die erste VP am bekannten Grenzübergang Checkpoint Charlie. Ohne die vielen Touristen, die sich hier normalerweise drängen, ist der Checkpoint Charlie ziemlich unspektakulär.

Es geht an der roten Backsteinfassade der St. Michael Kirche vorbei über die Spree. Der Fernsehturm am Alexanderplatz dient als Orientierung. Bei km 12 geht es für 1,5 km an der East Side Galery entlang. Dazwischen werden wir von den Helfern der 2. VP versorgt.

Die markante, 1896 aus roten Backstein gebaute und mit vielen Türmchen verzierte Oberbaumbrücke von Friedrichshain nach Kreuzberg über die Spree, ist nur von weitem ein Hingucker: Im Überdachten Wandelgang hausen Menschen, denen es augenscheinlich nicht so gut geht. Es stinkt bestialisch. Über die Brücke führt nicht nur der Straßenverkehr, sondern auch Berlins älteste U-Bahn-Linie. Das Tragwerk für die Gleise im Hochparterre wurde architektonisch verkleidet und mit mittelalterlich anmutendem Schmuck versehen.

Ab km 14 geht es idyllisch am Landwehrkanal entlang. Durch weitläufige Kleingartenanlagen hindurch erreichen wir bei km 18 das Mahnmal für Jörg Hartmann. Auf einem großen Tisch liegen die gespendeten Spielsachen bereit. Ich lege meines auf den großen Berg von Stofftieren, der sich bereits zu Füßen des massiven Stahlmonuments befindet. Mit anderen Läufern halte ich einen Moment inne. Ein bewegender Augenblick. Die nächsten Kilometer verbringe ich im Gedenken an die Maueropfer und deren Familien, die nur in Freiheit leben wollten, wie es für uns heute selbstverständlich ist.

 

 
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Beim Mauerweglauf gibt es 26 Verpflegungsstellen, die diesen Namen auch allesamt verdienen. Die Abstände sind mit maximal 8 Kilometern bei den heutigen Bedingungen gut auch ohne zusätzliche Eigenverpflegung zu bewältigen. Es soll höchstens 20 °C geben und Wolken verhindern, dass die Sonne uns quält. Ich habe natürlich trotzdem meine Gels und Riegel dabei. Außerdem eine Rettungsdecke und ein Regencape für alle Fälle. Später werde ich auch noch eine Flasche Wasser mitführen.

Außerdem haben wir noch 3 dropbags an die Wechselstellen unterwegs abgegeben. Bisher läuft es gut. Bei km 21 auf Höhe einer großen bekannten Kaffeerösterei biegen wir auf den Radweg am Britzer Verbindungskanal ein. Hier steht das Mahnmal für Chris Gueffroy, dem letzten Maueropfer, zu dessen Gedenken der erste Mauerweglauf 2011 ausgetragen wurde. Seine Mutter Karin Gueffroy überreicht seit dem die Medaillen.

Hinter km 22 unterqueren wir die A113 und biegen nach links auf den Radweg am Kanal ein. Die VP 4 unterbricht die Monotonie der schnurgeraden Strecke am Treptow Kanal entlang. Endlich geht es über die Straße. „Achtung, Ampel ist rot“, dann über die Teltower Brücke über den Kanal. Hier gibt es eine Streckenänderung zu den Vorjahren: Richtung Schönefeld und auf eine Erhebung namens Dörferblick. Oben haben wir eine schöne Aussicht über Berlin, die meisten Läufer sind aber nur wegen der Zeitmessung hier.

Beim Mauerweglauf wird die Laufzeit anhand eines Transponders gemessen, den die Läufer am Handgelenk tragen. An jeder VP steht eine Messtation, so dass die Durchgangszeit sofort erfasst wird. So kann jeder live getrackt werden.

Die VP 6 Buckow bei km 39 kenne ich dann wieder aus den Vorjahren. Von hier geht es auf einen wunderbaren Single Trail. Das Gebiet heißt Mosers Busch, Priesterland und Langer Grund – das sagt ja wohl alles. Hier treffe ich Ian aus Australien. Wir teilen die Vorliebe für „rough“ Trails und sind schnell im Gespräch. Auch als uns die Straße wieder hat, wollen wir uns nicht trennen. Irgendwann hab ich ihn dann aber doch verloren, allein bin ich trotzdem nicht. Immer sind Läufer vor und hinter mir zu sehen.

 

 
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Nach der VP 7 geht es für 7 km auf einer Allee aus Birken und anderen Laubbäumen entlang. Die Helfer bei VP 8 sind dieselben wie an der ersten VP. Asiatische Trommeln und viel Applaus feuern uns an. Die „Kirschblütenallee“ bringt uns in den Stadtteil Seefeld, wo eine Privatpersonen Getränke für die Läufer bereit halten. Es ist momentan recht warm und daher eine willkommene Erfrischung.

