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28.10.17 - Special Event

ERT-Erwin Rommel Trail - Die vergessene Front

Autor: Joe Kelbel

Nicht in Tobruk, nicht in El Alamein, ich bin in Venetien, am Fuße der Dolomiten. Vor exakt 100 Jahren kämpfte Erwin Rommel als junger Offizier auf Seite der k.u.k  Monarchie am Fluss Isonzo (Sontig) in Venetien.  Ein 64 km-Gedächnislauf will die Erinnerung an einen grausamen Krieg wachhalten. Ein deutscher Ausrichter hätte für den Lauf vielleicht einen anderen Titel gewählt. Aber die Italiener denken anders.  Ich will wissen wieso.

Anreise mit Ryan Air ab Frankfurt-Int. nach Venedig-Treviso (30 Euro Hin-Rückflug). Mit der Bahn nach Poderone, von dort fährt zweimal täglich ein Bus nach Claut, dem Zielort. Von Claut gehen Shuttelbusse zum Startort Vito d'Asio.

Rückblick 1914: Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn bilden im Militärbündnis die beiden Mittelmächte. Italien ist im Dreierbündnis mit Österreich und dem Deutschen Reich. Im Pakt von London (Mai 1915) verspricht die Entente, also die Gegner der Mittelmächte, den Italienern einen Gebiet zu Lasten der k.u.k Monarchie. Italien glaubt  in wenigen Wochen vor Wien zu stehen, da die k.u.k. Soldaten seit August 14 an der Front in Galizien beschäftigt sind, und die Ebene um Triest soldatenfrei ist. Italien wechselt die Seite und erklärt den Mittelmächten den Krieg.

Die glorreiche Phantasie eines siegreichen Angriffskrieges bleibt aber bald im schmutzigen Alltag der Schützengräben stecken. Insgesamt ist die Frontlinie zwischen Italien und Österreich-Ungarn über 600 km lang. Italien, ein Agrarland, hat keinen brauchbaren Hafen, um seine Kolonialinteressen in Eritrea, Somalia, Libyen und Äthiopien durchzusetzen, deshalb ist das  Ziel der österreichische Hafen Triest an der Adria.

Unser Trail führt entlang der Linie der k.u.k. Gegenoffensive von 1917, die den Zweck hatte, die Italiener aus der Ebene von Triest zu vertreiben und den sinnlosen Stellungskrieg zu beenden.

Eigenartig,  gerade das Alpenland Österreich hat keine einsatzfähige Gebirgstruppe, weswegen der spätere Wüstenfuchs mit dem gut ausgebildeten deutschen Alpencorps aus Württemberg aushelfen muss. Das Osmanische Reich und Bulgarien schließen sich den Mittelmächten an, Rommel wird aus dem festgefahrenen Verdun als Ausputzer an die rumänische Front gerufen, weil die Entente versucht, unter russischer Führung das deutsche Siedlungsgebiet Siebenbürgen mit seinen Gasvorkommen zu erobern. Mit Ausscheiden Russlands 1917 aus der Entente stoppt Rommel an der Donau, sammelt sein Württembergisches Gebirgsbataillon und zieht los, um in Südtirol auszuhelfen.   

Wer jetzt Bilder von Schützengräben erwartet, den muss ich enttäuschen.  Die stehen unter UNESCO-Schutz, denn sie sind auch ein Friedhof für 1 Millionen Gefallene. Unser Trail kann also nur einen kleinen Einblick in Kriegsführung, den Mut und die Taktik von Erwin Rommel geben, die mit seinem Eingreifen das sinnlose Schlachten beendete, so die Website des italienischen Veranstalters.

 

 
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Was in elf blutigen Schlachten zuvor nicht gelingt, schafft er in einer verwegenen Aktion: Rommel nimmt die als uneinnehmbar geltende Stellungen in den Dolomiten ein und beendet den sinnlosen Stellungskrieg. Die Schlacht wird in Österreich „Das Wunder von Karfreit“ genannt. Es war aber nicht am Karfreitag, es war in den Morgenstunden des 24. Oktober 1917, als Rommel sein militärisches Glanzstück begann. Der jetzige slowenische Ort Kobarid kann nichts dafür, dass er auf  Italienisch Caporetto, auf Deutsch hingegen Karfreit heißt. Zu alledem hat sich das Wunder, von dem ich berichte, nicht in Karfreit, sondern in Bovec/Flitsch/Plezzo und entlang unseres gesamten 64 Kilometer Trails zugetragen.  War es wirklich ein Wunder? Deutschsprachige Quellen sind rar, diese Front wird totgeschwiegen, weil die Entete und später der Zampano, der Freund von Mussolini, diesen Krieg nicht in den Geschichtsbüchern haben wollten.

