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12.01.13 - swiss snow walk & run

Pulverschnee und Sonnenschein

Fotos: Kay Spamer

„Große Neuschneemengen, starker Wind und erhebliche Lawinengefahr verhindern die verantwortbare Durchführung des Swiss Snow Walk & Run vom Samstag in Arosa“. Innerhalb kürzester Zeit fielen auf meterhohen Alt-  rund 60 Zentimeter Neuschnee. Schneeverwehung und starker Wind kamen noch dazu. Das war letztes Jahr. Und dieses Jahr?

Sessellifte und Bügel schwanken im eiskalten Wind. Wieder schneit es die ganze Nacht hindurch, aber am frühen Morgen lässt die Sonne die Schneekristalle glitzern. Die Pistenraupen haben in der Nacht endlose Riffelteppiche in den frischen Schnee gepresst. Das muss er sein, der Schnee, von dem sie bei uns im Winter tagtäglich reden. Seit unserer frühsten Kindheit haben wir tausende von Kilometern auf zwei, ich später auch manchmal nur auf einem Brett zurückgelegt. Alle Liftanlagen sind in Betrieb.

Also beste Pistenverhältnisse, minus Temperaturen und Powder satt! Schritt um Schritt bekommen wir die berühmte kalte, gesunde und dünne Sauerstoffdosis in unsere Lungen. Es stimmt einfach: Laufen entfesselt die Sinne!


Triathleten werden im Winter gemacht


Die vielen Hobbysportler, die es gestern Abend zum Fitness- und Gesundheitsforum gezogen hat, interessierte nur eins: Wie laufe ich schnell und richtig im Schnee und was für eine Strecke wird uns morgen erwarten? „Eine schwere“ sagte der sympathische Duathlon-Weltmeister und Profi Andy Sutz. Der 31-jährige kennt sich aus. Er war auch für die Schweizer Berglauf-Nationalmannschaft aktiv. „Denn“ so sagte er weiter, „es wird ein sehr tiefer Schnee sein und an mancher Stelle wird es glatt und eisig werden.  Eine Bestzeit darf man nicht erwarten“. Er plauderte weiter charmant über Renntaktiken, Ernährung im Wettkampf, Regeneration, Winterpausen und Grundlagentraining.

 
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Und auch diesen Satz hatte ich doch schon mal von Lothar Leder im Trainingslager gehört: „Triathleten werden im Winter gemacht - Wintertraining statt Winterpause. „Ja, und wie und mit was laufe ich nun im Schnee?“, möchte eine Läuferin wissen. „Mit Spikes oder Eissporen sogar? Vorne lang und hinten kurz? Reicht vielleicht auch ein Trail-Schuh, mit entsprechendem Profil eben?“ Andy schwört auf die schnellen leichten Wettkampfschuhe. Er lässt sich dann auch nur noch abwärtsrutschen. Ein 75jähriger Sportler meldete sich zu Wort. Fünf Mal sei er nun schon dabei gewesen und habe über 60 Jahre Wettkampferfahrung. Er appellierte an uns, unbedingt mit Schneeketten zu laufen. Er machte so viel Werbung dafür, dass man schon glaubte, er habe draußen einen Verkaufsstand. Jeder hätte ihm an diesem Nachmittag die Dinger abgekauft.


Schneeketten


Das laut kratzende Geräusch auf dem Marmorboden der Hotel-Lobby kommt von meinen Schuhen. Wie eine Art Netz umschnallt die Schneekette meine Laufsohle. Bereits auf den ersten Metern zum Startbereich bin ich dankbar für diese Erfindung. Auch schon einige Male war der aus der Schwäbischen Alb kommende Berglauf-Spezialist Timo Zeiler beim SSWR dabei. Er ist fünffacher Deutscher Berglaufmeister. Aber keine Sorge, man muss kein Bergspezialist sein, um mitlaufen zu können, wenn selbst die zu den „schönsten“ Männer der Schweiz gewählten am Start sind: Die drei jungen Schweizer ziehen die Blicke auf sich. Nicht umsonst tragen sie den Titel Mr. Schweiz. Sie sind gut gelaunt und modisch unrasiert. Gemeinsam mit der Triathlon Olympiasiegerin von London und Schweizer Sportlerin des Jahres 2012, Nicola Spirig, posieren die Titelträger vor den Pressefotografen. „Es fragt sich nur, welcher Titel der Wertvollste ist?“, ruft einer in das Shooting.