Die nächste VP kommt bei km 59,3 und ist gleichzeitig erster Wechselpunkt für die Staffeln. Dort sind auch die Dropbags hinterlegt, cutoff ist um 16Uhr30. Die Uhr zeigt noch nicht einmal 14Uhr; also kein Problem für mich. Ich wechsle Schuhe und fülle meinen Gelvorrat auf. An der Damen-Toilette warten etliche Läuferinnen. Da es ja an jeder VP ein Dixi gibt, schenke ich mir das Anstehen.

Es geht die Straße hinunter. Dort unten erkenne ich bekannte Gesichter: Conny und Karl haben vor drei Jahren während des Mauerweglaufs standesamtlich geheiratet und sind heute als Helfer dabei. Wir wechseln nette Worte, dann muss ich aber weiter. Der Teltowkanal ist hier nicht begradigt und fließt im großen Bogen durch scheinbar unberührte Natur. Rechts geht es durch Zehlendorf, mal zwischen Häusern, mal durchs Grüne.

Die VP Königsweg (km 65,2) liegt in einem Wäldchen und hat ein überdimensionales Willkommens-Banner über die Straße gespannt. Mit einem Becher Kaffee und belegtem Brot mache ich es mir kurz auf einem der Gartenstühle bequem. Hier lässt es sich aushalten. Etwas weiter kommen wir in einen richtigen Wald mit geschottertem Weg. Einem aufgemalten Hinweis entnehmen wir, dass es nun 5 km geradeaus gehen wird. Und so ist es auch.

Es ist leicht wellig, tendenziell bergab, kurze Unterbrechung wegen der Brücke über die Autobahn mit Blick auf den alten Grenzübergang, dann weiter. Wir erreichen den äußersten Zipfel von Potsdam mit der VP an der Gedenkstätte Griebnitzsee bei km 72. Weiter geht es durch Babelsberg, einem gepflegten Vorort von Potsdam mit prachtvollen Villen und gepflegten Vorgärten. Ein Schild weist auf Schloss Babelsberg. Es geht bergab. Touristen in Mengen und die Straßen sind eng.

Es wird wieder ruhig. Ein einzelner Mann verteilt alkoholfreies, eisgekühltes Bier aus seinem Kofferraum an die Läufer. Super nett! Wir erreichen die Glienicker Brücke, die Potsdam über die Havel hinweg mit Berlin verbindet. Die Grenze verlief hier genau in der Mitte. Ich möchte gerne ein Bild von der Hinweistafel auf dem Boden machen. Leider steht genau dort eine Gruppe von Touristen. Ich hab jetzt ein Foto mit Hinweistafel und vielen Füßen. Die Brücke ist bekannt dafür, dass hier während des kalten Krieges Spione von Ost und West ausgetauscht wurden.

 

 
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Auf der anderen Seite der Brücke geht es hinunter. Wir kommen in den „Neuen Garten“ von Schloss Cecilienhof. Im historischen Schloss wurde im August 1945 das Potsdamer Abkommen geschlossen. Die 4 Siegermächte des zweiten Weltkriegs beschlossen die Vierteilung Deutschlands und die Regierung durch den Alliierten Kontrollrat.

Ein wunderbar blauer Havelsee, der eigentlich der Sacrow-Paretzer Kanal ist, liegt zu unseren Füßen. Entgegenkommende Spaziergänger feuern uns an. Die VP 12 bei km 79 liegt beim Brauhaus Meierei. Hier wird braufrisches, kühles Bier gezapft. Zeit für eine kleine Pause.

Es geht weiter am Jungfernsee, bei km 82 über die Nöditzer Südbrücke und bis Krampnitz auf dem Radweg an der B2 entlang. Bei der dortigen Revierförsterei befindet sich die VP 13 (km 85). Wir laufen auf der schmalen, wenig befahrenen Straße nach Sacrow zunächst bergauf und dann bergab im Wald. Endlich dürfen wir auf einen Waldweg abbiegen. Hier geht es tendenziell etwas bergauf bis wir den Eingang zum Schlosspark Sacrow erreichen. Das weitläufige Gelände ist weniger ein Park, als ein Naturschutzgebiet. Der breite Sacrow-Paretzer Kanal auf dessen anderem Ufer wir vorhin unterwegs waren, passt hier gut in die Landschaft.