Ich komme mittags in Claut, Friaul Lulisch Ventien an.  Hier wird der besten Prosciutto der Welt hergestellt. Der in der Alpenluft getrocknete Schinken wird mit Hirschknochen gelöchert, die diese das Aroma am besten übertragen. Den Prosciutto gibt es beim Briefing, dazu Vitello Tonnato und die beste Pizza der Welt, dazu  Salate und den Prosecco aus Treviso.  Ach, dieses unsägliche Aperol Spritz darf auch nicht fehlen. Englisch oder gar Deutsch wird hier nicht gesprochen, das Organisationsteam versucht mir mit Händen und Füßen die wichtigsten Informationen  zu vermitteln. Das  klappt nicht ganz.

In der örtlichen Bibliothek hängen Kopien der Gefechtsberichte von Rommel aus. Er hat die Skizzen selbst gezeichnet und seinem Adjutanten diktiert, was dieser per Schreibmaschine notierte. Ich bin der Einzige, der sich das anschaut. Klar, es kann ja eh keiner mehr Deutsch hier. Ich bin erstaunt über die Exaktheit der Notizen und verwundert, wie  Rommel peinlichst dokumentierte, was passiert ist. Genauso penibel  werde ich im Anschluss an meine Reise  einen Gefechtsbericht schreiben.

Um 20 Uhr Pastaparty, um 21 Uhr beginnt der Zwei- Stunden-Transfer in mehreren Bussen zum Startort. Ich erlebe das Wunder von Karfreit: Die Italiener halten einfach mal den Mund. Auch ich muss nachdenken, aber eher darüber, für was für einen grausamen Trail ich mich da angemeldet habe, und ob ich als einziger Nicht-Italiener und Flachlandtiroler die folgende Nacht mit 3200 positiven Höhenmetern überstehen kann. Der Start ist für 0:00 Uhr angesetzt.

 

 
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Als wir in Vito d'Asio (700 Einwohner) ankommen, haben wir einen 1-km-Marsch durch dunklen Wald vor uns, um zum Startort vor dem neogothischen Castello Ceconi zu gelangen. Das Schloss war das Wohnhaus des Unternehmers Giacomo Ceconi, der für das Habsburger Reich wichtige Eisenbahnlinien baute.  Wir kennen davon wohl nur den Arlbergtunnel (Eisenbahn). Ceconi, der Analphabet, lernte in Abendkursen in Triest die Grundlagen für seine Architektentätigkeit. Respekt! Wir sind im Val Nespolaria und überblicken einen wundervollen, romantischen Startort mit einem fantastischen Schloss. Wenn es nur nicht so kalt wäre.

„Jetzt geht´s ab, wir feiern die ganze Nacht“ so versucht uns der DJ einzuheizen. Das gelingt nicht, es herrscht eine bedrückte  Stimmung. Um 23 Uhr soll die Kontrolle der Pflichtausrüstung stattfinden, doch wir lungern nur tatenlos rum. Um 00:00 Uhr wird begonnen, die Teilnehmer namentlich aufzurufen. Über 300 sind gemeldet, das dauert. 50 sind nicht angetreten.

Wir sind recht nahe an der heutigen Grenze zu Slowenien. Gerade beginnt Otto von Below von der 14. Division der k.u.k Armee die Rückeroberung. Wir sind  auf der westlichen Seite des Tagliamento. Die Brücken von Cornio, Pinzano und Pontaiba sind gesprengt, der Fluss führt Hochwasser, es hat tagelang geregnet. An den Resten der Cornio Brücke gelingt der Österreich-Ungarischen Armee in diesem Moment die Querung des Tagliamento. Während wir vor dem Castello Ceconi noch namentlich abgezählt werden, klingelt das Telefon. General Alfredo Taranto wird bleich, er soll umgehend seine zwei Divisionen evakuieren. Dann wird die Telefonverbindung unterbrochen.  Zu spät,  20.000 Italiener sind zwischen dem Fluss und der Abbruchkante der Dolomiten isoliert. Panik bricht aus.  

