Nach einigen privat organisierten Marathonläufen hatte der November wieder einmal etwas ganz Besonderes im Programm: Eine Dienstreise nach Indien um ein Wochenende herum, an dem der größte Traillauf Indiens stattfindet, der Malnad Ultra. Während die Läufe im Himalaya spektakuläre Steigungen, Höhen, und Ausblicke zu bieten haben, liegt im Süden Indiens die Dekkan-Hochebene, die deutlich tropischer und lieblicher daherkommt, an der westlichen Seite durch die West-Ghats begrenzt. Mitten drin liegt das Bhadra Wildlife Sanctuary, wo es Tiger, Elefanten und Büffel (Gaur) gibt, drum herum, hinter einem Zaun, vor allem aber spektakuläre Wälder und Kaffeeplantagen – die Gegend ist sehr wasserreich und entsprechend tiefgrün. Genau dort findet bereits zum 9. Mal der Malnad Ultra statt. Welcher Trailläufer könnte da einer Anmeldung widerstehen?
Der Malnad Ultra hatte dieses Jahr 1,300 Anmeldungen, die sich auf ein Streckenangebot von 30 km, 50 km und 100 km verteilen, wobei für die 100 km die gleiche Strecke zweimal durchlaufen wird. Ich melde mich für die 50 km an, die als Tag- und Nachtlauf angeboten werden. Da ich ja etwas sehen will, nehme ich den Lauf am Tag, in dem Wissen, dass es warm werden könnte. 28 °C sind angekündigt, was sich aber durch so manche Wolke und in den oberen Lagen auch guten Wind nicht zu heiß anfühlte.
Anders als bei den meisten meiner kleineren Läufe muss man sich für den Malnad Ultra übrigens qualifizieren. Das kann man über seinen ITRA Performance Index (der Lauf ist bei ITRA und UTMB Index gelistet) oder über frühere Teilnahmen an ähnlichen Läufen oder über Trainingserfahrung mittels Strava. Keine große Hürde, aber doch die Sicherheit, dass man nicht völlig unbedarfte Laufanfänger auf der Strecke hat.
Die Organisation ist, wie bisher immer in Indien, perfekt, nein, sogar noch perfekter. Frühzeitige Infos, Hilfe beim Finden einer Unterkunft und Vermittlung eines lokalen Taxifahrers (den mieten sich tageweise übrigens nicht nur ausländische Touristen, sondern durchaus auch Inder – mein Fahrer war die letzten Jahre bei jedem Lauf gebucht) plus sechs Wochen vor dem Lauf eine Videokonferenz für persönliche Nachfragen.
„It is not a race, but a run to promote trailrunning”. Das klingt gut. Getragen wird der Lauf ausschließlich von freiwilligen Helfern, darunter acht Fotografen und mindestens vier Drohnen. In Indien sind persönliche Erinnerungen mindestens genauso wichtig wie bei uns, zumal die Bevölkerung jung ist und wächst, so dass viele ganz am Anfang ihrer „Laufbahn“ stehen. Stöcke sind nicht nötig, einige wenige haben dennoch welche dabei, einige auch nur einen Stock, was ich bisher noch nirgends gesehen habe, was aber die Stabilität wohl durchaus unterstützt. Ansonsten sind die Leute alle sehr professionell ausgestattet, wie bei uns auch. Es gibt ein paar Sandalenläufer, aber die tragen keine Flipflops, die man auf der Straße zu häufig sieht, sondern durchaus ernsthafte Laufsandalen, aus den gleichen Gründen wie bei uns, nicht, weil wir hier in Indien sind.
Ebenso wird im Briefing über den Umgang mit Wildtieren gesprochen (bisher keinerlei Vorfälle) und vorgewarnt, dass auf der Strecke nicht überall Mobilfunkabdeckung besteht und Krankenwagen auch nicht an jeden Abschnitt gelangen können. Also besser vorsichtig sein, aber ich bin ja ohnehin immer unter der Devise „it is not a race“ unterwegs. Allerdings habe ich bis auf Kühe, zwei Affen und einige Schmetterlinge keine Begegnung mit Wildtieren gehabt. Und die Affen waren für ein Foto zu schnell wieder weg.
Gekostet hat mich der Lauf 35 Euro, mit dabei ist Frühstück, eine warme Mahlzeit bei 25 km und am Ziel, so dass man voll für den Tag versorgt ist. Zusätzlich brauchte ich eine Unterkunft vor Ort und die Fahrt am Freitag nach der Arbeit von Bangalore (270 km = 5 Stunden) und am Sonntag zurück.
