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03.08.13 - Reschenseelauf

Großes Spektakel am Reschensee

Autor: Klaus Duwe

Der Reschenseelauf ist eigentlich kein Trail und mit 15,3 km auch kein Marathon. Mit noch nicht einmal 100 Höhenmetern ist er zwar auf der westlichen Seeseite  ziemlich anspruchsvoll, aber von einem Berglauf weit entfernt. Was ist er dann? Ganz einfach: Der Reschenseelauf ist eine der schönsten Laufveranstaltungen, die ich kenne. Und deshalb muss ich euch davon erzählen.

Ich bin vorgewarnt. Sowohl Südtirols Laufprominenz (Hermann Achmüller und die Rungger-Sisters Renate und Hannes), als auch Reporter-Kollege Anton schwärmten mir von dem Event vor. Und natürlich Gerald Burger, den man als OK-Chef auf vielen Veranstaltungen trifft. Aber was soll der auch anderes sagen. 

Was sich dann aber am Samstag ab der Mittagszeit im kleinen Graun abspielt, verschlägt mir die Sprache. So muss es gewesen sein, als die „Schürzenjäger“ noch  ihre legendären Freiluft-Konzerte gaben: Staus bei den Zufahrten zu den Parkplätzen, Wagenburgen auf dem Campingplatz, Marktgetümmel und Volksfeststimmung. Das XXL-Festzelt hat Oktoberfest-Ausmaße und fasst deutlich mehr Menschen, als der Ort Einwohner (2400) hat.

 
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Vergleiche sind, wenn überhaupt, nur mit Schmiedefeld erlaubt. Mit einem Unterschied: Hier am Reschen strahlt die Sonne vom blauweißen Himmel und mit 25/26 Grad ist ungewöhnlich heiß. Immerhin liegt der Ort am Reschensee auf 1500 m Höhe. Unten im Vinschgau und in Bozen hat es zur gleichen Zeit allerdings 37 Grad.

Außer den Einheimischen verbinden fast alle Teilnehmer den Lauf mit einem Ferienwochenende. Hotels und Pensionen findet man in allen Preisklassen. Es ist nicht viel los, Italien ist in der Krise. Krise? Italien? Das hat nichts mit dem Reschenseelauf zu tun. Die Teilnehmerzahlen sind konstant. Auch bei der 14. Auflage sind 3400 Läuferinnen und Läufer gemeldet, diesmal aus 15 Nationen.  Dazu kommen mindestens 10.000 Begleiter und Zuschauer.

Wo und wie man zum Reschenpass und ins Vinschgau kommt, muss man im Zeitalter der Routenplaner, Google-Earth und Navis nicht mehr erklären. Außerdem kennt das Vinschgau sowieso jeder oder hat zumindest mal einen Golden Delicious aus dem Val Venosta gegessen. Aber auch Erdbeeren, Marillen und vor allem Wein werden in der sonnenverwöhnten Region angebaut.

Ich komme schon seit den 1970er Jahren nach Südtirol und weiß seither eine weitere Spezialität zu schätzen, die hier ihren Ursprung hat: Das Vinschgauer oder Vinschgerl. Um es zu bekommen, muss man zum Bäcker. Es ist nämlich ein würziges, dunkles Fladenbrot. Reinhold Messner hat dazu beigetragen, es bekannt zu machen. In seiner Anfangszeit hat er immer erzählt, dass er dieses Brot wegen seiner Haltbarkeit (es ist auch furztrocken und steinhart noch eine Köstlichkeit) auf seinen Expeditionen immer dabei habe. Für ein Vinschgerl mit Südtiroler Speck lasse ich jedes Schnitzel stehen.

 
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Der Reschenseelauf ist Südtirols größter Laufevent, initiiert und organisiert vom Rennerclub Vinschgau, angeführt von Gerald Burger. Wie der Name schon sagt, handelt sich dabei um einen Laufsportverein, nicht um eine professionelle Eventagentur. Das muss man extra dazu sagen. Nicht um diverse Unzulänglichkeiten zu entschuldigen, sondern weil das das eigentlich Sensationelle an dem Lauf ist. Ach, würden sich hier doch nur mal einige Veranstalter, z. B. aus Deutschland, umsehen und sich  informieren, statt immer nur ratlos dreinzuschauen ob der stagnierenden oder rückläufigen Teilnehmerzahlen.