Wir laufen mit 30 minütiger Verspätung in einem gewaltigen Tempo los, sofort bin ich am Schluss des Feldes und kann kaum Fotos von den Kameraden im kalten Dunst schießen.  An der ersten Treppe ein Stau, ich hole die Truppe ein. Rommel  ist gerade in Santa Lucia di Tolmino gestartet. Er ist schnell, verdammt schnell. Ich bin der einzige Deutsche, ein W15er, der wegen Wehrzersetzung bei der Bundeswehr eingesessen hat. Ich will wissen, wie es Rommel heute Nacht schafft, die gesamte Italienische Armee zu zersetzen.

Bis zum Sonnenaufgang müssen wir 250 Läufer zu den 200 Läufern der 30k-Strecke in Chievolis (km 34) aufschließen, sonst holt uns der Deutsche ein und wir geraten in Gefangenschaft. Cut-Off-Zeiten bekommen eine neue Bedeutung.

Es geht 800 Meter einen militärischen Maultierpfad ohne Serpentinen direkt hinauf. Der Pfad ist von den Italienern wunderbar eingefasst worden, allerdings ist er so steil, dass zwei Kameraden am Rand stehen. Ihnen ist schlecht. Das motiviert mich, ich hole auf.  

Bis Anfang 1917 wurden Tote, Verletzte, Nahrung und Material mit Maultieren transportiert, die Mangels Futter kaum noch einsatzfähig waren. Deswegen baute man Seilbahnen,  deren Fundamente man im fahlen Licht der Stirnlampen sehen kann. Wir erreichen den Bach Gerchia. Hier war bis vorhin die Deutsche Jäger Division im Auftrag der k.u.k Armee eingegraben, die vor einigen Stunden angeblich zu den Julischen Alpen (heute Slowenien) vorgestoßen ist, um die Flanke für Otto von Below frei zu halten. Ausgerüstet sind die Deutschen mit dem Maschinengewehr MG 08/15. 1908 war es noch wassergekühlt, seit dem Modernisierungsjahr 1915 luftgekühlt. 08/15 halt. Es wiegt trotzdem einiges mehr, als mein Rucksack.

Der italienische Soldat hatte keinen Bock Südtirol zu erobern, das von Bayern und Tirol aus besiedelt wurde. Es gab heftigen Widerstand unter den Italienern, die deutschsprachigen Gebiete anzugreifen. Dazu brauchte es massiver Propaganda, die von London der Regierung in Rom vorgeschrieben wurde.

Rommel hat inzwischen den Monte Matajur gegen die italienische Übermacht erobert, ein Glanzstück, das ihm die höchste Ehre und den Mythos der Unbesiegbarkeit einbringt. Er rückt über Karfreit (Kobarit) und Tolmein (Tolmin) nach Südwesten (zu uns) vor, um die Truppen von Otto von Below zu entlasten, dessen Vorstoß uns weitertreibt.

Luis Trenker wurde in der Schlacht von Trient verletzt, er ist jetzt als Bergführer ganz vorne an der Spitze unserer Truppe, er kennt das unzugängliche Gebiet.  Reinhold Messner ist noch nicht geboren. Von den Isonzoschlachten findet man noch Tote, unser Trail führt aus Pietätsgründen dort nicht hinauf.

Nach einigen Stunden Lauf werde ich durch gleißendes Licht aufgeschreckt, mehrere laute Generatoren liefern Licht, um den Soldatenfriedhof am Fornohügel zu erleuchten. Ich bin verwirrt, laufe orientierungslos rum, bis mich Helfer im blendenden Licht auf den Friedhof geleiten. Wir legen rote und weiße Nelken am Mahnmal ab.  Sie symbolisieren die Farben der Flaggen der einstigen Feinde, die nun vereint unter der Erde liegen. Ist nicht mein Ding, denn Kameras halten mein zaghaftes Tun fest, ich habe eine weiße Nelke.  Die Stimmung ist sehr bedrückend, viele Läufer brechen ab. Mir schwirrt der Kopf in dem brutalen Licht, ich muss mehrfach fragen, wie es weitergehen soll.

