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06.07.13 - Zermatt-Marathon

Höhenflug mit Verlängerung

Ein Schild nach dem anderen fliegt an mir vorbei. Auch wir mit den roten Startnummern, die Ultraläufer, haben mittlerweile schon mehr als die Hälfte hinter uns. Mindestens in Sachen Kilometer. Mit den Höhenmetern ist das eine andere Angelegenheit: 500 waren es von St. Niklaus bis nach Zermatt, jetzt gibt es noch die restlichen vier Fünftel der heutigen Ration. Sie beginnen gleich nach der nächsten Verpflegung, zuerst zwischen den exklusiven Wohn- und Ferienadressen an Zermatts autofreien Straßen durch. Einen guten Kilometer weiter weicht der Teer einer gepflegten Forststraße.

 
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Mittlerweile ist es Mittagzeit und der Sommer macht sich auch in den Bergen endlich bemerkbar. Da kommt der Schatten des Waldes geradezu gelegen. Zusammen mit einer leichten Brise ergibt das eine Wohlfühltemperatur und auf halbem Weg nach oben sorgt ein Verpflegungsposten für das sonstige Wohl. Dem Bann des Matterhorns kann ich mich nicht entziehen. Das Objektiv meiner Kamera zieht es magisch zu dieser Silhouette hin. 

Auf Sunegga mischt sich die Freude, dass ich den ersten großen Aufstieg ohne Schwierigkeiten geschafft habe, mit dem Bedauern, dass  ich „Z Hore“ für eine Weile im Rücken habe. Eingeweihte wissen, dass es sich dabei nicht um eine Erkrankung handelt. Das Z steht für den Artikel „das“ und „Hore“ ist im Dialekt der Mattini – der Zermatter – das Wort für „Horn“. Soweit noch der Beitrag zur Bildung, jetzt aber zurück in den Schulferienbeginn.

Bevor es ein kurzes Stück hinunter an den Laisee geht, darf nochmals am Verpflegungsstand zugegriffen werden. Wasser, Iso, Cola, Riegel, Bananen und Gel, dessen Beutel in einem Akt vollendeter Dienstleistung gleich noch mit der Schere geöffnet wird.

 
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Nach dem kurzen Abstieg geht es während eines Kilometers gleich wieder eine ordentliche Zwischensteigung hoch und danach hinunter zum Grindjesee. Auf einer Schotterpiste unterhalb der rechten Seitenmoräne des Findelgletschers geht es hinab zum Findelbach und hinüber an die andere Talseite. Auf einem ordentlich breiten Weg geht es unterhalb des Grünsees vorbei, wo kurz nach dem sechsunddreißigsten Kilometerschild beim gleichnamigen Gasthaus eine weitere Verpflegungsstation aufgebaut ist. Vor einer Woche hätte sich vermutlich niemand träumen lassen, dass tatsächlich Nachfrage nach der angebotenen Schlauchdusche bestehen würde.

Was nachher folgt, ist ein Sinkflug in höhere Sphären. Für die nächsten drei Kilometer wird mit leichter Abwärtstendenz Trail vom Feinsten geboten. Die teilweise klobigen Steine könnten aus der Werbung von „myswitzerland.com“ stammen, der offiziellen Reisewebsite der Schweiz. Sie sind blank poliert wie der Boden in der Lobby eines Fünfsternehotels. Für den wandernden Besucher von Zermatt würde ich diesen Pfad als absolutes Muss deklarieren. Zwar wünsche ich allen zukünftigen Teilnehmern das gleiche Wetter wie heute, sollte es aber einmal feucht sein, dann empfiehlt es sich, besonders  auf diesem Abschnitt einen Schuh  zu tragen mit einer auf nassem Fels griffigen Sohle, also mit einer weichen Gummimischung.

Leider hat alles ein Ende und die Riffelalp kündigt sich mit der Bahnstation an. Nicht dass es dort nicht auch schön wäre. Das Resort an Traumlage würde mir als Ausgangspunkt fürs Laufen auch nach ein paar Tagen nicht verleiden.

In der gepflegten Gartenanlage hat wieder eine Guggenmusik Aufstellung bezogen und sorgt für musikalische Begleitung. Salonmusik würde besser zu Sektkelchen und Häppchen passen, deshalb gibt es für mich auch Wasser, Cola und Gel von den vorgelagerten Tischen.

 
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Ich erinnere mich gut, wie ich das erste Mal leer schluckte, als ich am anderen Ende der Anlage um die Ecke gewiesen wurde und sich eine Wand vor mir auftat. Tempi passati – ich hänge mich rein und freue mich echt, dass auf dem Riffelberg noch nicht Schluss ist. Je weiter nach oben ich komme, umso fantastischer wird die Aussicht. Ich stelle mir vor, dass die letzten dreieinhalb Kilometer des Ultras mindestens doppelt so happig sein werden und kann mit langsamem aber stetigem Schritt den nächsten Kilometer weiterziehen. Bevor es auf die Rampe der Gornergratbahn entlang geht, wird nochmals Wasser gereicht.  Die Bauarbeiten machen diesen Streckenteil nicht zur Augenweide, aber es ist sowieso besser, sich mit dem herrlichen Ausblick zu beschäftigen.

Ein Banner kündigt an, dass es noch 666m bis zum Ziel sind. Für die Marathonis, versteht sich.  Von hier an ist der Weg immer wieder gesäumt von kleinen Schweizerflaggen. Dass sie rechteckig und nicht quadratisch sind, wie es die Landesflagge offiziell ist, stört mich nicht. Ich freue mich, dass die schweizerische Zurückhaltung im Umgang mit der Flagge nicht zur Anwendung kommt – und ich das Vorrecht habe, in diesem Land leben zu dürfen.

