Man denkt sich, dass ein Lauf auf der Chinesischen Mauer bis auf ein paar Treppenstufen und einige Steigungen ein ganz normaler Lauf sein würde. Ist es nicht, insbesondere, wenn man einen nicht restaurierten Teil der Mauer läuft, der eher einem Trail mit vielen Steinen ähnelt als einem Straßenlauf. Und nur ein paar Treppenstufen sind es auch nicht, sondern tausende und teilweise unmenschlich hohe und steile.
Zufällig im Oktober in Beijing, und zufällig ist gerade einer der Marathons auf und um die chinesische Mauer. Wie ich schnell merke ist es nur einer von vielen. Es gibt vor allem die folgenden drei.
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Region |
Termin |
Höhenmeter |
km auf |
Teilnehmer |
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Great Wall Marathon |
Huangyaguan |
Mai |
1.282 |
6 |
2.500 |
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Great Wall of China Marathon |
Xiachen Jiabao |
Mai und Oktober |
1.700 |
6 |
300 |
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Jinshanling |
Mai |
2.800 |
30 |
600 |
Zusätzlich gibt es Trail- und Ultraläufe wie das Jinshanling Great Wall Trail Race (Golden Trail World Series), den Ultra-Trail Great Wall (UTMB) und weitere, die ebenfalls teilweise auf der Mauer verlaufen.
Der Great Wall of China Marathon (GWCM) Autumn Edition ist, im Gegensatz zu den anderen genannten Läufen, eine relativ kleine Veranstaltung, dieses Jahr mit 250 Läufern, davon die meisten auf Marathon- oder Halbmarathonstrecke. Und es ist ein teurer Lauf: 250 USD für den Marathon, 125 USD für die kürzeren Distanzen, selbst 5 oder 10 km. Im Preis enthalten sind Versorgung vor Ort, ein Shirt, ein Rucksack und eine Medaille, vor allem aber auch der Transfer von einem Hotel in Beijing, in dem auch am Vortag die Unterlagen ausgegeben werden, und eine gute Betreuung vor Ort, so dass man kein Risiko läuft, verloren zu gehen.
Die Strecke ist kein Rundkurs, sondern eine Summe von fünf Strecken vom Start aus, wobei die ersten Abschnitte jeweils gleich sind, die jeweils bis zu einem Wendepunkt und zurück gelaufen werden. Das ist zwar nicht ganz so abwechslungsreich, bedeutet aber auch wieder, dass man nicht verloren gehen kann. Was davon auf der Mauer sein wird, ahnt man auf Basis der groben zur Verfügung gestellten Zeichnung nicht, der genaue Ort wird auch nirgends benannt. Ich mache mir schon Gedanken, ob sich die Läufer und die Touristen in die Quere kommen könnten, denn der Abschnitt wird ja nicht für uns gesperrt sein.
Abholung im Hotel ist um 5:30, so dass man um 7:20 im Startbereich ankommt und sich vor dem Start um 8:00 – alle Strecken beginnen gemeinsam – noch stärken kann. Auch solle man die Toiletten nutzen, denn auf der Mauer aber auch sonst auf der Strecke kann man sich nicht einmal eben hinter einen herbstlich blattlosen Baum stellen. Es gibt allerdings drei weitere Möglichkeiten zur Erleichterung auf der Strecke, die durch die Streckenführung in Summe ausreichende12 Möglichkeiten für ein Päuschen ergeben.
Auch Verpflegungsstationen gibt es einige, auf der Marathondistanz ist man jedoch gut beraten, ein Getränk mitzuführen. Ein Laufrucksack ist auch für zusätzliche Kleidung nicht ganz falsch, da die Temperaturen zwischen 8 und 15 °C schwanken und zeitweise Nieselregen fällt. Viele laufen zunächst mit Jacke und langer Hose, ein Teilnehmer aber auch komplett ohne Oberteil und alles dazwischen. Man kann allerdings auch ein Gepäckstück sicher am Startbereich deponieren und falls nötig darauf zugreifen. Zeitlimit für alle Strecken ist 10h, also bis Sonnenuntergang, wobei niemand in die Nähe dieser Grenze kommt, die meisten brauchen für den Marathon 6-7 Stunden.
Wenn man die Website einmal studiert – die übrigens technisch recht altertümlich aufgesetzt ist, was mich kurz an der Seriosität der Veranstaltung zweifeln ließ – findet man einiges über vergangene Ausgaben und teilnehmende Läufer aus aller Welt. Diese scheinen allesamt recht gemütlich unterwegs gewesen zu sein und auch bzgl. ihrer zitierten Bestzeiten nicht ganz vorne mitzuspielen. Kurz gesagt es ist eher ein Vergnügungslauf für den Durchschnittsathleten oder, auf kürzeren Strecken, sogar Laufanfänger, für den vor allem die besondere Umgebung zählt. Passt also genau für mich, zumal ich ja eben zufällig an diesem Wochenende in Beijing bin und das Erlebnis deshalb gerne mitnehme.