 

 
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Das Erscheinen von General Francesco Rocca, wird angekündigt. Er hatte am Morgen seine zwei Divisionen zwischen San Francesco und Clauzetto aufgestellt, um den Abzug in die Ebene von Travesio zu organisieren, doch plötzlich greift die Deutsche Jägerdivision an, die, die vorhin noch am Bach Gerchia vergraben lag. Den ganzen Tag hatten sie gekämpft, wird berichtet und Pielungo wäre noch in italienischer Hand. Fatal, General Rocca hat viel Zeit vergeudet. Jetzt sollen wir zu den Klippen von Pradis vorrücken und entlang der Cosaschlucht hinunter zum Fluss laufen. In den Grotten von Pradis wurden prähistorischer Menschen gefunden.  Ich bezweifle,  dass wir uns weiterentwickelt haben.

Der Trail ist super, technisch nicht schwierig, ich komme zügig die nächsten 10 Kilometer voran. Doch das Scheinwerferlicht produziert seltsame Schatten, die mir in meiner Müdigkeit Angst machen. Oft muss ich bremsen, weil Spinnen oder Schlangen auf mich zuspringen, doch es sind nur die Schatten von Blättern und Ästen, die schnell vorbeihuschen. Man sagt mir, oben in den Kavernen und Erdlöchern seien Giftgasgranaten abgefeuert worden, die Italiener seien im Schlaf überrascht worden. Ein Österreicher rennt panisch auf mich zu, sagt, sie hätten nicht gewusst, dass ein neues Gas in den Granaten ist.  Ein Gas, gegen das die Masken nicht helfen.  Die Granaten seien falsch gekennzeichnet gewesen, sonst hätten sie die Dinger nicht abgeschossen.

Sisto Frajria, der Kommandant des dritten Bataillons, ist erschossen worden.  Das gibt es nicht, die deutsche Jäger Division hat also General Francesco Rocca überholt, lauert nun vor mir zwischen den Felsen. Rommel ist genial, er läuft durch die Täler, vermeidet die Konfrontation mit den italienischen Stellungen auf den Höhen, unterbricht somit die Nachrichtenverbindungen der Italiener, die nun keinen Überblick mehr über die aktuelle Situation haben.

Ich versuche Deckung zwischen den unheimlichen Karstfelsen zu finden.  Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, eventuell aufgeben zu müssen. Wir haben strikte Anweisungen, nicht den Weg zu verlassen, das Karstgebirge ist voller Löcher. Ein Maultierpfad führt mich nun rechts rum nach Pradis di Sotto. Ich bin froh Häuser zu sehen, sie sind seit 100 Jahren verlassen. Man schickt mich ins Val de Ros am Ende des Abbruchs der Dolomiten. Hinter mir beginnt die Schlacht von Pradis. General Rocco beobachtet  vom Forno Hügel die Kapitulation seiner Männer am Cima Ciaurlec gegenüber. Er kann nichts mehr tun, er wird eingekreist und ergibt sich.

Ich laufe weiter Richtung Piani, dort soll ich mich nach der Markierung Nummer 819 des Italienischen Alpenvereins (CAI) richten und den Anstieg nach Cima Ciaurlec angehen. Nicht mal zum Pinkeln darf ich den Weg verlassen, es gäbe hier unzählige natürliche Karstlöcher, die Foibe, in die man die Toten geworfen hätte, bevor die Leichenstarre eintrat.

Das gefrorene Gras unter meinen Schuhen knirscht, als ich über eine 200 Meter breite Artillerieschanze laufe. Am anderen Ende leuchtet ein Verpflegungspunkt. Ich werde eindringlich kontrolliert, ob ich ok bin, ob ich wirklich ok bin. Dann hakt man mich auf einer Liste ab. Nein, ich bin noch nicht gefallen, erst später werde ich das zweimal passieren. Ich will weiterlaufen und wünsche den Kameraden viel Glück, die hier aufgeben. Der Anstieg zum  Malga Valinis ist steil, aber gut machbar. Vom pflanzenlosen Berg sehe ich die Lichter der Kameraden hinter mir, die ich mittlerweile überholt habe. Ich habe einen spektakulären Blick über die gesamte Ebene nach Süden. Hell leuchten die gelben Straßenlaternen, darüber ein unglaublich glasklarer Sternenhimmel, der mich zum Nachdenken zwingt.

