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18.07.20 - Maintal-Ultratrail

Abgesagt: So war es und so wird es wieder (49)

Autor: Joe Kelbel

Landschaftsmarathons oder Trails, so die  Hoffnung vieler Läuferinnen und Läufer, können in Corona-Zeiten am ehesten wieder stattfinden.  Das stimmt, gilt aber nicht für alle.  Die Veranstalter des MTUT teilen schon recht früh mit, dass „nach intensiven Gesprächen und umfassender Bewertung“  der 7. Maintal Ultratrail in diesem Jahr nicht stattfinden kann.

Statt eines aktuellen Laufberichtes haben wir als Rückblick Joe Kelbels Beitrag von der Premiere des MTUT 2014 ausgewählt.

Weitere Laufberichte mit vielen Bildern gibt es auf Trailrunning.de

 

Muschelsuche zwischen Blaugras und Saupurzel

 

Beim Start des Würzburg Marathons gibt es oft bange Blicke hinauf zu den Weinbergen. Ist der Marathonläufer wieder im Ziel, hebt er die Arme, blickt zu den leuchtenden Bergen und  ist sichtlich erleichtert, dass er nicht dort hinauf musste.

Der Trail-und Ultraläufer tickt da anders. Das weiß man bei der Organisation. Als beschreitet man neue Pfade: Ganz oben, über dem Maintal, dort, wo der Weinanbau wegen steiler Muschelkalkfelsen unmöglich ist, wo kein Wirtschaftsweg mehr an Hängen, Kanten und Kuppen kleben bleibt,  wo der schrille Schrei der blutrote Singzikade das Keuchen des Läufers übertönt, dort oben haben Mensch und Tier schmale und heimliche Pfade getreten.

Start ist in Veitshöchheim. Bevor man sich zum Sportplatz begibt, sollte man einen Blick von der Mainpromenade auf das gegenüberliegende Margetshöchheim werfen, sofern man im Hellen anreist. Das Schloss Veitshöchheim mit dem Hofgarten ist eines der schönsten Rokokoensembles.

Der Ort ist nur 6 Minuten mit der Bahn und 16 Minuten mit dem Auto von Würzburg entfernt. Es gibt genug Hotels, sowie das Naturfreundehaus (Übernachtung in Mehrbettzimmern 19 Euro).  Spät am Abend kommt der Trail-Boss Thomas Gumpert von der Streckenmarkierung zurück, bestellt sich eine Pizza und einen Rotwein. Breit grinsend erzählt er von der Strecke.  Am liebsten würde er mitlaufen. Weiß der Typ, was ein Singletrail ist, wenn er italienischen Rotwein im Fränkischen Weinland bestellt?

Ich übernachte im Auto.

 

 
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Start 7 Uhr, Briefing 6:30 Uhr. Es ist die erste Austragung des Maintal-Ultratrail. Im Morgengrauen wird über die Strecke philosophiert: „Bestimmt geht es durch die Weinberge, easy!“. „61 km sind ein Klacks!“ „1700 Hm sind doch für Anfänger!“ Tatsächlich sind viele Ultranovizen dabei, ich scherze: „Weihnachten sind wir wieder zuhause!“ Was sollte hier auch schwierig sein? Kontrolle der Pflichtausrüstung.

Jede Reise beginnt mit einem kleinen Schritt. Der Waldweg ist breit und die Ultras wetzen wie besessen los, wohl wegen Weihnachten. Ich lasse mich gerne anstecken. Schon geht es bergauf, ein Singletrail. Macht nichts, ein Singletrail in Deutschland endet doch immer nach wenigen Metern. Heute nicht!  Es ist sehr dunkel, neblig, meine Brille ist beschlagen. Äste und Flüche schlagen mir entgegen, Wurzeln und Steine. Jemand bretzelt hin, Stau. Aufstehen! Herdentrieb, man muss dranbleiben, von hinten Druck, nach vorne dranbleiben. Überholen und fotografieren unmöglich, es ist die Hölle! Wir sehen schon aus wie Wildschweine.

 

 
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370 Meter dick lagert hier der Muschelkalk, der in der Zeit der Dinos entstand. Muscheln und Armfüssler (Brachiopoden) haben das Zeug hinterlassen. Wasser hat tiefe Rinnen, Löcher und Abhänge reingefressen und ekelhaften, glitschigen Schlamm abgelagert. Irgendwann ein kleiner Lichtblick: Unter uns leuchtet der Main, jetzt wird der Weg bestimmt breiter. Nix da! Es wird wieder dunkel. „Blind“ steht auf Didi´s Rücken. Jetzt weiß auch ich, was es heißt, nichts zu sehen!