Auf der Rückseite des kleinen Schlösschens ist die große VP (km 91,2) mit Staffelwechselpunkt 2 aufgebaut. Hier gibt es die zweiten Dropbags, wo die meisten Läufer ihre Lampen und Warnwesten aufbewahrt haben. Auch ich rüste auf: eine dünne Jacke ist bereits angebracht, denn unter den Bäumen wird es nun merklich kühler und auch schon dunkler. Die Reflektionsweste kommt über den Rucksack und die Stirnlampe hänge ich vorerst nur um den Hals.

Noch nicht ganz 20 Uhr, der Cutoff um 22 Uhr 30 weit weg. Ich verpflege mich noch einmal, bevor es weiter auf die Kladower Straße geht. Nach 2 km führt die Strecke links in den Wald. Ich bin gespannt, wann ich unseren Sohn Markus, meinen Radbegleiter, treffe. Wir haben uns für diesen Streckenabschnitt verabredet. Und da kommt er auch schon. Das hat ja mal gut geklappt.

Es geht bergab und ich lasse es laufen. In Groß Glienicke machen wir unsere Lampen bereit, weil es allmählich richtig dunkel wird. Eine rote Ampel hemmt unseren Schritt, aber gleich geht es weiter. Ein Schild kündigt die nächste VP bei Pagel & Friends an. Hier sind außer den Läufern auch Freunde, Nachbarn und eigentlich  jeder willkommen. Wir werden mit  Musik begrüßt und anhand unserer Startnummern auch persönlich angesagt. Fast 100 km sind geschafft.

Zu unserem Erstaunen ist der Biervorrat bereits erschöpft. Das hat es ja noch nie gegeben! So bleiben Markus und ich bei Suppe und Kaffee. Gerade als wir aufbrechen wollen, kommt die Läuferin, die wir schon vorhin getroffen hatten und fragt, ob sie uns ein Stück begleiten kann. Wir haben natürlich nichts dagegen.

Dunkelheit ist für mich eine Herausforderung, denn ich werde unsicher und komme nicht vernünftig voran. Gut, dass der Radweg hier ganz gut zu laufen ist. Mit Andrea, unserer neuen Begleitung, haben Markus und ich eine nette Gesellschaft gefunden. Während wir so erzählen, vergeht die Zeit wie im Flug. Was man allerdings nicht von den Kilometern sagen kann. Wir sind momentan im guten 12er Schnitt (min/km) unterwegs, brauchen daher für 5 km fast eine Stunde. Die lange Etappe zwischen Schönwalde (km 116) und Grenzturm Nieder Neuendorf (km 124) nimmt fast kein Ende.

Endlich haben wir die letzte große Wechselzone beim Ruderclub Oberhavel bei km 127 erreicht. Vom Cutoff um 5 Uhr 45 sind wir noch weit entfernt. Ich wechsle nochmals die Schuhe, dann kann es weiter gehen. Andreas Ehemann ist ebenfalls auf dem Mauerweg unterwegs und wir stellen mithilfe des Livetracks fest, dass er wohl etwas hinter Norbert und Laura laufen muss. Norbert wollte unter 24 h bleiben und befindet sich auf den letzten Kilometern. Gespannt fiebern wir mit, ob das reicht.

Irgendwann kommt dann die Nachricht, dass sowohl Norbert als auch Andreas Mann die Zielzeit von 24 h unterbieten konnten. Wir freuen uns mit ihnen. Ab km 132 laufen wir durch eine weite Dünenlandschaft, wo auch der Golfclup Stolper Heide sein Revier hat. Gerade jetzt geht die Sonne auf. Ein märchenhafter Sonnenaufgang liegt über dem Land. Einer der letzten früheren Grenztürme und heutiger Naturschutzturm beherbergt den Verpflegungspunkt 22 bei km 139 bei Hohen Neuendorf. Die leicht scharfe Tomatensuppe bringt uns wieder auf Trapp.

Was machen die Pflastersteine mitten im Wald? Wenn einem bisher nicht die Füße wehtun, dann fängt das spätestens jetzt an. In Frohnau laufen wir auf einem Radweg an der B96 entlang (Vorsicht, rote Ampeln). Hier liegt die VP bei km 143, an der sich die Helfer abwechseln, so dass immer einer schlafen kann.

Nun folgt eine meiner Lieblingsstrecken. Es sieht aus wie am Meer, nur ohne Wasser. Der asphaltierte Weg führt durch eine weite Dünenlandschaft. Viele Jogger signalisieren, dass die Zivilisation nicht weit sein kann. Jeder hat ein nettes Wort und feuert uns an. Plötzlich geht es steil bergauf. Wir nehmen es sportlich, denn wir sind sowieso mehr am Gehen als am Laufen. Noch ein Stückchen weiter und wir werden an der VP 24 bei km 148 vom Lauftreff Lübars überaus freundlich empfangen. Ich brauche nicht viel, damit ich zufrieden bin: Nur einen Stuhl, ein Bier und eine Toilette. Andrea ist immer noch bei uns. Jetzt werden wir auch das letzte Stück vollends gemeinsam gehen.