Es ist bitterkalt in meinen nassen Klamotten. Unter mir Vittorio Veneto, wo ich am 25.03.18 starten werde, links Karfreit, im Hintergrund Treviso. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Ohne die Anstrengung der letzten Stunden würde ich das Grandiose dieses Ortes kaum spüren können.  Also weg mit der Bananenschale, sie wird schon verrotten!  

Dort, wo jetzt das Kreuz steht, steht die Eliteeinheit der Bersaglieri, die sich ihre Lorbeeren im Krimkrieg 1855 erworben haben. Einige k.u.k Offiziere wieseln rum, sie haben den Angriff  der Österreicher verraten.  Aber die Italiener waren sich doch so sicher! Ich kann sie nicht verstehen, sie sprechen Balkansprachen, ich laufe schnell zum extremen Troi de Bosgnacs hinab.

 

 
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Rommel ist 26 Jahre alt, 6 Jahre älter als der Durschnitt seiner Mannschaft. Sein junger Trupp kommt gerade den Troi de Bosgnacs hoch gelaufen, den Bosnischen Weg, der nach den Verrätern benannt wurde. Im fahlen Licht der Stirnlampe kann ich kaum ausweichen, sie nehmen keine Rücksicht auf mich, rammen mir ihr schweres Material in die Rippen. Von oben drängen die zwei italienischen Divisionen.  Es herrscht Panik unter den Italienern, sie haben ihre Waffen fortgeworfen und laufen ins Tal. Rommel und seine Männer laufen hinauf, er muss die Artillerie ausschalten. Irgendwie komisch, die Deutschen wissen genau, dass die Italiener, die von oben kommen, kampfunwillig sind. Sie dürfen ungehindert ins Tal laufen.

Der 1000 Meter Abstieg ist brutal. Meine Vorläufer, die Deutschen und Italiener, haben zwar das Laub weggefegt, aber einen rutschigen Untergrund hinterlassen. Wir neuzeitlichen Trailrunner sind nur eine lächerliche Kopie zu den Läufern von 1917. Ich habe gute Trailschuhe, lege mich dennoch ein paar Mal hin und komme trotz Wadenkrämpfen gut vorwärts. Es ist ein ewig langer Downhill, bevor ich Forchia erreiche. Ich soll weiter zum Fluss Meduna vorstoßen. Der Blick geht auf die Malga di Monte Cuar. Durch Almwiesen und Wald laufe ich dann wieder steil hinab und über einen Bogen unterhalb der Malga Gador vorbei. Irgendwie komme ich nach Borgo del Bianco, einem verlassenen Ort. Dann weist man mich an, hinauf zur Cima Valinis zu laufen. Ich irre rum, finde den Weg nicht.

Es ist der Ort der Schlacht von Roburon. Ich laufe unterhalb des Gefallenendenkmals vorbei, wo ich unsicher und wackelig  stehenbleibe. Doch ich muss beweisen, dass ich hier bin:  Ein verwackeltes Foto von der Seite, mehr Kraft habe ich nicht, dann weiter hinab zum Meduna Fluss, wo die 22te Schützendivision, die sogenannte Kraus Gruppe den Übergang für die Italiener absperrt.  Es geht darum, den Rückzug der italienischen Truppe nach Claut, unserem Zielort zu unterbinden. Ich warte hier auf die Einheit von Erwin Rommel, spreche kurz mit ihm. Er signalisiert, dass er zum Fluss Piave in Longarone aufbricht, um eine Festsetzung der Italiener in den Hochdolomiten zu unterbinden.

Seine Jungs beißen in hartes Brot,  trinken Bier und Wasser. Keiner murrt, niemand legt sich jetzt zum Schlafen nieder. Ich soll rechts rum, die Brücke suchen, dort bitte  ich auf Deutsch passieren zu dürfen und gehe den Aufstieg nach Navarons an. Ich bin total fertig, denke in Navarons gibt es einen Verpflegungspunkt, verirre mich in den engen Gassen,  Hunde bellen, ich laufe zurück und dann zur Kirche. In einem Hühnerstall auf der linken Seite ist ein Fuchs eingedrungen.  Die Randale ist riesengroß, die Federn fliegen ich kann endlich wieder lachen.