Wir laufen wie Grottenolme sichtlos oberhalb der Weinberge über schuttige Hänge zunächst nach Norden. Immer durch Naturschutzgebiete. 90 % Singletrails, 5% Waldwege, 8% Wirtschaftswege, wer rechnen kann: Verlaufen inbegriffen. Straßen werden nur gekreuzt.

Irgendwann, wohl nach 10 Kilometern, wird es hell. Wie zum Hohn steht dort ein Krankenwagen. Einige Meter durch die Weinberge, der erste VP ist erreicht. Ich bin ungewöhnlich angeschlagen.

Nun geht es an den Blaugrashalden entlang,  22 Orchideenarten wachsen hier auf den kargen Wiesen. Es geht über mittelalterliche Schutzmauern aus Kalkblöcken. Vermutlich übernachteten hier die Schweine, die tagsüber in den Eichenwäldern nach Nahrung suchten. Vielleicht schützte man aber auch die Weinberge vor Wildschweinen. Niemand weiß es. Die Mauern stehen unter strengstem Schutz.  Wir müssen aber drüber laufen, es gibt keine andere Möglichkeit. Südexponierte Lage mit Steppen- und mediterrane Pflanzen, die zum Ende der Eiszeit hier einwanderten.

 

 
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Dann endlich freie Hochfläche. Hier hat sich in der Eiszeit Löß abgelagert, zusammen mit den Kalksteinen ergibt das guten Boden für die Landwirtschaft. Die Anzahl der Fotos, die ich nun schieße, steht nicht im Verhältnis zur Strecke.  Es ist nur so, hier kann ich endlich Fotos machen. Der Blick geht weit nach Norden zum Rand des Zellinger Beckens, wird durch den markanten Felsabbruch bei Retzbach, dem Benediktusberg, angezogen. Der an der oberen Hangschulter liegende "Tierthalberg", der "Klotz" im Retztal und das "Affental", beherbergen nicht nur botanische Juwelen, sondern sind auch ein Dorado für wärmeliebende Tierarten. Heute Morgen liegt alles im Nebel, nur ein riesiger Steinbruch ist sichtbar. Düngemittel und Material für den Straßenbau wird aus dem Kalk gewonnen. Dann wieder Wald, unter uns der Scharlachsgrund und Zellingen.

Oberhalb eines Kreuzweges laufen wir hinab nach Retzbach, es ist einer von zwei Orten, die wir heute durchqueren. Romantisch zwischen Wald und Wiesen liegt die Wallfahrtskirche „Maria im Grünen Tal“. Gegründet von der Gemahlin Ritter Bodos, der 1202 den Würzburger Bischof ermordete. Im Inneren die lächelnde Muttergottes mit Kind. Wenn sie wüsste, was heute abgeht, dann verginge ihr das Lachen.

Wir überqueren den Retzbach über eine uralte Brücke, die von Heiligenfiguren und einem Streckenposten bewacht wird. Ein wunderbares Dörfchen, wie im Elsass. Man sollte als Normalbürger mal von der A3 runter und hier hin!  Hinter dem Dorf der zweite VP.

Über ein breites Seil rüttelt ein Traktor die Zwetschgenbäume. Die Wiese ist blau gefärbt von den Früchten. Und ich dachte, die Dinger werden von Hand geerntet. Irrtum. Auch in den Weinbergen sind Rüttelmaschinen am Werk, hochbeinige, die in einer Raspelrolle den Abfall rauswerfen und die Trauben im Inneren sammeln. Nur die besseren Sorten werden per Hand gelesen. Ein Anhänger ist voll mit roten Trauben, den gerade so ein hochbeiniges Monster, das an Titelbild von „Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd erinnert, abgeladen hat.  Und ich dachte, nackige Jungfrauen stampfen die Beeren. Viele Irrtümer werden heute aufgeklärt!

Ein Quittenbaum. Die festen Früchte kann  man nicht beißen, riechen aber köstlich. Seit einigen Kilometern hat sich Marc zu mir gesellt, ein Ultranovize. Wir werden uns bis zum Ziel gegenseitig aufbauen. Wir laufen nun auf dem Fränkischen Marienweg, der an der Retzbacher Wallfahrtskirche endet, die wir gerade passieren. Zahlreiche einfache Steinhäuser stehen am Rand. Übernachtungsmöglichkeit für Pilger und Stützpunkt für die zahlreichen Erntehelfer, die im Gegensatz zu uns einer sinnvollen Tätigkeit in den steilen Weinbergen nachgehen.