Der Transfer klappt prima, die Räume am Start sind zwar einfach aber ordentlich. Dixi-Toiletten (chinesischer Stil zum Hinknieen) und Verpflegung sind auch ok, wobei es vor allem Früchte gibt, die meinen persönlichen Zuckerbedarf auf der Strecke nicht gut hätten decken können. Ort des Startes ist das „Yongheng Great Wall Resort“, wobei der relevante Teil von diesem erst gerade im Bau ist und die Gegend und damit auch der Abschnitt der Mauer touristisch weitgehend unerschlossen sind. Die Strecke ist aber wohl nicht bei jeder Ausgabe gleich.
Außer der Dorfbevölkerung, Bauarbeitern, Helfern und Läufern trifft man an diesem Sonntag niemanden in der Gegend, auch nicht auf der Mauer. Die Internationalität ist in der Tat beeindruckend. Leute aus 41 Ländern, wobei Japan, Deutschland und Russland den Namen nach führend scheinen. Chinesen gibt es nur einige wenige. Einzelne Läufer sind speziell für die Veranstaltung nach China geflogen, die meisten aber für einen längeren Aufenthalt da, was sicher der sinnvollere Ansatz ist – China ist je ein inzwischen recht gut erschlossenes und sehr attraktives Reiseland.
Am Start stehend sieht man ganz oben auf den umgebenden stark zerklüfteten Bergen Abschnitte der Mauer und macht Witze, dass man da wohl hochmüsse. Das ist aber kein Witz, sondern man muss da tatsächlich hoch, zweimal. Die erste und dritte Strecke führen erst flach, dann extrem steil durch einen Wald im Single Trail zur Mauer, auf der man dann zuerst nach links, beim zweiten Mal nach rechts abbiegt.
Auf die Mauer kommt man nur über eine Leiter – so viel zur touristischen Erschließung. Die anderen Teilstrecken führen entlang einer Stichstraße gemächlich das Tal hoch, sind aber vor allem im Herbst uninteressant und reines „Füllmaterial“. So verbringt man von den 42 km etwa 10 km auf der Mauer, 10 km auf einem Trail im Wald und den Rest auf Straße. Wenn es einem um das Mauererlebnis geht sollte man den Lauf eigentlich nach der dritten Runde bei Kilometer abbrechen, was auch einige getan haben, und die Medaille für den Halbmarathon mitnehmen, um so die zwei besten Abschnitte vollständig erlebt zu haben. Halbmarathon und 10k nehmen nur den rechten Teil der Mauer mit.
Dass der Abschnitt auf der Mauer nicht länger ist, ist im Prinzip nicht ganz dumm. Denn diese ist vor allen Dingen extrem steil. Der erste Teil nach links führt über einen Abschnitt der Mauer, der nicht vollständig renoviert ist, also teilweise ein schmaler Trail zwischen Felsbrocken, mehr zu erklettern statt zu erlaufen. Und man muss vorsichtig sein, denn durch die Nässe ist es teilweise glatt und einige der Steinplatten sind locker (Trailschuhe mit guter Bodenfühlung sind unbedingt zu empfehlen). Anstatt in die Landschaft zu schauen gilt der Blick also vor allem dem Boden vor einem. Durch Regen und Wolken ist der Ausblick ohnehin nicht ganz so spektakulär wie man das von Fotos kennt.
Wenn man sich aber vor Augen führt, dass man tatsächlich auf der Chinesischen Mauer ist und auch noch an einem Ort, den Touristen praktisch nie zu sehen bekommen, ist es dann auch ok und schon ein besonderes Erlebnis, bei dem man sich nicht daran stört, dass es nur langsam vorangeht. Am Ende jeder Strecke bekommt man am Wendepunkt übrigens ein farbiges Gummiband um das Handgelenk, technische Zähleinrichtungen zu Fuß so weit zu transportieren wäre auch völliger Unsinn. Mit fünf Gummibändern hat man sich dann für die Medaille qualifiziert.
Die zahlreichen Wendepunkte bedeuten übrigens auch, dass man allen Läufern mehrfach auf der Strecke begegnet und man irgendwann anfängt, sich gegenseitig zu grüßen, gerade solche, mit denen man vielleicht ein kleines Stück gemeinsam gelaufen war. So ist es eigentlich am Ende eine ganz familiäre Angelegenheit und man kommt danach leicht ins Gespräch.