Das Einfache ist das Schwere


Noch liegt der Ballon wie eine schlaffe Wursthaut am Boden. Es ist ein klarer, windstiller Wintermorgen. So ideal, das selbst die Thermik eine Heißluftballonfahrt zulässt. Jedoch reicht in diesem Jahr die Stärke der Eisdecke des Obersees als Startplatz nicht aus. Feuer aus Propangasflaschen schießt in das Innere des Ballons. Die Ballonhülle beginnt sich zu wölben, bis er endlich prallgefüllt über das romantisch verschneite Arosa schwebt. Unter ihm große Kurhäuser, noch aus der Zeit um 1877. Früher kam man nicht nach Arosa um sich anzustrengen, sondern eher um sich auszuruhen. Aber Tuberkuloseerkrankungen sind seltener geworden. Aus den Sanatorien wurden Grandhotels und die Pfleger wurden zu Gastronomen und Skilehrern.

Weiter schwebt der Ballon über Skipisten und schneebedeckten Gipfeln und einer Parade schriller Skijacken in bunten Farben, gleitet er in den Himmel. So kurz vor dem Rennen ist die Ehrfurcht vor der Schönheit der Berge noch fehl am Platz. Es dominiert die Ehrfurcht vor dem Lauf. Die längste angebotene Distanz misst über einundzwanzig Kilometer und zwischen Start und Ziel liegen 630 Steigungs- und Gefällmeter.


Zu kurz und zu wenig Höhenmeter?


Langtreckenläufer mögen vielleicht die Stirn in Falten legen. Aber die Strecke ist weder zu kurz noch hat sie zu wenige Höhenmeter, denn weniger ist (hier) mehr. Im Hochgebirge, auf einer Höhenlage von knapp 1800 Metern, stehen der Laufstrecke die dünne Luft und der schneebedeckte Untergrund zur Seite. Von den großen und bekannten Schweizer Kurorten können sich nur St. Moritz und das Oberengadin mit Arosa messen. Jedoch ist in Arosa das Ende der Messlatte, anders wie in St Moritz, bei 2600 Metern erreicht. Darüber hinaus reicht nur noch die Fernsehantenne des Weißhorn-Restaurants oder kurze Zeit der Heißluftballon.

Am Start sehe ich einige Läufer regelrecht „vermummt“. Für die liegt die Temperatur gefühlt wohl irgendwo zwischen Frost und Schockstarre. Die Bewegungsmotivierten hier sind eine eingeschworene, wenn auch eine geteilte Gemeinschaft: Es gibt die schnellen Läufer, die Nordic Winter Walker (die winterliche Variante des Nordic Walking) und die, die die Bergwelt auf Schneeschuhen (auch zum Ausleihen) laufend erleben wollen.

Ob Profi oder Amateur, jeder kann (und wird) ähnliche Erfahrungen beim Swiss Snow Walk & Run, kurz SSWR, auf verschiedenem Niveau machen. Neben dem Halbmarathon (21,1 km/630 HM) gibt es weitere ausgeschilderte Distanzen wie die Crazy Distance (19,2 km/700 HM), die Long Distance (12 km/315 HM) und die Short  Distance (6,3 km/165 HM). Also für jeden Fitnesstand die passende Passage und das ganz ohne Zeitdruck, denn beim SSWR gibt es keine Siegerehrungen.


Jeder ordnet sich dort ein, wo er hingehört


Wir nehmen Aufstellung wie beim Skikurs. Der erste, und somit unser Startblock der Kategorie „Running“, wird aufgerufen. Weitere folgen in den kommenden fünfzehn Minuten bis die über 1000 Sportler auf der Strecke sind. Das Knattern der Rotorblätter des Hubschraubers zerreißt die Stille.