 

 
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Km 27-28: Wendepunkt der Strecke, unter uns Karlstadt. Markant der bewaldete Saupurzel, entstanden durch eiszeitliche Flugsande. Dritter VP. Hier bei Karlstadt endet das Muschelkalkgebiet, der ältere Bundsandstein tritt zutage und färbt den Main bis zur Mündung grau/dunkelrot. Feuchtigkeitsliebende Buchen dominieren dieses Gebiet, neue Bäumchen sprießen aus dem weglosen Waldboden.  Alles ist grünblau hier.

Murphy`s Law: Man verläuft sich immer, wenn es abwärts geht. Von der Topografie her sollten wir nach Süden. Die Markierung ist supergut, aber jeder Trailläufer kennt das Problem, wenn es läuft. Diskussionen, dann Suche im Wald. Alles normal.

Das 30 km-Schild. Es wird rückwärts gezählt, also habe ich 31 km hinter mir. Ich bin am Arsch, die ersten 20 Kilometer haben meine Oberschenkel und Fußsohlen demoliert. Thomas, du Trailboss, du bist Spitze! Ab jetzt gibt es ja nur noch breite Waldwege, auf denen ich mich erholen kann. Dachte ich. Irrtum. Fotos lügen, es gibt nur wenige Meter auf dem Wirtschaftsweg. Marc und ich überholen Elke, denken sie schwächelt. Irrtum. Und dieser Trail ist gemacht von einem Masterchief, einem Lehrmeister. Das ist kein Irrtum. Vierter VP.

Jetzt geht’s ans Eingemachte. Nur noch 15 Km, doch ich eiere auf Grundeis. Was ist los? An der Verpflegung liegt es nicht, es gibt jedes Mal Cola, Apfelschorle, Wasser, Gurken, Erdnüsse, Käse, Salami, Melone, Äpfel, Bananen und Gels. Doch was ist das für ein Hammer heute! Und dann diese Steigung, meine Luft ist weg! Fertig.

 

 
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Entlang des Dürrbachs geht es wieder einigermaßen. Wie der Name schon sagt, ist er trocken. Das liegt an dem porösen Muschelkalk. Der Dürrbach fließt  unterirdisch. Der Gramschatzerwald ist das ehemalige Jagdrevier der Würzburger Bischöfe.

Km 50. Fünfter VP am hässlich, staubigem Kalkbruch. „In 8 km der nächste VP!“ Wie lang können 8 km sein! Wir kreuzen die „Alte Riparer Straße“ ein historischer Pilgerweg, nun total verfallen. Verfallen bin ich auch. In Güntersleben, wo immerhin 5 Zuschauer an der Strecke sitzen und auch ein Schild die letzten 5 Kilometer anzeigt. Querung des trockenen Dürrbachs, Mühlenweg. Wie konnten die Vorfahren hier eine Mühle betreiben, wo alles, bis auf Hemd und Hose furztrocken ist?

Nach dem Ort geht es steil hinauf durch die Trockenwiesen. Zikaden singen ihre Sommerlieder. Das monotone Ziep- Ziep kommt von der Zippammer, dem äußerst seltenen, meisenähnlichen Vogel mit blau-schwarz gestreiftem Gesicht.

Die letzten Kilometer sind einzeln markiert, doch es bleibt ein Kampf. Erst kurz vor dem Fußballplatz kann man ein wenig frei laufen. Marc sagt noch: „Joe, ich geb dir den Vortritt, lauf los!“ Nein! Ein Ultranovitze, der diesen Trail gemanagt hat, der darf zusammen mit dem ollen Joe ins Ziel laufen! Uff,  was für ein Kampf!

Und was für ein Trail! Das habe ich noch nicht erlebt. 61 läppische Kilometerchen und ich seh aus wie vertrocknete Petersilie! Thomas, der Trailboss, steht mit zerkratztem Gesicht vor mir und grinst. Ich wette, der Hund hat noch einige zusätzliche Spielchen fürs nächstes Jahr parat. Das wird noch geiler und ich werde das ohnehin schon großzügige Zeitlimit von 11 Stunden auch ausschöpfen.  Dann ist mir Weihnachten egal, weil: Dieser Tag gehört in den Kalender! Ich wette um mein letztes Geltütchen: Dieser Lauf hat bald 1000 bekloppte Ultras! Hier steht Trail drauf, hier ist Trail drin! Ein Lauf, auf den Deutschland gewartet hat. Endlich! Ultra-Joe ist hellauf begeistert!

 

Auf Wiedersehen beim Maintal Ultratrail am 17.07.2021

 

Informationen: Maintal-Ultratrail
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