Ich soll jetzt hinauf zum Col Ventous, Rommel läuft entlang der  Meduna weiter. Ich habe mich einigen italienischen Läufern angeschlossen, gemeinsam wollen wir die Abkürzung über den Ventous Pass wagen, um vor Rommel auf die 30 Kilometer-Läufern zu treffen. Am Ponte Racli muss ich Pause machen, Salztabletten rein, ich zittere am ganzen Körper. Vor dem Valle di Preone und der Sella Chiazutan überhole ich mehrere italienische Läufer, sie  leiden sichtlich. Ich helfe mit Salztabletten aus und laufe weiter. An der Forca Armentaria  erschrecken mich zwei dunkle Typen. Nein, es ist eine Halluzination. Bin froh, dass es langsam hell wird. Den Weg hinunter in das Val Silisia bewältige ich wieder locker, dann hinauf nach Faidona, rechter Hand sehe ich Chievolis, dem Hauptverpflegungspunkt der Strecke. Er ist mit  Pappsoldaten dekoriert. Ich lerne die drei Besenläufer kennen. Bis 8 Uhr lasse ich mich versorgen, verabschiede mich dann von meinen italienischen Kameraden, die hier bleiben und laufe weiter.

Der folgende Aufstieg zur Selvatalsperre lässt mich an meinem Glauben zweifeln. Der Markierer für die 30-Kilometer-Läufer überholt mich, über mir ziehen Kraniche, die auf dem Weg nach Süden sind. Ich muss mich beeilen, die Cut-Off-Zeiten werden nun angezogen.  Also lasse ich es rollen bis hinunter zur Talsperre. Es läuft nun gut, die Schrecken der Nacht sind vorbei, der alte Militärweg ist gut laufbar, ich passiere Tronconere nach kurzer Zeit.

Vor dem Aufstieg zur Forcella Clautana (1452 m) bekomme ich zwei Becher Rotwein, Käse, gute und weiche Salami. Die Jungs hier haben von dem verrückten Deutschen (gemeint bin ich) gehört. Meine Stimmung hellt sich auf. Beim weiteren Aufstieg überholen mich die ersten 30-Kilomter-Läufer.

Rommels Jungspunte drängen mich zur Seite. Gerade erst haben sie die Scharfschützen des Captitano De Pace in der Schlucht der Meduna außer Gefecht gesetzt, die langsameren Soldaten  laufen unten weiter Richtung Bivio d’Agnul, die schnelleren laufen wie ich hinauf. Sie tragen grau-blaue Uniformen aus Leinen. Manche laufen in Schaftstiefeln mit hufeisenförmigem Stahlabsatz, andere mit kurzen Schuhen, dessen Sohlen mit Nägeln besetzt sind, dazu Ledergamaschen. Auf der Brust hängt ein Brotsack, der mit einem Metallhaken am Koppel befestigt ist, damit er nicht auf den Brustkorb schlägt, in der linken Hand einen langen Stecken, auf dem Rücken, über dem schweren Rucksack das schnellste Repetiergewehr der Welt, einen Steyer-Mannlicher Kaliber 8, in den Patronentaschen 40 Schuss Munition, auf dem Kopf den 1 Kg schweren Berndorf-Helm.

Ich blicke hinunter auf den steilen Gebirgspfad, der sich eng an den brutalen Abhang schmiegt, sehe dass ich nicht alleine bin und wie gewaltig und steil die Abbruchkante der Dolomiten ist.