Der zweite Abschnitt der Mauer auf der dritten Strecke führt nach rechts, wo der Weg selber vollständig renoviert ist, die Türme, die im Ansatz noch vorhanden sind, allerdings nicht. Der solide Untergrund macht die Fortbewegung deutlich einfacher und vermittelt schon eher das klassische Mauergefühl. Zudem haben sich die Wolken ein klein wenig gelichtet, so dass man auch den völlig verrückten Verlauf der Mauer entlang der extrem steilen und schroff zerklüfteten Berge gut verfolgen kann. Wahrlich eine Leistung, so etwas zu bauen.
Auf den Fotos wirkt der Verlauf teilweise schief, ist es aber nicht. Auch auf dieser Strecke wird aber eher wenig gelaufen, einige Abschnitte mit Treppen gehen gefühlt steiler als 45° nach oben, die einzelnen Stufen sind kniehoch, so dass man entsprechend angestrengt am Wendepunkt ankommt. Wie sich hier chinesische Soldaten vor tausenden von Jahren mit ihren noch kürzeren Beinen bewegt haben sollen, ist mir unklar. Wenn ich es richtig verstehe, haben sie wohl vor allem auf den Türmen Wache gestanden.
Erst den wilden und dann den renovierten Teil anzubieten, war eine gut gewählte Reihenfolge, so dass alle diesen zweiten Abschnitt umso ausgiebiger genießen konnten und reichlich Fotos gemacht wurden. Die verbleibende Füllstrecke ist dann eher langweilig, aber wenn ich schon einmal hier bin nehme ich auch gerne den Zähler für einen Marathon mit, wenn es auch mühsam ist. Man ist aber froh, wieder bei den kleinen Gemüsegärten und dem Dorfschwein am Ziel anzukommen. Wie so häufig, sind auch heute die Bilder aussagekräftiger als der Text.
Wichtig ist übrigens wie immer in China, den Reisepass dabei zu haben. Bei der Rückfahrt wird an der Stadtgrenze von Beijing kontrolliert, wenn auch nicht vollständig.
Würde ich den Lauf empfehlen? Ehrlich gesagt nur bedingt. Wenn man die Mauer sehen will, würde ich eher raten, für deutlich weniger Geld zu einem der besser erschlossenen Abschnitte zu fahren. Dort gehen die Touristen meist auch nur wenige hundert Meter in jede Richtung. Wenn man also bereit ist, etwas mehr Zeit zu investieren, kann man auch dort ganze Abschnitt fast für sich haben. Oder wenn man zufällig in Xi‘an ist, kann man auf der dortigen vollständig erhaltenen Stadtmauer eine schöne, flache Joggingrunde von 14 Kilometern um die Altstadt drehen, Türme und Flaggen alles inklusive. Den Rest des Geldes würde ich in eine „normale“ Trailveranstaltung irgendwo in einer schönen Berggegend stecken. Taxis sind in China recht günstig, so dass man, sofern man weiß, wo man hinmuss, auch für vernünftiges Geld einmal mit Chinesen richtig in der Natur laufen kann. Man muss dann allerdings deutlich mehr Zeit mitbringen.
Für mich war es als Tagesausflug von Beijing durchaus ein einmalig interessantes Erlebnis. Blauer Himmel oder etwas Fernsicht wäre natürlich noch besser gewesen, aber am Wetter kann man ja leider nichts ändern. Angeblich ist es in den 25 Jahren der Veranstaltung aber das erste Mal mit Regen gewesen.
Wenn man schon in China ist noch ein Tipp: Laufschuhe der führenden lokalen Hersteller wie Anta, Li Ning, Xtep oder für Trailschuhe Kailas sind von ganz hervorragender Qualität, mutig im Design und teilweise recht günstig zu bekommen. Sollte man aber anprobieren, die Größen fallen sehr unterschiedlich aus und manche Schuhe sind recht eng. Eigene Läden der Marken gibt es in den meisten größeren Einkaufzentren. Wenn man einen höheren Verbrauch an Laufschuhen hat oder sich einmal einen günstigen Superschuh zulegen möchte, kann sich das durchaus lohnen. Salomon, meine Lieblingsschuhmarke, ist übrigens seit Jahren ein Tochterunternehmen von Anta, die inzwischen auch eine 29%-Beteiligung an Puma halten.
Die Läufe im Überblick (Höhenmeter nicht ganz gesichert):
|
Strecke [km] |
Höhenmeter[m] |
Finisher |
Beste Zeit [h] |
Median Zeit [h] |
Cut-off [h] |
|
42 |
1.700 |
80 |
04:35 |
06:16 |
10:00 |
|
21 |
950 |
111 |
02:17 |
03:18 |
10:00 |
|
10 |
700 |
44 |
01:20 |
02:34 |
10:00 |
|
5 |
600 |
19 |
00:52 |
01:40 |
10:00 |
