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30.05.15 - U.Trail Lamer Winkel (U.TLW)

Der Kine vom Bayerwald

Am Kleinen Arber (1384 m) stehen Helfer und notieren jede Startnummer. Sie sind hier in der Nebelsuppe auch nicht zu beneiden. Heute Morgen war man fast in Versuchung, die Pflichtausrüstung abzuspecken, jetzt werden die meisten um jedes Teil froh sein, das sie eingepackt haben. Am Gipfelkreuz ist null Aussicht, nix wie weg. Für einige hundert Meter geht es nochmals abwärts, dann treffen wir auf eine breite Schotterstraße, die uns etwa einen Kilometer wieder nach oben zum Gipfel des Großen Arber führt.

Die Szenerie ist trostlos, selbst das Gipfelkreuz und die kugelförmige Überwachungsanlage, die zu Zeiten des kalten Krieges von der NATO installiert wurde, um die feindlichen Nachbarn vom Warschauer Pakt auszuspionieren, sind im Nebel kaum auszumachen. Der Große Arber ist mit seinen 1.456 m der wirkliche „König des Bayerwaldes“, als einziger Gipfel des Bayerisch-Böhmischen Grenzmassives erreicht er die klimatische Waldgrenze und ist auch der höchste Berg im Bayerischen Wald.

Etwas unterhalb des Gipfels wartet nach 24 Kilometern die zweite Verpflegungsstation auf uns. Das Angebot ist unglaublich, außer vielleicht einem warmen Tee bleibt man uns hier nichts schuldig. Leider kann ich mir gar nicht in aller Ruhe den Wanst vollschlagen, denn in nur wenigen Minuten bin ich vollkommen klamm und ausgekühlt. Die Temperaturen werden hier nur mehr niedrige einstellige Grade aufweisen können. Die ersten werfen jetzt das Handtuch.

 
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Auf der breiten Schotterpiste geht es zunächst weiter, jetzt wieder runter vom Gipfel. Ich bin froh, auf dem ebenmäßigen Belag wieder richtig Fahrt aufnehmen zu können, ein schwieriger Abstieg wäre mit den steifen Gliedern grausam. Bis zur nächsten Kontrollstelle an V3, bei km 34,7 gibt es ein weiteres Zeitlimit zu beachten. Wer bis dahin länger als 7 Stunden unterwegs ist, wird rigoros aus dem Rennen genommen, auch wenn’s nur eine Minute ist, so die Rennleitung. Ich bin gut in der Zeit, brauche mir darüber keine Sorgen machen.

Mir tun so manche der Mädels echt leid, die zwar in sehr stylischer und hübsch anzusehender, aber auch sehr dünnen Laufbekleidung unterwegs sind. Vielleicht gehören sie zu denjenigen, die heute Morgen auf das Wetter hereingefallen sind und die Pflichtausrüstung nicht ganz so ernst genommen haben. Vielleicht passt ja auch eine schlabbernde Regenjacke nicht zum kurzen Röckchen. Oder aber sie einfach härter im Nehmen. Ich bin ziemlich kälteempfindlich. Wie auch immer, ich bin lieber Warmduscher.

Über 7 Kilometer zieht sich der Downhill durchgängig auf gut zu laufenden Untergründen dahin und es kehrt so langsam wieder Wärme in meinen Körper zurück. Ein halbe Stunde bin ich abwärts unterwegs, als über einige hundert Meter hämmernder Sound durch den Wald zu hören ist. Kurz vor dem Ortsrand von Brennes hat eine Gruppe vor einer Pension eine große Musikanlage aufgebaut. Ich vermute, mit weit mehr als 100 Dezibel dröhnt AC/DC durch den Wald. Mann ist das geil, das wärmt nochmals zusätzlich. Ich kann den Sound einige Minuten genießen.

Nach 50 Minuten habe ich die etwa 700 Höhenmeter abwärts vernichtet, jetzt ist mir wieder wohlig warm, eigentlich viel zu warm in meiner Regenjacke. Aber es geht erneut bergwärts und oben ist wieder alles grau. Ich verzichte darauf, meine Jacke einzupacken. Bis zum Cut-Off an V3 liegen etwa 4 km vor mir. Der Aufstieg bis zur Labestelle ist nicht sonderlich anspruchsvoll, der Großteil verläuft auf Waldwegen oder breiteren Trails.

Am Langlaufzentrum Lohberg-Scheiben überqueren wir die Straße und unmittelbar daneben ist das Verpflegungszelt aufgebaut. Auch hier ist das Angebot vorbildlich. Neben dem Zelt stehen Bänke und Liegestühle für eine kleine Erholungspause bereit. Nur, das Angebot will heute kaum einer nutzen. Im Nu bin ich wieder durchgefroren und schau lieber, dass ich weiter komm.

Der Aufstieg zum Zwercheck ist ein einziges Abenteuer. Der stark verwurzelte und verblockte Pfad bietet uns allerhöchste Schwierigkeitsgrade, die Steine sind durch die Nässe sehr mit Vorsicht zu genießen. Nach etwa zwei Kilometer feinster Trail-Session erreichen wir den böhmischen Grenzkamm am ehemaligen "Eisernen Vorhang",  nun die EU-Außengrenze. Heute arbeitet man aber zusammen.  An dem grenzüberschreitenden Aktionsbündnis „Künisches Gebirge“, das sich zwischen Zwercheck und Osser erstreckt, haben sich 5 bayerische und 6 tschechische Gemeinden zusammengeschlossen.