 
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Anfangs führt die Strecke im leichten Gelände fast um den See. Der Hubschrauber hat schneeaufwirbelnd zur Landung angesetzt. Leicht aufwärts laufen wir in den verschneiten Wald und kommen dabei an eine der schönsten Routen, den Eichhörnliweg. Auf der etwas über einen Kilometer langen Strecke lassen sich die zahmen Nagetiere meist von Spaziergängern füttern. Wir bekommen heute jedoch nur die Bildtafeln zu sehen, welche die Geschichte von Emilie und Erich Eichhörnchen illustrieren. Mittlerweile wird der Weg deutlich steiler. Nur ein paar Kilometer weiter sind die Waden schon zu spüren.

 
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Dennoch kommen wir gut voran, hören nur den eigenen Atem und den rhythmischen Schritt der anderen. Am Berg wird nicht viel geredet. Doch die himmlische Ruhe währt nur kurz. Ich höre ein Pochen, das sich wie eine weit entfernte Diesellok anhört und ein hohes Summen, ähnlich einer Stromleitung - es sind mein Herz und meine Lunge.


Open Air


Dann, vor beeindruckender Kulisse das Wummern der Trommeln, erzeugt von den Guggamusikern, die hier für Stimmung sorgen. Wir sind an der 1990 Meter hoch gelegenen und urigen Tschuggenhütte angelangt. Skiläufer machen hier Rast und für uns ist ein Verpflegungsstand aufgebaut. Auf dem Rückweg werden wir hier noch einmal vorbei kommen. Die Stimmung ist fröhlich, kein Wunder also, dass das alljährliche Arosa Humor-Festival hier oben stattfindet. Während die Musik spielt, laufen wir weiter, queren mehrere Skilifte und dutzende von Pisten.

 
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Überall sind Skiläufer, Snowboarder, Wanderer und wir dazwischen, doch man lässt einander in Ruhe; dafür sorgen die mehr als 200 Helfer, die bereits nachts damit beginnen, die Strecke für uns „verkehrssicher“ zu machen.


Harte Trainingsarbeit umgeben von Bergidyll


Der Nervenhügel ist erreicht. Warum dieser so heißt,wird wohl jedem schnell klar: Je höher wir kommen, desto tiefer wird der Schnee. Es ist zu steil, um weiter zu laufen. Wir gehen mit den Händen auf den Oberschenkeln gestützt.

 
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Die Sonne hat die hart gefrorenen Hänge weicher gemacht. Fast hört man es zischen, wenn die Tropfen des Schweißes auf den kühlen Schnee fallen. Läufer kommen uns entgegen, sie haben bereits den höchsten Punkt der Strecke erreicht. Uns fehlen nur noch fünfundachtzig Höhenmeter. Neun Kilometer sind gelaufen. Wir haben die Piste unterhalb der mächtigen Schulter des Weisshorngipfels gequert. Nun sind wir oben, nicht ganz auf dem Gipfel (2653 Meter) aber immerhin. Hinaufgerannt, dort wo sich die Skiläufer bequem im Lift nach oben schaukeln lassen - hier zu der, oberhalb Arosa gelegenen, Carmennahütte. Ein Typ, Marke junger klassischer Schweizer Skilehrer, gebräunt und mit Spiegelsonnenbrille, legt mir ein Neonleuchtband um das Handgelenk.

 
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Damit wird festgehalten, dass wir auch wirklich oben waren. Das Graubündner Bergpanorama, teils glitzernd schneebedeckt, teils felsig schroff, wirkt besonders jetzt unter diesem blauen Himmel einfach traumhaft. Unter uns erstreckt sich eine mehrere hundert Meter breite, steile Abfahrt. Rechts und links stürzen sich Snowboarder und Skifahrer in die Tiefe. Meine Augen folgen einem Skiläufer. In Gedanken genieße ich gemeinsam mit ihm jeden Schwung, bis er aus meinem Blickfeld fährt und der Hang nach unten sanft ausläuft. Augenblicklich ist der Wunsch in mir geweckt, Laufschuhe gegen Skischuhe zu tauschen, die Ski zu packen und ins unendliche Schneeparadies einzutauchen.