 
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Gerald versichert mir, dass es ein langer Weg ist, das zu erreichen, was erreicht wurde. Dass er steinig ist und schwer. Dass man immer versuchen muss, auf dem Weg und in der Spur zu bleiben, die eigenen Möglichkeiten nicht überschätzen darf, sie  aber ständig erweitern muss. Also ein Marathon, ein Trailrun!

Ich habe gewusst, ich kriege die Kurve.

Noch einmal: Der Reschenseelauf ist kein Trailrun wie wir ihn verstehen, dreiviertel der Strecke sind sogar asphaltierte Radwege. Aber es ist ein Lauf, der Lust macht auf mehr. Mehr Landschaft, mehr Berge, mehr Kilometer und mehr Höhenmeter. Er ist ein Appetithappen für Straßenläufer und Zeitenjäger.  Wer hier nicht Feuer fängt, wird nie ein Bergläufer oder Trailrunner.

Aber auch geübte Trailrunner können sich am Reschensee austoben. Die Höhenlage um 1500 m ist ideal zur Akklimatisierung und Vorbereitung auf größere Aufgaben, ein ausgedehntes Wegenetz bietet exzellente Trainingsmöglichkeiten. Erwähnt sei nur der breite Weg hinauf zur Bergstation von Schöneben (2200 m). Nirgendwo kann man sich auf bequemerem Weg in die Höhe schrauben und versuchen, seine Gehintervalle abzukürzen. Oben angelangt kann man auf anspruchsvollen Trails Gipfel erstürmen oder auf ausgedehnten Panoramawegen phantastische Ausblicke auf Berge, Gletscher, Täler und Seen genießen und ohne gewaltige Höhenunterschiede an seiner Ausdauer arbeiten.  Der Reschenseelauf ist dann zum Abschluss noch eine schnelle Einheit  in sagenhafter Landschaft und Atmosphäre.

 
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Das riesige Gelände mit Start und Ziel, Festzelt, Camping- und Parkplatz, Bauern- und Sportartikelmarkt liegt direkt am Reschensee, von dem schon jeder  einmal in irgendeinem Buch, Kalender oder Magazin ein Bild gesehen hat. Es ist der See mit dem Kirchturm.

Die Geschichte des Stausees, in dem 1950 163 Anwesen der Orte Graun und Reschen gesprengt und in den Fluten versenkt wurden, liest sich wie ein Polit- und Wirtschafts-Thriller.  Die betroffene Bevölkerung wurde weder gefragt noch entschädigt. Alles wurde von Schweizer Energie-Konzernen im Faschistischen Rom ausgehandelt, in den Kriegswirren nicht weiter verfolgt und nach dem Krieg gnadenlos durchgezogen. Hintergrund war, dass in der Schweiz ein ähnliches Projekt am Bürgervotum scheiterte, der Strom aber dringend gebraucht wurde. Man überwies angeblich 30 Mio. Franken nach Rom, rückzahlbar innerhalb einer bestimmten Frist in Form von Strom. 

Zuerst gar nicht und dann scheibchenweise wurde die betroffenen Menschen informiert.  Von 3 m Anstieg des Wasserspiegels war die Rede, obwohl die Verantwortlichen wussten, dass es 22 m sein würden.  „Zur Frühmesse sind die Leute noch trockenen Fußes in die Kirche hinein. Während der Messe ist das Wasser unter die Bänke gelaufen. Sie sind nicht mehr durch die Kirchtür hinausgekommen, sondern mussten durch die Sakristei hinaus“, so eine Zeitzeugin.  Die Glocken läuteten ein letztes Mal, dann wurde die Kirche gesprengt, der Turm blieb stehen. Auch dafür, dass er bis heute dort im See wie ein Mahnmal steht, mussten die Menschen kämpfen.

Südlich des Sees blickt man auf eine gewaltige, schneebedeckte Berggruppe. Es ist der Ortler, mit 3899 m der höchste Berg Südtirols. Genau von hier aus sah 1804 Erzherzog Johann von Österreich den Bergriesen und ordnete auf der Stelle die Erstbesteigung an. Es war viel Geld im Spiel und deshalb meldeten sich auch etliche Scharlatane, um den Berg zu erobern. Als alle Versuche schon ziemlich früh gescheitert waren und das Geld langsam ausging, meldet sich der Gämsenjäger Josef Pichler. Nicht wegen seiner Qualifikation wurde er ausgewählt, sondern weil er nur im Erfolgsfall Geld wollte.