Bei den Unterkünften muss man aufpassen, wenn man über Portale bucht. Meine erste Bleibe, über Expedia lang im Voraus ermittelt, teilte mir drei Wochen vor dem Rennen mit, dass das gebuchte und bezahlte Zimmer gar nicht frei sei, die zweite, über Booking.com gebucht, erwies sich ebenso als nicht existent. Auf dem Lande immer direkt buchen und dann noch anrufen. Am Ende erwies sich die Situation jedoch als Segen, denn über den Race Director erfuhr ich von einem Läufer, der kurzfristig absagen musste, so dass ich in einer kleinen Herberge mit einer sehr netten Laufgruppe aus Bangalore nicht nur ein Bett bekam, sondern auch gleich ein Team von Freunden dazu.
Die Strecke selbst ist prinzipiell nicht unangenehm. 50 km, mit Versorgungsstationen alle 5-7 Kilometer, alles zwischen 1.000 und 1.500 Metern über dem Meeresspiegel. Zwei Anstiege sind recht steil aber dafür nicht zu hoch, bei Kilometer 6 über 200 Höhenmeter und bei Kilometer 33 über 250 Höhenmeter, nach denen es dann bis ins Ziel fast nur noch bergab geht. Der Rest ist gut verteilt und vor allem bergab ist selten zu steil zum Laufen, was die Lauffreude beflügelt.
Flache Stücke gibt es allerdings fast gar nicht. Und das darf aber nicht täuschen, denn gerade der zweite Anstieg ist wirklich steil und man muss beim Laufen sehr auf Steine achten. Ich bin zwar diesmal nicht gestürzt, war aber ein paar Mal nahe dran und habe doch ein paar zu viele Stöße auf meinen großen Zeh versammelt, was den Spaß stellenweise etwas verdorben hat. Selber schuld.
Los geht es um 7 Uhr, eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang. Die Längerläufer starten 30 Minuten davor, die Kürzerläufer danach, so dass man sich durchaus begegnet und man trotz der Länge des Trails selten niemanden im Sichtfeld hat. Zu heiß wurde es übrigens nicht, da eher bewölkt und teilweise windig. Wasser hat man aber dennoch reichlich gebraucht.
Die Stationen bieten nicht nur Wasser und elektrolythaltige Getränke, sondern meist auch Bananen, Limonen, Kekse, Eier und Salz, plus eben das Essen auf halber Strecke. Die Helfer haben aber nicht nur ausgeteilt, sondern auch immer gefragt, wie es einem geht. Man ist wirklich bemüht, dass alle gut durchkommen. Die Kennzeichnung der Strecke ist ausgezeichnet, so dass selbst eine kurzfristige Streckenänderung, die ich nicht mehr auf meine Uhr synchronisiert bekommen habe und wo mein Handy mit Komoot leider meinte, kein GPS-Signal zu haben, kein Problem darstellte. Man hätte im Grunde auch ohne Uhr, Navigation und Rucksack laufen können, nur mit einer Wasserflasche in der Hand.
Die Strecke verläuft wie gesagt weitgehend durch Kaffeeanbaugebiete, serpentinenartig die Hänge hoch und runter. Dies ist allerdings eine recht wilde Angelegenheit, da nicht wie in Plantagen eine Grundsymmetrie befolgt wird, sondern eher „natürlich“ gepflanzt ist, man ist also eher in einem Kaffeewald. Dazwischen gibt es natürlich auch die typischen Bäume der Region inklusive Betelnuss-Palmen, Bananen und Silber-Eichen. Die Hänge sind in Privatbesitz, so genannte „Estates“, auf denen am Samstag natürlich auch gearbeitet wird. Vor allem mit Handsensen, so dass es in Summe dennoch recht ruhig war.
Die Landarbeiter tragen alle lange Kleidung, viele Gummistiefel, einige warme Mützen – also genau das Gegenteil der Läufer. Ich vermute einmal, dass die Arbeiter den Ansturm der weitgehend aus den Großstädten stammenden Fitnessfanatikern auch nicht viel abgewinnen konnten, man nahm sich gegenseitig im Prinzip kaum zur Kenntnis. Da Familien in den kleinen Ansiedelungen standen dann doch manchmal am Wegesrand, schauten aber auch nur ungläubig zu, und selbst die Kinder wurden angehalten, die Läufer nicht abzuklatschen, wohl um nicht zu stören. Wenn die Eltern nicht da waren, hatten die Kleinen natürlich jede Menge Spaß.