Es ist 12:30 Uhr, als ich nach hartem Kampf gegen den eigenen Körper die  Forcella Clautana, den höchsten Punkt unseres Trail erreiche.  1,5 Stunden unter Cut-Off. Es ist der wichtigste Punkt der 30 Kilometerläufer, die mir respektvoll applaudieren. Ich glaube, ich sehe scheiße aus, jedenfalls werde ich bedrängt, was mir gar nicht gefällt.  Es ist auch der wichtigste Punkt der Italienischen Artillerie. General Cadoma versuchte gerade noch, seine panischen Soldaten zur Ordnung zu zwingen, ist aber geflohen und hat den direkten Weg der 30-Kilometerläufer Richtung Claut genommen. Es gibt keine Cola mehr, nur Wasser und heißen Tee. Ich greife mir einen Apfel, was ich nur in großer Not mache. Die Bersaglieri tragen die schwere Hose M1909 und den  graugrünen Filzhut M1871 mit Pompon in den Bataillonsfarben, dahinter eine  Hahnenfeder.  Deswegen nennt man sie Gockel.  

 

 
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Zwölf steile Kilometer hinab habe ich jetzt noch bis zum Zielort Claut, meine Oberschenkel verhindern ein kontrolliertes Laufen. Als ich nach Ewigkeiten in  Bivio d’Agnul ankomme, denke ich noch auf Rommel zutreffen, aber der Fuchs hat wieder die Abkürzung durch das Tal genommen und einfach die Artillerie oben am Forcella Clautana ignoriert. Die stehen nun dort und haben kein Ziel mehr.  Sie wissen nicht wohin sie schießen sollen, denn es gibt keine Anweisungen aus dem Tal. Rommel marschiert unbeobachtet in Claut ein, um General Cadoma per Handschlag zu begrüßen.

Ich habe jetzt eine „Straße“ vor mir, die 1914 von den Italienern erbaut und letztes Jahr bei der  Erstaustragung des ERT zum ersten Mal wieder genutzt wurde. Manche Stellen fallen steil ab, sind tief zerfurcht und kaum passierbar. Nach dem Pass kommt eine „Straße“ von 1908 nach Casa Vento. Ich falle fast vom Glauben ab, bekomme bei Casa Vento nur Wasser. Der Typ brüllt mir mit salamigefülltem Mund irgendwas zu.  Ich glaube er meint, es seien noch 6 Kilometer bis zum Ziel. Um Lian de Crode wird es urig zwischen den gewaltigen Kalksteinfelsen, die mit langen Platten aus saftigem Moos behängt sind, dazwischen recht tiefe Granatenkrater.

Beim Refugio Pradut ist eine wunderschöne Almwiese unterhalb der schneebedeckten Felsen des Monte Rosettum und des Monte Raut. Ich soll mich nach Pian del Muscol orientieren und am Ponte del Capitano die Cellina, kurz vor Claut überqueren. Das mache ich und überhole diejenigen, die nach mir in der Finisherliste erscheinen.

Im Ziel zeige ich Freude, doch das ist Fake.  Ich bin fertig und will nur schlafen.

Rommel trifft erst am 12. November am Fluss Piave (Pladen) ein. Ein Rückzug der Gegner in die Dolomiten war somit unterbunden, die gesamte italienische Armee wurde durch einen 26 jährigen Offizier geschlagen. Bis zum Oktober 1918 gab es keine Toten mehr, dann starteten die Italiener mit militärischer Unterstützung von England, Frankreich und die USA bei Vittorio Veneto eine Gegenoffensive. Weitgehend demoralisiert und durch die spanische Grippe geschwächt, kapitulierte die österreichische Armee. Das Habsburger Reich brach zusammen.

 

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Ich stelle fest, der Mythos „Rommel“ wurde hier geboren, weil ein junger Offizier Italien bloßgestellt hat. Jucken tut das heute niemanden mehr, mich erst recht nicht. Aber offenbar die Italiener, wie die Teilnehmerzahlen belegen. 30 % Abbrecherquote ist bei so einem anspruchsvollen Lauf normal. Ich bin froh, einen harten Trail anständig gemeistert zu haben. Das aber nur dank einer wirklich hervorragenden Verpflegung, sauguter Leuchtmarkierung, lückenlosen Überwachung und großzügiger Cut-Off-Zeiten. Beutestücke sind ein grandioser Rucksack mit Label vom Wüstenfuchs, eine quitschgrüne Laufhose, die nur ein italienischer Gockel mit Suspensorium tragen kann. Und eine unvergleichlich emotionale Nacht. Wir sehen uns in Florenz und am 25.03. in Treviso wieder.

Der ERT Ernst Rommel Trail findet immer am letzten Oktoberwochenende statt.

 


 
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