Zu dritt brach man auf, wählte aber eine andere, auch heute noch als schwierig geltende Route. Man vermutet, dass der Gamsjäger bewusst Gletscherpassagen so weit wie möglich mied, weil er sich im Fels sicherer fühlte. So erreichten sie tatsächlich den Gipfel und konnten noch am selben Tag abends dem Großherzog den Erfolg  melden. 

 
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Ein paar hundert Kinder rennen am See um die Wette, der Turm im See im Hintergrund.  Wie Pistolenschüsse hört es sich an, wenn die Goasslschnalzer das Ende ihrer Peitschen mit geübten Bewegungen auf Überschallgeschwindigkeit bringen. Früher waren bestimmte Knallfolgen ein Erkennungszeichen der Fuhrleute, heute ist es ein in  den Alpenländer gepflegter Brauch. In bestimmten Regionen kann man es sogar zu Meisterehren bringen.

Meisterehren, da bin ich wieder beim Reschenseelauf. Neuerdings werden die Sieger am Reschensee auf einer eigens erstellten Skulptur verewigt, wie Olympiasieger. Am häufigsten tauchen bisher Renate Rungger und Maja Gautschi (je 4mal) und Herrmann Achmüller (6mal) auf der Säule auf. Während Renate Rungger fest entschlossen ist, ihre Bilanz zu verbessern, ist Herrmann Achmüller ganz ohne Ambitionen. Er hat sich der Ultradistanz verschrieben und ist als 42jähriger jetzt sogar im  Italienischen 100km-Nationalteam.

 
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“You can't always get what you want” sangen schon die Rolling Stones. Damit muss sich Renate Rungger trösten, als sie nach 58:48 Minuten ins Ziel läuft und dort von Simone Raatz (58:15) erwartet wird. Bei den Männern gibt es sogar einen neuen Streckenrekord, denn der Tscheche Milan Kocourek braucht für die 15,3km-Runde nur 48 Minuten und 17 Sekunden.

Danach feiern tausende Zuschauer auf den Tribünen und entlang des Sees jeden Finisher. Man kennt das so sonst nur von großen Citymarathons.

So, Rennen vorbei, ciao bis zum nächsten Jahr. Denkste. Nicht am Reschensee. Wie schon gesagt, die Läuferinnen und Läufer haben dieses Wochenende nichts anderes mehr vor. Man geht in sein Quartier,  macht sich frisch und ruht sich etwas aus. Denn der Abend wird noch heftig.

Das Zelt ist rammelvoll, eine Rockband spielt gekonnt das Beste aus den 60ern und 70ern. Alles wartet auf die Siegerehrung, die in der Dunkelheit am See stattfinden soll. Dann behält der Wetterdienst recht. Es kommt ein Gewitter und es regnet in Strömen. Ich warte darauf, dass man die Siegerehrung ins Zelt verlegt. Macht man aber nicht. Man wartet.

 
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Nach 20 Minuten ist der Spuk vorbei, die Bühne wird gerichtet und Sieger und Fans nach draußen gerufen. Was folgt ist eine Zeremonie, ein Inszenierung, wie ich sie bei einer Veranstaltung dieser Kategorie noch nicht erlebt habe. Noch nie habe ich nach dem Treppchen geschielt, hier schon. Auch wegen der Südtiroler Leckereien, die körbeweise übergeben werden. Hauptsächlich aber wegen der einmaligen Atmosphäre mit Lightshow und Feuerwerk.

Danach wird getanzt auf Teufel komm raus. Geht ja gut, man ist ja nur 15,3 km gelaufen. Und manche überhaupt nicht.

Manchmal muss man mit Empfehlungen vorsichtig sein. Die Geschmäcker sind ja verschieden. Für den Reschenseelauf lehne ich mich aber gaaaanz weit aus dem Fenster und behaupte: Wer auf den nicht macht, verpasst was. Bei einem solchen Highlight verzichtet ein  Marathoni gerne auf ein paar Kilometer und ein Trailrunner auf ein paar Höhenmeter. Und sagt nicht, euch hätte niemand informiert. Das ist der nächste Termin: 19. Juli 2014

 

Informationen: Reschenseelauf
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