Es gibt einen “point of no return”. Es ist ein Verpflegungsposten, hinter dem vom Ultraläufer der Entscheid getroffen werden muss: Mag ich noch, kann ich noch, will ich noch weitergehen, oder halte ich mich links, wo mich nach kurzem Abstieg das Ziel des Marathons aufnimmt? Oder bleibe ich bei der Umsetzung meiner Absicht, erst auf dem Gornergrat eine Ziellinie zu überqueren?

 
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Es hat nichts mit dieser Entscheidung zu tun, dass ich mich eine ganze Weile beim Verpflegungsposten aufhalte. Nicht im Entferntesten denke ich daran, die 3595m bis oben nicht auch noch zu packen. Mir geht es gut und die Heinzelmännchen der Veranstaltung haben sich mächtig ins Zeug gelegt, um für uns den Weg durch den Schnee zu bahnen, da lass ich sie doch nicht allein im Regen – oder eben zwischen den Schneemauern - stehen. (Eine Helferin in meinem Alter sagt mir bei der Fahrt zurück nach Zermatt, dass sie sich nicht erinnern kann, dass Anfang Juli jemals noch so viel Schnee da oben lag.)

Dadurch, dass ich mich darauf eingestellt habe, dass dieser Abschnitt sicher doppelt so hart sein wird wie der Aufstieg von der Riffelalp zum Riffelberg, kommt er mir fast nur halb so heftig vor.  Am schwierigsten ist die Verteilung der Aufmerksamkeit auf den Weg und auf die Bergwelt um mich herum.

Kurz vor dem Kilometerschild 44 ist bei der Bahnstation Rotenboden nochmals eine Verpflegungsstation aufgebaut. Danach gibt es eine kleine Schikane zu meistern. Nicht, weil sie gemein zu uns sind, ganz im Gegenteil. Im Tunnel unter der Bahn hindurch hätten sie uns auch durch mindestens knöcheltiefes Schmelzwasser waten lassen können. Stattdessen lassen sie uns diese Passage auf einem Bohlensteg trockenen Fußes laufen.

 
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Je höher desto Schnee. Das ist in etwa die Kurzfassung des letzten Kilometers. Dabei muss ich präzisieren, dass die weiße, feste Schwemme sich links und rechts auftürmt.

Gab es da nicht einmal eine Werbung mit dem Slogan „Wir machen den Weg frei“? Von Planieren hat niemand gesprochen. So geht es auf den letzten 500 Metern nochmals nahrhaft in die Höhe. Mit dem Ziel nicht nur vor dem inneren Auge ist das nur wenig mehr als ein Klacks. Vor dem Kulmhotel mit seinen beiden markanten Kuppeltürmen hängt das Zielbanner, unter welchem mit großzügiger Zeitreserve und ganz viel Emotionen ein weiter langer Lauf in trockenen Tüchern ist. 

 
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So, wie mir gratuliert und die Medaille umgehängt wird, könnte man meinen, ich hätte etwas Großartiges geleistet.  Dabei habe ich nur die gute Organisation mit den unzähligen freundlichen Helferinnen und Helfern  und das traumhafte Wetter genutzt, um in den Bergen meinem liebsten Hobby nachzugehen. Dass ich das hier gerne wieder tue, werde ich mit den beiden Finisher-Geschenken kundtun, einem Schlauchtuch und einem exklusiven, in Europa extra für diese Veranstaltung gefertigten, hochwertigen Funktionsshirt. 100% Ultra Finisher steht auf dem Etikett. Individueller geht es kaum.

Die Wärmefolie, die mir gleich nach der Ankunft umgebunden wird, brauche ich nicht lange. In der trockenen Höhenluft kühle ich nicht aus und kann mir einfach das neue Shirt überziehen. Damit lässt sich auf 3100m die Sommersonne genießen. Auf dem höchsten Punkt des Gornergrats lassen Wendy und ich die alpine Pracht einfach noch weiter auf uns einwirken. Auch diese Stunde vergeht so schnell wie all die anderen seit dem Start, doch die Nachwirkungen werden noch lange anhalten. Zum Glück nicht die muskulären, denn die Beine sind noch erstaunlich locker, doch die Bilder dieses heutigen Tages haben sich ins Gedächtnis eingebrannt. Sollten sie eines Tages zu verblassen beginnen, brauche ich nur die fotografische Bildersammlung hervorzunehmen und der Höhenflug geht weiter.

  

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Ergebnisse

 

Marathon
Männer

1. Michieka Paul Maticha,Immensee 3:05.25,0
2. Frick Gerd, Davos Platz 3:08.58,6
3. Dupont Jean-Christophe, F-St Jean de Sixt 3:11.50,2

Frauen

1. Camboulives Aline, F-St Jorioz 3:31.26,9
2. Gassmann Bahr Daniela, Galgenen 3:40.47,7
3. Mereni Timea, H-Budapest 3:57.19,8

663 Finisher

 

Ultramarathon
Männer

1. Bärtschi Ruedi, Adelboden 4:23.33,6
2. Zimmermann Achim, D-Jettingen-Scheppach 4:24.48,4
3. Bindler Richard, S-Umeå 4:25.54,4

Frauen

1. Hagspiel Alexandra, D-Immenstadt 4:50.37,8
2. Ogi Helene, Kandersteg 5:11.26,7
3. Höhener Angelika, Bern 5:16.17,4

504 Finisher

 

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