Natürlich gibt es, wie überall in Indien, auch ein paar spirituelle Ankerpunkte, sprich kleine Schreine und Masken, die das Böse aus den Wäldern fernhalten sollen. Nicht spektakulär wie an manchen Orten Nordindiens, aber doch interessant. Ich bin diesmal übrigens in einem Hemd einer lokalen Freiwilligenorganisation (U&I, Mentoring für Schüler aus „bildungsfernen“ Familien) gelaufen, die mein Arbeitgeber in Indien seit Neustem finanziell unterstützt. Und tatsächlich hat mich ein anderer Läufer begeistert darauf angesprochen, da er selber einige Jahr dort als Freiwilliger mitgearbeitet hat. Eine schöne Sache.
Während die Leute am Wegesrand also weniger Notiz von uns Läufern nahmen, standen an einer Stelle eine Reihe Männer mittleren Alters und feuerten nach Kräften an. Von denen musste ich natürlich gleich ein Bild machen, es wollten auch alle unbedingt mit drauf. Am Ziel waren sie dann wieder da, so dass auch noch ein gemeinsames Bild entstanden ist. Ich dachte erst, dass es sich vielleicht um wartende Fahrer handelt, in Wirklichkeit waren es aber wohl einige der Besitzer der Estates, die ihre privaten Wege für die Läufer geöffnet hatten und den Wert der Veranstaltung für die Region wohl auch zu würdigen wussten – und es auch einfach spannend fanden. Viele von Ihnen haben kleine bungalowartige Häuser auf ihren Ländereien als „Homestays“ gebaut, in denen die Läufer und teilweise auch andere Naturinteressierte übernachten, so dass ganz langsam der lokale Tourismus wächst.
Eine Situation ist mit besonders in Erinnerung: Am steilsten Stück hatte ein wohl eher unerfahrener Läufer einen Krampf im Oberschenkel und legte sich erst einmal an den Wegesrand. Es sind sofort die nächsten 10 Läufer stehengeblieben, um ihm beim Dehnen zu helfen, Elektrolyte anzubieten, und beeindruckend professionell läuferpsychologisch zu beraten. Es war ja wie gesagt die steilste Stelle. Und auch wenn es danach vor allem bergab ging, waren noch über 15 km zu schaffen. Sehr beeindruckende gegenseitige Unterstützung.
Das Wetter ist übrigens gar nicht so beständig wie man in der Hitze des Tages meinen sollte. Am späten Abend, also während noch einige Langläufer auf der Strecke waren, kam noch ein recht heftiger Regenschauer runter, der sowohl einige Wege verflüssigt haben dürfte als auch für einen deutlichen Temperaturabfall gesorgt hat. Es ist also immer gut, auch für diesen Fall ein geeignetes Stück Kleidung dabei zu haben.
Am Ziel gibt es neben dem Essen und medizinischer Versorgung noch etwas ganz Tolles: Einen Ruheraum. Ein Zelt mit Matratzen und Kissen, einfach so zum Ausspannen. Nehmen gar nicht so viele Leute in Anspruch, ist aber wirklich große Klasse, vor allem wenn man wie ich viel Zeit hat.
Das Rennen ist einer von sechs Ultratrails, die im November/Dezember vom gleichen Veranstalter im Südwesten Indiens ausgerichtet werden. Es lohnt sich wirklich, wenn das in die persönliche Situation passt, einmal nach Indien zu reisen. Und wenn man schon einmal da ist, sollte man unbedingt an einem Traillauf teilnehmen. Haben übrigens durchaus etwa ein Dutzend europäische Teilnehmer so gemacht, plus einige aus den Nachbarländern in Asien. Dritter auf die 50 km ist übrigens der Niederländer Frank Meiland geworden, es waren also aus dem Ausland nicht nur Genussläufer wie ich dabei, sondern richtig gute Leute.
Da der Lauf an einem Samstag stattfindet, hat man am Sonntag noch Zeit, die Sonnenaufgangssafari in der nahegelegenen Bhadra Tiger Reserve mitzunehmen. Tiger habe ich zwar wie die meisten Besucher keine gesehen, interessant ist es aber auf jeden Fall.
Die vier Läufe im Überblick:
|
Strecke [km] |
Höhenmeter [m] |
Finisher |
Beste Zeit [h] |
Median Zeit [h] |
|
30 |
951 |
539 |
2:50 |
4:47 |
|
50 Tag |
1.705 |
317 |
4:53 |
8:21 |
|
50 Nacht |
1.705 |
43 |
5:52 |
9:51 |
|
100 |
3.410 |
79 |
9:58 |
18:40 |