 
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Die Schneekristalle glänzen auf den Edelstahlfedern meiner Schneeketten in der Sonne. Vor uns liegt eine 1A-Abfahrtspiste bis hinunter bis auf 1900 Meter. Im Temporausch pflügen wir abwärts. Die Fersen bei jedem Schritt tief in den Schnee aufgesetzt und in den Knien locker abgefedert. Was für ein neues, ungewohntes Gefühl - man muss nicht unbedingt Skifahren können, um Schneelandschaften und Pistenfeeling zu genießen.


Wintertrail


Der Schnee liegt knapp einen Meter hoch. Wir laufen teils durch schmale geräumte Schneisen und nur die rosa Spitze der Markierungsstangen lugt über dem Schnee hervor. Ich bin übermütig und laufe ein Stück neben der Piste, prompt sinke ich knietief ein. Unnötiger Kraftverlust, denn die hätte ich für den jetzt vor uns liegenden knackigen Gegenanstieg wieder hinauf zur Tschuggenhütte gebrauchen können.

 
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Die Berge bieten ein Spiel mit Licht und Schatten. Eine fast ebene Fläche liegt vor uns an der Mittelstation „LAW“. Aus der Luftseilbahn haben die Passagiere einen sagenhaften Blick auf die wilde Vermischung von Snowboardern, Skiläufern, Walkern und Läufern. Wir begegnen immer wieder rüstigen Schneewanderern, die nicht nur promenieren wollen, sondern ebenfalls motiviert Wegstrecke zurücklegen, überholen noch einige Walker. Da fühlen sich auch die Langsamsten unter uns wie Rennläufer.

 
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21,1 Kilometer später schwenke ich die Arosa Fahne und vergesse die kräftezehrende Fortbewegung auf Schnee. Glücklich, wer wie wir an diesem Tag mit gebremstem Ehrgeiz lief und nicht nur auf eine gute Zeit setzte, sondern auch auf Genuss: Das Swiss Snow Walk & Run ist zum Glück kein Wettkampf, denn dafür ist er zu schade. Die Sehnsucht nach verschneiter Landschaft, knirschendem Schnee unter den Sohlen und einer wärmenden und bräunenden Wintersonne sind hier erfüllbare Wünsche – und das sogar alles gleichzeitig. Während die Pistenraupenfahrer auch in dieser Nacht wieder Wege und Pisten präparieren, verbleibt bei uns nur noch der Wunsch, hier nicht Tage, sondern Wochen zu verbringen.

Veranstaltungen:

Short Distance Running, (Nordic-)Walking und Schneeschuhlaufen (6.3 km)
Long Distance  Running,(Nordic-)Walking und Schneeschuhlaufen (12.0 km)
Crazy Distance Running, Nordic Walking und Walking (19.2 km)
Halbmarathon Running, Nordic Walking und Walking (21.1 km)

Zeitnahme:

Zeitmessung mittels Barcode

Auszeichnung:

Es gibt beim Swiss Snow Walk & Run keine Siegerehrungen. Jeder Teilnehmer erhält dafür nach dem Lauf ein Finisher-Geschenk ausgehändigt. 2013 ist dies ein sportlicher, vielseitiger Rucksack. Ein Laufdiplom und eine Ergebnisliste können abgerufen und ausgedruckt werden.

Anreise:

Schon die Anreise ist ein Erlebnis. Bereits kurz Bregenz erleben wir weißgepuderte Wiesen und Felder. Die Sonne scheint durch den Nebel. Es ist wie ein Eintauchen in eine andere Welt. Auf der 30 Kilometer langen Strecke mit dem Auto von Chur bis Arosa haben wir unzählige Kurven überwunden und dabei 1150 Höhenmeter zurückgelegt. Dringend empfohlen: Schneeketten! Ein Parkhaus befindet sich ca. 1 Gehminute vom Start- und Ziel. Eine bequemere Alternative hätte die Fahrt mit der Rhätischen Bahn dargestellt. Nur eine Stunde soll der knallrote Zug benötigen, um sich nach oben zu arbeiten. Keine fünf Minuten Gehzeit bis ins Start- und Zielgelände.

 

Informationen: swiss snow walk & run
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