 

 
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Trotz der frühen Stunde wird es schnell warm. Bis zur VP am Bahnhof Wilhelmsruh sind es knappe 6 km. Zuerst geht es über weite Felder, wo die Sonne bereits richtig brennt. Zu guter Letzt führt ein schmaler Pfad schnurgerade am Fuß des Bahndamms entlang. Laura, Norberts Radbegleitung, fand ihn in der Nacht leicht gruselig.

Die Helferin am Bahnhof Wilhelmsruh hat ihre Kollegen bereits nach Hause geschickt und hält hier allein die Stellung. Dann wird es endlich städtisch. Ich überlege kurz nochmals Gas zu geben, um die 28 Stunden Marke zu knacken, verwerfe das aber sofort wieder. Vermutlich hätte ich es sowieso nicht geschafft.

Bei km 157 an der Wollankstraße befindet sich die letzte VP. Immer in Hörweite der Gleise geht es dem Ziel entgegen. Beim Gleichrichterunterwerk Pankow geht es unter den Gleisen hindurch und dann noch ein Stück daran entlang. Dann folgt der letzte Anstieg über eine hohe Gleisbrücke und hinten wieder hinunter. Der Fernsehturm vom Alexanderplatz liegt zwar einige Kilometer entfernt, jedoch optisch direkt vor uns. Bergab geht es jetzt flott. Dann geht es durch das Tor in den Friedrich-Ludwig-Jahn Sportpark.

An der Max Schmeling Halle laufen wir links und dann gleich wieder rechts. Dann das große Fußballstadion, gleich werden wir da sein, denn unser Ziel befindet sich daneben im kleinen Leichtathletikstadion. Auf der Stadionrunde bringen wir Markus, unseren Begleitradler, noch einmal ins Schwitzen. Dann muss er raus, da Radler nicht auf die Bahn dürfen. So erreichen Andrea und ich gemeinsam in 28h15 das Ziel.

Wir erhalten unsere Finishershirts, Norbert macht diverse Zielbilder, wir bekommen unzählige Glückwünsche von Bekannten (danke Michael) und Unbekannten und dann gönnen wir uns erst einmal unser Zielbier. Ian kommt ins Ziel, Sigrid, Connie und noch viele andere. Die Gulaschsuppe ist aus, aber in der Hitze habe ich sowieso keinen Hunger. Mit dem Shuttle lassen wir uns zum Hotel fahren.

Die Siegerehrung ist wie immer ein Highlight, auch wenn ich vor Müdigkeit einige Male einnicke. Marion und Jochen haben bei ihrem Debut ebenfalls die 24 Stunden unterboten und bekommen das begehrte Buckle (Gürtelschnalle). Genauso wie Ersttäter Axel, natürlich Norbert und viele andere.

 

Fazit:

Wer einmal 100 Meilen laufen will, sollte unbedingt in Berlin beim Mauerweglauf damit beginnen. Er scheint mir der einfachste, dabei aber streckenmäßig attraktivste Lauf dieser Kategorie zu sein. Die Verpflegung ist genial, die Organisation großartig, und der Lauf ist bei jedem Wetter gefahrlos machbar.

Der geschichtliche Hintergrund wertet den Event in jeder Hinsicht auf und ich habe das Gefühl, dass vor allem die ausländischen Läufer großen Respekt vor der Leistung Deutschlands haben, diese schreckliche Teilung aus dem Volk heraus beendet zu haben.

Der Fall Jörg Hartmann hatte noch ein Nachspiel. Seine ehemalige Klassenlehrerin Ursula Mörs hatte damals mitgeholfen, nach den Jungen zu suchen, wurde aber immer mit Ausreden abgespeist. Als sie aus dem Westradio hörte, wie von einem gescheiterten Fluchtversuch zweier Kinder berichtet wurde, machte sie sich ebenfalls auf und floh im Kofferraum eines Autos in den Westen. Nach der Maueröffnung kam sie zurück und stellte fest, dass der Mord an den Kindern vergessen und verdrängt war. Sie spendete sofort Geld, um den Bau eines Denkmals zu unterstützen.

Für mich persönlich ist es eine große Ehre, dass Frau Mörs mir bei der Siegerehrung die Medaille überreichte.

 

Informationen: 100 Meilen Berlin
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