Einige hundert Meter laufen wir direkt an den Grenzpfählen entlang und so kann man auch mal einige Meter auf tschechischem Gebiet absolvieren. Was wir heute leider verpassen, ist eine grandiose Aussicht über unsere gesamte Laufstrecke. Der Nebel macht uns einen Strich durch die Rechnung.

Nach einem deftigen Abstieg folgt eine leicht abfallende Schotterstraße von fast 5 km Länge. Ohne Stopp kann man es hier durchrauschen lassen. Auf „10 to go“ weißt uns ein Schild hin, kurz bevor wir die Straße verlassen und uns rechts in den Wald schlagen.

Ein steiniger, urwüchsiger Steig erfordert zwingend Aufmerksamkeit, ist aber doch deutlich entspannter als der vorhergehende Aufstieg. Witzbolde haben Anfeuerungen und lustige Sprüche an Baumstämme gepinnt. Schließlich erreichen wir über einen felsigen, mit Seilen gesicherten Steig etwas unterhalb des Gipfels den Großen Osser (1293 m). Weiter oberhalb steht auf dem Plateau das Osser-Schutzhaus. Hier verläuft auch wieder die deutsch-tschechische Staatsgrenze, genau in ein Meter Entfernung am Haus entlang. Im Nebel ist aber wenig bis nichts für uns davon erkennbar.

Ein kurzer Abstieg und wir erreichen V4 bei Km 45. Neben dem jetzt schon gewohnt großen Angebot, kann man hier auch ein alkoholfreies Bierchen zwitschern. Die Helfer sind trotz des bescheidenen Wetters allesamt gut drauf und strahlen eine richtige Begeisterung aus.

 
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Jetzt geht’s nur mehr abwärts. Ja, denkste, das sieht auf dem Höhenprofil nur so aus. Nach den ersten Abwärtsmetern führt der Weg wieder aufwärts in die Felsen, versehen mit schönen, aber sehr selektiven Kletterpartien. Das nasse Gestein erfordert wieder zwingend allerhöchste Konzentration. Nach einem steilen Abstieg kommen wir zur Osserwiese mit schönen Felspartien …und es gibt von hier sogar eine Aussicht ins Tal. Von Natur aus war die Wiese einmal bewaldet, aber als Folge der Weidenutzung entstand diese Freifläche. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden im Sommer Jungrinder und Stiere in die Hochlagen getrieben. Heute ist sie auch ein gerne genutzter Startplatz von Gleitschirmfliegern.

Etwa drei Kilometer vor dem Ziel geht es auf den „Holy-Trail”, eine wunderschöne, sehr anspruchsvolle Trailpassage. Es geht schön wellig über Felsen und mitten durch Büsche auf meist ganz weichem Waldboden. Für die geschundenen Füße ein heiliger Ort, für meine Bein-Muskulatur aber eher schwierig und leider nicht mehr in höherem Tempo zu bewältigen. Nach einem „Frohe Weihnacht“-Schild passieren wir doch glatt noch einen geschmückten Tannenbaum.

Dann geht es raus aus dem Wald und Lam liegt uns zu Füßen. Außergewöhnlich angenehm sind die beiden Schlusskilometer, denn über Wiesen geht es ausschließlich leicht abwärts bis in die Ortsmitte zum Zieleinlauf, auf dem man uns noch einen roten Teppich ausgerollt hat. Ein großartiger Abschluss für einen außergewöhnlich schönen Trail. Außergewöhnlich ist auch das „Trailwasser“ als Finishergeschenk, das ich natürlich nie kosten werde, da es einen Ehrenplatz in der Medaillensammlung bekommt.

Ein reichhaltiges Zielbüffet mit Bier, Salami, Käse, Kuchen und noch viel mehr erwartet uns hinter der Ziellinie. Man hat wirklich an alles gedacht. Nach ausgiebiger Stärkung wollen Jan und ich zurück zum Parkplatz nach Arrach. Alle halbe Stunde fährt ein Bus. Ausgerechnet der, den wir ausgewählt haben, transportiert nur Läufer nach Lohberg. Der nächste geht erst in einer halben Stunde. Die Feuerwehr springt ein, ruckzuck wird ein Kleinbus gestartet, welcher uns exklusiv nach Arrach befördert.

 
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Um 19 Uhr findet auf dem Marktplatz die Siegerehrung statt. Die anliegenden Gasthäuser bewirten die Veranstaltung nicht nur mit Getränken, sondern auch mit Speisen. Anschließend gibt es noch bis Mitternacht ein Rockkonzert.

Besser kann man ein Event kaum abwickeln. Mein Kompliment an die Veranstalter: „Des habts guad gmacht.“ Der weiße Fleck auf der Trail-Landkarte existiert somit nicht mehr, der Lamer Winkel ist ab sofort Trail-Hochburg. Für’s nächste Jahr ist eine eventuelle Erhöhung des Starterfeldes angedacht. Das ist in meinen Augen dringend erforderlich.

Am Sonntag scheint wieder die Sonne. Im Starterpaket war auch ein Gutschein für eine ermäßigte Berg- und Talfahrt auf den Arber, den Jan und ich nutzen, um auch noch zu sehen, was wir an Aussicht verpasst haben.

 
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